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Koryphäen

7. Juli 2017 4 Stimmen

Gudrun Büchler
KORYPHÄEN. Roman.
Wien, Septime, 2017, 185 S.
ISBN 978-3-902711-60-1

Dass der magische Realismus nicht nur in den tropischen Breiten Südamerikas zuhause ist, sondern auch in der eher kühlen und von der Eiszeit geformten Bergwelt Österreichs, mag überraschen, macht das von Gudrun Büchler entworfene Near-Future-Szenario in ihrem Anfang des Jahres erschienen Roman KORYPHÄEN (Septime, ISBN 978-3-902711-60-1, Hardcover) aber umso interessanter. Vor allem, weil man fast die gesamten 180 Seiten der Geschichte hindurch auf der Suche ist, nach den festen Bezugspunkten und den klaren Fakten, die man von einem deutschsprachigen Roman erst einmal erwartet. Diese Lesererwartungen gerade nicht zu bedienen, dafür durch a-synchrones Erzählen und stimmungsvolles Setting die Spannung gleichzeitig hoch zu halten und dabei auch noch, so ganz still und heimlich, eine bedenkenswerte Science-Fiction-Idee unters Volk zu bringen, gehört zu den großen Leistungen der 1967 in Mödling bei Wien geborenen Autorin.
Es wäre unfair, diese gelungene Stil-Komposition durch schlichtes Nacherzählen des Plots zu unterlaufen, deshalb an dieser Stelle nur so viel wie man dem Klappentext sowieso entnehmen kann: Zwei Männer, Hausman und Curt, bilden die zwei Pole in einem globalen Wettlauf um die IT- und DNA-Profile der ganzen Menschheit – und obwohl Großkonzerne und Geheimdienste auf der einen Seite weder Kosten noch Mühen scheuen, damit Curt für sie die „Schäfchen ins Trockene bringt“, hat die andere Seite in Hausman und seinen körperlosen Verbündeten eine sehr entschlossene Truppe, die den Widerstand noch lange nicht aufgibt.
Büchlers Roman fordert von seinen Lesern einen langen Atem und einen großen Vertrauensvorschuss, wer sich jedoch darauf einlässt, wird mit einer der außergewöhnlichsten phantastischen Erzählungen der letzten Jahre belohnt.

Horst Illmer
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Koryphäen
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7. Juli 2017 4 Stimmen

Gudrun Büchler KORYPHÄEN. Roman. Wien, Septime, 2017, 185 S. ISBN 978-3-902711-60-1 Dass der magische Realismus nicht nur in den tropischen Breiten Südamerikas zuhause ist, sondern auch in der eher kühlen und von der Eiszeit geformten Bergwelt Österreichs, mag überraschen, macht das von Gudrun Büchler entworfene Near-Future-Szenario in ihrem Anfang des Jahres erschienen Roman KORYPHÄEN (Septime, weiterlesen…

Spuk! Dunkle Geschichten

12. Juni 2017 6 Stimmen

Markus K. Korb
SPUK! Dunkle Geschichten.
Vorwort von Constantin Dupien
Illustriert von Bastian Wechsung, Björn Craig, Kim Davey und Peter Davey
Traunstein, Amrûn, 2017, 286 S.
ISBN 978-3-95869-563-4

Zwischen all dem „extreme“ und „hardcore“, den der Zeitgeist glaubt, einer Horrorgeschichte anhängen zu müssen, gibt es zumindest einen deutschen Autor, der, ungeachtet der angloamerikanischen Konkurrenz, einfach nur „klassische“ phantastische Geschichten erzählen will. Seit vielen Jahren steht der Name Markus K. Korb für gute, unterhaltsam geschriebene Stories, in denen er das ganze Spektrum der Phantastik ausleuchtet, ohne dem vorgenannten Zeitgeist zu huldigen. Dafür stehen seine „dunklen Geschichten“, wie er in seinem neuesten Buch SPUK! erneut beweist, in der Tradition von E. A. Poe, E. T. A. Hoffmann, Mary W. Shelley und H. P. Lovecraft.
Auf seine spitzbübisch-originelle Weise gelingt es Korb allerdings immer, nicht als Epigone zu erscheinen, sondern durch Lokalkolorit, genaue Recherche und unverbrauchte Ideen etwas Eigenes zu erschaffen – und wie bei jeder guten Gespenstergeschichte wird der Leser die Geister, die der Autor rief, nicht mehr los.
Meine Lieblingserzählung „Gespenstersommer 1816“ ist wieder eine „Umschreibung“ der Literaturgeschichte (wie sie bei Korb öfter vorkommt). Diesmal geht es um kürzlich aufgefundene Tagebücher einer englischen Reisegesellschaft, die seit zweihundert Jahren auf dem Grund des Genfer Sees ruhten, und die der „Experte auf dem Gebiet der Schwarzen Romantik“ Markus K. Korb für die Schweizer Polizei begutachten soll. Wer da nicht sofort an Lord Byron, die Shelleys und ihre Begleiter denkt, gehört als SPUK!-Geschichten-Leser vielleicht eh nicht zum Zielpublikum – alle anderen werden jedenfalls viel Freude an dieser Story haben.
SPUK! enthält auf seinen 286 Seiten 16 mit Illustrationen versehene Original-Geschichten unterschiedlichster Länge, deren Gänsehaut-Potential allemal ausreichend ist, um diese Sammlung allen Freundinnen und Freunden der gepflegten Horrorstory ans Herz zu legen.

Horst Illmer
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Spuk!
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12. Juni 2017 6 Stimmen

Markus K. Korb SPUK! Dunkle Geschichten. Vorwort von Constantin Dupien Illustriert von Bastian Wechsung, Björn Craig, Kim Davey und Peter Davey Traunstein, Amrûn, 2017, 286 S. ISBN 978-3-95869-563-4 Zwischen all dem „extreme“ und „hardcore“, den der Zeitgeist glaubt, einer Horrorgeschichte anhängen zu müssen, gibt es zumindest einen deutschen Autor, der, ungeachtet der angloamerikanischen Konkurrenz, einfach weiterlesen…

Die Republik der Frauen

30. Mai 2017 7 Stimmen

Gioconda Belli
DIE REPUBLIK DER FRAUEN. Roman.
Aus dem nicaraguanischen Spanisch von Lutz Kliche
(El pais de las mujeres / 2010)
München, Droemer, 2015, 304 S.
ISBN 978-3-426-30411-2

Na endlich! Nach all den griesgrämigen, typisch männlich-klagend vorgetragenen Weltuntergangsprophezeiungen, den trauerklößigen Beschreibungen einer zukünftigen Gesellschaft, in der wir alle nur noch Zahlen, Nummern und virtuelle Idiotinnen wären, gibt es zu guter Letzt wieder Hoffnung!
Gioconda Belli, nicaraguanische Sandinista und feministische Schriftstellerin der Extraklasse, hat eine Utopie vorgelegt, die allen Ansprüchen genügt, die man an ein solches Unterfangen stellen kann: Es gibt einen isolierten Lebensraum, eine politische Elite, ein Programm, dessen Umsetzung einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaftsform hervorgebracht hat – und eine Erzählung, die uns dies alles mit atemloser Spannung nachzuvollziehen hilft.
Die Handlung spielt in dem – mehr oder weniger – fiktiven lateinamerikanischen Land Faguas, in dem seit kurzem die nur aus Frauen bestehende »Partei der Erotischen Linken« regiert, deren »demokratische Erneuerung« zuallererst ausschließlich Frauen in alle wichtigen Positionen befördert hat. Nachdem ein Attentäter die Präsidentin Viviana Sansón niedergeschossen hat, erlebt Faguas eine kurze, chaotische Zeit der Ungewissheit – eine Zeit, in der die Umstände rekapituliert werden können, die zum lange fälligen »Sieg« der Frauen führten.
Belli zeigt die Entwicklung und Ausführung ihres utopischen Gesellschaftsentwurfs in geschickt aufgeteilten Rückblenden und Erinnerungen sowohl der komatösen Präsidentin wie ihrer Weggefährtinnen, während gleichzeitig die Fahndung nach dem Attentäter und seinen Hintermännern und die Klärung der politischen Fragen, die dieses Attentat aufwirft, die Handlung vorantreiben. Dabei zeichnet die Autorin aus »Historischen Dokumenten«, E-Mails, Blog-Einträgen, Leitartikeln und Interviews mit dem »einfachen Mann aus dem Volke« einen buntgefärbten Hintergrund auf, der die Aktionen und Reaktionen ihrer Heldinnen logisch und glaubwürdig wirken lässt.
Dass die Frauen in Bellis »Die Republik der Frauen« nicht alleine stehen mit ihrer Begeisterung für diese »neue« Gesellschaftsform, sondern dass auch einige (und gar nicht so wenige) Männer Gefallen an dieser so völlig anderen Art von Politik finden – das macht den besonderen Reiz dieser außerordentlichen Utopie aus.

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Die Republik der Frauen
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30. Mai 2017 7 Stimmen

Gioconda Belli DIE REPUBLIK DER FRAUEN. Roman. Aus dem nicaraguanischen Spanisch von Lutz Kliche (El pais de las mujeres / 2010) München, Droemer, 2015, 304 S. ISBN 978-3-426-30411-2 Na endlich! Nach all den griesgrämigen, typisch männlich-klagend vorgetragenen Weltuntergangsprophezeiungen, den trauerklößigen Beschreibungen einer zukünftigen Gesellschaft, in der wir alle nur noch Zahlen, Nummern und virtuelle Idiotinnen weiterlesen…

Replay

25. Mai 2017 6 Stimmen

Benjamin Stein
REPLAY. Roman.
München, DTV, 2015, 176 S.
ISBN 978-3-423-14396-7

Ein Mann erwacht nach einer unruhigen Nacht allein in seinem Bett und denkt zurück – nicht nur an die vergangenen Stunden, sondern auch an seine Kindheit und Jugend, seine Studienjahre und die ersten Erfahrungen im Berufsleben. Das ist zuerst einmal nichts Ungewöhnliches, bis zu dem Moment, an dem Pan ins Spiel kommt, und das Silicon Valley, und die Entwicklung von bio-elektrischen Implantaten, die ein Gehirn mit einem Computer vernetzen.
Und schon steckt man mittendrinn in Benjamin Steins Roman REPLAY und in Ed Rosens Gedankenwelt und in einem zukünftigen Amerika, in dem sich viele unserer heutigen Wünsche und Vorstellungen erfüllt haben. Aber zu welchem Preis?
Ed Rosen wird nach seinem Biologie-Studium Leiter einer Forschungsabteilung in Matanas Firma. Gemeinsam entwickeln sie einen funktionsfähigen Biochip, ein Implantat, das Daten aus dem Gehirn nach außen transferiert, wo man sie ansehen und abspeichern kann – und bei Bedarf wieder einzuspeisen vermag.
Rosen stellt sich als erstes Versuchsobjekt zur Verfügung und die Ergebnisse übertreffen alle Erwartungen. Innerhalb kürzester Zeit wird das »UniCom« für die meisten US-Bürger zu einem ebenso unverzichtbaren Teil ihres Lebens wie es heute das Mobiltelefon bzw. das Internet schon sind. Da das an den Schläfen eingepflanzte Gerät gleichzeitig Telefon, Fernseher, Cloud-Computer, Netzkomponente und persönlicher Assistent ist, können dessen Träger auf die Dienste herkömmlicher Anbieter verzichten und sich kostenlos der weltweiten Gemeinschaft der »Neubürger« anschließen.
Allerdings ist es das eigentliche »Alleinstellungsmerkmal« des UniCom – seine Fähigkeit, Erinnerungen an die schönsten, glücklichsten, geilsten Momente im Leben seines Nutzers zu speichern und auf Wunsch erneut (und immer wieder) lebensecht abzuspielen und die dabei empfundenen Glücksgefühle zu reproduzieren –, das aus der United Communications Corporation(UCC) in nur fünfzehn Jahren den größten Konzern der Welt macht. Denn das »driften« genannte Eintauchen in die Welt der eigenen Sexualität hat ein so großes und unmittelbares Suchtpotenzial, dass sich ihm nur sehr Wenige entziehen können.
Einer von ihnen ist der gereifte und »bekehrte« Julian Assange, dessen Forderungen nach mehr Kontrollmöglichkeiten und Mitspracherechten für die Verbraucher sowie seine Warnungen vor den Gefahren eines totalitären Überwachungsstaates zwar noch über die Nachrichtennetzwerke verbreitet werden – allerdings bei den Angesprochenen auf die sprichwörtlich »tauben Ohren« stoßen. Selbst Ed Rosen, der es als Mitinhaber der UCC eigentlich besser wissen müsste, findet keinen Gefallen mehr daran, mittels seiner »Switchbox« das UniCom auszuschalten – oder ist auch dieser »Aus«-Schalter nur eine Illusion?
Benjamin Stein ist mit REPLAY ein glänzend geschriebenes Buch gelungen, das unaufgeregt und kenntnisreich die Möglichkeiten und Gefahren unserer digitalen Zukunft beschreibt und dabei den anti-utopischen Geist George Orwells und die psychologischen Schreckensvorstellungen Guillermo del Torros mit den erotischen Versprechen Anaïs Nins und den exakten Cyberweltentwürfen William Gibsons zusammenführt. Ein Buch zum Genießen – und zur Warnung!

Horst Illmer
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Replay
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25. Mai 2017 6 Stimmen

Benjamin Stein REPLAY. Roman. München, DTV, 2015, 176 S. ISBN 978-3-423-14396-7 Ein Mann erwacht nach einer unruhigen Nacht allein in seinem Bett und denkt zurück – nicht nur an die vergangenen Stunden, sondern auch an seine Kindheit und Jugend, seine Studienjahre und die ersten Erfahrungen im Berufsleben. Das ist zuerst einmal nichts Ungewöhnliches, bis zu weiterlesen…

Next

2. Mai 2017 8 Stimmen

Miriam Meckel
NEXT – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns.
Reinbek, Rowohlt, 2013, 316 S.
ISBN 978-3-499-62836-8

Nachdem Kopernikus uns aus dem Zentrum des Universums gekegelt, Darwin uns zu Affenkindern gemacht und Freud uns zu Gästen im eigenen Kopf erklärt hat, »erinnert« Miriam Meckel uns (d. h. in diesem Fall die Menschen der Gegenwart, die noch in ihren Körpern feststecken) in NEXT daran, dass wir kurz davor sind, gerade diese, unsere Körperlichkeit, aufzugeben – zugunsten einer immateriell-digitalen Netz-Existenz.
Und im Gegensatz zu den erstgenannten narzisstischen Kränkungen, streben wir diesen Übergang in körperlose Software freiwillig und ohne Zwang an.
Meckels Buch, eine Mischung aus Science-Fiction-Story und Sachtext, erzählt in zwei Abschnitten die Geschichte dieses Übergangs – einmal als »Erinnerung eines ersten humanoiden Algorithmus« und danach als »Erinnerungen eines letzten Menschen«.
Miriam Meckel hat intensiv recherchiert, bevor sie ihre düstere Version der »schönen, neuen Welt« aufgeschrieben hat. Alle in die Zukunft weitergedachten Entwicklungen sind heute bereits möglich oder zumindest in der Vorbereitung: neben dem immer unverzichtbarer werdenden Internet und den immer größere Massen anziehenden »Social Networks« gehören auch die in den Körper implantierten Chips bei Behinderten und die Verlagerung aller Daten in eine anonyme »Cloud« hierher.
Der nächste Schritt, die allgemeine Überwachung aller Datenströme und die damit einhergehende Unmöglichkeit irgendwelche Daten zu löschen, steht dicht bevor, dann der übernächste – und dann, upps, schon passiert!
Meckels NEXT ist eine klassische Warn-Utopie, die jedoch nur wenig Hoffnung lässt, dass wir das Rad nochmal herumreißen könnten. Zu gerne hat der Mensch sein »Spielzeug«, zu sehr ist er abhängig vom derzeit bereits Erreichten – und, auch das macht Miriam Meckel in ihrem Text unzweifelhaft klar, zu groß ist seine Fähigkeit zum Selbstbetrug.
Es scheint also tatsächlich nur eine Frage der Zeit, bis sich erste Künstliche Intelligenzen entwickeln, bis die ersten Menschen anfangen ihre »Körperzeit« in »Systemzeit« umrechnen zu lassen – bis wir in der »besten aller Netzwelten« (S. 261) angekommen sind.
Sind wir wirklich bereits auf dem besten Weg »die Dinosaurier des analogen Zeitalters« (S. 95) zu werden? So, what’s NEXT?

Horst Illmer
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2. Mai 2017 8 Stimmen

Miriam Meckel NEXT – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns. Reinbek, Rowohlt, 2013, 316 S. ISBN 978-3-499-62836-8 Nachdem Kopernikus uns aus dem Zentrum des Universums gekegelt, Darwin uns zu Affenkindern gemacht und Freud uns zu Gästen im eigenen Kopf erklärt hat, »erinnert« Miriam Meckel uns (d. h. in diesem Fall die Menschen der Gegenwart, die weiterlesen…

Starters / Enders

25. April 2017 5 Stimmen

Lissa Price
STARTERS / ENDERS. 2 Romane in einem Band.
Aus dem Amerikanischen von Birgit Ress-Bohusch
(Starters / 2012 & Enders / 2014)
München, Piper, 2015, 752 S.
ISBN 978-3-492-28008-2

Die 16-jährige Callie ist eigentlich das typische »All-American-Girl«, das nette Mädchen von Nebenan, und sie sollte eigentlich auch keine anderen Probleme haben als mit ihren Freundinnen auf Partys oder zum Shoppen zu gehen und sich mit ihrem kleinen Bruder darum zu streiten, wer den Müll rausträgt. Aber leider ist für Callie alles ganz anders …
In einer nicht allzu fernen Zukunft werden die Vereinigten Staaten das Opfer eines kriegerischen Erstschlages, der mittels biologischer Waffen geführt wird. Ein tödlicher Virus breitet sich unaufhaltsam aus. Gerade noch rechtzeitig wird ein Gegenmittel entdeckt, doch der Impfstoff reicht nicht für alle. Deshalb werden Kinder und Alte zuerst versorgt. Tja, und dann ist es auch schon vorbei – die mittleren Generationen sind ausgestorben.
Callie und Tyler leben in einer Nachkatastrophenwelt, die in »Starters« und »Enders« unterteilt ist. Da es aufgrund der Alterspyramide weit mehr alte als junge Menschen gibt, die zudem über weit mehr Lebenserfahrung verfügen, ist es kein Wunder, dass die Enders sehr schnell dafür gesorgt haben, dass alle Macht in ihren Händen liegt. Per Gesetz sind Starters praktisch rechtlos und auf die Vormundschaft eines Enders angewiesen. Sonst kommen sie in ein Heim und werden zu Zwangsarbeiten herangezogen.
Um diesem Schicksal zu entgehen, fliehen viele Kinder und Jugendliche in den Untergrund. Auch Callie ist mit ihrem Bruder auf der Flucht. Da Tyler jedoch dringend ärztliche Hilfe bräuchte, überwindet Callie ihre Angst und ihren Widerwillen und schließt mit einer Body Bank einen »Leih-Vertrag«.
Sie bekommt eine sehr große Summe Geld dafür, dass sie ihren Körper an eine oder mehrere Enders »verleiht«. Dies geschieht mittels eines implantierten Neuro-Chips, der dafür sorgt, dass Callies Bewusstsein während der geistigen Übernahme durch eine andere Person »schläft«. Nach der vereinbarten Zeit, in der die (natürlich ältere) Mieterin mit dem jugendlichen Körper ein wenig Spaß hatte, erwacht das Originalbewusstsein wieder – allerdings ohne jede Erinnerung an die verstrichene Zeit.
Zu ihrem Leidwesen muss Callie schmerzhaft erfahren, dass bei einer solchen Übernahme einiges furchtbar schief gehen kann …
STARTERS / ENDERS ist das Debüt der amerikanischen Drehbuchautorin Lissa Price und enthält alles, was das Herz einer jungen Leserin höher schlagen lässt: Liebe, Drama, Familie, Freundschaft, sogar Pferde tauchen einmal kurz auf. Doch durch das Versetzen ihrer Heldin in eine post-katastrophale Welt und das geschickte Vermitteln der damit einhergehenden traumatischen Veränderungen gelingt es Price, aus Callies Geschichte weit mehr zu machen als nur noch einen weiteren »All-Age«-Schmöker.
Die Story ist fesselnd und abwechslungsreich geschrieben und die verwirrenden Eindrücke, die sich für die Protagonistin in vielen Situationen ergeben, werden glaubwürdig durchgehalten. Callie ist eine wunderbare Identifikationsfigur (vor allem) für jugendliche LeserInnen – und das Buch ist ein bereits heute funktionierendes »Vehikel«, auch ohne Neuro-Chip an Callies Abenteuern teilhaben zu können.

Horst Illmer
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Starters / Enders
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25. April 2017 5 Stimmen

Lissa Price STARTERS / ENDERS. 2 Romane in einem Band. Aus dem Amerikanischen von Birgit Ress-Bohusch (Starters / 2012 & Enders / 2014) München, Piper, 2015, 752 S. ISBN 978-3-492-28008-2 Die 16-jährige Callie ist eigentlich das typische »All-American-Girl«, das nette Mädchen von Nebenan, und sie sollte eigentlich auch keine anderen Probleme haben als mit ihren weiterlesen…

Verlorene Paradise

18. April 2017 8 Stimmen

Hörbücher sind auf dem Vormarsch – und das schon seit Jahren. Trotzdem gibt es von einigen der besten SF-SchriftstellerInnen überhaupt keine deutschsprachigen Hörbücher. Zumindest bei Ursula K. Le Guin ist dies jetzt anders: Ab sofort gibt es eine vollständige Lesung ihres 2014 bei Atlantis erschienen Romans VERLORENE PARADIESE (ISBN 978-3-936438-83-3, 1 mp3-CD, 286 Minuten), vorgelesen von Lisa Koenen und veröffentlicht im Mannheimer MetaGIS Hörbuchverlag. Gestaltet wurde die Edition von Maran Alsdorf unter Verwendung ihres Buchumschlags, die Übersetzung stammt von Horst Illmer, Regie führte Matthias Werner. Der angehenden Schauspielerin Lisa Koenen gelingt das Kunststück, ihre helle, begeisterungsfähige Stimme im Verlauf der Erzählung dem jeweiligen Alter der Protagonisten anzupassen, sodass aus der kindlich-naiven Hsing, die neugierig alles und jeden hinterfragt, am Ende eine reife, sich um ihre Familie sorgende Frau spricht. Und es ist keine Kleinigkeit, dass es ihr zudem gelingt, die Stimmen der anderen Haupt- und Nebenpersonen in VERLORENE PARADIESE ebenfalls wiedererkennbar zu sprechen. Als Zugabe zum Romantext wurde auch das Nachwort von Horst Illmer vertont, in dem dieser den utopischen Ansatz dieser meisterhaften Science-Fiction-Geschichte um die Bewohner/Besatzung des Generationen-Raumschiffs Discovery nachverfolgt. Wer es also immer noch nicht geschafft hat, das Buch (ein zweites Mal) zu lesen, kann es sich jetzt genussvoll akustisch „reinziehen“.

Horst Illmer
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Verlorene Paradiese Hörbuch
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18. April 2017 8 Stimmen

Hörbücher sind auf dem Vormarsch – und das schon seit Jahren. Trotzdem gibt es von einigen der besten SF-SchriftstellerInnen überhaupt keine deutschsprachigen Hörbücher. Zumindest bei Ursula K. Le Guin ist dies jetzt anders: Ab sofort gibt es eine vollständige Lesung ihres 2014 bei Atlantis erschienen Romans VERLORENE PARADIESE (ISBN 978-3-936438-83-3, 1 mp3-CD, 286 Minuten), vorgelesen weiterlesen…

Das Imperium

25. März 2017 6 Stimmen

Ann Leckie
DAS IMPERIUM. Ein Roman aus der fernen Zukunft.
Ü: Bernhard Kempen
(Ancillery Mercy /2015)
München, Heyne, 2017, 448 S.
ISBN 978-3-453-31726-0

„Verstehen Sie wirklich nicht, was Sie getan haben?“
Diese fassungslos gestellte Frage der Imperatorin der Radchaai an die Flottenkapitänin/Hilfseinheit Breq bildet den Höhepunkt und Abschluss der „Ancillery“-Trilogie von Ann Leckie. Wobei sich alle anderen bei dieser Unterredung Anwesenden vermutlich die gleiche Frage stellen – und auch Breq selbst wohl eher ihrem Improvisationstalent vertraut, als eine klare Vorstellung davon zu haben, was passiert, wenn Künstliche Intelligenzen (KIs), wie von ihr gefordert, als „signifikante Lebewesen“ anerkannt werden. Denn darauf läuft es letztlich hinaus, als sie der Botschafterin der den Menschen weit überlegenen Alienrasse der Presger mitteilt, dass die Menschen eben nicht die einzige intelligente Lebensform sind, die das Reich der Radchaai bewohnen.
Schuld an diesem „interessanten“ Konflikt (so die Presger-Übersetzerin Zeiat) ist die Imperatorin Anaander jedoch selbst. Immerhin bekämpft sie nicht nur sich selbst (in ihren vielen hundert Klon-Varianten), sondern lässt auch zu, dass ihr Hass auf Breq so übermächtig wird, dass sie dem letzten Überbleibsel ihres ehemaligen Raumschiffs ins Athoek-System folgt und dort wütend und wahllos Schaden anrichtet.
Als es schließlich zum finalen Treffen zwischen Anaander und Breq auf der Athoek-Station kommt, entwickelt sich das Geschehen jedoch ganz anders, als von beiden vorhergeplant …

Auch der Abschlussband dieser Trilogie liest sich wieder auf wunderbare Weise gleichzeitig spannend und total entspannend. Selten (oder vielleicht bisher gar nicht) wurden weltbewegende und imperiumsstürzende Raumschlachten, politische Attentate, geheime Intrigen und ethische Fragen darüber, was es bedeutet „menschlich“ zu sein, mit einer solchen unaufgeregten Brillanz erzählt. Sicherlich ist einer der Hauptgründe dafür die durchgängig weibliche Sichtweise auf das Geschehen und die dadurch erfolgte „Verschiebung“ der Perspektiven.
Wo es in herkömmlichen Romanen bisher vor allem auf die Größe der Raumschiffe und Waffen, auf die technischen und wissenschaftlichen Hintergründe und auf die Quantität der Bedrohung ankam, da stellt Leckie die Frage, ob man das passende Teegeschirr eingepackt hat, ob die Schmucknadel an der Uniform richtig platziert ist und ob man nicht erst einmal den Verwundeten hilft, bevor man sinnlose Kämpfe weiterführt – und trotzdem kommt keine Sekunde Langeweile auf, wirkt nichts Erzähltes überflüssig oder konstruiert.
Zukünftige Science-Fiction-Romane werden sich an diesem außergewöhnlich hohen Standard messen lassen müssen. Zurück bleibt ein Gefühl wehmütiger Zufriedenheit.

Horst Illmer
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Das Imperium
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25. März 2017 6 Stimmen

Ann Leckie DAS IMPERIUM. Ein Roman aus der fernen Zukunft. Ü: Bernhard Kempen (Ancillery Mercy /2015) München, Heyne, 2017, 448 S. ISBN 978-3-453-31726-0 „Verstehen Sie wirklich nicht, was Sie getan haben?“ Diese fassungslos gestellte Frage der Imperatorin der Radchaai an die Flottenkapitänin/Hilfseinheit Breq bildet den Höhepunkt und Abschluss der „Ancillery“-Trilogie von Ann Leckie. Wobei sich weiterlesen…

Die Zeitmaschine

10. März 2017 5 Stimmen

H. G. Wells
DIE ZEITMASCHINE. Eine Erfindung. Roman.
Neu übersetzt und mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Lutz-W. Wolff
München, Deutscher Taschenbuchverlag, 2017, 191 S.
ISBN 978-3-423-14546-6

H. G. Wells
DIE ZEITMASCHINE. Eine Erfindung. Roman.

Übersetzung: Hans-Ulrich Möhring; Nachwort: Elmar Schenkel
Frankfurt/M., Fischer Taschenbuch, 2017, 237 S.
Fischer Klassik 95030 / ISBN 978-3-596-95030-0

 

An dieser Stelle etwas über den Inhalt von DIE ZEITMASCHINE (THE TIME MACHINE / 1895) zu schreiben, wäre eine Beleidigung des Lesers. Es gibt vermutlich nicht viele Bücher auf dieser Welt, deren Bekanntheitsgrad noch höher liegt. Warum also noch eine Rezension – und warum gerade jetzt?

Die Antwort ist recht trivial: Herbert George Wells ist inzwischen siebzig Jahre tot und seit 2017 ist der Text gemeinfrei, d. h. dass Verlage keine Lizenzgebühren mehr dafür bezahlen müssen. (Augenzwinkernde Anmerkung: Bleibt also mehr Geld für einen guten Übersetzer, wenn man dann eine Neuausgabe herausbringen möchte.)
Ebenso erstaunlicher wie erfreulicher Weise haben sich mit dtv und S.Fischer gleich zwei verlegerische Schwergewichte dazu berufen gefühlt, den berühmtesten Science-Fiction-Roman der Welt in einer aktuellen Neuübersetzung dem deutschsprachigen Publikum anzubieten. Und da DIE ZEITMASCHINE, trotz ihrer Ideenfülle und Komplexität, eigentlich ein recht kurzer Roman ist, blieb in beiden Ausgaben reichlich Platz für „Zusatzmaterial“, was bei einem inzwischen weit über einhundert Jahre alten Text ja durchaus hilfreich sein kann.

Schauen wir uns also zuerst einmal die beiden Übersetzungen selbst an.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, scheint mir die Übersetzung von Lutz-W. Wolff die etwas „freiere“ zu sein, die etwas weniger am Original „angelehnte“, während Hans-Ulrich Möhring sehr intensiv die „zeittypische“ Stimmung der vorletzten Jahrhundertwende heraufzurufen versteht. Beide sind jedenfalls sehr flüssig und unproblematisch zu lesen – das bleibt also eher eine Geschmacksfrage, wie „modern“ man einen Romantext von 1895 haben möchte.

Und dann, die „Bonus-Tracks“.
Da die Hardcoverausgabe von S.Fischer das doppelte der dtv-Taschenbuchausgabe kostet, darf man hier wohl die größten Unterschiede erwarten – und wird nicht enttäuscht!
Bei dtv hat der Übersetzer Wolff ein kurzes Nachwort, fünfzehn Seiten mit Anmerkungen und eine ausführliche „Zeittafel“ geschrieben, dazu findet sich noch ein Vorwort von H. G. Wells selbst, das dieser für eine Neuausgabe im Jahre 1931 geschrieben hat. Insgesamt ausreichend.
Bei Fischer fährt man dafür „schweres Geschütz“ auf: Da darf der deutsche Wells-Fachmann und Biograf Elmar Schenkel seine Kenntnisse umfassend darlegen, alle drei bekannten Vorworte des Autors zu seinem Roman werden abgedruckt, dazu noch drei Vorstudien, in denen Wells die Zeitreise-Idee ausprobiert hat – und man findet eine acht Seiten lange „gestrichene“ Episode, die bisher noch in keiner deutschen DIE ZEITMASCHINE-Ausgabe enthalten war.
Auch hier muss der Leser (und sein Geldbeutel) selbst entscheiden, wie viel „mehr“ er zum Romantext braucht. Wer allerdings selbst noch keine Ausgabe von DIE ZEITMASCHINE besitzt, sollte daran denken, dass ohne dieses Buch der wichtigste „Grundstein“ zu jeder guten Science-Fiction-Sammlung fehlt.

Horst Illmer

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Die Zeitmaschine DTV
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Die Zeitmaschine Fischer
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10. März 2017 5 Stimmen

H. G. Wells DIE ZEITMASCHINE. Eine Erfindung. Roman. Neu übersetzt und mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Lutz-W. Wolff München, Deutscher Taschenbuchverlag, 2017, 191 S. ISBN 978-3-423-14546-6 H. G. Wells DIE ZEITMASCHINE. Eine Erfindung. Roman. Übersetzung: Hans-Ulrich Möhring; Nachwort: Elmar Schenkel Frankfurt/M., Fischer Taschenbuch, 2017, 237 S. Fischer Klassik 95030 / ISBN 978-3-596-95030-0   weiterlesen…

In einer anderen Welt

28. Februar 2017 7 Stimmen

Jo Walton
IN EINER ANDEREN WELT. Roman.
Ü: Hannes Riffel
(Among Others / 2010)
München, Blanvalet, 2016, 415 Seiten
ISBN 978-3-7341-6068-4

Wenn es stimmen würde, dass Buchbesprechungen umso kürzer sind, je besser das besprochene Werk ist, dann müsste diese Rezension bereits seit längerem zu Ende sein.

Andersherum – je besser, desto umfangreicher – geht aber auch nicht: Da würde meine Rest-Lebenszeit für eine dem Buch angemessene Würdigung nicht ausreichen (und ich bin noch gar nicht so alt).

Versuchen wir also die goldene Mitte.

Einen phantastischen Roman, in dem es um Feen, Hexen und Magie geht, um ein junges Mädchen aus Wales, das in England auf ein Internat geschickt wird, um Science Fiction und Fantasy, um Bücher, Buchhandlungen und Bibliotheken, um erste Liebe und tote Zwillingsschwestern, um abgehauene Väter und böse Mütter, welche die Weltherrschaft erringen wollen, einen solchen phantastischen Roman als Autobiografie der Autorin zu bezeichnen, ist vielleicht etwas weit hergeholt.
Aber, andererseits, wurde Jo Walton 1964 in Wales geboren, sie braucht hin und wieder einen Stock beim Laufen, sie liebt Bücher über alles, und dass sie Magie wirken kann, beweist nicht zuletzt IN EINER ANDEREN WELT, wo der Zauber praktisch von jeder Seite tropft. Woher sonst, als aus persönlicher Erfahrung, sollte Walton denn sonst wissen, was in Morwennas in Spiegelschrift verfasstem, geheimen Tagebuch steht?

Es könnte aber auch sein, dass Jo Walton einfach nur eine der besten phantastischen Autorinnen der Gegenwart ist.
IN EINER ANDEREN WELT jedenfalls ist bis auf weiteres mein uneingeschränktes Lieblingsbuch!

Horst Illmer

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In einer anderen Welt
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Für alle, die es interessiert, hier ein Link zur Übersicht mit den Büchern, die in IN EINER ANDEREN WELT eine Rolle spielen:

Jo Walton
IN EINER ANDEREN WELT. Roman.
Ü: Hannes Riffel
(Among Others / 2010)
Berlin, Golkonda, 2013, 300 Seiten
ISBN 978-3-942396-75-2

28. Februar 2017 7 Stimmen

Jo Walton IN EINER ANDEREN WELT. Roman. Ü: Hannes Riffel (Among Others / 2010) München, Blanvalet, 2016, 415 Seiten ISBN 978-3-7341-6068-4 Wenn es stimmen würde, dass Buchbesprechungen umso kürzer sind, je besser das besprochene Werk ist, dann müsste diese Rezension bereits seit längerem zu Ende sein. Andersherum – je besser, desto umfangreicher – geht aber weiterlesen…

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