Empfehlungen für Freunde der bebilderten Erzählung

am 8.12.2011 geschrieben von:

Es ist wieder viel neuer Lesestoff erschienen – auch für die Anhänger der gehobenen bebilderten Erzählung. Manches geht da oft leider unter. Im Folgenden stelle ich neue und neuere Titel vor, die alle Aufmerksamkeit verdient haben.

Ein absolutes Muss für Freunde der anspruchsvollen bebilderten Erzählung ist der Nietzsche-Comic. Es handelt sich dabei um ein sagenhaftes Comic-Portrait über den deutschen Jahrhundert-Philisophen. Es ist kein “Nietzsche für Dumme” und auch kein Ersatz für die Lektüre seiner Werke. Vielmehr ist es ein episodenhafter Streifzug durch sein bewegtes Leben. Die Bilder wirken düster und ausdrucksstark. Eine spannende Einführung, die Lust auf Nietzsches Philosophie macht!

Ein weiteres Muss ist Art Spiegelmans neues Meisterwerk “Im Schatten keiner Türme”. Darin verarbeitet der Pulitzerpreisträger nicht nur auf bissig-reflexive Weise die Ereignisse von 9/11, sondern liefert auch noch eine wundervolle Hommage an die Klassiker des Zeitungscomicstrips ab. Einzelschicksal trifft auf Zeitgeschichte, Satire auf Trauma, Undergroundcomix auf Krazy Kat, Yellow Kid und Kin-der-Kids. Das Buch erscheint als wuchtiger Pappband, der allein durch seine Form schon an die Twin Towers gemahnt!

Ben Katchor ist der Lieblingscartoonist von Seth (“Wimbledon Green”). Wer von Katchors bisher einziger deutscher Albumveröffentlichung “Der Jude von New York” (brillant-bissige Satire!) begeistert war, dem sei auch das bisher nur auf Englischvorliegende “The Cardcoard Valise” empfohlen. In zusammenhängenden Episoden glänzt Katchor durch seine wortgewaltige Sprache, bissigen Sozialkritik und lakonischen Humor. Sein Stil erinnert etwas an Schriftsteller wie Thomas Pynchon oder David Foster Wallace. Geheimtipp! (Ansonsten gibt es von ihm auch noch einen Comicbetrag für “Plague 01″ auf Deutsch, der noch 2011 in zweiter Auflage erscheinen soll.)

Zum 40. Todestag von Jim Morrison ist ein kraftvolles Comicporträt erschienen. In ausdrucksstarken und realistischen S/W-Bildern und einer komplexen Erzählung liefern Frédéric Bertocchini und Jef eine zugängliche Biographie über eine rätselhafte wie charismatische Musikerlegende. “Der Poet des Chaos” – “Der König der Eidechsen” – Schamane – Alkoholiker – Mystiker – Rockstar – Doors-Frontmann: Morrsion hat viele Gesichter. Die düsteren und wilden Züge sind ohne Faktenflut in der hypnotischen Biographie enthalten.

Der Italiener Igort meldet sich wieder zurück! Diesmal mit einer ergreifenden und fesselnden Comic-Reportage: “Berichte aus der Ukraine [Erinnerungen an die Zeit der UdSSR]“. Mit wechselnden Stilen (skizzenhaft-schwarzweiß und koloriert-reduziert) hat Igort die Geschichte der Ukraine illustriert. Die persönlichen Schilderungen seiner Bekanntschaften sind gleichermaßen Zeugnisse eines Genozids aus der Ära Stalins wie tragische Schicksalserlebnisse. Das üppig erscheinende Buch lässt sich dank eines großzügigen Letterings schnell lesen und entpuppt sich trotz oder wegen der Thematik als wahrer Pageturner. Igort bezieht auch Fakten mit ein, aber lässt diese nicht die Einzelschicksale “erschlagen”. Ein absolutes Highlight für Freunde des “Edutainments”!

Und zuletzt noch ein Schmankerl für selbsternannte Literaten und leidenschaftliche Liebhaber der Satire und/oder Karikatur. Martin Rowson hat Laurence Sternes Anti-Roman “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” als Graphic Novel adaptiert. Die fiktive Autobiographie über den Titelhelden gelangt in der irrwitzigen Vorlage trotz fast 1000 Seiten kaum über dessen Geburt hinaus! Der absurde Ideenroman schweift ab, assoziiert und erweist sich in allererster Linie als Angriff auf die Lachmuskeln! Als Cartoonist hat Rowson einen hang zur Karikatur, die schwarzweißen Zeichnungen erinnern an den frühen Zeitungsstrip, manche detailverliebte Hintergrunddarstellungen auch an die Kunst des Kupferstichs. Spitze Feder und Fabulierfreude treffen hier unvergleichlich schwarzhumorig und einfallsreich aufeinander. In Halbleinen gebunden und mit Lesebändchen versehen auch ein Muss für den bibliophilen Leser.

 

 

Die feine Nase der Lilli Steinbeck

am 3.12.2011 geschrieben von:

Als kleinen Tipp für die Weihnachtstage, an denen einige von euch vielleicht ein bisschen mehr Zeit und Ruhe haben, als über das Jahr, möchte ich euch zwei wunderbare Bücher von Heinrich Steinfest ans Herz legen. Vor einiger Zeit hatte ich über seinen SF-Roman “Gewitter über Pluto” geschrieben. Ich hatte damals geschrieben, dass man Steinfest seine Nähe zur Phantastik eindeutig anmerkt, auch wenn dieser Roman sein (bis dato) einziger eindeutiger Science Fiction Roman war.

In den beiden Bände um Lilli Steinbeck, zeigt sich dieses Element wieder sehr deutlich, auch wenn es sich sicher nicht um Fantasy oder SF im eigentlichen Sinne handelt. “Die feine Nase der Lilli” stammt bereits aus dem Jahr 2006. Ein unglaubliches, fantastisches Buch, dass mir sehr viel Spaß bereitet hat. Schräge Charaktere, stille Momente und irrwitzige Szenarien in einer Art Thriller-Krimi Mix, mit den unvergleichlich geistreichen und witzigen Dialogen des offensichtlichen “Fanboys” Heinrich Steinfest.

In diesem Jahr ist jetzt mit “Die Haischwimmerin” die Fortsetzung dieser Wahnsinns Geschichte erschienen. Steinbeck schickt den Leser auf eine irrsinnige Reise durch eine Welt der Wunder. Durch die Hintertür entschlüsselt er dabei den Epilog des ersten Bandes, der den Leser mit einem völlig überstürzt und skizzenhaft geschilderten Klischee-Ende verwirrt hat. In “Die Haischwimmerin” schließt Steinfest den Kreis und unterhält uns mit einer fesselnden Reiseerzählung. Alle Protagonisten und auch die Nebencharaktere sind auf der Suche. Und diese Suche verläuft in einem Gewirr verschlungener Stränge, die Steinfest am Ende seiner Geschichte kunstvoll verknüpft.

Steinfest lesen ist niemals linear und immer unterhaltsam. Er verwöhnt den Leser stets mit seiner ausgewählt schönen Sprache und seinen genialen Dialogen. Irre Geschichte, abgedrehte Charaktere, unvorhersehbare Twists und genug fantastischer Einschlag, um die Romane auf unserer Seite und im Laden zu empfehlen. Deshalb mein Tipp für Weihnachten: Steinfest kaufen, zurücklehnen, entspannen, genießen. Ein (Stein)fest für die Feiertage!

Lilli Steinbeck

Heinrich Steinfest

Piper € 9,95 bzw Teil 2 im Hardcover € 19,99

Freunde der grafischen Novelle aufgepasst

am 20.07.2011 geschrieben von:

Es gibt wieder ein paar neue Graphic Novels, die empfehlenswert sind. Da ist zum Beispiel die neue Arbeit des Italieners Manuele Fior: “Fünftausend Kilometer in der Sekunde”. Es ist einfach erstaunlich, wie sich Fior mit jedem Titel weiterentwickelt.

In seinem neuen Buch geht es um drei Jugendliche, deren Wege sich zunächst kreuzen und dann wieder trennen. Fior verfolgt in großen Zeitsprüngen die Schicksale des zurückhaltenden Piero und von Lucia. Er illustriert seine Geschichte in wunderschönen Aquarellfarben, die Fior direkt aufzutragen scheint. Clever erzählt, interessante Charaktere, stimmungsvolle Farben!

 

 

Streng genommen vielleicht keine Graphic Novel, aber kunstvolle Zeichungen und eine grandios erzählte Geschichte enthält “Mattéo” von Jean-Pierre Gibrat allemal. Nun ist der zweite und abschließende Band “Zweiter Teil 1917-1918″ erschienen.

Gibrat erzählt mit Augenzwinkern die Geschichte des spanischen Titelhelden, der mit seiner Mutter in Frankreich lebt. Um Juliette zu imponieren meldet er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig und im zweiten Band verschlägt es ihn als Anarchisten nach Russland, um dort die Revolution zu unterstützen. Amüsant, hintergründig, toller Strich!

 

 

“Kein Blick zurück” stammt von dem spanischen Newcomer Dani Montero. Für sein Debüt wurde gleich ausgezeichnet (der Jury war Miguelanxo Prado beigesessen). Der Animationskünstler und Illustrator hat sich nun auch in die Comicwelt gewagt – mit Erfolg!

Montero erzählt mit dynamischem Strich die Geschichte von Jamie und seinem Hund Toby. Nachdem seine Beziehung zu Bruch geht, will er sein Leben nochmal von vorn beginnen. Doch aller Anfang gestaltet sich schwer. Montero überrascht seine Leser, indem er eine ungewohnte Wendung einschlägt. Leichtfüßig gezeichnet, gut konstruiert!

 

 

Baru ist zurück! In “Hau die Bässe rein, Bruno” schöpft der Franzose wieder aus den Vollen. Ein junges afrikanisches Fußballtalent fliegt illegal nach Frankreich, um dort seinen Traum vom Profisport zu verwirklichen endet aber als Hilfsarbeiter.

Ein Ex-Häftling will nach Jahren der Haft noch einmal einen großen Coup landen. Dafür braucht er die Hilfe eines Spezialisten. Doch der perfekte Plan geht nur zur Hälfte auf und die Wege der unterschiedlichen Charaktere kreuzen sich.  Baru at his best – wer ihn noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen!

 

 

Jeff Lemires “Essex County”-Trilogie geht in die zweite Runde. Mit “Geister Geschichten” ist nun die melancholisch-schöne Erinnerungsgeschichte um einen gealterten Hokey-Spieler auch auf Deutsch erschienen.

Als Alkoholiker und Pflegefall entführen den Ex-Profisportler Szenen aus dem trostlosen Alltag in seine bewegte Vergangenheit. Lemire erzählt in cineastischen Schwarzweißbildern von Enttäuschung, Schuld, Sühne, Verlust, aber auch von Erfolg und Liebe. Markanter Strich, cineastische Illustrationen, ergreifende Story!

 

 

Generation Coupland Plus1

am 7.03.2011 geschrieben von:

Okay, ich hatte jetzt ein paar Tage Zeit und hab mich endlich mal an einige Bücher gesetzt, die ich vor mir hergeschoben hatte. Bei manchen wohl zurecht, aber einige echte Schmankerln sind dabei herausgekommen. Das erste Buch, das mir dabei aufgefallen ist, ist eine absolut gelungene Mischung aus gut lesbarer, nachdenklicher SF. Ein wenig Aqua TM, ein bisschen Doctorow, ein Buch für wirklich Alle. Kein als All Ager getarntes Jugendbuch, sondern ein erwachsenes Buch, dass trotzdem auch für interessierte Jugendliche perfekt passt.

 

1991 erschien Generation X. Damals beschrieb Coupland eindrucksvoll verschiedene Seelenzustände einer Generation – der er selbst fast angehörte.

Zwanzig Jahre später bezieht sich Coupland mit dem Titel seines neuen Episodenromanes auf den Titel von damals und auf ein Zitat von Vonnegut, das im Vorwort für alle nachzulesen ist. Er bezeichnet die Generation mit A, denn aus jedem Ende resultiert ein Neuanfang. Und so nennt Coupland sein neues Werk „Generation A“ und drückt damit Hoffnung aus. Schluss mit dem fatalistischen Weltuntergangsgewäsch, es gibt ein Morgen.

Aus der Sicht von fünf unterschiedlichen Charakteren erzählt er diese Geschichte. Fünf Ich-Erzähler, fünf Gesellschaftsgruppen, fünf Fragmente, die eine schreckliche Welt vor dem Leser entstehen lassen. In ein paar Jahren, oder fast schon jetzt, hier und heute.

Coupland schreibt sehr durchdacht und bewusst, ohne dabei konstruiert zu wirken. Die Charaktere sind authentisch, auch wenn der Autor nicht mehr ganz ;-) der Generation angehört. Sein Stil wandelt sich im Verlauf des Buches und wächst mit den Protagonisten.

Der Roman ist sicher nicht ganz große Literatur und auch sicher nicht das beste, was ich im Bereich naher Zukunftsvisionen gelesen habe, aber der Autor schafft es brilliant, wirklich philosophische Gedanken und ein abstrus, schräges Szenario in einen gut lesbaren Kontext zu packen und macht das Buch dadurch zu einem wirklich tollen Buch für alle.

Trotzdem ist Couplands Roman nicht die befürchtete Weichspüler-Version. Die Welt bleibt dreckig und kaputt, nur ist eben nicht alle Hoffnung verloren. Solange es Menschen gibt, die Gutes bewirken wollen, kann auch Gutes geschehen. Und manchmal muss man solche Dinge eben erst lernen. Das Ende ist sicher angreifbar, aber es ist Teil dessen, was das Buch trotz der bitteren Pillen zu einem gut verdaulichem Buch für Viele macht. Eine hohe Verbreitung solcher Themen ist mir tausend mal lieber, als ein elitäres Werk, das nicht gelesen wird. Denn lesenswert sind alle Gedanken des Buches in jedem Fall.

Auch im Deutschen. Die Übersetzung ist über weite Strecken wirklich gelungen, wären da nicht ein paar unglaubliche Aussetzer. Man muss sich wohl auch bei Verlagen wie Klett Cotta im Zeitalter des reinen Kapitalismus daran gewöhnen, dass es kein Lektorat mehr gibt.

Zwei klitzekleine Beispielchen seien mir gegönnt. Ich will das Buch auch wirklich nicht runtermachen. Es ist trotzdem toll!

Seite 82 Zeile 7 „…das Essen hier saugt.“ (Das saugt wirklich!)

Seite 280 Zeile 5 „…wie man sie mit etwas Sprudelwasser und Rubbeln wegbekäme.“ (So, da sollte wohl was anderes stehen, Soda? ;-) )

Generation A

Douglas Coupland

Tropen bei Klett Cotta € 19,95

Zwei Indie-Comic-Tipps

am 1.02.2011 geschrieben von:

Der Kanadier Jeff Lemire hat bereits mit SUPERBOY (DC) und SWEET TOOTH (Vertigo) im Superhelden-Genre Fuß fassen können. In der Edition 52 ist nun seine geniale Trilogie ESSEX COUNTY erschienen. Mit „Geschichten vom Land“ beginnt die eine einfühlsame Geschichte in der fiktiven Stadt Essex County, Ontario in Kanada.

Der zehnjährige Lester hat seine Eltern verloren und lebt bei seinem Onkel Kenny, dem er bei der Farmarbeit hilft. In der Einöde ist sonst nicht viel los – bis der Tankstellenbesitzer Jimmy Lebeuf in sein Leben tritt. Der Ex-NHL-Hockey-Profi flüchtet mit Lester in eine Welt aus Superhelden, außerirdischen Invasoren und Eishockey.

Als erster Comic überhaupt ist ESSEX COUNTY beim jährlichen “Canada reads”-Buchwettbewerb unter die Top 5 gekommen. Völlig zurecht. Mir hat nicht nur die grandiose Story gefallen, sondern auch der harte Strich und die holzschnittartigen Schwarzweißzeichnungen. Witzig fand ich auch den eingebauten Superhelden-Strip “von Lester”.  Unbedingt lesen!

Essex County 1: Geschichten vom Land

Jeff Lemire

Edition 52, € 11,00

2010 ist in der Edition 52 außerdem auch die witzige Graphic Novel UNVERGESSENE ZEITEN erschienen. Alex Robinson hat ja schon mit AUSGETRICKST einen tollen Comic gemacht. Nun schickt er seinen Anti-Helden per Hypnose nochmal in dessen Teenie-Alter zurück.

Damit Andy Wicks das Rauchen aufgibt, schickt ihn seine Frau zum Hypnotiseur. Alles andere hilft ja nicht. Da das Übel an der Wurzel gepackt werden muss, wird er vor die unüberwindbare Aufgabe gestellt, seine erste Kippe abzulehnen. Nur dann kann er das Qualmen aufhören. Also ab in die High School-Zeit!

Mit reduziertem Strich, passenden Schwarzweißzeichnungen und jeder Menge graphischer Einfälle erzählt Robinson seine aberwitzige Zeitreise-Story. Nochmal Teenie? Nein danke! Auch Robinson wurde wie Lemire mit haufenweise Preisen ausgezeichnet.

Unvergessene Zeiten

Alex Robinson

Edition 52, € 12,00

Frachterpilotin Tabea Jute

am 25.01.2011 geschrieben von:

Der erste Band dieser losen Reihe ist bereits 1993 beim Heyne Verlag erschienen. Der Titel war damals “Begegnungen auf dem Möbiusband”, womit ich das passende Stichwort zum letzten Artikel habe.

Um die Frachterpiloten, die sich von einem Schlammassel zum anderen durchschlagen muss, ranken sich drei Romane des Briten Colin Greenland. Bei der deutschen Ersterscheinung habe ich das Buch leider (im Nachhinein) ignoriert. Einer der typischen Fälle von “das Auge isst mit”. Die Neuausgabe bei Blanvalet habe ich sofort verschlungen. Unter dem Titel “Sternendieb” war irgendwie der Anstoß zum Lesen größer… und es hat sich gelohnt. Coole, ideenreiche Space-Opera mit britischem Humor gewürzt und spannend bis zum furiosen Ende.

Soeben ist der zweite Teil der “Trilogie” (eigentlich finde ich in diesem Zusammenhang die Bezeichnung irreführend, sind die Bände doch auch einzeln lesbar, aber so steht es auf dem Klappentext) erschienen und steht dem Ersten in keiner Weise nach.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der sehr britische Stil den ein oder anderen Leser in die Verzweiflung stürzt, aber für mich waren die beiden Teile unglaublich kurzweilig und ich bin mit dem teilweise sehr eigenwilligen Stil hervorragend zu recht gekommen. Absoluter Wahnsinn.

Sternendieb

Colin Greenland

Blanvalet 26668, € 8,95

Local Heroes: Horst Illmer

am 30.12.2010 geschrieben von:

Horst Illmer ist Urgestein in der Phantastik Szene Würzburg. Bereits am Entstehen des legendären “Cosmonaut”,  von Herausgeber Michi Kunath, war Horst Illmer seinerzeit beteiligt. In den “guten alten Zeiten”, als es in Würzburg noch SF-Stammtische, Tauschtage und gedruckte Fanzines gab, war Horst bereits immer dabei.

In einer Zeit, an die ich mich nur schemenhaft erinnern kann, in der Gäste wie Michael Moorcock, Cherry Wilder, Helmut Wenske und Dennis Scheck (damals aber noch nicht wirklich als Ehrengast, sondern eher als Dreikäsehoch ;-) ) unsere Börsen und Stammtische besucht haben, als es noch organisierte Fahrten zu den großen SF-Conventions und zum Besuch anderer “Ortsverbände” gab, da hat Horst schon fleißig mitgemischt. Gesammelt, recherchiert, organisiert und katalogisiert. Horst, der Sammler und Jäger von Objekten und Informationen. Der stille Zusammenträger von Puzzlestücken und Kleinodien.

Mittlerweile ist Horst Sparten-Redakteur bei “Phantastisch!”, dem wichtigsten deutschsprachigen Genremagazin, Chefredakteur des Onlinemagazines Temporamores, Herausgeber etlicher Print-Sonderbände und Print-Spezialausgaben, Autor einer Bibliographie der Phantastischen Literatur und Gastautor auf diversen Webseiten, wie Literaturzirkel, einer Rezensions und Empfehlungsseite für SF und Fantasy.

Besonders interessant ist in meinen Augen seine Arbeit an den diversen Temporamores Sonderbänden. Mein persönlicher Favorit ist dabei sein Sonderband zu Frauen in der Phantastik. Horst Illmer lässt sein umfassendes Wissen einfließen und spielt seine Stärke in der Recherche unendlicher Details und liebevollen Zusammentragens von Annekdoten voll aus.

Der aktuelle Temporamores Sonderband hat den klingenden Titel: “Phantastisches aus Main-Franken”. Horst Illmer beleuchtet dabei die aktuelle Szene in Main-Franken. Auszüge aus den Werken von Phantastik-Schaffenden, Stories, Hintergründe, Fakten.

…und wenn ihr schön bitte, bitte sagt, wird er euch am 15. was erzählen. ;-)

Temporamores Sonderband 2010

Herrmann Ibendorf

Temporamores, 2010 DinA5, 350 Seiten, € 18,00

Das taube Herz

am 29.10.2010 geschrieben von:

Zwei der ganz großen philosophischen Fragen der SF. Was macht intelligentes Leben aus. Kann solches Leben geschaffen werden oder aus erschaffenem entstehen.

Mary Shelley, Philip K. Dick, Orson Scott Card… Die Reihe ist unendlich. Selbst in trivialen Serien wie Star Trek oder sehr intensiv in Battlestar Galactica taucht diese Frage immer wieder auf.

Urs Richle beschreitet mit seiner Interpretation dieses Themas einen völlig anderen Weg. Sein Roman “Das taube Herz” ist vielschichtig angelegt. Die Schöpfung des Uhrmachers Jean-Louis Sovary entsteht aus Genie, Not, Liebe, Verzweiflung und führt ihn selbst auf einen steinigen Weg der schmerzvollen Erkenntnis.

Der schweizer Autor verpackt seine Geschichte in viele Lagen unterschiedlicher Handlungsebenen und führt den Leser erst nach und nach zum Kern. So entwickelt sich auch der Leser in der Art der Wahrnehmung und folgt dem Weg des Uhrmachers. Urs Richles Vita schließt Lehrtätigkeit, Studium der Soziologie und Philosophie, sowie ein Diplom als Medieningenieur ein. Seine profunde Kenntnis sowohl philosophischer als auch technischer Zusammenhänge haucht dem Roman Authentizität ein. Seine Erfahrung mit den Medien bildet unübersehbar die Basis für die, im “Hier und Jetzt” spielende, alleräußerste und relativ stereotype Handlungsebene. Je weiter man als Leser in die Zwiebelschalen eindringt, desto lebendiger und fesselnder wird die Geschichte und desto mehr entfernt sich das Empfinden vom ersten Eindruck.

Für mich ist das Buch eine, wenn auch an manchen Stellen ein wenig zu gut verpackte, sprachlich reiche, gefühlvolle und nicht zuletzt spannend erzählte Parabel. Auf das was den Menschen wirklich ausmacht. Wunderbare phantastische Literatur im klassischen Sinne.

Das taube Herz

Urs Richle

Albrecht Knaus 2010, € 19,99

Dausend Dode Drolle

am 28.10.2009 geschrieben von:

Campanile_Cover_kl…war ursprünglich der Titel eines regionalen Rollenspielmagazines mit starkem Midgard Schwerpunkt. In den letzten Jahren hat sich der Würzburger Fan-Verlag fast unbemerkt zu einer kleinen, feinen Produktionsstätte für Karten und Brettspiele gemausert.

Neben dem Rollenspielmagazin, diversen Abenteuern und Zubehörmaterialien wurden in den letzten beiden Jahren die Kartenspiele “Die Wiege der Renaissance” und “Uruk, Wiege der Zivilisation”, die sich beide mit sehr ausgeklügelten Spielemechanismen an erfahrene Spieler wenden, veröffentlicht. Trotz des sehr günstigen Preises und der kompakten Form waren beide Spiele extrem komplex und hochtaktisch. Nichts zum eben-mal-zwischendurch-lesen-und-los-zocken, aber dafür mit hohem Wiederspielwert. Spiele für ein erfahrenes, nicht durch Komplexität abzuschreckendes, ehrgeiziges Publikum.

Die diesjährigen Publikationen, die allesamt pünktlich zur Spielemesse in Essen fertig geworden sind, haben erstmals ein wirklich weites Spektrum.

Im Bereich Rollenspiele ist tatsächlich wieder eine Nummer des legendären DDD-Magazines erschienen, nebst einer Stadtkarte von “Iggrgard im Waeland”, aus der Feder von Sabine Weiss. Damit sollten Midgardianer auf ihre Kosten kommen.

In der Spieleschmiede entstanden diesmal zwei Produkte.

Ein wiederum recht komplexes, sehr schön ausgeglichenes und nicht all zu schwer erlernbares Brettspiel, namentlich “Seidenstraße”. Vor einem liebevoll gestalteten Hintergrund gilt es auf dem Netz der Karawanenwege exotische Handelsgüter möglichst schnell und gewinnbringend zu transportieren. Dabei lauern den Händler alle möglichen Gefahren wie Wegelagerer oder Sandstürme auf. Nur mit Taktik und einer Portion Glück wird man am Ende die meisten Edelsteine erwirtschaftet haben. Gewohnt hübsche Aufmachung, hoher Wiederspielwert, interessante Spielmechanismen und vor allem ist das Spiel diesmal nicht im Nimm-mich-mit-und-zock-mich-gleich-Gewand, sondern kommt erwachsen, als vollwertiges Brettspiel daher. Keine Missverständnisse mehr. Wer also meint er kann mit komplexen Mechanismen umgehen, wird hier wieder voll auf seine Kosten kommen.

Spiel Nummer zwei ist mein persönlicher Favorit. “Campanile, der Wettstreit der Türme” kommt wieder im gewohnten Kartenspiel-Format. Die Box ist sehr schön aufgemacht und diesmal wird das Format auch wirklich der Komplexität gerecht. Ein wahnsinnig spannendes, schnell erlernbares, schnell spielbares Kartenspiel. Spontan erlernbar, spontan spielbar aber eben doch mit genug Finesse, dass man die Feinheiten und Mechanismen erst nach einer Weile ganz durchschaut hat. Nach der ersten Runde “Campanile” kann man nicht anders, als gleich nochmal zu zocken… und dann am besten bis spät in die Nacht hinein immer wieder. Ich mag Spiele, die schnell und spontan spielbar sind, bei denen schon das erste intuitive Spielen am Ende zum Erfolg führen kann, oder eben auch nicht. Taktische Feinheiten, die man nach den ersten Runden entwickelt, können zum Sieg verhelfen, aber für mich muss ein Spiel, ab der ersten Partie, bei einem Sieg das Gefühl hinterlassen, dass man es richtig gemacht hat.

Deshalb ist mein Tipp für alle, die gerne mal statt vor der Glotze zu hocken, gesellig zocken wollen: “Campanile” ist ein tolles Spiel für alle. Die Altersangabe auf der Schachtel ist mit “8 Jahren” durchaus realistisch. Die Spieldauer von “30 min” kann bei den ersten Malen auch überschritten werden. Dafür werdet ihr euch wundern, wie die Zeit vergeht, denn egal wie, es wird nicht bei 30 Minuten bleiben.

Hanno & Wilfried Kuhn

Campanile der Wettstreit der Türme

Kartenspiel für 3 bis 5 Spieler

DDD-Verlag

€ 14,95

Gewitter über Pluto

am 23.10.2009 geschrieben von:

plutoMit keiner Silbe wird bei der Bewerbung dieses Buches der Begriff Science Fiction erwähnt. Ebenso wie Dennis Scheck in seinem letzten „Druckfrisch“ war also auch ich vollkommen überrascht, als sich die mit Witz und wohlklingenden Worten geformte Handlung plötzlich und unerwartet als klassische, eindeutige Science Fiction Story entpuppt.

Heinrich Steinfest, ausreichend durch seine intelligenten Krimis bekannt liefert mit seinem neuesten Werk sein Debut im Bereich SF und gleichzeitig den Beweis, dass er in dieser Literatugattung durchaus belesen und sattelfest ist.

Der adonische Pornodarsteller Lorenz Mohn beendet seine Karriere und eröffnet einen kleinen, feinen Strickwarenladen in der Wiener Peripherie. Das Startkapital bezieht er von einer Grande Dame der Unterwelt und begibt sich damit in die Fänge von Mächten, die sein Fassungsvermögen und seine Vorstellungskraft bei weitem übersteigen.

Kontroverse Charakterzeichnung und komplexe Handlungsebenen verwirren den Leser auf angenehme Art und veranlassen ihn stetig und immer wieder neu die Fäden zu sortieren. Die einzelnen Stränge verlaufen zunächst parallel, nach und nach werden die Verstrickungen dichter und auch deutlicher. Kunstvoll verwoben manchmal verwirrend stets jedoch fesselnd. Ein herausragender Roman mit viel Potential zum diskutieren. Ich möchte das auch als Angebot zur Disposition stellen, vor allem wegen des wirklich schwierigen Epiloges, für den ich zwar einige Deutungen parat habe, aber noch zu keinem echten Schluss gekommen bin. Über Anregungen und Lösungsansätze im Blog würde ich mich freuen. Selbstverständlich nichts für potentielle Leser! Deswegen gibt es dafür einen eigenen Thread.

Als Fazit gibt es noch zu sagen, schade, dass es dem Verlag offensichtlich peinlich ist, dass der renommierte Krimiautor einen Science Fiction Roman geschrieben hat. Schaut einfach selbst mal bei Piper auf die Seite. Kein Sterbenswörtchen von Außerirdischen und kosmischen Agenten. Aber ihr werdet sehen, es ist so.

Steinfest, Heinrich

“Gewitter über Pluto”

Hardcover Piper Verlag

€ 19,95

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