Benjamin Myers "Strandgut" …und ein kurzer Blick zurück auf "Offene See"
von Gerd am 19. Oktober 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Benjamin Myers
Strandgut
Ü: Werner Löcher-Lawrence
Köln, DuMont Buchverlag, 2026, 288 S.
ISBN 9783755805922/ 14,00 Euro
Taschenbuch
Ich habe gerade Offene See von Benjamin Myers noch einmal als Hörbuch gehört – eine Empfehlung, die ich damals über die Besprechung von Mister Endres bei uns auf der Seite aufgegriffen hatte. Das Hörbuch war erneut ein wundervolles Erlebnis und hat mich auf einer langen Fahrt hervorragend unterhalten. Dieser Roman ist schlichtweg Soulfood.
Umso gespannter war ich auf sein neues Werk: Seit Juli ist Strandgut als Taschenbuch bei DuMont erhältlich. Natürlich passt auch dieser Roman nicht direkt in unser phantastisches Sortiment – aber es war noch nie verkehrt, den Blick über den Tellerrand zu wagen, wenn echte Erzählkunst wartet.
Im Mittelpunkt steht Earlon „Bucky“ Bronco – ein siebzigjähriger Witwer aus der Nähe von Chicago, der nach dem Verlust seiner Frau träge, geplagt von körperlichen Gebrechen und Schmerzmitteln, nur noch die Tage zählt. Doch hinter diesem gebrochenen. alten Bucky verbirgt sich eine unerwartete Vergangenheit. In seinen jungen Jahren nahm er ein paar Soul-Singles auf, die in den USA ziemlich sang- und klanglos untergingen und heute längst vergessen sind. Was er nicht ahnt, jenseits des Atlantiks, in der englischen Northern-Soul-Szene, wurden ebenjene vergessenem Raritaten über die Jahrzehnte zu Kultklassikern erhoben.
Als ihn völlig unerwartet die Einladung zu einem Festival im nordenglischen Scarborough erreicht, fasst er einen schier wahnwitzigen Entschluss. Der Mann, der noch nie in seinem Leben das Meer gesehen geschweige denn im Flugzeug gesessen hat, bricht auf.
Und dort, im rauen Küstenwind der alten Welt und durch die unverstellte Begegnung mit einer britischen Supermarktangestellten, die seine Musik liebt, beginnt Buckys mühsamer, aber leise berührender Weg zurück ins Leben.
Dass Strandgut im Feuilleton und in der Wahrnehmung bisher deutlich ruhiger besprochen wurde als "Offene See", liegt meiner Meinung nach keinesfalls an der Qualität, sondern an der übermächtigen Messlatte. Strandgut ist wieder ein leises Meisterwerk. Aber es steht im langen Schatten eines gefeierten Überraschungserfolges. Der Roman "Offene See" war ein phänomenaler Bestseller (Wie Mister Endres damals bereits geschrieben hat wurde der Roman unter anderem zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels gekürt – für mich eine der ehrlichsten und bedeutendsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum, weil sie direkt von den Menschen kommt, die täglich in Läden stehen und mit Menschen sprechen). Auch die Presse überschlug sich mit Lob für Myers’ poetische Sprachgewalt und die nostalgische Wärme der Geschichte.
Auch Strandgut schlägt leise, melancholischere Töne an. Wo die Literaturkritik den Roman aufgreift, lobt sie erneut Myers’ feines Gespür für Landschaftsporträts und gebrochene Charaktere. Dass die Resonanz in den sozialen Medien und Bestsellerlisten verhaltener ausfällt, tut dem Leseerlebnis keinen Abbruch – es macht Strandgut vielleicht sogar zu einem echten (Geheim)tipp für all jene, die die ruhigen, tiefgründigen Zwischentöne lieben.
Da Mister Endres damals zurecht die Übersetzung gelobt hat, muss ich auch an dieser Stelle ein paar Worte dazu verlieren. Ich war erst etwas skeptisch, hatte aber beim Lesen schnell das Gefühl, dass die Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence hervorragend zu diesem Buch passt – womöglich sogar noch einen Ticken passender als das (zweifellos sehr gute) Gespann Ulrike Wasel und Klaus Timmermann bei "Offene See". Löcher-Lawrence trifft diesen erdigen, melancholischen und zugleich leise schwingenden Tonfall von Bucky und die entsprechende Stimmung der englischen Küste auf den Punkt.
Benjamin Myers ist in meinen Augen ein Autor, der mit dem Herzen schreibt und die Herzen berührt. Das Geniale an seinen Werken ist, dass es im Grunde Liebesgeschichten sind – ohne je (konventionelle) Liebesgeschichten zu sein. Es sind Huldigungen an das Leben, an die Musik, an die Natur und an das menschliche Miteinander. Seine Charaktere sind stets eigenwillig, besonders und dabei durchweg glaubwürdig. Nie und an keiner Stelle verlässt der Autor den Rahmen dessen, was man gerne lesen würde. Alle Gefühle wirken echt, authentisch und tief verwurzelt.
Eine wunderbare Wohlfühl-Lektüre und eine dicke Empfehlung für alle, die gute Geschichten zu schätzen wissen.
Und wenn ihr "Offene See" noch nicht gelesen haben solltet, könnt ihr ja nochmal auf die Rezi von Mister Endres schauen. Ich kann ihm nur zustimmen. "Jeder bräuchte eine Dulcie."
- Kategorien: Bücher , Gerds Lesestapel
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von Gerd am 19. Oktober 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Benjamin Myers
Strandgut
Ü: Werner Löcher-Lawrence
Köln, DuMont Buchverlag, 2026, 288 S.
ISBN 9783755805922/ 14,00 Euro
Taschenbuch
Ich habe gerade Offene See von Benjamin Myers noch einmal als Hörbuch gehört – eine Empfehlung, die ich damals über die Besprechung von Mister Endres bei uns auf der Seite aufgegriffen hatte. Das Hörbuch war erneut ein wundervolles Erlebnis und hat mich auf einer langen Fahrt hervorragend unterhalten. Dieser Roman ist schlichtweg Soulfood.
Umso gespannter war ich auf sein neues Werk: Seit Juli ist Strandgut als Taschenbuch bei DuMont erhältlich. Natürlich passt auch dieser Roman nicht direkt in unser phantastisches Sortiment – aber es war noch nie verkehrt, den Blick über den Tellerrand zu wagen, wenn echte Erzählkunst wartet.
Im Mittelpunkt steht Earlon „Bucky“ Bronco – ein siebzigjähriger Witwer aus der Nähe von Chicago, der nach dem Verlust seiner Frau träge, geplagt von körperlichen Gebrechen und Schmerzmitteln, nur noch die Tage zählt. Doch hinter diesem gebrochenen. alten Bucky verbirgt sich eine unerwartete Vergangenheit. In seinen jungen Jahren nahm er ein paar Soul-Singles auf, die in den USA ziemlich sang- und klanglos untergingen und heute längst vergessen sind. Was er nicht ahnt, jenseits des Atlantiks, in der englischen Northern-Soul-Szene, wurden ebenjene vergessenem Raritaten über die Jahrzehnte zu Kultklassikern erhoben.
Als ihn völlig unerwartet die Einladung zu einem Festival im nordenglischen Scarborough erreicht, fasst er einen schier wahnwitzigen Entschluss. Der Mann, der noch nie in seinem Leben das Meer gesehen geschweige denn im Flugzeug gesessen hat, bricht auf.
Und dort, im rauen Küstenwind der alten Welt und durch die unverstellte Begegnung mit einer britischen Supermarktangestellten, die seine Musik liebt, beginnt Buckys mühsamer, aber leise berührender Weg zurück ins Leben.
Dass Strandgut im Feuilleton und in der Wahrnehmung bisher deutlich ruhiger besprochen wurde als "Offene See", liegt meiner Meinung nach keinesfalls an der Qualität, sondern an der übermächtigen Messlatte. Strandgut ist wieder ein leises Meisterwerk. Aber es steht im langen Schatten eines gefeierten Überraschungserfolges. Der Roman "Offene See" war ein phänomenaler Bestseller (Wie Mister Endres damals bereits geschrieben hat wurde der Roman unter anderem zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels gekürt – für mich eine der ehrlichsten und bedeutendsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum, weil sie direkt von den Menschen kommt, die täglich in Läden stehen und mit Menschen sprechen). Auch die Presse überschlug sich mit Lob für Myers’ poetische Sprachgewalt und die nostalgische Wärme der Geschichte.
Auch Strandgut schlägt leise, melancholischere Töne an. Wo die Literaturkritik den Roman aufgreift, lobt sie erneut Myers’ feines Gespür für Landschaftsporträts und gebrochene Charaktere. Dass die Resonanz in den sozialen Medien und Bestsellerlisten verhaltener ausfällt, tut dem Leseerlebnis keinen Abbruch – es macht Strandgut vielleicht sogar zu einem echten (Geheim)tipp für all jene, die die ruhigen, tiefgründigen Zwischentöne lieben.
Da Mister Endres damals zurecht die Übersetzung gelobt hat, muss ich auch an dieser Stelle ein paar Worte dazu verlieren. Ich war erst etwas skeptisch, hatte aber beim Lesen schnell das Gefühl, dass die Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence hervorragend zu diesem Buch passt – womöglich sogar noch einen Ticken passender als das (zweifellos sehr gute) Gespann Ulrike Wasel und Klaus Timmermann bei "Offene See". Löcher-Lawrence trifft diesen erdigen, melancholischen und zugleich leise schwingenden Tonfall von Bucky und die entsprechende Stimmung der englischen Küste auf den Punkt.
Benjamin Myers ist in meinen Augen ein Autor, der mit dem Herzen schreibt und die Herzen berührt. Das Geniale an seinen Werken ist, dass es im Grunde Liebesgeschichten sind – ohne je (konventionelle) Liebesgeschichten zu sein. Es sind Huldigungen an das Leben, an die Musik, an die Natur und an das menschliche Miteinander. Seine Charaktere sind stets eigenwillig, besonders und dabei durchweg glaubwürdig. Nie und an keiner Stelle verlässt der Autor den Rahmen dessen, was man gerne lesen würde. Alle Gefühle wirken echt, authentisch und tief verwurzelt.
Eine wunderbare Wohlfühl-Lektüre und eine dicke Empfehlung für alle, die gute Geschichten zu schätzen wissen.
Und wenn ihr "Offene See" noch nicht gelesen haben solltet, könnt ihr ja nochmal auf die Rezi von Mister Endres schauen. Ich kann ihm nur zustimmen. "Jeder bräuchte eine Dulcie."
- Kategorien: Bücher , Gerds Lesestapel
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