Science Fiction

Jenseits von Raum und Zeit

von am 23. April 2019 noch kein Kommentar

H. J. Balmes, J. Bong, A. Roesler & O. Vogel (Hrsg.)
Hannes Riffel (Mitherausgeber dieser Ausgabe)
NEUE RUNDSCHAU. 130. Jahrgang 2019, Heft 1
JENSEITS VON RAUM UND ZEIT. Phantastische Literatur im 21. Jahrhundert.
Frankfurt/M., S. Fischer, 2019, 308 Seiten
ISBN 978-3-10-809117-0 / 17,00 Euro

Natürlich hat (Gast-)Herausgeber Hannes Riffel recht, der in seinem (Gast-)Editorial in der Neuen Rundschau darüber sinniert, dass es vermutlich mehr (also doch einige) Leser der Neuen Rundschau gibt, die mit dem Begriff „Phantastik“ etwas anfangen können, als Phantastik-Leser, die wissen, dass es die Neue Rundschau gibt (nahezu Null).
Um nun beiden Gruppen eine gemeinsame Lektüre zu ermöglichen, hat der S. Fischer Verlag, in dem die Literaturzeitschrift Neue Rundschau seit 130 Jahren erscheint, aus ihrem Heft 1/2019 eine Themenausgabe gemacht, die sich unter dem (altehrwürdigen) Titel JENSEITS VON RAUM UND ZEIT mit der „phantastischen Literatur im 21. Jahrhundert“ beschäftigt. Auf fast 300 Seiten bekommt die Leserschaft in 18 Beiträgen die größtmögliche Qualität an Primär- und Sekundärliteratur geboten, die sich auf so beschränktem Raum unterbringen lässt: Kurzgeschichten von Andreas Eschbach, Mary Robinette Kowal, Seth Dickinson und H. P. Lovecraft; Essays von Dietmar Dath, Karen Nölle, Anja Kümmel und Ursula K. Le Guin; Übersichtsartikel zum „Worldbuilding“ und zur Genregeschichte von Lars Schmeink, Franz Rottensteiner, Erik Simon, Christian Endres, Karlheinz Steinmüller, Bernhard Hennen, nochmals Andreas Eschbach und Helmut W. Pesch.
Wie immer in solchen Fällen handelt es sich um eine „Momentaufnahme“ – aber das vermittelte Bild ist äußerst bunt und von exzellenter Tiefenschärfe.
Ein (Erkenntnis-)Gewinn für alle, die bereit sind, sich dem Herausgeber und seinen AutorInnen anzuvertrauen und die vielfältigen Seiten der Phantastik zu entdecken.

Horst Illmer
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Jenseits von Raum und Zeit
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H. J. Balmes, J. Bong, A. Roesler & O. Vogel (Hrsg.) Hannes Riffel (Mitherausgeber dieser Ausgabe) NEUE RUNDSCHAU. 130. Jahrgang 2019, Heft 1 JENSEITS VON RAUM UND ZEIT. Phantastische Literatur im 21. Jahrhundert. Frankfurt/M., S. Fischer, 2019, 308 Seiten ISBN 978-3-10-809117-0 / 17,00 Euro Natürlich weiterlesen…

Einen muss ich doch loswerden

von am 20. März 2019 noch kein Kommentar

Ich habe mich ja in den letzten Monaten rar gemacht, was Buchrezensionen anbetrifft. Das liegt zum einen daran, dass durch Horsts Bibliothek dieser Part brilliant abgedeckt ist, zum anderen, dass es einfach genug anderweitig zu tun gibt. Dieses Buch liegt mir aber am Herzen und deswegen mache ich eine Ausnahme. Der Text muss einfach raus.

Gier – Wie weit würdest du gehen?
Marc Elsberg
Blanvalet 2019, 24,- €

Marc Elsberg ist als gebürtiger Wiener einer der Autoren, die sich der Phantastik widmen, welche wir im Original in unserer Muttersprache genießen können – ohne Übersetzungsrauschen. Seine Romane fallen allesamt unter das Label Thriller, behandeln Themen einer nahen möglichen Zukunft. Was wäre wenn? Eines der klassischen Subgenres der Science Fiction. Sein erster Roman, "Blackout" hatte mich schon wirklich beeindruckt und gehört meiner Meinung nach auch im internationalen Vergleich zur Spitze dieses Subgenres. Konsequent, spannend, beängstigend und absolut glaubwürdig. Sein neuester Roman "Gier" hat mich ebenfalls wieder in den Bann geschlagen. Atemlose Spannung von Anfang bis Ende. Dabei bei weitem nicht so vordergründig bedrohlich wie "Blackout".

Stimmig und konsequent baut Elsberg eine kleine Utopie inmitten einer Katastrophe auf. Vor dem Szenario einer gnadenlosen Hetzjagd. Ich hatte während des Lesens permanent das Gefühl, die Botschaft aufsaugen zu müssen. Vielmehr gebannt durch die verständlich formulierten Theorien, als durch die gehetzte Action. Das Bedrohungsszenario in diesem Roman ist im Vergleich zu "Blackout" weniger körperlich. Auf den ersten Blick vielleicht etwas weniger Fiction, mehr Action. Die Handlung liest sich wie ein rasantes Drehbuch.

Ich denke, Elsberg wollte in diesem Roman vor allem eine Botschaft unterbringen. Eine Utopie, ein Denkmodell, dessen Stichhaltigkeit ausreichend belegt und gleichzeitig vage genug bleibt, um nicht nach quälender Recherche und erhobenem Zeigefinger zu wirken. Bei mir ist die Botschaft angekommen und ich wünsche mir, dass diesen Roman möglichst viele Menschen lesen. Hut ab Herr Elsberg, den schmale Grat zwischen filmreifer Action und utopischer Theorie meistern ihre Protagonisten bestens. Plakativ aber passend.

Mein Tipp: Lesen! Coole Action, gewürzt mit einer kleinen Utopie zum Nachdenken.

Ich habe mich ja in den letzten Monaten rar gemacht, was Buchrezensionen anbetrifft. Das liegt zum einen daran, dass durch Horsts Bibliothek dieser Part brilliant abgedeckt ist, zum anderen, dass es einfach genug anderweitig zu tun gibt. Dieses Buch liegt mir aber am Herzen und weiterlesen…

Hologrammatica

von am 4. März 2019 noch kein Kommentar

Tom Hillenbrand
HOLOGRAMMATICA. Thriller
Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 560 Seiten
ISBN 978-3-462-05149-0

Hörbuch:
Ungekürzte Komplettlesung
Gelesen von Oliver Siebeck
Lübbe Audio, 2018, 3 MP3 CDs, Laufzeit 16 Std. 33 Min.
ISBN 978-3-7857-5697-3

Er hat es wieder getan!
Vier Jahre nach DROHNENLAND, seinem erfolgreichen und mit Preisen überhäuften ersten Ausflug in die Zukunft, legt Tom Hillenbrand mit HOLOGRAMMATICA erneut einen als „Thriller“ getarnten Science-Fiction-Roman vor. Und der ist sogar noch besser geworden als sein Vorgänger. Man merkt dem Buch an, dass Hillenbrand sich in diesem Gerne inzwischen „heimisch“ fühlt.

Der Plot spielt Ende des 21. Jahrhunderts in einer Zivilisation, die sich zwar offiziell noch in Nationen und Staatenverbände unterteilt, in Wirklichkeit jedoch von multinationalen Konzernen beherrscht und (mehr schlecht als recht) von UNO-Organisationen beschützt wird.
Das Internet hat sich zu einem praktisch die ganze Welt umspannenden „Holonet“ weiterentwickelt, mit dem das, was die Menschen sehen, nach ihren Wünschen angepasst wird. Egal ob Werbung, Wohnungseinrichtung, Kleidung oder das eigene Aussehen – mittels allgegenwärtiger Holo-Projektoren sind alle Straßen sauber, alle Häuser und Wohnungen schön und alle Menschen entsprechen ihrem Idealbild.
Ebenfalls große Fortschritte gab es im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und der Gehirnforschung, was dazu geführt hat, dass man sich (ab einem bestimmten Einkommen oder Vermögen) einen Chip ins Hirn setzen lassen kann, auf dem das Programm der eigenen Persönlichkeit läuft, das man dadurch aber auch jederzeit in den Körper eines Klons übertragen kann. Einziges Hindernis, welches die dadurch theoretisch mögliche Unsterblichkeit für diese, „Quants“ genannten, optimierten Menschen verhindert, ist das „Ein-Körper-Problem“: Nach 21 Tagen muss der „Geist“ wieder in seinen „Stammkörper“ zurück, sonst kommt es zum „Brain-Crash“.
Der in London beheimatete Quästor (hübscher Neologismus für Privatdetektiv) Galahad Singh erhält den Auftrag, die verschwundene Computerexpertin und Entwicklerin von Verschlüsselungstechnik Juliette Perrotte zu suchen, die vermutlich entführt wurde. Allerdings drängt die Zeit, denn Juliette ist ein Quant – und womöglich haben die Entführer nur ihren Körper …
Was wie ein ganz normaler Auftrag beginnt, entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Spektakel mit weltumfassender Bedeutung, in dem nichts ist wie es scheint, Singh Gefahren zu bewältigen hat, die es eigentlich gar nicht geben dürfte und selbst die Naturgesetze aufgehoben scheinen.

Hillenbrand zündet ein Ideenfeuerwerk der Sonderklasse, er gestaltet einen mit überschäumender Erzähllust ausgebreiteten Geschichtenteppich, dessen sich immer weiter verzweigende Handlungsfäden von seinen überragenden Fähigkeiten als Erzähler zusammengehalten werden und am Ende das dreidimensionale Hologramm einer komplexen Zukunftswelt zeigen, in der bemerkenswerte Charaktere ein Dasein führen, das zu erfassen alle Sinne des Lesers, der Leserin (oder von Hörer und Hörerin) erfordert.

Die von Oliver Siebeck sehr einprägsam gesprochene Komplettlesung erfüllt selbst hochgesteckte Erwartungen und macht das Hörbuch zu einer echten Alternative bzw. einer wundervollen Ergänzung des gedruckten Buches.

Horst Illmer

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Hologrammatica
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Tom Hillenbrand HOLOGRAMMATICA. Thriller Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 560 Seiten ISBN 978-3-462-05149-0 Hörbuch: Ungekürzte Komplettlesung Gelesen von Oliver Siebeck Lübbe Audio, 2018, 3 MP3 CDs, Laufzeit 16 Std. 33 Min. ISBN 978-3-7857-5697-3 Er hat es wieder getan! Vier Jahre nach DROHNENLAND, seinem erfolgreichen und weiterlesen…

Terra

von am 5. Dezember 2018 noch kein Kommentar

T. S. Orgel
TERRA. Roman.
München, Heyne, 2018, 510 S.
ISBN 978-3-453-31967-7 / 14,99 Euro

Sal und Jak sind Geschwister und doch so unterschiedlich wie es Geschwister nur sein können. Während Sal in der Hauptstadt des Mondes als „Space Marshal“ Dienst tut, führt Jak das unstete Leben eines privaten Raumfrachter-Piloten, der auch für nicht ganz so legale Aktionen zu haben ist. Als er auf einer Routine-Mission zwischen Mars und Erde jedoch bemerkt, dass sein ganzer Konvoy dazu benutzt wird, eine tödliche Fracht zu schmuggeln, bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Schwester um Hilfe zu bitten.
Während Sal in der Mondmetropole versucht, ohne Aufsehen zu erregen etwas Licht in diese mysteriöse Geschichte zu bringen, beginnen etwas weiter draußen im Weltraum die Ereignisse aus dem Ruder zu laufen – und schon bald steht weit mehr auf dem Spiel als nur Sals Karriere und Jaks Leben …
In den letzten Wochen habe ich kurz hintereinander Frank Schätzings DIE TYRANNEI DES SCHMETTERLINGS, Andy Weirs ARTEMIS und TERRA von T. S. Orgel gelesen. Die drei Bücher sind sich in gewisser Weise sehr ähnlich (z. B. spielen sie alle in der näheren Zukunft und gehören zur Untergattung der Hard SF), unterscheiden sich aber andererseits doch sehr in ihrem Stil und in der Art und Weise wie die Autoren ihre Themen bearbeiten.
Schätzing will deutlich zu viel auf einmal. Weir bleibt leider etwas hinter seinen Möglichkeiten zurück. Tom und Stephan Orgel (die ja hinter dem „Pseudonym“ T. S. Orgel stecken) dagegen überzeugen in ihrem ersten Science-Fiction-Roman durch die richtige Mischung.
In TERRA passt einfach alles: Egal ob schmissige Dialoge, gelungenes Setting, peinlich genauer Fakten-Check, rasante Action, knisternde Spannung oder schwarzer Humor – die Brüder können einfach schreiben!
Selbst die hin und wieder mit leichter Hand dazwischen gestreuten Huldigungen an bekannte Filme und Bücher wirken nicht aufgesetzt, sondern zeugen von Respekt vor den alten Meistern und von echter Liebe zum Genre.
Besondere Erwähnung soll hier auch die Ausstattung des großformatigen Paperbacks finden, dessen dreiseitiger Gelbschnitt dieses wundervolle Knistern beim ersten Öffnen des Buches erzeugt, das Bücherliebhaber so fasziniert. Zudem gibt es ein Personenverzeichnis, ein Glossar und drei Illustrationen, was den Eindruck hervorragender Recherchearbeit nochmals bestätigt.
Mit TERRA ist T. S. Orgel (nach einem halben Dutzend Fantasy-Büchern) ein großartiger Einstieg in die Science Fiction gelungen. Der Roman hat internationales Niveau und gehört zum Besten was 2018 in deutscher Sprache in diesem Bereich veröffentlicht wurde. Trotz prominenter Konkurrenz ein heißer Anwärter auf den nächsten Kurd-Laßwitz-Preis!

Horst Illmer
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Terra
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T. S. Orgel TERRA. Roman. München, Heyne, 2018, 510 S. ISBN 978-3-453-31967-7 / 14,99 Euro Sal und Jak sind Geschwister und doch so unterschiedlich wie es Geschwister nur sein können. Während Sal in der Hauptstadt des Mondes als „Space Marshal“ Dienst tut, führt Jak das weiterlesen…

Kallocain

von am 26. November 2018 noch kein Kommentar

Karin Boye
KALLOCAIN. Roman.
(Kallocain / 1940)
Übersetzung und Nachwort von Paul Berf
München, btb, 2018, 287 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-442-75775-6 / 20,00 Euro

An diesem Buch haftet ein Hauch von Tragik und Verzweiflung: KALLOCAIN gehört in die berühmte Linie klassischer Anti-Utopien wie WIR (Jewgeni Samjatin), SCHÖNE NEUE WELT (Aldous Huxley) und 1984 (George Orwell). Leider ist aber wohl die Herkunft aus einem nicht-englischen Sprachraum (Karin Boye war eine schwedische Pazifistin) für die Autorin und ihr Buch ein Hindernis für eine große, weltweite Verbreitung.
Angesiedelt in der nahen Zukunft des frühen 21. Jahrhunderts, in einer anonymen „Chemiestadt Nr. 4“ im sogenannten „Weltstaat“, schreibt der Chemiker Leo Kall seine Geschichte nieder.
Er erfindet eine Wahrheits-Droge, unter deren Einfluss man alles sagt, ohne dabei Lügen zu können, und die er Kallocain nennt, um damit seinen Namen unsterblich zu machen.
Da Kall ein prinzipienloser Mittläufer ist, stellt er sich und sein Kallocain in den Dienst der Staatspolizei. Er verhört sogar seine Frau Linda unter Drogen und denunziert seinen Chef und verurteilt ihn damit zum Tode.
Bei einem kriegerischen Überfall des benachbarten „Universalsaates“ gerät Kall in Gefangenschaft. Als er seine Erfindung auch hier an den Mann (oder besser an den Geheimdienst) gebracht hat, darf er in lockerem Gewahrsam weiterforschen und seine Lebensgeschichte zu Papier bringen.
Dieser in Ichform verfasste Lebensbericht, wirkt wegen der fehlenden Emotionen des Schreibers nur umso schrecklicher und eindringlicher. Im angefügten „Nachwort des Zensors“ wird von diesem empfohlen, das „Machwerk“ dieses „innerlich vergifteten“ Subjekts unter Verschluss zu halten und Historikern nur zum Zweck der Abschreckung zugänglich zu machen.
(Das dann noch folgende „Nachwort des Übersetzers“ ist dagegen für alle Leser/Leserinnen sehr empfehlenswert. Paul Berf beschäftigt sich ausführlich mit Leben und Werk der Autorin und stellt neben dem Historischen auch die Bezüge zur Jetztzeit in den Fokus.)
Die Autorin war, wie so viele Intellektuelle der damaligen Zeit, voller optimistischer Hoffnungen ins stalinistische Russland gereist und völlig desillusioniert zurückgekommen.
Kurz nach Beendigung des Buches nahm sich Karin Boye 1941 das Leben. Sie schrieb eines der düstersten Kapitel in der Geschichte der Dystopie; einen Klassiker, der keine Hoffnung mehr zulässt, der aber fasziniert und innehalten lässt – innehalten und nachdenken über eine Welt, in der eine junge Frau ein solches Buch schreiben musste.

Horst Illmer
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Kallocain
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Karin Boye KALLOCAIN. Roman. (Kallocain / 1940) Übersetzung und Nachwort von Paul Berf München, btb, 2018, 287 Seiten Hardcover mit Schutzumschlag ISBN 978-3-442-75775-6 / 20,00 Euro An diesem Buch haftet ein Hauch von Tragik und Verzweiflung: KALLOCAIN gehört in die berühmte Linie klassischer Anti-Utopien wie weiterlesen…

Die Geissel des Himmels

von am 15. November 2018 noch kein Kommentar

Ursula K. Le Guin
DIE GEISSEL DES HIMMELS. Roman.
Erste ungekürzte Ausgabe, übersetzt von Joachim Körber
(The Lathe of Heaven / 1971)
Bellheim, Edition Phantasia, 223 S., April 2006
Phantasia Papberback – Science Fiction – Band 1005
ISBN 3-937897-16-X / 14,90 Euro

Nachdem die frühen Science-Fiction-Romane Ursula K. Le Guins auf fernen Welten und weit in der Zukunft spielten, begab sie sich mit DIE GEISSEL DES HIMMELS erstmals auf die Erde, genauer: nach Portland, Oregon, in ihre Heimatstadt. Handlungszeitraum ist die nahe Zukunft – und unser Planet ist in keinem besonders guten Zustand.
Die erwarteten Verschlechterungen von Klima und politischer Realität sind eingetreten. Terrorismus und Seuchen, Naturkatastrophen und Überbevölkerung beherrschen das Bild.
In der Mitte dieses Panoramas steht George Orr, ein völlig durchschnittlicher Mann. Und zugleich der außergewöhnlichste Mensch des Planeten.
Denn George Orrs Träume werden wahr, das heißt sie verändern die Realität. Da sich allerdings nur Orr selbst an die Welt vor diesen Änderungen erinnern kann, steht er seit Jahren am Rande des Wahnsinns. Nur seine seelische Integrität und mentale Ausgewogenheit bewahren ihn vor dem Abgleiten in Wahnvorstellungen oder Allmachtsphantasien.
Der Zufall führt ihn schließlich zu Dr. William Haber, einem Psychologen mit dem Spezialgebiet Traumforschung. Nach anfänglichen Zweifeln erlebt Haber jedoch selbst, wie Orrs Träume wirken. Der gute Doktor fasst einen Plan: Er will mit Orrs Hilfe eine bessere, eine „schöne, neue Welt“ erschaffen.
Trotz Orrs dringlicher Bitten, mit den Versuchen aufzuhören und obwohl die Veränderungen zumeist nicht zum Besseren gelingen, macht Haber weiter – besessen von der Gier nach Macht …
Der Roman ist von einer tiefen Emotionalität durchdrungen, die Leserinnen und Leser berührt ohne sie zu bevormunden. Die ethischen Fragen einer absoluten Macht – auch in den Händen des gutwilligsten Menschen – werden auf interessante, mitreißende Weise durchgespielt. Ob wir eines Tages wohl soweit sind, dass wir verantwortungsvoll mit solchen Fähigkeiten umgehen werden, steht am Ende „in den Sternen“.
Le Guins Buch lässt jedoch Raum für Hoffnung.

Horst Illmer

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Die Geissel des Himmels
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Ursula K. Le Guin DIE GEISSEL DES HIMMELS. Roman. Erste ungekürzte Ausgabe, übersetzt von Joachim Körber (The Lathe of Heaven / 1971) Bellheim, Edition Phantasia, 223 S., April 2006 Phantasia Papberback – Science Fiction – Band 1005 ISBN 3-937897-16-X / 14,90 Euro Nachdem die frühen weiterlesen…

Die Tyrannei des Schmetterlings

von am 3. November 2018 noch kein Kommentar

Frank Schätzing
DIE TYRANNEI DES SCHMETTERLINGS. Roman.
Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 735 S.
ISBN 978-3-462-05084-4 26,00 Euro

Hörbuch:
Gelesen von Sascha Rotermund
Der Hörverlag, 2 mp3 CDs, Laufzeit ca. 22 Stunden, 20 Minuten
ISBN 978-3-8445-2978-4 26,00 Euro

Ganz klar: Frank Schätzings Buch DIE TYRANNEI DES SCHMETTERLINGS ist ein Kolportageroman. Das ist jetzt keineswegs abschätzig gemeint. In früheren Jahrhunderten haben solch unvergessene Meister ihres Fachs wie Karl May, Eugene Sue, Robert Kraft oder Sir John Retcliffe solche Bücher geschrieben. Ihre Geschichten waren viele hundert, manchmal sogar einige tausend Seiten lang, eine so spannend wie die andere und dadurch einen Sog erzeugend, dem sich die LeserInnen nicht mehr entziehen konnten.
Das war damals schon großes Handwerk, das ist bis heute nicht leichter geworden (eher im Gegenteil). Gegenwärtig heißen die Großmeister dieses Unterhaltungsformats Stephen King, George R. R. Martin, Ken Follett oder eben Frank Schätzing.
DIE TYRANNEI DES SCHMETTERLINGS behandelt, in der Reihenfolge ihres Auftretens, folgende Themen: einen Bürgerkrieg in Afrika, ein Massaker durch Killerinsekten, einen Mord an einer jungen Frau, ganz normale Polizeiarbeit im kalifornischen Hinterland, die pathologischen Untersuchungen einer Ex-FBI-Gerichtsmedizinerin unter erschwerten Bedingungen, jede Menge Kleinstadt-Probleme, eine Drogenrazzia, kleinliche Kompetenzstreitereien unter US-Bundesbehörden, eine nicht ganz stressfreie Vater-Tochter-Beziehungskiste, diverse Video-Dateien mit verstörendem Bildmaterial, den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen zwei Frauen, die Entdeckung einer geheimen Forschungsstation, ein Telefonat mit einem der reichsten Männer der Welt, den Auftritt einer bemerkenswerten Mitarbeiterin eines privaten Wachdienstes, eine atombombensichere, unterirdische Computer-Farm, einen verwirrenden Zeitsprung – und wir sind immer noch nicht über das zweite Kapitel hinausgekommen!
Frank Schätzing hat für dieses Buch intensiv und lange recherchiert. Er hat viel gelesen, ist weit gereist, hat interessante Gespräche mit klugen Menschen geführt, und das alles, um seinem Thema, der Entwicklung Künstlicher Intelligenz, gerecht werden zu können. Neidlos muss man anerkennen, dass ihm das gelungen ist – vermutlich weiß er so ziemlich alles über KIs, was es derzeit zu wissen gibt.
Aber natürlich reicht das noch nicht für einen guten Roman. Dazu gehören Protagonisten mit denen sich die LeserInnen identifizieren können, farbige Schauplätze, eine spannende Handlung und ein nachvollziehbarer Plot. All diese Zutaten enthält das Buch reichlich (manchmal wird es fast zu opulent), was einzig fehlt (vielleicht ist das auch nur dem subjektiven Bedürfnis und Alter des Rezensenten geschuldet) ist ab und zu ein Moment zum Atemholen. DIE TYRANNEI DES SCHMETTERLINGS liest sich wie ein 22 Stunden langer Directors Cut von THE FAST AND THE FURIOUS (Teil xXx) – das muss man als Leser erst mal aushalten.

Dies vor Augen, habe ich mir den Roman lieber vorlesen lassen – und siehe da, als Hörer jedenfalls hat man keine Probleme, denn Sascha Rotermund ist einer der besten Sprecher, die wir momentan haben. Seine Lesung ist absolut perfekt.
Stimmlage, Timing, Geschwindigkeit, Pausen, Vielstimmigkeit und Wiedererkennbarkeit der Figuren sind optimal, diesem Vorleser mag man einfach immer weiter zuhören. Da ist man nach 22 Stunden und 20 Minuten fast traurig, dass Kolportageromane heutigentags so kurz sind.

Frank Schätzing, der mit seinem Welt-Bestseller DER SCHWARM bewiesen hat, dass er den Puls der Zeit fühlen und ebenso brisante wie aktuelle Themen spannend aufbereiten kann, hat sich mit DIE TYRANNEI DES SCHMETTERLINGS erneut an ein „Heißes Eisen“ herangewagt. Dass er dabei, mitgerissen von seinem eigenen Schwung, an manchen Stellen über sein Ziel hinaus schließt und mehr in die Köpfe seiner Figuren (und LeserInnen) packen will, als diese aufzunehmen fähig sind, kann man ihm eigentlich nicht vorwerfen. Dadurch lädt das Buch, nach dem ersten „Durchmarsch“, zu einer weiteren Runde ein.
Ganz klar: Wir LeserInnen lassen uns doch von so einem Werk nicht „Bange machen“!

Horst Illmer
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Die Tyrannei des Schmetterlings Hardcover
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Frank Schätzing DIE TYRANNEI DES SCHMETTERLINGS. Roman. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 735 S. ISBN 978-3-462-05084-4 26,00 Euro Hörbuch: Gelesen von Sascha Rotermund Der Hörverlag, 2 mp3 CDs, Laufzeit ca. 22 Stunden, 20 Minuten ISBN 978-3-8445-2978-4 26,00 Euro Ganz klar: Frank Schätzings Buch DIE TYRANNEI weiterlesen…

Artemis

von am 27. Oktober 2018 noch kein Kommentar

Andy Weir
ARTEMIS. Roman.
Übersetzt von Jürgen Langowski (ARTEMIS / 2017)
München, Heyne, 2018, 426 S.
ISBN 978-3-453-27167-8 / 15,00 Euro

Hörbuch:
Gelesen von Gabrielle Pietermann
Random House Audio 2 mp3-CDs, Laufzeit 9 Stunden, 10 Minuten
ISBN 978-3-8371-4165-8

OK! Sie nervt!
Jazz Bashara, die Heldin in Andy Weirs Roman ARTEMIS ist das, was man in anderen Ländern wohl als „a pain in the ass“ bezeichnen würde. Ständig macht sie Sachen, über die wir Erwachsene nur den Kopf schütteln können. Ständig gerät sie in Schwierigkeiten, macht Unsinn, heckt die wildesten Pläne aus und findet erst hinterher heraus, wo sie Löcher haben.
Aber andererseits besitzt sie auch viele anziehende Eigenschaften. Sie hat ihren eigenen Kopf. Sie ist loyal gegenüber ihren Freunden. Sie hat ein Gewissen. Und sie ist außerordentlich begabt darin, Menschen dazu zu bringen, bei ihren Plänen mitzumachen.
Jazz lebt auf dem Mond, in Artemis, der bisher einzigen Siedlung, welche die Menschen auf einer anderen Welt errichtet haben. Seit einem Zerwürfnis mit ihrem Vater schlägt sie sich als Kleinkriminelle mit dem Schmuggeln von auf dem Mond eigentlich verbotenen Waren mehr schlecht als recht durch. Als ihr jedoch ein reicher Klient eine ungeheure Summe für einen Sabotageakt bietet, lässt sie sich, gegen ihre Überzeugung, darauf ein – und gerät damit zwischen alle Fronten.
Andy Weir hat mit seinem Erstling DER MARSIANER einen unfassbaren Erfolg erzielt, da war eigentlich klar, dass es für das nächste Buch aus seiner Feder schwer sein würde. Mit ARTEMIS, einem klassischen Hard-SF-Roman, hat er sich jedoch ganz gut geschlagen. Obwohl seine Protagonistin ständig zum Widerspruch herausfordert und viele Fehler hat (und macht), kann man sich dem Sog ihrer Geschichte nicht entziehen. Stattdessen erwischt man sich dauernd dabei „Achtung!“, Pass auf!“ oder „Mach das nicht!“ rufen zu wollen – das kleine Miststück wächst einem sehr schnell ans Herz.
ARTEMIS ist definitiv kein Roman für die Ewigkeit, kein Buch, das einmal zum Schulbuch-Klassiker wird, aber es ist eine sehr unterhaltsame Geschichte über eine junge Frau, die gegen viele Widerstände ihren Weg geht.

Das leicht gekürzte Hörbuch wird von Gabrielle Pietermann gelesen, deren Stimme (vor allem zu Beginn) etwas nervt, was dann aber auch wieder gut zu Jazz passt. Und nach wenigen Kapiteln kann man sowieso nicht mehr aufhören.

Buch und/oder Hörbuch sind auch als „Einstiegsdroge“ für den Nachwuchs gut geeignet – und Weihnachten ist näher als man denkt.

Horst Illmer
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Artemis Taschenbuch
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Andy Weir ARTEMIS. Roman. Übersetzt von Jürgen Langowski (ARTEMIS / 2017) München, Heyne, 2018, 426 S. ISBN 978-3-453-27167-8 / 15,00 Euro Hörbuch: Gelesen von Gabrielle Pietermann Random House Audio 2 mp3-CDs, Laufzeit 9 Stunden, 10 Minuten ISBN 978-3-8371-4165-8 OK! Sie nervt! Jazz Bashara, die Heldin weiterlesen…

BuCon 2018

von am 15. Oktober 2018 Kommentare deaktiviert für BuCon 2018

Der Buchmesse Convent war in diesem Jahr wieder eine tolle Veranstaltung. Inspirierend, phantastisch mit einem Klacks freudiger Überraschung…

Buchmesse ist Arbeit, Trubel und in Zeiten heutiger Informationsflüsse wesentlich weniger relevant, als zu früheren Zeiten. Besonders für uns als Spezialbuchhandlung für Phantastik, die bei den großen Verlagshäusern deutlich an Stellenwert verloren zu haben scheint. Umso schöner, dass es den BuCon gibt, wo sich die Crème de la Crème deutscher Phantastikschaffender die Klinke in die Hand gibt, mit Menschen, die das Genre und Bücher an sich lieben. Wie sonst käme es zu wunderschönen Verlagsnamen wie "PAPIERVERZIERER"?

Vom ambitionierten Selbstverleger bis zum phantastik-affinen Verlagshaus finden wir hier alle. Leider nach wie vor mit Ausnahme der ganz Großen, die sich wohl für solcherlei Veranstaltung im Gegensatz zu "ihren" Autoren wenig erwärmen können. Sei’s drum. Vielleicht erhält ja gerade das auch den Charme des BuCon.

Als Highlight für mich persönlich konnte ich das nette Gespräch mit einem alten Bekannten verbuchen, der mir gleich am Vormittag (wo ich es natürlich noch nicht wusste) sein ernstgemeint bescheidenes Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht hat, dass er (wie sich später herausstellt, neben Erik Schreiber) einer von zwei diesjährigen Preisträgern sein wird. Und zwar für das Lebenswerk. Da kann ich mich nur anschließen. Gratulation und flammende Zustimmung  von mir persönlich, Werner Fuchs. Du hast vielleicht im Einzelnen weniger bewirkt oder geschaffen als andere, aber du bist eben der gute Geist der Phantastik. Netzwerker und Allrounder. Über Genres und Grenzen hinweg und ja, als Lebenswerk kann man das mit Sicherheit betrachten, egal, wie viel noch von dir geleistet werden wird.

Tolle Veranstaltung, nette Kontakte und viel positive Energie für mich persönlich und den Laden.

ps Allen, denen Werner Fuchs nicht ganz so geläufig ist, möchte ich das sensationelle Interview im Eskapodcast und sein Wine & Paper auf orkenspalter.tv empfehlen.

pps Bilder gibt es auch noch ein paar in unserer Galerie

Der Buchmesse Convent war in diesem Jahr wieder eine tolle Veranstaltung. Inspirierend, phantastisch mit einem Klacks freudiger Überraschung… Buchmesse ist Arbeit, Trubel und in Zeiten heutiger Informationsflüsse wesentlich weniger relevant, als zu früheren Zeiten. Besonders für uns als Spezialbuchhandlung für Phantastik, die bei den großen weiterlesen…

Die Hugo Awards 2001-2017

von am 30. August 2018 Kommentare deaktiviert für Die Hugo Awards 2001-2017

Hardy Kettlitz
DIE HUGO AWARDS 2001–2017.
München, Memoranda, 2018, 352 Seiten
Klappenbroschur
ISBN 978-3-944720-75-3

Als Hardy Kettlitz 2015 den ersten Band seiner HUGO AWARDS-Reihe (betreffend die Jahre von 1953 bis 1984) vorlegte, überzeugte das Konzept auf den ersten Blick.
Alle Gewinner dieses wichtigsten Science-Fiction-Preises der Welt wurden ausführlich in Text und Bild vorgestellt, die weiteren Nominierungen waren gelistet, es gab Informationen zu den jeweiligen zugehörigen WorldCons auf denen die Preise verliehen wurden. Nur in der Anzahl der benötigten Bücher (zwei) hatte sich Kettlitz verschätzt. Die stetige Erweiterung der Kategorien, in denen der HUGO verliehen wird, machte eine Aufteilung auf insgesamt drei Bände notwendig.

Mit dem soeben veröffentlichten Band DIE HUGO AWARDS 2001–2017 hat dieses weltweit einzigartige Projekt nun seinen krönenden Abschluss gefunden. Neben den Preisen für die angeführten Jahre, werden auch die Retro-HUGOs für 1939, 1941, 1951 und 1954 vorgestellt und auch die im Berichtszeitraum Aufsehen erregende „Sad Puppies“-Kampagne wird, soweit nötig, begutachtet.
So macht Sekundärliteratur Spaß!

Horst Illmer
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Die Hugo Awards 2001-2017
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Hardy Kettlitz DIE HUGO AWARDS 2001–2017. München, Memoranda, 2018, 352 Seiten Klappenbroschur ISBN 978-3-944720-75-3 Als Hardy Kettlitz 2015 den ersten Band seiner HUGO AWARDS-Reihe (betreffend die Jahre von 1953 bis 1984) vorlegte, überzeugte das Konzept auf den ersten Blick. Alle Gewinner dieses wichtigsten Science-Fiction-Preises der weiterlesen…

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