Horsts Bibliothek

Wer könnte besser geeignet sein, über Bücher zu schreiben, als Horst Illmer. Autor des Magazins Phantastisch! Weggefährte meines Vaters und Herausgeber einer Bibliographie über phantastische Literatur.

Berge Meere und Giganten

von am 3. April 2024 noch kein Kommentar

Alfred Döblin
BERGE MEERE UND GIGANTEN.
Nachwort: Gabriele Sander
Frankfurt, Fischer Taschenbuch, 2013, 656 S.
ISBN 978-3-596-90464-8 / 14,99 Euro

Alfred Döblin (1878–1957) war Arzt und zugleich einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Expressionismus, Verfasser von Romanen, Erzählungen, Essays, Theaterstücken und Reiseberichten sowie 1949 Mitbegründer der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Bekannt ist er noch heute vor allem durch seinen Roman BERLIN ALEXANDERPLATZ.

Vor genau einhundert Jahren, 1924, erschienenen sein einziger Zukunftsroman BERGE MEERE UND GIGANTEN, in dem Döblin vom Fortgang der Menschheitsgeschichte vom 23. bis ins 27. Jahrhundert berichtet. Das (in neun Großkapitel unterteilte) Buch widmet sich dabei, neben einer Vielzahl weiterer Themen, vor allem dem Verhältnis von Mensch und seiner Umwelt – ein Genre, das inzwischen als „climate fiction“ weltweit Bedeutung und Anerkennung gefunden hat. Allerdings schreibt Döblin radikaler und anspruchsvoller (und „politisch unkorrekter“) als die meisten Gegenwartsautor*innen.

Im 23. Jahrhundert haben „Die westlichen Kontinente“ die nationalen und rassischen Grenzen überwunden. Die Staatengebilde der alten Zeit haben sich aufgelöst, Völker und Nationen sind vermischt. Es herrscht jedoch keine utopische Egalität; „Herrenmenschen“ regieren in Stadtschaften wie London, Brüssel, Berlin oder New York über die „Massenmenschen“. Mittels eines Wissens- und Waffenmonopols halten einige wenige Herrscherfamilien die Massen in Schach. Eine totale Technisierung, gepaart mit der Auflösung der Landwirtschaft, führt zu großen Kon­flikten. Die Menschen verstehen sich nicht mehr als Teil der Natur. Künstliche Ernährung, allgemeine Arbeitslosigkeit, Lange­weile und der trotzdem vorhandene materielle Überfluss führen zu Massenpsychosen, Gewaltorgien, Zerstörungswut und undifferenziertem Hass. Um das Volk wieder ruhig zu stellen, muss ein Krieg her.

„Der uralische Krieg“ im 25. Jahrhundert lässt riesige Heerscharen gen Osten, nach Asien, zie­hen. Ausgestattet mit veralteten Waffen und von ihren Führern zynisch zu „Kanonenfutter“ erklärt, sollen sich die überschüssigen Energien so entladen. Dummerweise wollen die Asiaten aber keine Invasoren im Land und schlagen mit einer unerwarteten Wucht und gigantischen Kriegswaffen zurück. Die völlige Vernichtung Osteuropas und vieler Millionen Menschen sind das Ergebnis des Kriegszuges. Politische Erdbeben folgen dieser Wahnsinnsaktion.

Das dritte Buch „Marduk“ beschäftigt sich mit den Konse­quenzen: Marduk, Konsul von Berlin, wird wichtigste Kraft im politischen Leben der Welt. Er entmachtet „die Täuscher“ und versucht eine Synthese zwischen Technik und Natur. Es entspannt sich eine Auseinandersetzung zwischen Befürwortern des synthetischen Lebens und den Apologeten der Rückbesinnung, zwischen dem Hedonismus einer kleinen Oberschicht und dem Bedürfnis der Vielen nach Glück in einem selbstverantwortlichen, durch eigene Produktivität gestalteten Leben. Aber indem Marduk seinen Weg zur „Rettung“ der Menschen vor der Vernichtung durch die Technik mittels brutalster Methoden durchzusetzen versucht, scheitert er. Zuletzt vernichten ihn die Heere der angrenzenden Stadtschaften, welche seinem Treiben nicht mehr länger zuschauen mögen.

Wie alles Böse immer auch Gutes bewirkt, so war Marduks Wollen nicht folgenlos. „Das Auslaufen der Städte“ nennt Döblin die Rebellion der „Siedler“. Während die Städter immer mehr körperlich und geistig verkümmern, breiten sich auf den riesigen, seit Jahrhunderten leeren Landflächen verschiedenste Natur- und Siedlergruppen aus. Sie kehren zurück zum Kreatürlichen. Diese Fluchtbewegung, für die Stadtschaften ein langsames Ausbluten der Eliten, führt fast zum Zusammenbruch des bisher Erreichten. Wieder wird ein Plan ersonnen, durch den die Herrscher die Menschen kontrollieren können. Delvil, Delegierter der Stadt London, schlägt die Enteisung Grönlands vor. Mit diesem Menschheitsprojekt soll gleichzeitig die Degeneration der Städter gestoppt und die Siedlerbewegung kanalisiert und kontrolliert werden.

Delvils Plan gelingt. „Island“ ist das erste Ziel auf dem Weg zu neuem Lebensraum. Erfasst von Pioniertaumel, versehen mit den neuesten technischen Errungenschaften folgen die Menschen dem Wissenschaftler Kylin ins Nordmeer. Islands Vulkane werden gesprengt, die gigantischen Naturkräfte werden in „Turmalin“-Netzen gespeichert. In dieser ersten Etappe scheint der Plan übermäßig zu gelingen. Niemals fühlte sich der Mensch der Natur näher als beim Eindringen ins Erdinnere. Die unermesslichen Licht- und Hitzefelder, die „abgeerntet“ werden, führen trotz vieler tausend Opfer zu rauschhaften Zuständen bei den Arbeitern.

Als nun „Die Enteisung Grönlands“ beginnt, zeigen sich die ersten unerwarteten Nebenwirkungen. Die mit den Turmalinnetzen beladenen Schiffe werden zu Inseln wuchernder Fruchtbarkeit im eiskalten Norden. Im Packeis kreuzend und langsam auf Grönland zusteuernd wachsen richtige Tang-Wälder, in denen sich Vögel und anderes Getier niederlassen, auf den eisernen Schiffen. Ständig von Walen und Fischschwärmen umgeben erleben auch die Besatzungen einen Gemütszustand, der zu zügellosen sexuellen Ausschweifungen führt. Die Führer der Expedition, zusammengeschweißt von den gemeinsam überstandenen Gefahren, getrennt von den ideologischen und politischen Wurzeln der Städte, nähern sich in ihrer Einstellung den Siedlern immer mehr an. Doch gerade diese Weltsicht erlebt mit dem Beginn der Enteisungsaktion einen unerwarteten Rückschlag. Die Natur selbst wehrt sich. Vögel sterben, Wirbelstürme brechen über die Flotte herein, Angst und Entsetzen ergreift die Gemüter der Menschen, so dass sie in Panik fliehen. Erst viele Jahre später trauen sich einzelne Späher wieder an Grönland heran. Was sie sehen, ist unglaublich: Reptilien, Flugechsen ungeheure Drachenwesen haben ihren Jahrmillionenschlaf beendet und sind wieder lebendig. Und sie brauchen Raum! Eine Welle von hungrigen Kreaturen kommt auf Europa zu.

Unterdessen entdeckt man, dass die Turmalinschleier, welche für diese Entwicklung verantwortlich sind, noch weitere Kräfte enthalten. Alle Materie kann durch das Turmalin verbunden und verwandelt werden. Sofort werden Freiwillige, die sich opfern und bereit sind, mit Steinen und Tieren eine Synthese eingehen, als lebendiger Schutzwall gegen die Ungeheuer eingesetzt. Gleichzeitig beginnt der Rückzug der verunsicherten Menschheit unter die Erde. Die Städte und ihre Bewohner ziehen sich in die Tiefe zurück. Sie sind, bei völligem Erhalt ihres gewohnten Luxuslebens, nun nur noch Höhlenmenschen.

Ihre machtgierigen Führer verwandeln sich mittels Turmalin in „Giganten“. Diese riesigen Turmwesen verlieren ihre Menschlichkeit und halten sich immer mehr für Götter. Sie tummeln sich an der Oberfläche, veranstalten sinnlose Wettkämpfe und verfallen trotz ihrer Allmacht immer mehr ins Primitive. In einer „Götterdämmerung“ vernichten sie sich letztendlich selbst.

Übrig bleiben nur die Siedler, welche, geleitet von „Venaska“, ein auf die Natur ausgerichtetes Leben beginnen. Venaska ist eine Bekannte Kylins und trägt viele Züge der Göttin Venus in sich. Ihr Hauptwesenszug ist eine absolute Bejahung des Lebens und die Bereitschaft Liebe zu geben. Angesiedelt in den gemäßigten Zonen Südfrankreichs beginnen die Menschen ein neues Leben. Schließlich gesellen sich auch die Überlebenden der Grönlandexpedition zu ihnen. Geläutert durch die Ereignisse wagen sie einen Neubeginn.

Döblins Roman nimmt unter den literarischen Zukunftsvorstellungen einen herausragenden Platz ein. Wie kein zweiter Autor beherrscht er den lyrisch-expressiven Stil. Nie wurde der Gegensatz „Mensch – Natur“ intensiver untersucht, kaum jemals wurde der erzählerische Bogen vom Schicksal des Einzelnen bis zu einem den ganzen Planeten betreffenden Ereignis weiter gespannt. Während der Erzählung bleibt über lange Zeit unklar, auf welcher Seite die Sympathie des Autors liegt. Erst in der schlussendlichen Aussöhnung mit der Natur bekennt sich Döblin zur utopischen Tradition.

Horst Illmer

Alfred Döblin
BERGE MEERE UND GIGANTEN.
Nachwort: Gabriele Sander
Frankfurt, Fischer Taschenbuch, 2013, 656 S.
ISBN 978-3-596-90464-8 / 14,99 Euro

Alfred Döblin (1878–1957) war Arzt und zugleich einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Expressionismus, Verfasser von Romanen, Erzählungen, Essays, Theaterstücken und Reiseberichten sowie 1949 Mitbegründer der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Bekannt ist er noch heute vor allem durch seinen Roman BERLIN ALEXANDERPLATZ.
Vor genau

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Der Ozean am Ende der Straße

von am 25. März 2024 noch kein Kommentar

Neil Gaiman
DER OZEAN AM ENDE DER STRASSE. Roman.
Übersetzung: Hannes Riffel, Illustrationen: Elise Hurst
(THE OCEAN AT THE END OF THE LANE / 2013)
Köln, Eichborn, 2021, 336 S.
ISBN 978-3-8479-0071-9 / 25,00 Euro

Es ist Sonntagnachmittag und draußen regnet es seit Stunden und es ist so dunkel, dass man drinnen fast Licht machen müsste, um zu lesen – aber es geht auch, wenn man sich ganz nah ans Fenster setzt –, und ich bin glücklich und zufrieden und wenn ich eine Katze wäre, würde ich jetzt schnurren, so gut fühlt es sich an, nach den letzten Seiten von Neil Gaimans Roman DER OZEAN AM ENDE DER STRASSE das Buch zu schließen und vorsichtig wegzulegen.

In den letzten 48 Stunden war ich mit einigen ganz ungewöhnlichen Charakteren zusammen auf einer Farm in England und habe gespannt den Erinnerungen des Ich-Erzählers gelauscht, eines Mannes „im besten Alter“, der hier vor vielen Jahren als Siebenjähriger seine Ferien verbrachte und dabei die elfjährige Lettie Hempstock kennen lernte – die schon sehr lange Zeit elf Jahre alt war – und mit ihr gemeinsam ein Abenteuer erleben durfte, das sein weiteres Leben mehr prägte, als er glaubt und das er sich erst langsam wieder zusammenreimen muss, dort am Ufer eines Ententeiches sitzend, von dem Lettie behauptete, es sei ein Ozean.

DER OZEAN AM ENDE DER STRASSE gehört zu jener Sorte von Büchern, die man in jedem Alter lesen kann – und vermutlich auch unabhängig vom Geschlecht – und die man gut auch an fast jeden Menschen verschenken kann, von dem man weiß, dass sie oder er Bücher liest. Allerdings sollte man niemals fragen, wie es gefallen hat. Denn, wie sagt Großmutter Hempstock so schön: „Verschiedene Leute erinnern sich an verschiedene Dinge und es gibt keine zwei Menschen, deren Erinnerung an etwas übereinstimmt, ob sie nun dabei waren oder nicht.“

Neil Gaiman ist als Autor so wenig zu greifen wie Stephen King. Beide haben als Genre-Autoren angefangen, sind inzwischen jedoch als Schriftsteller so weit gereift, dass ihnen keine Schublade mehr passt. Die Schatten, die sie mit ihren Büchern nunmehr zu werfen in der Lage sind, fallen hin und wieder sogar auf die Schreibtische der etablierten Literaturkritik, weshalb alle heiligen Zeiten auch im Feuilleton eine verwundert-begeisterte Besprechung erscheint, deren Tenor das immer gleiche „Ach, dass der so etwas Gutes zu schreiben vermag, hätte ich nicht gedacht!“ ist. Worüber wir Leserinnen und Leser der ersten Stunde, wir Fans von SANDMAN und NIEMALSLAND, von AMERICAN GODS und GRAVEYARD BOOK, die wir die wundervolle, mitreißende, begeisternde Prosa Neil Gaimans kennen, immer wieder nur amüsiert den Kopf zu schütteln vermögen.

Es ist immer noch das gleiche verregnete Wochenende, an dem ich DER OZEAN AM ENDE DER STRASSE von vorne bis hinten durchgelesen habe und dann im Anschluss diesen Text in die Tasten klopfte – aber der Himmel klart langsam auf, die Sonne kämpft sich durch die Regenwolken, dabei kräftig vom Wind unterstützt, die nassen Straßen beginnen zu trocknen und bevor ich mir jetzt einen Tee bereite, mit „Milch und Zucker, wie es sich gehört“ und so „heiß und wunderbar stark, da würde ein Löffel drin stecken bleiben“, werde ich noch einen Spaziergang unternehmen. Nur um sicher zu gehen, dass der Ententeich auf der anderen Seite meines Dorfes noch so ruhig und friedlich daliegt, wie ich ihn in Erinnerung habe.

Horst Illmer

Neil Gaiman
DER OZEAN AM ENDE DER STRASSE. Roman.
Übersetzung: Hannes Riffel, Illustrationen: Elise Hurst
(THE OCEAN AT THE END OF THE LANE / 2013)
Köln, Eichborn, 2021, 336 S.
ISBN 978-3-8479-0071-9 / 25,00 Euro

Es ist Sonntagnachmittag und draußen regnet es seit Stunden und es ist so dunkel, dass man drinnen fast Licht machen müsste, um zu lesen – aber es geht auch, wenn

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Erdling

von am 28. Februar 2024 noch kein Kommentar

Emma Braslavsky
ERDLING. Roman.
Berlin, Suhrkamp, 2023, 425 Seiten
ISBN 978-3-518-43101-6
Hardcover / 26,00 Euro

Nur weil ich das Buch zu spät in die Hände bekommen und jetzt erst gelesen habe, ist die 1971 in Erfurt geborene, inzwischen in Berlin lebende, Emma Braslavsky mit ihrem im Dezember 23 veröffentlichten Roman, der den hübschen, sofort an Science Fiction erinnernden Titel ERDLING trägt, an einer Empfehlung im „Adventskalender“ der Romanboutique vorbeigeschrammt.

Braslavsky, die nicht nur Vorlagen für OSCAR-nominierte Filme schreibt und mehrere Literaturpreise gewonnen hat, ist spätestens seit ihrem im letztenJahr mit einem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichneten SF-Hörspiel DIE NACHT WAR BLEICH, DIE LICHTER BLINKTEN nicht mehr aus der deutschen Phantastik wegzudenken.

Wie sehr sie allerdings in dieses Genre „eingetaucht“ ist, wird erst bei der Lektüre von ERDLING so richtig klar. Nicht nur der Plot um eine von Aliens entführte Sahra Wagenknecht ist so außergewöhnlich und originell wie selten in der deutschen Science Fiction der letzten Jahrzehnte, auch der frech-direkte Stil ist ein Alleinstellungsmerkmal, und die Auswahl der Protagonist*innen und Schauplätze deuten auf ein vertieftes Studium der Geschichte des deutschsprachigen Zukunftsromans hin. So besucht die mit dem Auffinden der Entführten beauftrage Detektiv*in Emma Erdling, unterstützt unter anderem von Hanns Heinz Ewers (!), die von Johannes Kepler ersonnenen Mondbewohner ebenso wie die marsianischen Numen von Kurd Laßwitz, springt in der Zeit umher wie ein Flaschenteufelchen und diskutiert alternative Weltlinien mit Voltaire und Thomas Mann.

Diese Reise durch multiple Literatur-Universen gleicht einer ebenso wilden wie vergnüglichen Fahrt in einer Galaxien umspannenden Achterbahn. Da lässt sich auf „Thank you for traveling with me!“, Braslavskys letzten Satz im Buch, nur mit einem „Danke, dass wir dabei sein durften“ antworten.

Horst Illmer

Emma Braslavsky
ERDLING. Roman.
Berlin, Suhrkamp, 2023, 425 Seiten
ISBN 978-3-518-43101-6
Hardcover / 26,00 Euro

Nur weil ich das Buch zu spät in die Hände bekommen und jetzt erst gelesen habe, ist die 1971 in Erfurt geborene, inzwischen in Berlin lebende, Emma Braslavsky mit ihrem im Dezember 23 veröffentlichten Roman, der den hübschen, sofort an Science Fiction erinnernden Titel ERDLING trägt, an einer Empfehlung im

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Ein Fluss so rot und schwarz

von am 14. Februar 2024 noch kein Kommentar

Anthony Ryan
EIN FLUSS SO ROT UND SCHWARZ. Roman.
Ü: Sara Riffel
(Red River Seven / 2023)
Stuttgart, Tropen, 2023, 269 S.
ISBN 978-3-608-50179-7 / 22,00 Euro

Anthony Ryan ist ein schottischer Schriftsteller, der seit einigen Jahren mit epischen Fantasy-Romanen (Die RABENSCHATTEN-Trilogie, DRACONIS MEMORIA, DER STÄHLERNE BUND) große Erfolge feiert. Im Herbst 2023 erschien jedoch im Tropen Verlag der Roman EIN FLUSS SO ROT UND SCHWARZ, der ganz offensichtlich keine Fantasy war, sondern wohl eher als Nach-Katastrophen-Thriller bezeichnet werden kann. (Außerdem hat das Buch nur 270 Seiten und keine Fortsetzung!)

Vermutlich wollte Ryan einfach einmal in andere Gefilde eintauchen und das ist ihm, so viel darf schon hier verraten werden, auf erstaunlich eindringliche Weise gelungen. Die Geschichte beginnt damit, dass jemand Selbstmord begeht und mit dem Knall seiner Pistole einen Mann weckt, der zuerst einmal feststellt, dass er weder weiß, wo er sich befindet, noch warum er da ist, und auch keine Ahnung hat, wie er heißt. Allerdings verrät ihm ein kurzer Rundblick und das Schwanken des Bodens, dass er sich auf einem Schiff befindet. Als er den Toten untersucht, stellt er fest, dass dieser die Tätowierung „Conrad“ auf dem Unterarm trägt. Bei ihm selbst steht da „Huxley“ – na, und als dann noch „Plath“, „Rhys“, „Pynchon“, „Golding“ und „Dickinson“ auftauchen, ist die Truppe vollständig. Dass sie alle nicht wissen wo und wer sie sind, deutet darauf hin, dass ihr Zusammentreffen nicht zufällig ist. Zudem fährt das Schiff, offenbar ferngesteuert, übers offene Meer. Sie finden an Bord jede Menge Waffen, Nahrung – und viele verschlossene Türen. Dann klingelt ein Satellitentelefon und eine synthetische Stimme gibt ihnen erste Anweisungen.

Offenbar müssen sie die Themse hinauf nach London fahren und dort eine bestimmte Aufgabe erfüllen. Dabei erwarten sie diverse Hindernisse und Gefahren, über deren Beschaffenheit sie von der Telefonstimme jedoch nur spärliche Informationen erhalten. Aber es wird schnell klar, dass der Sprengstoff und die vielen Waffen nicht zufällig an Bord sind …

Bei dieser Art von literarischem Versteckspiel ist es für den Rezensenten immer schwer, die Balance zu finden zwischen dem, was auf gar keinen Fall verraten werden darf und den Informationen, mit denen Leserinnen und Leser neugierig gemacht werden. Also stelle ich mal folgende Behauptungen auf: EIN FLUSS SO ROT UND SCHWARZ ist ein überaus flottes, hervorragend konzipiertes Stück Abenteuerliteratur, angereichert mit einer sehr plastisch beschriebenen, unterhaltsamen und überraschenden Handlung und sechs (oder eigentlich sieben) klug charakterisierten Protagonist*innen.

Der Roman kommt nach 270 Seiten atemloser Spannung zu einem überraschenden, jedoch zufriedenstellenden Ende – und es sollte niemanden wundern, wenn es in naher Zukunft dazu einen Kinofilm oder eine Mini-Serie gibt.

Horst Illmer

Anthony Ryan
EIN FLUSS SO ROT UND SCHWARZ. Roman.
Ü: Sara Riffel
(Red River Seven / 2023)
Stuttgart, Tropen, 2023, 269 S.
ISBN 978-3-608-50179-7 / 22,00 Euro

Anthony Ryan ist ein schottischer Schriftsteller, der seit einigen Jahren mit epischen Fantasy-Romanen (Die RABENSCHATTEN-Trilogie, DRACONIS MEMORIA, DER STÄHLERNE BUND) große Erfolge feiert. Im Herbst 2023 erschien jedoch im Tropen Verlag der Roman EIN FLUSS SO ROT UND SCHWARZ,

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Dex & Helmling

von am 24. Januar 2024 noch kein Kommentar

Becky Chambers
EIN PSALM FÜR DIE WILD SCHWEIFENDEN.
Dex & Helmling 1
Ü: Karin Will
(A Psalm for the Wild-Build / 2021)
Wittenberge, Carcosa, 2024, 188 S.
ISBN 978-3-910914-10-0 / 18,00 Euro

 

EIN GEBET FÜR DIE ACHTSAM SCHREITENDEN.
Dex & Helmling 2
Ü: Karin Will
(A Prayer for the Crown-Shy / 2022)
Wittenberge, Carcosa, 2024, 182 S.
ISBN 978-3-910914-12-4 / 18,00 Euro

Dem erfolgreichen ersten Programm des Carcosa Verlags (siehe dazu meine diversen Besprechungen in den letzten Monaten) folgten im Januar 2024 gleich zwei neue Bücher von Becky Chambers, die sowohl die Programmintentionen (topaktuelle Titel anstelle der großen Klassiker) als auch die Optik (Hardcover im Taschenbuchformat, farbig illustrierte Einbände) von Carcosa deutlich bereicherten.

Mit EIN PSALM FÜR DIE WILD SCHWEIFENDEN und EIN GEBET FÜR DIE ACHTSAM SCHREITENDEN liegen hier zwei in den USA äußerst erfolgreiche Novellen (die sich zu einem „Doppelroman“ ergänzen) der auch bei uns sehr erfolgreichen Autorin vor, in denen auf augenzwinkernd-humorvolle Weise die Utopie einer ökologisch und sozial erfolgreichen Mensch-Roboter-Natur-Beziehung beschrieben wird.

Die Story spielt auf einem bewohnten Mond, dessen Bewohner vor langer Zeit von ihren mit Selbstbewusstsein ausgestatteten Robotern verlassen wurden und seither ihre Zivilisation zu einem gewissen Einklang mit ihrer Umwelt entwickelt haben. Auf einer Selbstfindungsreise in die Wildnis trifft Teemönch Dex überraschend auf Helmling, einen Roboter, der sich als Begleiter anbietet …

Die Übersetzung von Karin Will nimmt dabei gekonnt die genderspezifisch-sprachlichen Besonderheiten von Chambers’ Original auf und transformiert die Erzählung in ein schlüssiges (und flüssiges) Deutsch, das bereits nach wenigen Seiten zum Genuss des Textes beiträgt. Wie immer bei Becky Chambers bewirkt bereits der erste Satz einen Sog, der ihre Leser*innen erst nach der letzten der zusammen fast 400 Seiten wieder loslässt.

Deshalb meine Empfehlung: gleich beide Bändchen besorgen und die dafür nötige Zeit einplanen!

Horst Illmer

Becky Chambers
EIN PSALM FÜR DIE WILD SCHWEIFENDEN.
Dex & Helmling 1
Ü: Karin Will
(A Psalm for the Wild-Build / 2021)
Wittenberge, Carcosa, 2024, 188 S.
ISBN 978-3-910914-10-0 / 18,00 Euro
 
EIN GEBET FÜR DIE ACHTSAM SCHREITENDEN.
Dex & Helmling 2
Ü: Karin Will
(A Prayer for the Crown-Shy / 2022)
Wittenberge, Carcosa, 2024, 182 S.
ISBN 978-3-910914-12-4 / 18,00 Euro
Dem erfolgreichen ersten Programm des Carcosa Verlags (siehe dazu meine diversen

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Handbuch der Planeten

von am 8. Januar 2024 1 Kommentar

Gunther Barnewald
HANDBUCH DER PLANETEN.
Reiseführer durch die Welten von Jack Vance.
Vorwort: Denis Scheck
Erkrath, Fanpro, 2023, 271 S.
ISBN 978-3-946502-03-6 / 49,80 Euro
Hardcover

Mein guter Freund Zufall stieß mich kürzlich bei Korrektur-Lese-Arbeiten auf ein bereits im Sommer 2023 erschienenes Sachbuch, das – wohl vor allem wegen seines Titels – sicher auch vielen sonst daran Interessierten bisher entgangen sein dürfte: Es handelt sich dabei um das HANDBUCH DER PLANETEN von Gunther Barnewald. Erst der Untertitel „Reiseführer durch die Welten von Jack Vance“ weist den Blick in die richtige Richtung. Es handelt sich nicht etwa um ein Hilfsmittel zur Astronomie unseres Sonnensystems, sondern um ein 270 Seiten starkes Kompendium zu Leben und Werk des US-amerikanischen Science-Fiction- und Fantasy-Großmeisters Jack Vance – im Format DIN A4 und mit einem Vorwort von Denis Scheck! Aufgeteilt in 16 reich bebilderte Kapitel betrachtet Barnewald jede Story und jeden Roman von Vance, inklusive pseudonymer Werke, gibt einen biografischen Abriss und versucht in mehreren Essays eine literaturgeschichtliche Einordnung. Ergänzend angefügt ist ein umfangreiches Interview mit dem Autor, und in der Abteilung „Anhänge“ finden wir Zeittafeln, Bibliografien, Personen- und Titelregister.

Mit diesem Buch haben deutschsprachige Jack Vance-Fans und -Forscher endlich ein Standardwerk zur Verfügung, das keine Wünsche mehr offen lässt.

Horst Illmer

Gunther Barnewald
HANDBUCH DER PLANETEN.
Reiseführer durch die Welten von Jack Vance.
Vorwort: Denis Scheck
Erkrath, Fanpro, 2023, 271 S.
ISBN 978-3-946502-03-6 / 49,80 Euro
Hardcover

Mein guter Freund Zufall stieß mich kürzlich bei Korrektur-Lese-Arbeiten auf ein bereits im Sommer 2023 erschienenes Sachbuch, das – wohl vor allem wegen seines Titels – sicher auch vielen sonst daran Interessierten bisher entgangen sein dürfte: Es handelt sich dabei um

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Adventskalender 2023 T-04: Das Science Fiction Jahr

von am 20. Dezember 2023 noch kein Kommentar

Melanie Wylutzki & Hardy Kettlitz
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2023.
Berlin, Hirnkost, 2023, 620 S.
ISBN 978-3-98857-033-8, 32,00 Euro
Klappenbroschur

Na also: Immer noch deutlich vor dem Jahresende und in der inzwischen gewohnten massiven Klappenbroschur mit den astronomischen Aufnahmen auf Vorderdeckel und Rücken liegt DAS SCIENCE FICTION JAHR 2023 vor mir. Auch diese inzwischen 38. Ausgabe des nach wie vor unverzichtbaren Almanachs wurde von Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz zusammengestellt und wie immer kann es sich sehen lassen, was die 38 Beitragenden im letzten Jahr so alles gelesen, gesehen, geschrieben, gehört, gespielt und gesammelt haben.

Natürlich gibt es wie immer die großen Abteilungen mit Übersichten und Kritiken über die neu erschienen und produzierten Bücher, Filme, Hörspiele, TV-Serien, Comics und Spiele, dann die Statistik-Ecke mit den Nachrufen, den weltweit verliehenen Preisen und der Bibliografie der in deutscher Sprache veröffentlichten Science-Fiction-Bücher.

Speziell in diesem Jahr ist das „Feature“ mit einem Dutzend Artikeln zu „Alternativer Geschichtsschreibung“ und „Pazifismus“; und aus gegebenem Anlass hat Hans Esselborn einen Schwerpunkt zum Tod von Herbert W. Franke erstellt. Mir ganz besonders gefallen hat diesmal der Essay „Die Schönheit des Unterschieds. Ursula K. Le Guin und die Ethnologie“ von Guido Sprenger, der damit knapp vor den Artikeln über Philip K. Dick bzw. Eric Frank Russell, bzw. H. G. Wells lag.

Und da ich den Rest erst im Lauf der nächsten Monate lesen werde, kann sich da auch noch was verschieben …

Horst Illmer

Melanie Wylutzki & Hardy Kettlitz
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2023.
Berlin, Hirnkost, 2023, 620 S.
ISBN 978-3-98857-033-8, 32,00 Euro
Klappenbroschur

Na also: Immer noch deutlich vor dem Jahresende und in der inzwischen gewohnten massiven Klappenbroschur mit den astronomischen Aufnahmen auf Vorderdeckel und Rücken liegt DAS SCIENCE FICTION JAHR 2023 vor mir. Auch diese inzwischen 38. Ausgabe des nach wie vor unverzichtbaren Almanachs wurde von

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Adventskalender 2023 T-21: Neurobiest von Aiki Mira (by Horst)

von am 3. Dezember 2023 noch kein Kommentar

GerdWie schon den gestrigen Beitrag möchte ich euch auch diesen nicht nicht vorenthalten. An dieser Stelle ziehe ich auch gleich vorauseilend meinen Hut vor Horst. Die heutige Doppelung meines Beitrags vom 18. Oktober ist wieder einmal sensationell. Als Titel sowieso, aber auch als Rezension.

Der Roman hat es mehr als verdient auch an dieser Stelle im Adventskalender erneut aufzutauchen. Dass Horsts Rezi dabei eine ganz eigene Qualität in sich birgt, erhöht den Wert noch zusätzlich. Im Grunde ist es einfach auf den Punkt zu bringen. Wir schwärmen beide, wenn auch in unterschiedlichen Worten. Lest heute die Adventsschwärmerei von Horst:

Aiki Mira
NEUROBIEST.
Bremen, Eridanus, 2023, 335 S.
ISBN 9783-3946348-39-9
Kartoniert / 16,00 Euro

Der von Charles Darwin ins Menschheitsbewußtsein eingeprägte Begriff der Evolution erweist sich als immer noch nicht ausgeschöpfte Quelle vielgestaltiger Möglichkeiten der Naturerkenntnis und greift inzwischen über das Materielle hinaus auch ins Imaginäre.

Mit welch anderem Beiwort sonst wäre Aiki Miras scheinbar unerschöpflich fließendes Schreiben zu erklären, in dem die Geschichten so unterschiedlich sind wie nur möglich sind und die Bücher wie Zellbausteine aufeinander aufbauen, dabei einander variiren, und sich stetig weiter entwickeln.

Nachzulesen und zu überprüfen ist diese These jetzt in NEUROBIEST, Miras im Herbst 2023 erschienenen Science-Fiction-Roman. Von Aiki Mira selbst als „Biopunk“ bezeichnet, nimmt die Geschichte Fäden und Anspielungen, Begriffe und Stimmungen aus dem schon sehr überzeugend geschriebenen Vorläuferbuch NEONGRAU auf und springt vom halb versunkenen, verdüsterten Hamburg in ein wild wucherndes und strahlendes Berlin.

Dieses zukünftige Aiki-Mira-Berlin hat sich offenbar zu einer Hauptstadt der Biologieforschung und der Erzeugung biosynthetischen Lebens entwickelt – und das nicht nur auf rechtlich unangreifbare Weise, sondern offensichtlich auch mittels mehr oder weniger illegaler Menschenversuche. Einmal in der Welt, sucht und findet auch dieses Leben seinen Weg.

Die in zwei Erzählstränge aufgeteilte Geschichte von Aruke und Riva, von Prima und Tanun, von Crispin, Kenoah, Olivia, Cem und einem halben Dutzend weiterer bemerkenswert liebenswürdiger und lebendiger Protagonisten spielt abwechselnd im Berlin des Jahres 2100 und in einem Biolabor im Amazonasgebiet zehn Jahre früher. Die Geschehnisse und ihre Folgen beschreibt Mira in einer Stil-Mischung aus absolut gegenwärtiger Sprache und einem tiefen Verständnis für klassische Science-Fiction-Elemente. Denn auch wenn in NEUROBIEST alles topaktuell auf dem Stand derzeitiger Spitzenforschung ist, so klingen als Hintergrundmelodien immer wieder Variationen an, die auf A. E. van Vogts Mutanten-Epos SLAN aus dem Jahr 1940 hinweisen oder an Theodore Sturgeons Gestalt-Zyklus MORE THAN HUMAN von 1953 erinnern (und natürlich wurden auch Michael Crichtons Werke KONGO und JURRASIC PARK nicht vergessen).

Wenn wir dann aber Sätze lesen dürfen wie diese,

Als sie auf dem Dach ankommen, werden sie bereits erwartet. Mehrere Personen stehen vor dem HQ. Crispin lässt einen Schrei los. „Ich wusste es! Da sind sie! Mein Leben ist vorbei! Kill! Over!“
Alle mustern die Fremden. Drei weiblich gelesene Personen im mittleren Alter.
„Wer ist das?“, will Aruke wissen, „Crispin hast du die Stromrechnung nicht bezahlt?“
Crispins Kinn zittert. „Das sind meine Mütter.“
Was they nicht sagt: Sie haben mich gefunden, weil ich vom Familienvermögen deine neue ID gekauft habe.
„Schön sie mal kennenzulernen“, erwidert Aruke und lächelt.
Crispin seufzt. Arukes Lächeln macht alles immer gleich irgendwie besser.
(S. 323)

dann wissen wir, dass so in Deutschland derzeit nur Aiki Mira schreiben kann! Die Wärme und Zuneigung, die hier sichtbar wird, berührt unser aller Herzen.

Es war kein Zufall, dass Aiki Miras Werke in den vergangenen zwei Jahren praktisch alle nur möglichen Genre-Preise abräumten, egal ob für Kurzgeschichten oder Romane, und es ist nach der Lektüre von NEUROBIEST auch klar, dass dies der heißeste Anwärter für die nächste Preis-Saison ist.

Horst Illmer

Wie schon den gestrigen Beitrag möchte ich euch auch diesen nicht nicht vorenthalten. An dieser Stelle ziehe ich auch gleich vorauseilend meinen Hut vor Horst. Die heutige Doppelung meines Beitrags vom 18. Oktober ist wieder einmal sensationell. Als Titel sowieso, aber auch als Rezension.
Der Roman hat es mehr als verdient auch an dieser Stelle im Adventskalender erneut aufzutauchen.

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Adventskalender 2023 T-24: Immer nach Hause

von am 30. November 2023 1 Kommentar

GerdHeute beginnt unser alljährlicher Adventskalender. Zusätzlich zu unseren "normalen" Rezensionen gibt es bis Heilig Abend täglich einen Tipp für eure Wunschzettel oder eine Idee zum verschenken. Ergänzt werden diese Beiträge durcch unsere Podcasts, die in der Adventszeit auch jeweils um diese Themen kreisen. Ideen und Tipps fürs Weihnachtsfest. Der erste Beitrag in diesem Jahr bildet gleichzeitig den Abschluss für Horsts Serie über die erste Welle von Veröffentlichungen aus einem neuen Verlag mit einem neuen Konzept. Horst hat bereits vor dem Adventskalender begonnen, euch die Werke des Carcosa Verlages vorzustellen. Mit dem heutigen Artikel schließt er diese Serie ab und bespricht gleichzeitig sein ganz persönliches Highlight aus diesem Programm. Ein würdiger Einstieg in unsere Adventstipps:

Ursula K. Le Guin
IMMER NACH HAUSE. Roman.
Deutsche Erstausgabe
Übersetzt von Matthias Fersterer, Karen Nölle und Helmut W. Pesch
Mit Illustrationen von Margaret Chodos-Irvine und Landkarten der Autorin
(ALWAYS COMING HOME / 1985/2019)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 859 S.
ISBN 978-3-910914-00-1
Hardcover / 48,00 Euro (Subskriptionspreis bis 1.5.2024, danach 58,00 Euro)

Vor mir liegt ein schon äußerlich gewichtiges Buch. Der freundlich hellbraune Einband trägt in sehr klarer Schrift den Namen der Autorin und den Titel IMMER NACH HAUSE. Dazwischen nimmt eine Illustration aus dem Hause benSwerk prominent ihren Platz ein.

Wer das Hardcover in die Hand nimmt und die 850 Seiten durch die Finger laufen lässt, erblickt ein- und mehrspaltig bedruckte Seiten, Bilder, Karten, Tabellen; wer Stichproben liest, findet Prosa, Gedichte, Stammbäume, sogar ein Wörterbuch.

Wer aber, wie das bei einem Roman ja üblich ist, von vorne beginnt, liest die Geschichte vom Volk der Kesh und wie diese Leute in der Zukunft versucht haben werden, mit der Welt zurecht zu kommen, die wir heute Lebenden ihnen hinterlassen. Die Kesh sind nicht isoliert, um ihr Siedlungsgebiet im Na-Tal (im dann ehemaligen Nordkalifornien gelegen) herum gibt es andere Stämme, Völker, Leute – und als gleichberechtigten Protagonisten die Natur.

Das Leben unserer Nachfahren wird uns hauptsächlich von Erzählstein näher gebracht, einer Kesh-Frau, die aus eigenem Entschluss fortgeht von ihren Leuten, die viel erlebt auf ihrer Reise – und am Ende dann doch für „immer nach Hause“ kommt.

Zusätzlich hat das Buch mit Pandora, der von Fernher gekommenen Sammlerin, eine allwissende Kommentatorin, deren Einlassungen wir das erzählerische Raum-Zeit-Koordinatennetz ebenso verdanken wie die übrigen Geschichten der Kesh, ihre Theaterstücke, ihre Kunstwerke, die Beschreibungen der Riten und Tänze, der Hütten und Plätze, der Tiere und Sträucher, der Jahreszeiten und Umweltgefahren, all der Dinge, die wir wissen wollen, um unser Bild dieser letztlich utopischen Gesellschaft zu vervollständigen.

(Wobei der Begriff »utopisch« im a-historischen Sinn gebraucht wird, da ja gerade die für eine Utopie typische Insel-Situation hier nicht gegeben ist. Es handelt sich vielmehr um Le Guins Vision einer möglichen Lebensweise für Leute, die im Einklang mit ihrer Welt sind.)

Aus all diesen Details ergibt sich ein überaus stimmiges, immer klarer und bunter werdendes Bild einer Gesellschaft, die sich von der unseren in vielen Punkten unterscheidet, von Le Guin aber mit so viel Mitgefühl und Empathie geschildert wird, dass wir diese Unterschiede ganz oft vergessen und hinein tauchen in ein überaus reiches und lebenswertes Dasein. Es gibt nur wenige Hinweise auf die weit zurückliegenden Ereignisse und was seither geschah oder welche „Vergangenheits-Technik“ noch in Gebrauch ist, es empfiehlt sich also ein langsames und aufmerksames Lesen.

Ja, man muss sein Gehirn schon einschalten bei der Lektüre dieses Buches, aber wer bereits andere Werke von Le Guin gelesen hat, weiß, dass das kein Problem darstellt, denn beim Lesen ihrer Texte aktiviert sich das Denken automatisch. Wer jemals in FREIE GEISTER oder DIE LINKE HAND DER DUNKELHEIT versunken ist, weiß zudem, dass dieses „Selbstdenken“ kein Hindernis darstellt, für das herzerwärmende Gefühl, mit einer lieben Freundin im Gespräch zu sein. Am Ende schließen wir das Buch mit einem zufriedenen, dankbaren, vielleicht sogar glücklichen Lächeln im Gesicht.

Dass dies so ist, dass diese Ausgabe von IMMER NACH HAUSE in der vorliegenden Form tatsächlich so gelungen ist, verdankt sich gleich mehreren glücklichen Zufällen. Zum einen konnte Le Guin vor einigen Jahren ihr Opus Magnum nochmals durchsehen und deutlich erweitern. Zum anderen gelang es, mit Karen Nölle als literarische Übersetzerin, Helmut W. Pesch als Linguist und Matthias Fersterer als an Umweltthemen und Mythologie interessierter Verleger und Übersetzer ein Team zusammenzustellen, wie es für dieses Buch nicht optimaler hätte sein können. Mit welchen Herausforderungen die Übersetzerriege konfrontiert war und auf welch stimmig-kreative Lösungen sie dafür kamen, zeigt beispielhaft bereits der erste Satz:

  • »Die Leute in diesem Buch könnten einst lang, lang nach unserer Zeit in Nordkalifornien gelebt haben werden.« (S. 13)

Hier zeigt die Autorin auf, was sie mit „Zukunftsarchäologie“ meint: eine in die Zukunft verlegte Betrachtung bereits Geschichte gewordener Ereignisse; echte, literarisch ausgefeilte Science Fiction. Auch für die Übersetzung des Roman-Titels ALWAYS COMING HOME gab Le Guin den entscheidenden Hinweis, handelt es sich doch um ein englischsprachiges Zitat aus dem Romanfragment HEINRICH VON OFTERDINGEN von Novalis, das im deutschen Originaltext „immer nach Hause“ lautet. Gemeinsam konnten die Übersetzer*innen alle durch das Original aufgeworfenen Fragen klären und so diese nicht genug zu lobende deutsche Fassung erstellen.

Dass wir diese herrlich fließende und dabei gleichzeitig wohldurchdachte und intelligent konstruierte Prosa nun endlich auch in unserer Muttersprache lesen dürfen, macht IMMER NACH HAUSE nicht zum Buch des Jahres, sondern zum Buch des Jahrzehnts!

Horst Illmer

GerdUnd noch eine interessante Ergänzung zu diesem Artikel. Ich habe diesen Artikel von Horst zusammen mit einer weitergeleiteten e-mail bekommen. Aus dem Hause "Memoranda Verlag" (welcher das Imprint Carcosa Verlag mit betreut) von Hardy Kettlitz persönlich (am Vorabend des Sendetermins). Aktuell ist die Sendung in der Mediathek zu finden. Den Inhalt dieser e-mail wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten:

"Hallo ihr Lieben,

nur zur Info, falls ihr am Sonntag gegen 23:35 Uhr noch nichts vorhabt:
Denis Scheck stellt in DRUCKFRISCH (ARD) unser Buch „Immer nach Hause“ von Ursula K. Le Guin vor.
https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/sendung-vom-19-11-2023-104.html
Unser Lieblingssatz:
»›Immer nach Hause‹ hat das Potenzial, zu einem ›Herrn der Ringe‹ einer ökologisch alarmierten Generation zu werden.«

Herzliche Grüße
Hardy."

 

Heute beginnt unser alljährlicher Adventskalender. Zusätzlich zu unseren "normalen" Rezensionen gibt es bis Heilig Abend täglich einen Tipp für eure Wunschzettel oder eine Idee zum verschenken. Ergänzt werden diese Beiträge durcch unsere Podcasts, die in der Adventszeit auch jeweils um diese Themen kreisen. Ideen und Tipps fürs Weihnachtsfest. Der erste Beitrag in diesem Jahr bildet gleichzeitig den Abschluss für Horsts

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Das lange Morgen

von am 29. November 2023 noch kein Kommentar

Leigh Brackett
DAS LANGE MORGEN. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Hannes Riffel
(THE LONG TOMORROW / 1955)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 284 S.
ISBN 978-3-910914-04-9
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Die 1915 geborene Leigh Brackett war eine der ersten Frauen, die erfolgreich Science-Fiction-Geschichten schrieben, und sie blieb dem Genre ein Leben lang treu. Allerdings verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zusätzlich in Hollywood mit dem Schreiben von Drehbüchern, darunter solche Klassiker wie RIO BRAVO und THE EMPIRE STRIKES BACK.

Wie damals üblich begann sie Anfang der 1940er Jahre mit Kurzgeschichten die später zu Romanen zusammengefasst und als Taschenbücher veröffentlicht wurden. 1955 allerdings gelang ihr mit THE LONG TOMORROW ein Meisterwerk, das bei Doubleday sofort als Hardcover veröffentlicht wurde.

Der Roman spielt in einer postapokalyptischen Zukunft, in denen die USA sich nach einem Atomkrieg in einer Phase des Neubeginns befinden, die vor allem von Landwirtschaft und Religion geprägt wird. Großstädte, Technik und Erfindungsgeist sind verpönt und werden unterdrückt. In dieser restriktiven Gesellschaft regen sich bei dem jungen Len Colter, angestachelt von seinem Vetter Esau, Widerspruchsgeist und Abenteuerlust. Gemeinsam verlassen sie ihr Heimatdorf und ziehen los, um die sagenumwobene Technikmetropole Bartorstown zu suchen …

Brackett gelingt es in ihrem Entwicklungsroman die Balance zu halten zwischen spannendem Abenteuer, psychologisch fundierten Einblicken in die Vorstellungswelten ihrer Protagonisten und den Argumenten für und gegen einen neuen technischen Fortschritt. Als Anregung für ihre ländliche Agrargesellschaft dienten ihr eine Gemeinde der Amish, die sie kennen lernte als sie mit ihrem Mann Edmond Hamilton nach Ohio gezogen war.

Auf Deutsch erschien das Werk erstmals 1959 unter dem Titel AM MORGEN EINER ANDEREN ZEIT in der Heftromanreihe UTOPIA-Großband. Sowohl diese Ausgabe als auch die 1983 erschienene Neuausgabe als UTOPIA-Taschenbuch sind stark gekürzt und fürchterlich bearbeitet.

Umso verdienstvoller ist deshalb die Veröffentlichung bei Carcosa, die von Hannes Riffel neu übersetzt wurde und den Titel DAS LANGE MORGEN trägt. Erstmals ungekürzt und mit dem nötigen Respekt übertragen, kann sich hier Bracketts Erzählkunst voll entfalten. Wenn Len am Ende des Buches gemeinsam mit seiner Frau um die Erkenntnis ringt, welchen Weg sie gemeinsam gehen sollen, wo die Zukunft ihrer Kinder liegen soll, dann ist diese Szene so intensiv nachfühlbar wie dies nur bei wirklich guter Literatur möglich ist. Mit DAS LANGE MORGEN findet ein großes Werk der US-amerikanischen Science Fiction endlich seinen Weg zu uns.

Horst Illmer

Leigh Brackett
DAS LANGE MORGEN. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Hannes Riffel
(THE LONG TOMORROW / 1955)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 284 S.
ISBN 978-3-910914-04-9
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Die 1915 geborene Leigh Brackett war eine der ersten Frauen, die erfolgreich Science-Fiction-Geschichten schrieben, und sie blieb dem Genre ein Leben lang treu. Allerdings verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zusätzlich in Hollywood mit dem Schreiben

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Babel-17

von am 27. November 2023 noch kein Kommentar

Samuel R. Delany
BABEL-17. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Jakob Schmidt
(BABEL-17 / 1966/2001)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 250 S.
ISBN 978-3-910914-02-5
Klappenbroschur / 20,00 Euro

Samuel R. Delany, Jahrgang 1942 und damit dreizehn Jahre jünger als Ursula K. Le Guin, kann mit einigem Recht in Anspruch nehmen, sowohl in seinen literarischen wie in seinen theoretischen Werken der US-amerikanische Autor zu sein, der Le Guin in jeder Weise am nächsten kommt. Aufgrund persönlicher Umstände begannen beide fast gleichzeitig mit dem veröffentlichen von Science Fiction, beide schrieben gleichermaßen Kurzgeschichten, Romane, Essays, Buchbesprechungen und Sachbücher. Beide waren enorm politisch und lieferten Texte, auf die sich Aktivist*innen aus den Bereichen Feminismus, Gender und Umweltschutz auch heute noch berufen – aber auch ebenso kluge Beiträge zur Linguistik und Philologie.

Als gelungenster Beitrag Delanys zur Sprachtheorie gilt sein überaus lesenswerter und spannender Science-Fiction-Roman BABEL-17 aus dem Jahr 1966, für den er mit dem Nebula Award ausgezeichnet wurde. Für die Aufnahme von BABEL-17 in das erste Programm von Carcosas „phantastischer Weltliteratur“ spricht also einiges: obwohl es bereits drei Taschenbuchausgaben des Textes gibt, ist das Buch seit über 25 Jahren vergriffen; zudem gelten die frühen amerikanischen Ausgaben als „korrupt“, da Delanys Manuskript sowohl Verlag wie Setzer überforderten, was der Autor erst bei späteren Ausgaben berichtigen konnte, sodass Jakob Schmidt bei seiner Neuübersetzung auf eine überarbeitete Fassung aus dem Jahr 2001 zugreifen konnte.

Die Heldin dieser als Space Opera getarnten Übung in linguistisch-semiotischer Fantasie ist Rydra Wong, eine Verbeugung Delanys vor seiner damaligen Ehefrau, der Dichterin Marilyn Hacker, deren Gedichte im Buch auch immer wieder zitiert werden. In einer weit entfernten Zukunft wird Wong vom Generalstab der Vereinigten Menschheit rekrutiert, da die galaxisweit verehrte Linguistin und Dichterin als letzte Hoffnung im intergalaktischen Krieg mit einer fast allmächtig scheinenden feindlichen Macht gilt. Tatsächlich gelingt es ihr, einen Teil der „Feindsprache Babel-17“ zu entschlüsseln und so macht sie sich auf, um im Hauptkampfgebiet ihre Theorien zu überprüfen …

Dann stellt sich jedoch heraus, dass „Babel-17“ die eigentliche Waffe ist: die Verwendung dieser Sprache ist wirklichkeitskonstituierend, d.h. was in ihr mitgeteilt wird, geschieht. Nur Wongs zusätzliche Fähigkeit der Telepathie rettet sie vor der Vernichtung und ermöglicht es ihr letztlich eine Chance für ein Ende des Krieges zu finden. Dann schreibt sie „das beste Stück Prosa“ ihrer Karriere.

Damit werden die weiteren Gründe für die Veröffentlichung von BABEL-17 ersichtlich: dass wir dieses tolle Buch endlich einmal (wieder) lesen können – und um es allen in die Hand zu drücken, die uns fragen, ob wir ihnen ein Science-Fiction-Werk zeigen können, dass es mit der besten zeitgenössischen Hochliteratur aufnehmen kann. Yes We Can!

Horst Illmer

Samuel R. Delany
BABEL-17. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Jakob Schmidt
(BABEL-17 / 1966/2001)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 250 S.
ISBN 978-3-910914-02-5
Klappenbroschur / 20,00 Euro

Samuel R. Delany, Jahrgang 1942 und damit dreizehn Jahre jünger als Ursula K. Le Guin, kann mit einigem Recht in Anspruch nehmen, sowohl in seinen literarischen wie in seinen theoretischen Werken der US-amerikanische Autor zu sein, der Le

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Vor der Revolution

von am 22. November 2023 2 Kommentare

Hannes Riffel (Hrsg.)
VOR DER REVOLUTION.
Ein phantastischer Almanach – Erste Folge.
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 278 S.
ISBN 978-3-910914-08-7
Klappenbroschur / 18,00 Euro

So etwas hat es schon lange nicht mehr gegeben. Ein neuer Verlag, spezialisiert auf herausragende Science Fiction, die mehr als bloße Unterhaltung bietet, auf Bücher, die zu Freunden fürs Leben werden, auf Lektüren, die die eigene Weltbetrachtung verändern, auf Geschichten, die Herz und Verstand gleichermaßen er­greifen und nicht mehr loslassen. Ein solcher Verlag ist Carcosa, der im Oktober 2023 sein erstes Programm herausbrachte, das aus vier absolut lesenswerten Romanen von Ursula K. Le Guin, Samuel R. Delany, Leigh Brackett und Gene Wolfe besteht.

Zur Abrundung eines solchen Programms bedarf es dann natürlich auch eines Mediums für kürzere Sachtexte (Interviews, Artikel, Essays usw.) und für Kurzgeschichten. Die literarische Form, die dafür am besten geeignet scheint, ist seit Jahrhunderten der Almanach – und damit hat Hannes Riffel früher schon gute Erfahrungen gemacht, erschienen unter seiner Ägide doch zwei Bände DAS SCIENCE FICTION JAHR und fünf Ausgaben von Pandora.

Bei Carcosa trägt die erste, von Riffel zusammengestellte, Almanach-Folge den Titel VOR DER REVOLUTION und zeugt von der riesigen Erfahrung dieses Herausgebers. Wie eine „Klammer“ umschließen die dreizehn Beiträge dieses erste Verlagsprogramm und bieten dabei zugleich auch schon qualifizierte Ausblicke auf das kommende.

Natürlich erklärt Riffel in seiner „Vorrede“ erst einmal das Wie? Wo? Was? und Warum? von Verlag und Programm und leitet dann über zur ersten Story, „Ein Einwohner von Carcosa“ von Ambrose Bierce, wobei sich auch der Verlagsname erklärt.

Es folgen nun eine Reihe von Texten, die in den meisten anderen Verlagen als Vor- bzw. Nachworte in den jeweiligen Romanen erschienen – und dort untergegangen – wären: So schreibt Julie Phillips über ihre Begegnung mit Ursula K. Le Guin (von der sich dann, ganz zwanglos, drei Stories anschließen), Helmut W. Pesch stellt Leigh Brackett als „Königin der Space Opera“ vor, Christopher Ecker beschäftigt sich mit den Rätseln, die Gene Wolfe in DER FÜNFTE KOPF DES ZERBERUS aufwirft und Clemens J. Setz macht „Bemerkungen über Samuel R. Delany“. Von Delany stammt dann auch die Novelle IMPERIUMSSTERN, die für die Neuveröffentlichung noch einmal von Autor und Herausgeber durchgesehen wurde.

Die noch verbleibenden Beiträge von Alec Pollak (über Joanna Russ), Karlheinz Steinmüller (über Erik Simon) und Dietmar Dath (über Alan Moore) weisen auf Geplantes hin, darunter eine Werkausgabe der Prosatexte von Joanna Russ und der Mega-Monumental-Riesen-Roman JERUSALEM, mit dem sich Alan Moore von seinen Wurzeln als Comic-Texter freischwimmen wollte.

Als Anthologie besteht VOR DER REVOLUTION durchaus alleine, so viele lesenswerte Texte sind in jedem Fall vorhanden, aber als Verlags-Almanach ist er zugleich die perfekte Ergänzung zu jedem der vier Romane – und außerdem noch Appetitanreger für die nächsten Bücher mit „phantastischer Weltliteratur“ (so der bescheidene Verlags-Slogan).

Horst Illmer

Hannes Riffel (Hrsg.)
VOR DER REVOLUTION.
Ein phantastischer Almanach – Erste Folge.
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 278 S.
ISBN 978-3-910914-08-7
Klappenbroschur / 18,00 Euro

So etwas hat es schon lange nicht mehr gegeben. Ein neuer Verlag, spezialisiert auf herausragende Science Fiction, die mehr als bloße Unterhaltung bietet, auf Bücher, die zu Freunden fürs Leben werden, auf Lektüren, die die eigene Weltbetrachtung verändern, auf Geschichten, die

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Julia

von am 20. November 2023 noch kein Kommentar

Sandra Newman
JULIA. Roman.
Ü: Karoline Hippe
(JULIA / 2023)
Köln, Eichborn, 2023, 445 S.
ISBN 978-3-8479-0156-3 / 24,00 Euro
Hardcover

Über das Leben von Winston Smith, dem tragischen „Helden“ in George Orwells Jahrhundertbuch 1984, wissen wir so gut wie alles – schließlich konnten wir nicht nur sein Tagebuch lesen, sondern waren auch Zeugen seiner Vernehmung durch die Gedankenpolizei und der Gespräche mit seiner Geliebten Julia.

Aber wie sieht es denn mit Julia selbst aus? Woher kommt sie? Welche Geschichte steckt hinter der selbstbewussten Fassade der Systemverächterin und Sex liebenden Semi-Revolutionärin, die ihr Schicksal so selbstverständlich mit dem von Smith verkettet?

Diese Fragen beantwortet ausführlich der soeben erschienene Roman JULIA der amerikanischen Autorin Sandra Newman. Denn in Julias Leben, das hier konsequent aus ihrer Sicht erzählt wird, ist die gemeinsam mit Smith verbrachte Zeit nur eine (wenngleich eine wichtige) Episode. Newman gibt auch Julias früheren Entwicklung und der Zeit nach dem Folterkeller genügend Raum, in dem sich eine verblüffend andere Person zeigt, als der orwellsche Text impliziert.

Und so ist der Roman JULIA, in dem eine der bekanntesten Geschichten des 20. Jahrhunderts eine neue, andere, weibliche Deutung erfährt, eines der überraschendsten Bücher des Jahres 2023 geworden!

Horst Illmer

Sandra Newman
JULIA. Roman.
Ü: Karoline Hippe
(JULIA / 2023)
Köln, Eichborn, 2023, 445 S.
ISBN 978-3-8479-0156-3 / 24,00 Euro
Hardcover

Über das Leben von Winston Smith, dem tragischen „Helden“ in George Orwells Jahrhundertbuch 1984, wissen wir so gut wie alles – schließlich konnten wir nicht nur sein Tagebuch lesen, sondern waren auch Zeugen seiner Vernehmung durch die Gedankenpolizei und der Gespräche mit seiner Geliebten Julia.
Aber wie

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Der fünfte Kopf des Zerberus

von am 13. November 2023 noch kein Kommentar

Gene Wolfe
DER FÜNFTE KOPF DES ZERBERUS. Novellen.
Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Riffel
(THE FIFTH HEAD OF CERBERUS / 1972)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 296 S.
ISBN 9783910914063
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Gene Wolfe hat ein Roman-Puzzle geschrieben (man könnte auch „Novellen-Zyklus“ oder „Mosaikroman“ dazu sagen), welches jeder Leser in seinem Kopf selbst zusammenfügen muss. Da Wolfe dafür keine Vorlage liefert, und die Einzelteile manchmal gar nicht, manchmal aber auch an vielen Stellen zusammenpassen, könnte es sein, dass am Ende genau so viele Romane existieren wie das Buch Leser hat. Allerdings besteht Wolfes Genie darin, dass alle Leser mit ihrer Version dieses Puzzles zufrieden sein können.

Der Bezugspunkt aller drei Geschichten ist die Verortung in einem Doppel-Planeten-System (Sainte Anne & Sainte Croix), das vor etwas mehr als zweihundert Jahren von Menschen besiedelt wurde. Es gab wohl Ureinwohner, allerdings scheinen sie ausgestorben zu sein. Dr. John V. Marsch, ein Forscher von der Erde, der nach eventuell noch lebenden „Abos“ oder den Spuren ihrer untergegangenen Zivilisation suchen will, reist nach einem längeren Aufenthalt auf Sainte Anne weiter nach Sainte Croix.

In der ersten Novelle („Der fünfte Kopf der Zerberus“) erzählt ein junger Mann in Ich-Form von seiner Kindheit und Jugend im Haus seines Vaters, das sowohl ein Bordell wie ein Gen-Labor enthält und in dessen weitläufigen Korridoren nicht nur der Junge (den sein Vater nur „Nummer Fünf“ nennt) und sein Bruder leben, sondern auch ein Roboter, der die Kinder unterrichtet, sowie deren behinderte Tante, die eine anerkannte Anthropologien ist. Im Verlauf der Handlung entwickelt Nummer Fünf die Überzeugung, dass er seinen Vater töten müsse, bevor dieser ihn intellektuell zerstört, und führt dieses Vorhaben dann auch aus. Kurz vorher kommt ein Anthropologe namens Dr. Marsch zu Besuch, der sich bei Tante und Vater nach den Ureinwohnern des Planeten erkundigt.

Der zweite Teil („»Eine Geschichte« von John V. Marsch“) erzählt in Form einer Sage vom Leben der Ureinwohner. Diese waren wohl Gestaltwandler und zugleich unfähig Werkzeuge zu benutzen. Trotzdem besaßen sie eine reiche Kultur, in der Träume und Naturverbundenheit sehr wichtig waren. Diese Erzählung endet mit der Landung des ersten Raumschiffs von der Erde.

Die dritte und umfangreichste Novelle („V.R.T.“) besitzt die komplexeste Form: In eine Rahmenhandlung (ein Offizier soll Prozessunterlagen prüfen) eingefügt lesen wir verschiedene, zeitlich und formal ungeordnete und vermengte, Texte, die Aufschluss geben sollen über das Schicksal von Dr. Marsch. Dieser hat vor seinem Eintreffen auf Sainte Croix auf dem Schwesterplaneten Sainte Anne eine Expedition unternommen, dafür einen Führer engagiert, und ist für drei Jahre im unbesiedelten Hinterland verschwunden, um die Spuren der Ureinwohner (oder diese selbst) zu suchen. Bei seiner Rückkehr erklärt er, sein Führer sei tot, nimmt ein Raumschiff nach Sainte Croix und will an der dortigen Universität seine Forschungsergebnisse vorstellen. Allerdings wird er von der Geheimpolizei verhaftet und monatelang verhört. Alle persönlichen Aufzeichnung von Dr. Marsch sowie die Verhörprotokolle erhält nun besagter Offizier zur Kenntnis und Stellungnahme. Allerdings beschäftigt er sich nur sehr oberflächlich mit dem Material, sodass sich am Ende ein recht löchriges Gesamtbild ergibt, dessen Lücken Raum für eine Vielzahl von Interpretationen lassen.

Obwohl ich das Buch vor vielen Jahrzehnten bereits ein erstes Mal gelesen hatte, besaß ich keinerlei Erinnerungen mehr an Details, sondern nur ein Gefühl von positiver Erwartung. Bereits nach wenigen Seiten war ich erneut im Buch gefangen und mir sicher, dass es sich hierbei um ein absolutes Meisterwerk handelt. Diesmal ist mir so richtig klar geworden, wie viele Ebenen diese komplexe Konstruktion beinhaltet. Es ist am Ende nicht einmal klar, wann die ersten Raumschiffe auf einem der Planeten gelandet sind, auf welcher Welt einige der Szenen angesiedelt sind, ob die Abos auf beiden Planeten lebten (oder noch leben), welche politischen Machtverhältnisse es zum Erzählzeitpunkt gibt usw.
Dieses faszinierende Werk verlangt geradezu nach weiterer „Durchdringung“.

Horst Illmer

Gene Wolfe
DER FÜNFTE KOPF DES ZERBERUS. Novellen.
Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Riffel
(THE FIFTH HEAD OF CERBERUS / 1972)
Wittenberge, Carcosa Verlag, 2023, 296 S.
ISBN 9783910914063
Klappenbroschur / 22,00 Euro

Gene Wolfe hat ein Roman-Puzzle geschrieben (man könnte auch „Novellen-Zyklus“ oder „Mosaikroman“ dazu sagen), welches jeder Leser in seinem Kopf selbst zusammenfügen muss. Da Wolfe dafür keine Vorlage liefert, und die Einzelteile manchmal

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Science Fiction Art & Kalendergeschichten 2024

von am 8. November 2023 noch kein Kommentar

Marianne Labisch, Mario Franke & Uli Bendick (Hrsg.)
SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024.
Illustrationen: Mario Franke & Uli Bendick
Verlag Torsten Low, 2023, 14 Blätter
Querformat 42 x 30 cm, Spiralbindung mit Aufhänger / 19,90 Euro

Es mag auf den ersten Blick eine merkwürdige Zusammenstellung sein: die auf ihren Ewigkeitswert setzende Literatur und der auf Tagesaktualität und Vergänglichkeit hin ausgerichtete Kalender – wenn die Verbindung von Beidem dann allerdings so aussieht wie der von der Schriftstellerin Marianne Labisch und den Künstlern Mario Franke und Uli Bendick zusammengestellte Wandkalender SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024 dann wird daraus mit einem Mal eine unauflösliche und harmonische Symbiose.

Die Frontseiten des Kalendariums schmücken abwechselnd je sechs farbige Bilder von Bendick und Franke. Auf den Rückseiten derselben (inklusive des Deckblattes) finden sich dann 13 Science-Fiction-Geschichten von den derzeit wohl besten deutschsprachigen Autor*innen; nämlich, in alphabetischer Reihenfolge, Corinna Griesbach, Isabell Hemmrich, Anke Höhl-Kayser, Heidrun Jänchen, Marianne Labisch, Karin Leroch, Monika Loerchner, Tessa Maelle, Aiki Mira, Monika Niehaus, Ellen Norten, Janika Rehak und Yvonne Tunnat. Alle Stories haben zudem noch jeweils eine Schwarzweiß-Illustration.

Der großformatige (DIN A3) Kalender erschien überraschender Weise im Verlag von Torsten Low, der ja nicht nur für seine „Bissiger Verleger“-T-Shirts, sondern auch für seine überaus kleinformatigen Bücher bekannt ist. Zur Ausstattung gehören noch ein fester Karton für die Stabilität, zwei durchsichtige Schutzfolien vorne und hinten sowie ein Blatt mit biografischen Kurzporträts der Beteiligten.

Wer noch keinen Wandkalender für das nächste Jahr hat oder noch irgendwo einen unterbringen kann, wer nach einem ausgefallenen Geschenk sucht oder einfach auch nur gerne gute Kurzgeschichten liest (das Projekt könnte auch als illustrierte Anthologie durchgehen), wer die Science Fiction sowohl als Literatur wie als Kunst liebt, kann an SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024 einfach nicht vorbei.
Und für Sammler ist dieses Objekt sowieso unverzichtbar.

Horst Illmer

Marianne Labisch, Mario Franke & Uli Bendick (Hrsg.)
SCIENCE FICTION ART & KALENDERGESCHICHTEN 2024.
Illustrationen: Mario Franke & Uli Bendick
Verlag Torsten Low, 2023, 14 Blätter
Querformat 42 x 30 cm, Spiralbindung mit Aufhänger / 19,90 Euro

Es mag auf den ersten Blick eine merkwürdige Zusammenstellung sein: die auf ihren Ewigkeitswert setzende Literatur und der auf Tagesaktualität und Vergänglichkeit hin ausgerichtete Kalender – wenn die

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Elric – Die illustrierte Gesamtausgabe

von am 1. November 2023 5 Kommentare

Michael Moorcock
ELRIC. Die illustrierte Gesamtausgabe.
Aus dem Englischen von Hannes Riffel
Illustriert von John Picacio, Brom, Piotr Jablonski & Lecouffe Deharme
Mit Vorworten von Alan Moore, Neil Gaiman, Holly Black, Michael Chabon, Kai Meyer, Markus Heitz, Tad Williams & Walter Mosley
Originalausgabe
Frankfurt, S.Fischer/TOR, 2023, 1167 S.
ISBN 978-3-596-70768-3 / 68,00 Euro
Großformatiges Hardcover

Mein Gott, was haben wir die Elric-Bücher von Michael Moorcock geliebt, damals in den 1980er Jahren: Die Swinging Sixties hatten wir verpasst, die Beatles hatten sich aufgelöst, die Welt war frisch und neu und verlangte entdeckt zu werden. Und dabei half uns ein bleicher Fantasyheld, der mit seinem blutdurstigen Schwert Sturmbringer gegen Alles und Jeden in den Kampf zog.

Michael Moorcock gehört zu den Gründervätern der „New Wave“, er selbst hat einen „Ewigen Helden“ erschaffen, der in vielerlei Ausprägungen durch seine mehr als hundert Romane geistert, daneben gilt seine Leidenschaft dem vom Synthesizer geprägten „Space-Rock“. Was ihn (und seine Romanhelden) für uns, gleich neben David Bowie, zu einer idealen ersten Identifikationsfigur machte.

Und jetzt also, gefühlte Ewigkeiten später, dieser Türstopper: ELRIC. Die illustrierte Gesamtausgabe! Soweit ich erkennen kann, gibt es weltweit keine solche Monumentalausgabe, die in acht Bücher unterteilt, den größten Teil aller Geschichten um Elric von Melniboné zusammenfasst, die Moorcock seit 1961 geschrieben hat. Es handelt sich um Romane, Kurzgeschichten und aus Novellen zusammengefügte Episodenromane, die in chronologischer Reihenfolge die Geschichte des schwächlichen Albino-Fürsten erzählen, der gleichsam gegen seinen Willen zum (Anti-)Helden einer durch das Schwert regierten Fantasywelt wird.

Die eingestreuten „Vorworte“ von so illustren Autor*innen wie Alan Moore, Neil Gaiman, Holly Black, Kai Meyer, Markus Heitz oder Tad Williams zeigen, dass wir mit unserer Faszination nicht alleine sind. Der Großteil der schwarz-weißen Illustrationen stammt von John Picacio, die eingestreuten vier Farbtafeln (u. a. von Brom) wirken in dieser Textmasse etwas sparsam, sehr schön ist dafür die farbige Karte auf den Vorsatzpapieren und der Schutzumschlag von Altmeister Chris Achilleos überzeugt.

Wie bei solchen seitenstarken Riesenbüchern üblich, eignet es sich nicht zum im Bett lesen oder als Urlaubslektüre; dafür sind hier alle für die ELRIC-Saga relevanten (und größtenteils seit vielen Jahren nicht mehr erreichbaren) Texte zusammengefasst. So bleiben, auch durch die gelungene Übersetzung von Hannes Riffel vermittelt, keine Wünsche offen bezüglich des nostalgischen Wiedersehens mit einer der größten und widersprüchlichsten Figuren der modernen Fantasy.

Horst Illmer

Michael Moorcock
ELRIC. Die illustrierte Gesamtausgabe.
Aus dem Englischen von Hannes Riffel
Illustriert von John Picacio, Brom, Piotr Jablonski & Lecouffe Deharme
Mit Vorworten von Alan Moore, Neil Gaiman, Holly Black, Michael Chabon, Kai Meyer, Markus Heitz, Tad Williams & Walter Mosley
Originalausgabe
Frankfurt, S.Fischer/TOR, 2023, 1167 S.
ISBN 978-3-596-70768-3 / 68,00 Euro
Großformatiges Hardcover

Mein Gott, was haben wir die Elric-Bücher von Michael Moorcock geliebt, damals in den

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Die Insel des Doktor Moreau

von am 25. Oktober 2023 2 Kommentare

H. G. Wells
DIE INSEL DES DOKTOR MOREAU. Roman.
Ü: Felix Paul Greve & Marion Hertle
Ill. & Anmerkungen: Bill Sienkiewicz, Vorwort: Guillermo del Toro
o. O. (München), Verlagsbuchhandlung Liebeskind, 2023, 176 S. 24,5 x 17,5 Hardcover
ISBN 978-3-95438-167-8
32,00 Euro

Wow! Und ich dachte schon, die Reihe mit den „illuminierten“ Luxuseditionen des amerikani­schen Verlags Beehive Books bleibt der deutschsprachigen Leserschaft auf alle Zeiten verborgen.

Jetzt wagt sich ausgerechnet die Münchener Verlagsbuchhandlung Liebeskind an eine Deutsche Ausgabe – und startet diese, wie der Originalverlag, mit dem 1896 erstmals erschienenen Roman DIE INSEL DES DOKTOR MOREAU von H. G. Wells.

Das Buch gehört zu den umstrittensten Werken des englischen Großmeisters, vor allem wegen der ausführlich geschilderten Grausamkeiten, die der auf der Insel gestrandete Schiffbrüchige Edward Prendick mit ansehen muss, während er bei Dr. Moreau und dessen Helfer Montgomery „zu Gast“ ist. Da Wells selbst Lehramt mit dem Hauptfach Biologie studiert hat, gelingen ihm die Darstellung von Dr. Moreaus biologischen Experimenten mit Tier-Mensch-Hybriden so außerordentlich plastisch, dass es auch 125 Jahre später noch für Gänsehaut bei der Lektüre ausreicht.

Besonders an dieser Neuedition sind das Vorwort von Guillermo del Toro und – unübersehbar – die Buchgestaltung mit Farbbildern und einfarbigen Illustrationen von Bill Sienkiewicz. Anders als del Toro, der DIE INSEL DES DOKTOR MOREAU für Wells’ „wichtigsten Roman“ hält, bekennt sich Sienkiewicz dazu, ein KRIEG DER WELTEN-Fan zu sein, der DIE INSEL DES DOKTOR MOREAU vor allem ausgewählt hat, um mit seinen Bildern ein Gegengewicht zu den diversen (und schlecht gemachten) Verfilmungen zu setzen – und das gelingt ihm vorzüglich, um das mindeste zu sagen.

Nachdem der Verlag damit wirbt, dass Margaret Atwood das Werk für unvergesslich hält, Jorge Louis Borges den „frühen Wells“ bevorzugt und gerade DIE TOCHTER DES DOKTOR MOREAU der mexikanisch-kanadischen Autorin Silvia Moreno-Garcia im Limes Verlag veröffentlicht wurde, erscheint ein Blick ins Original durchaus (wieder einmal) empfehlenswert.

Horst Illmer

H. G. Wells
DIE INSEL DES DOKTOR MOREAU. Roman.
Ü: Felix Paul Greve & Marion Hertle
Ill. & Anmerkungen: Bill Sienkiewicz, Vorwort: Guillermo del Toro
o. O. (München), Verlagsbuchhandlung Liebeskind, 2023, 176 S. 24,5 x 17,5 Hardcover
ISBN 978-3-95438-167-8
32,00 Euro

Wow! Und ich dachte schon, die Reihe mit den „illuminierten“ Luxuseditionen des amerikani­schen Verlags Beehive Books bleibt der deutschsprachigen Leserschaft auf alle Zeiten verborgen.
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Der Werwolf von Tarker Mills

von am 11. Oktober 2023 Kommentare deaktiviert für Der Werwolf von Tarker Mills

Stephen King
DER WERWOLF VON TARKER MILLS.
Illustriert von Bernie Wrightson
Ü: Helmut W. Pesch
(CYCLE OF THE WEREWOLF / 1983)
Bielefeld, Splitter, 2023, 136 S.
ISBN 978-3-98721-184-3 / Hardcover / 25,00 Euro

Wenn im Splitter Verlag eine Zusammenarbeit von Stephen King und Bernie Wrightson erscheint, muss das nicht unbedingt ein Comic sein. DER WERWOLF VON TARKER MILLS ist ein Kurzroman von King in 12 Kapiteln, der ursprünglich 1983 erschien, mit über 30 einfarbigen und bunten Bildern von Wrightson.

Die Idee zu diesen „Kalendergeschichten“, so erzählt King in seinem Vorwort, stammt von einem amerikanischen Fan und Kleinverleger, der unbedingt ein Buch herausbringen wollte, das seine Lieblingskünstler Wrightson und King gemeinsam schufen. Daraus wurde dann nicht nur der vorliegende Kurzroman, sondern sogar noch ein Drehbuch und ein Realfilm. Während Film und Drehbuch längst vergessen sind, bilden der ursprüngliche Text und die dazugehörigen Illustrationen nach wie vor eine überzeugende, lesens- und ansehenswerte Einheit.

Die Geschichte eines Werwolfs, der jeden Monat einmal sein Unwesen treibt, und eines behinderten Jungen, der sich dem Monster in seinem Rollstuhl in den Weg stellt, besitzt eine fesselnde Kraft – und die abwechselnd doppelseitigen Schwarzweißzeichnungen, teils ganzseitigen Farbseiten von Wrightson, zeigen den erfahrenen Comic-Künstler auf der Höhe seiner Schaffenskraft.

Bisherige deutsche Ausgaben dieses Buches erschienen als Taschenbuch oder im Paperbackformat; dankenswerterweise bringt Splitter den WERWOLF VON TARKER MILLS jetzt im Comicalbum-Format heraus, wodurch sich die Qualität der Illustrationen in voller Pracht entfalten kann.

Horst Illmer

Stephen King
DER WERWOLF VON TARKER MILLS.
Illustriert von Bernie Wrightson
Ü: Helmut W. Pesch
(CYCLE OF THE WEREWOLF / 1983)
Bielefeld, Splitter, 2023, 136 S.
ISBN 978-3-98721-184-3 / Hardcover / 25,00 Euro

Wenn im Splitter Verlag eine Zusammenarbeit von Stephen King und Bernie Wrightson erscheint, muss das nicht unbedingt ein Comic sein. DER WERWOLF VON TARKER MILLS ist ein Kurzroman von King in 12 Kapiteln, der

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Adam und Ada

von am 2. Oktober 2023 Kommentare deaktiviert für Adam und Ada

Christian Kellermann
ADAM UND ADA.
Berlin, Hirnkost, 2023, 405 S.
ISBN 978-3-98857-005-5 / 24,00 Euro
Hardcover

Als 1913 Bernhard Kellermanns Zukunftsroman DER TUNNEL veröffentlicht wurde, erreichte die Geschichte um den visionären Unternehmer MacAllan, der einen Eisenbahntunnel unter dem Atlantik bauen wollte, um Amerika und Europa zu verbinden, augenblicklich die Herzen der Leser*innen, was sich in Millionenauflage und stetigen Neuausgaben manifestierte. Aktuell schaffte es DER TUNNEL sogar als Auftaktband die Reihe der „wiederentdeckten Schätze der deutschsprachigen Science Fiction“ im Hirnkost Verlag zu starten.

Was uns ganz zwanglos zu ADAM UND ADA führt, dem ebenfalls bei Hirnkost veröffentlichten Debütroman von Christian Kellermann, seines Zeichens Erforscher der Künstlichen Intelligenz und Hochschullehrer in Berlin. Dessen Buch beginnt mit einem in blauen Lettern gesetzten Abschnitt über den MacAllanschen Tunnelbau, der vor mehr als einhundert Jahren in einer kritischen Phase steckte. Erst danach werden wir (jetzt in gewohntem Schwarz) mit Ada MacAllan bekannt gemacht, allein erziehende Mutter, geniale Programmiererin und Weltklasse-Biologin, die im Stockholm der Gegenwart kurz davor steht, mittels Künstlicher Intelligenz die letzten Rätsel der Mikrobiologie zu lösen. Wie sich im weiteren Verlauf zeigt, muss auch sie sich, wie bereits ihr Urgroßvater, auf Hilfe und Unterstützung von kapitalstarken Partnern einlassen – und wer zahlt, bestimmt, was mit den Ergebnissen passiert …

Während wir Ada in der Welt des frühen 21. Jahrhunderts bei ihren privaten und geschäftlichen Problemen folgen, führt uns der Autor Christian Kellermann in (farblich) geschickt gesetzten Zwischenkapiteln immer wieder zurück in die 1920er Jahre, in denen Bernhard Kellermanns MacAllan seinen Tunnel, allen Widrigkeiten zu Trotz, fertigstellt. Und genau diesen Tunnel nutzt Ada hundert Jahre später für ihre Forschungsarbeit!

»ADAM UND ADA« wird so nicht nur zu einem spannenden Wissenschafts-Thriller, sondern erzählt auch eine sich über mehrere Ebenen erstreckende faszinierende Familiengeschichte.

Horst Illmer

Christian Kellermann
ADAM UND ADA.
Berlin, Hirnkost, 2023, 405 S.
ISBN 978-3-98857-005-5 / 24,00 Euro
Hardcover

Als 1913 Bernhard Kellermanns Zukunftsroman DER TUNNEL veröffentlicht wurde, erreichte die Geschichte um den visionären Unternehmer MacAllan, der einen Eisenbahntunnel unter dem Atlantik bauen wollte, um Amerika und Europa zu verbinden, augenblicklich die Herzen der Leser*innen, was sich in Millionenauflage und stetigen Neuausgaben manifestierte. Aktuell schaffte es DER TUNNEL

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Tausend Arten von Blau

von am 30. August 2023 Kommentare deaktiviert für Tausend Arten von Blau

Cheon Seon-Ran
TAUSEND ARTEN VON BLAU.
Ü: Jan Henrik Dirks
(A Thousand Blue / 2020)
München, Golkonda, 2023, 366 Seiten
ISBN 978-3-96509-051-4 / 22,00 Euro
Klappenbroschur

Echt jetzt? Ein Pferdebuch? Das ist das Ende!

Na, ganz so schlimm werden die Reaktionen der Leser*innen wohl hoffentlich nicht sein. Also: Vertrauen Sie mir, es hat schon seine Gründe, dass TAUSEND ARTEN VON BLAU hier gewürdigt wird.

Im Korea der 2050er Jahre hat die Entwicklung von neuen, menschenähnlichen Robotern, den sogenannten Humanoiden, zu den erwartbaren Problemen geführt: Reihenweise fallen Jobs im Niedriglohnsektor weg, die durch die angeblich billigeren Maschinen übernommen werden. Dies trifft auch die Schülerin Woo Yeonjae, die sich in einem Schnellimbiss etwas Taschengeld dazuverdient. Nachdem ihr gekündigt wird, erhält sie eine recht großzügige Abfindung, da ihr Chef ein ziemlich schlechtes Gewissen hat. Als sie kurz darauf zur Rennbahn geht, um ihre behinderte Schwester Eunhye zu besuchen, die dort viel Zeit in den Stallungen verbringt, da ihr die Pferde meist lieber sind als Menschen, stolpert Yeonjae im Wortsinn über einen (nach einem Sturz) schrottreifen Roboter-Jockey.

C-27 (oder Koli, wie er dann von Yeonjae genannt wird) gehört zu den speziell für Pferderennen gebauten, ultraleichten Humanoiden, die lediglich dazu da sind, die Rennpferde zu Höchstleistungen zu peitschen. Allerdings wurde Koli durch einen (glücklichen?) Zufall einen Emotions-Chip installiert, was letztlich auch zu seinem Sturz von Today, dem schnellsten Pferd Koreas, führte, da er, statt sich auf das Rennen zu konzentrieren, lieber den Himmel betrachtete und Überlegungen zu dessen Bläue anstellte. Yeonjae überrascht sich selbst und den Stallmeister Minju damit, dass sie ihre gesamte Abfindung in den Kauf des Roboters investiert, um ihn zuhause bei sich wieder instand zu setzen.

Doch Koli ist nicht das einzige »Geschöpf«, das Hilfe braucht: auch Today soll, nachdem sie inzwischen Verschleißerscheinungen zeigt und kaum mehr laufen kann, eingeschläfert werden. Trotz einiger Differenzen zwischen den Schwestern schmieden die beiden gemeinsam mit Koli und ein paar Freundinnen und Verwandten einen Plan zur Rettung von Today. Und der aus Ersatzteilen neu zusammengesetzte Koli entwickelt sich zum planerischen »Mastermind« im Hintergrund.

Einmal abgesehen von der spannend geschriebenen Rettungsgeschichte war es ein ganz spezieller Aspekt von »Tausend Arten von Blau«, der mich fasziniert hat und dazu führte, dass ich das Buch nach dem ersten Kapitel nicht mehr weglegen konnte: die Art und Weise wie Cheon Seon-Ran ihre Protagonistinnen miteinander interagieren lässt. Mit großer Zärtlichkeit und Rücksichtnahme schildert sie, selbst bei Nebenfiguren, deren Motivationen für ihre teilweise sehr ungewöhnlichen und verblüffenden Handlungen.

Ja, TAUSEND ARTEN VON BLAU ist tatsächlich ein Pferdebuch, in dem zwei Mädchen versuchen, das Schicksal eines von Menschen missbrauchten Vierbeiners zu ändern – aber es ist eben auch ein auf hohem literarischen Niveau erzählter Roman darüber, wie schwierig es manchmal ist, selbst mit seinen liebsten Mitmenschen klar zu kommen, sich ihnen zu öffnen und ihre Absichten zu erkennen. Letztlich geht es auch darum herauszufinden, was wir meinen, wenn wir von „Mitleid“ und „Menschlichkeit“ sprechen. Und das allein ist Grund genug, dieses Buch allen empfindsamen Leser*innen ans Herz zu legen.

Horst Illmer

Cheon Seon-Ran
TAUSEND ARTEN VON BLAU.
Ü: Jan Henrik Dirks
(A Thousand Blue / 2020)
München, Golkonda, 2023, 366 Seiten
ISBN 978-3-96509-051-4 / 22,00 Euro
Klappenbroschur

Echt jetzt? Ein Pferdebuch? Das ist das Ende!
Na, ganz so schlimm werden die Reaktionen der Leser*innen wohl hoffentlich nicht sein. Also: Vertrauen Sie mir, es hat schon seine Gründe, dass TAUSEND ARTEN VON BLAU hier gewürdigt wird.
Im Korea der 2050er Jahre

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Ferne Horizonte – Entfernte Verwandte

von am 23. August 2023 Kommentare deaktiviert für Ferne Horizonte – Entfernte Verwandte

Hans Jürgen Kugler & René Moreau (Hrsg.)
FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE.
Die Welt in Jahrmillionen.
Illustriert von Gerd Frey, Detlef Klewer, Jan Hoffmann, Uli Bendick, Mario Franke, Michael Böhme, Oliver Engelhard, David Staege und Thomas Thiemeyer
Berlin, Hirnkost, 2023, 370 S.
ISBN 978-3-98857-012-3 / 32,00 Euro
Hardcover

Dieser Science-Fiction-Anthologie, die den Titel FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE trägt und im Hirnkost Verlag erschienen ist, kann man auf ein paar wenigen Zeilen eigentlich gar nicht gerecht werden. Andererseits sollte allein die Aufzählung der beteiligten Künstler ausreichen, um zu zeigen, dass hier die wohl hochkarätigste Text- und Bild-Sammlung der letzten Jahre vorliegt.

Herausgegeben wurde das massive Hardcover von den EXODUS-Machern Hans Jürgen Kugler & René Moreau, weshalb es kaum überrascht, dass unter den 26 Autor*innen und neun Illustratoren der 27 Kurzgeschichten viele alte Bekannte auftauchen: Die Geschichtenerzähler Christian Endres, Aiki Mira, Nicole Rensmann, Angela und Karlheinz Steinmüller, Yvonne Tunnat, Monika Niehaus, Peter Schattschneider und Uwe Hermann (um nur die wichtigsten zu nennen) sind ebenso mit dabei wie die großartigen und höchst unterschiedlichen Bildkünstler Gerd Frey, Detlef Klewer, Jan Hoffmann, Uli Bendick, Mario Franke und Thomas Thiemeyer, von dem auch das Coverbild stammt.

Auf mehr als 370 Seiten zeigen uns viele der derzeit besten deutschsprachige Künstler*innen wie sie sich, laut Untertitel, „Die Welt in Jahrmillionen“ vorstellen. FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE ist eine Originalanthologie deren Texte zum Staunen und (Weiter-)Träumen anregen – und ein ganz heißer Anwärter auf den Titel „Die beste Anthologie des Jahres 2023“.

Horst Illmer

Hans Jürgen Kugler & René Moreau (Hrsg.)
FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE.
Die Welt in Jahrmillionen.
Illustriert von Gerd Frey, Detlef Klewer, Jan Hoffmann, Uli Bendick, Mario Franke, Michael Böhme, Oliver Engelhard, David Staege und Thomas Thiemeyer
Berlin, Hirnkost, 2023, 370 S.
ISBN 978-3-98857-012-3 / 32,00 Euro
Hardcover

Dieser Science-Fiction-Anthologie, die den Titel FERNE HORIZONTE – ENTFERNTE VERWANDTE trägt und im Hirnkost Verlag erschienen ist, kann man

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Vision und Verfall

von am 16. August 2023 Kommentare deaktiviert für Vision und Verfall

Hans Frey
VISION UND VERFALL.
Deutsche Science Fiction in der DDR. Von der sowjetischen Besatzungszone bis zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik 1945–1990.
Berlin, Memoranda, 2023, 380 Seiten
ISBN 978-3-948616-82-3 / 26,90 Euro
Klappenbroschur

Wer glaubt, die Themen „DDR“ und „Science Fiction“ seien entweder nicht kompatibel oder bereits über Gebühr abgehandelt, befindet sich in beiden Fällen im Irrtum.

Beglaubigt wird dieser Satz durch das Erscheinen von Hans Freys viertem Band seiner fortlaufenden „Geschichte der deutschen Science Fiction“ im Frühsommer 2023, der den Titel VISION UND VERFALL – DEUTSCHE SCIENCE FICTION IN DER DDR trägt und den Zeitraum „Von der sowjetischen Besatzungszone bis zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik 1945–1990“ umfasst.

Damit zeigt schon das Titelblatt einen ersten Unterschied im Herangehen: während in der bisherigen Literatur überwiegend von einem vierzig Jahre währenden Zeitraum für das Thema ausgegangen wird, nimmt Frey die Jahre vor der Staatsgründung der DDR sowie die Wende- und Beitrittszeit hinzu, was, mit einigen Unschärfen, dann doch fast fünfzig Jahre sind.

Außerdem verzichtet der Homo politicus Frey nicht darauf, neben den literarischen auch die gesellschaftlichen Aspekte in seine Betrachtungen einer vom Staat wenig geachteten und misstrauisch beäugten, von den Leser*innen aber heiß geliebten Genreliteratur aufzunehmen.

So finden sich auf den gut 400 Seiten von VISION UND VERFALL nicht nur kurze Beschreibungen der wichtigsten Werke der DDR-SF, sondern auch Biografien der (überwiegend männlichen) Autoren und Herausgeber, Zahlen und Daten zu den Verlagen, Blicke über den (ost-)deutschen Tellerrand hinaus, Hinweise auf die dortige Fan-Szene und ihre Publikationen, die Inaugenscheinnahme der nichtliterarischen Medien (Film, Fernsehen, Radio, Comic usw.) und am Ende die Aufzählung einer erstaunlichen Zahl an Ähnlichkeiten mit dem konkurrierenden Bruderstaat – ohne dabei jedoch die tatsächlich vorhandene Eigenständigkeit dieses utopisch-phantastischen „Laborversuchs“ zu übergehen.

Die „DDR“ und ihre „Science Fiction“ waren und sind ein spannendes Thema – und Hans Freys Buch ist ein überaus lesens- und empfehlenswerter Führer hin zu einem besseren Verständnis dieser Literatur.

Horst Illmer

Hans Frey
VISION UND VERFALL.
Deutsche Science Fiction in der DDR. Von der sowjetischen Besatzungszone bis zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik 1945–1990.
Berlin, Memoranda, 2023, 380 Seiten
ISBN 978-3-948616-82-3 / 26,90 Euro
Klappenbroschur

Wer glaubt, die Themen „DDR“ und „Science Fiction“ seien entweder nicht kompatibel oder bereits über Gebühr abgehandelt, befindet sich in beiden Fällen im Irrtum.
Beglaubigt wird dieser Satz durch das Erscheinen von Hans

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Der Skandal

von am 9. August 2023 Kommentare deaktiviert für Der Skandal

T. S. Orgel
DER SKANDAL. Ökothriller.
München, Heyne, 2023, 444 Seiten
ISBN 978-3-453-32210-3 / 16,00 Euro
Klappenbroschur

Die Zahl der Menschen auf diesem Planeten steigt immer noch um mehr als 180.000 – täglich! Alle diese Menschen benötigen Nahrung, und mit herkömmlichen Mitteln ist es überaus schwierig, diese Mengen zu erzeugen. Als es der Firma Light Foods gelingt, auf umweltschonende und preiswerte Weise Nahrung im Labor zu erzeugen, scheint das nicht nur ein Lichtstreif am Hunger-Horizont zu sein, sondern auch eine fast unerschöpfliche Möglichkeit zum Geldverdienen. Doch bereits kurz nach der Markteinführung des In-vitro-Fleisches tauchen erste Gerüchte über gefährliche Nebenwirkungen auf. Als es einer Gruppe von Umweltaktivisten gelingt, an geheime Daten von Light Foods zu gelangen, geraten die Dinge außer Kontrolle: Peter, ein Mitglied der Aktivistengruppe wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, der Konzern gerät wegen diverser Internet-Attacken ins Schlingern, der Erfinder des Kunst-Fleisches und Chef von Light Food, Daniel Lichter (aka Dan Light), gerät ins Visier der Polizei – und als er sich mit Anna, Peters Schwester trifft, wird auf die beiden ein Mordanschlag verübt …

Dieses Szenario stammt nicht aus dem (geheimen) Drehbuch des nächsten James Bond- oder Mission Impossible-Blockbusters, sondern bildet das Rückgrat des neuesten Romans von T. S. Orgel, einem Biothriller mit dem knackigen Titel DER SKANDAL.

In ihrem bisher wohl ambitioniertesten Werk zeigen sich die Brüder Tom und Stephan Orgel als engagierte und überaus informierte Kritiker des nahrungsmitteltechnischen Raubtierkapitalismus. Zugleich packen sie ihre Rechercheergebnisse in eine überaus spannende und packende Handlung, geben ihren Protagonist*innen biografische Tiefe und psychologische Glaubwürdigkeit und vermeiden es dabei gekonnt, in die Falle des „wir-wissen-wie-alles-sofort-besser-wird“ zu tappen.

Spannende Lektüre auf internationalem Niveau.

Horst Illmer

T. S. Orgel
DER SKANDAL. Ökothriller.
München, Heyne, 2023, 444 Seiten
ISBN 978-3-453-32210-3 / 16,00 Euro
Klappenbroschur

Die Zahl der Menschen auf diesem Planeten steigt immer noch um mehr als 180.000 – täglich! Alle diese Menschen benötigen Nahrung, und mit herkömmlichen Mitteln ist es überaus schwierig, diese Mengen zu erzeugen. Als es der Firma Light Foods gelingt, auf umweltschonende und preiswerte Weise Nahrung im Labor

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De Profundis

von am 31. Juli 2023 Kommentare deaktiviert für De Profundis

Michael Marrak
DE PROFUNDIS. Roman. Band 2.
Berlin, Memoranda, 2023, 376 S.
ISBN 978-3-948616-84-7 / 26,90 Euro

Erst mit dem Erscheinen des zweiten Teils, DE PROFUNDIS, zeigt sich, welch großer und umfangreicher Entwurf der neueste Marrak-Roman tatsächlich ist. Siebenhundert Seiten absolut konzentrierter Schrecken!

Was in LEX TALIONIS noch anfing wie ein Serienmörder-Thriller mit Spuk-Effekten wird mit jeder weiteren Seite ein immer mehr ins Übernatürliche gehender, immer schrecklichere Szenarien hervorbringender Horror-Roman. Allerdings geht es hier natürlich nicht mehr um klassische Gespenster, auch nicht um Zombies oder irgendwelche Ausgeburten der (christlichen) Hölle.

Michael Marrak zeigte ja bereits in einigen seiner frühen Werken eine große Affinität zum lovecraftschen Mythenentwurf eines dem Menschen feindlich gesinnten Universums. Und ohne das an dieser Stelle näher auszuführen (jedes Nacherzählen würde den Sog des Buches empfindlich stören) kann man sagen, dass er in DE PROFUNDIS aus diesen (und einer Reihe weiterer, persönlich erforschter und erlebter) Quellen einen Webrahmen gebastelt hat, auf dem er dann einen Erzählteppich webt, der eine ganz eigene, eben marraksche, Bildkraft und Sprachmacht vereinende, Geschichte hervorbringt.

Was er in LEX TALIONIS begonnen hat, führt Marrak in DE PROFUNDIS zu einem wirklich großen Finale. Und diesmal steht auf der letzten Seite dann auch „Ende“.

Horst Illmer

Michael Marrak
DE PROFUNDIS. Roman. Band 2.
Berlin, Memoranda, 2023, 376 S.
ISBN 978-3-948616-84-7 / 26,90 Euro

Erst mit dem Erscheinen des zweiten Teils, DE PROFUNDIS, zeigt sich, welch großer und umfangreicher Entwurf der neueste Marrak-Roman tatsächlich ist. Siebenhundert Seiten absolut konzentrierter Schrecken!
Was in LEX TALIONIS noch anfing wie ein Serienmörder-Thriller mit Spuk-Effekten wird mit jeder weiteren Seite ein immer mehr ins Übernatürliche gehender,

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Die Gelehrtenrepublik

von am 10. Juli 2023 Kommentare deaktiviert für Die Gelehrtenrepublik

Arno Schmidt
DIE GELEHRTENREPUBLIK. Kurzroman aus den Roßbreiten.
Berlin & Bargfeld, Suhrkamp, 2023, 176 S.
Suhrkamp Taschenbuch st5333
ISBN 978-3-518-47333-7 / 16,- Euro

Nachdem ich zu Weihnachten 2022 die „Luxus“-Version dieses Buches als Geschenk für „Leute, die schon alles haben“ empfohlen habe, hat sich jetzt Suhrkamp erbarmt und den Text in einer sehr gut lesbaren (und viel preiswerteren) Ausgabe zugänglich gemacht. Deshalb soll das lustigste und wohl am einfachsten zugängliche Science-Fiction-Buch Schmidts hier ausdrücklich nochmals vorgestellt und angepriesen werden.

Arno Schmidts bereits 1957 geschriebener Kurzroman DIE GELEHRTENREPUBLIK spielt in einer glücklicherweise fiktiv gebliebenen Zukunft, nach einem Atomkrieg, der weite Teile der Welt unbewohnbar gemacht hat, und erzählt aus der Sicht des Journalisten Charles Henry Winer von dessen Weg zur und seinen Erfahrungen auf der IRAS – der „International Republic for Artists and Scientists“ –, einem riesigen, inselförmigen Kreuzfahrt-Schiff, dass die von Schmidt weitergesponnene politische Weltlage des Jahres 2008 im Kleinen spiegelt.

Nach dem verheerenden Krieg hat sich die überlebende Menschheit, unter der Führung der USA und Russlands, darauf geeinigt, ein „neutrales“ Refugium für Kunst und Wissenschaften zu errichten, um weitere kriegsbedingte Verluste von Kunstwerken und Wissen zu vermeiden. Diese „Gelehrtenrepublik“, ein gigantisches Schiff von mehr als fünf Kilometern Länge (eine „Risszeichnung“ des Autors ist im Buch enthalten), kreuzt in den windstillen Bereichen der Weltmeere und dient einer (von ihren jeweiligen Regierungen) ausgewählten internationalen Schar von Künstlern und Wissenschaftlern als Heimat. Winer wurde aus Gründen der Propaganda ausgewählt, die sonst für die Öffentlichkeit unzugängliche IRAS zu besuchen und quasi eine „Homestory“ darüber zu schreiben.

Winers Abenteuer beginnen schon während der Anreise, die offensichtlich sabotiert werden soll. Nur durch Zufall und die tätige Mithilfe von zu Zentauren mutierten Mischwesen überlebt er den Marsch durch eine von gefährlichen Mutanten bewohnten Landschaft inmitten der zweigeteilten USA. Glücklich auf dem Schiff angelangt, gerät Winer erneut zwischen die Fronten der Machtblöcke, die sich dort auf der Steuerbord- und Backbordseite gebildet haben. Er soll als Vermittler fungieren, erhält dadurch Zugang zu geheimen Bereichen der jeweiligen Schiffs-Hälften und erkennt schnell, dass hier nicht Kunst und Wissenschaft, sondern die Politiker und Geheimdienste das Sagen haben. Trotz seines aufopferungsvollen Einsatzes (auch in diversen Betten auf beiden Seiten) scheitert seine Mission.

Schmidts Schlussbild einer immer schneller um die eigene Achse kreiselnden Insel ist sowohl eine Reminiszenz an Jules Verne (dessen Roman DIE PROPELLERINSEL von 1895 für viele Details Pate stand) als auch ein resigniertes Eingeständnis seines Unglaubens an die „Erkenntnisfähigkeit“ oder den Willen zur Veränderung beim „Homo Politicus“.

DIE GELEHRTENREPUBLIK gehört auch 65 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung immer noch zu den kompaktesten, originellsten und humorvollsten Science-Fiction-Texten der deutschsprachigen Literatur. Ein Buch, dessen Lektüre die Augen öffnet, den Geist bereichert und das Zwerchfell vibrieren lässt.

Horst Illmer

Arno Schmidt
DIE GELEHRTENREPUBLIK. Kurzroman aus den Roßbreiten.
Berlin & Bargfeld, Suhrkamp, 2023, 176 S.
Suhrkamp Taschenbuch st5333
ISBN 978-3-518-47333-7 / 16,- Euro

Nachdem ich zu Weihnachten 2022 die „Luxus“-Version dieses Buches als Geschenk für „Leute, die schon alles haben“ empfohlen habe, hat sich jetzt Suhrkamp erbarmt und den Text in einer sehr gut lesbaren (und viel preiswerteren) Ausgabe zugänglich gemacht. Deshalb soll das lustigste

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