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    Der Weltraumpostbote

    von am 27. Juni 2020 noch kein Kommentar

    Guillaume Perreault (Text & Bilder)

    DER WELTRAUMPOSTBOTE
    Übersetzt von Ulrich Pröfrock
    (Le facteur de l’espace /2016)
    Kassel, Rotopol, 2020, 144 S.
    ISBN 978-3-96451-017-4

    THE POSTMAN FROM SPACE
    Translatet by Francois Bui
    (Le facteur de l’espace /2016)
    New York, Holliday House, 2020, 142 S.
    ISBN 978-0-8234-4519-6

    Kennen wir das nicht alle: Da haben wir, nach intensiver Prüfung (oder nach einem flüchtigen Blick), irgendetwas (Bücher, CDs, Klamotten) im Internet bestellt – und dann beginnt das endlose WARTEN!
    Die Zeiten des allmorgendlich-pünktlichen „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ sind ja eh schon länger vorbei, aber auch in unserer von diversen Post- und Paketdiensten versorgten Gegenwart gibt es noch Gewissheiten: Das mit Spannung erwartete Paket kommt immer am nächsten Tag (oder dann, wenn wir gerade mal nicht da sind).
    Da trifft es sich ganz prima, dass der Frankokanadier Guillaume Perreault eine wunderschöne Graphic Novel geschrieben und gezeichnet hat, die einmal die „andere“ Position darstellt: In THE POSTMAN FROM SPACE / DER WELTRAUMPOSTBOTE begleiten wir Bob („ja, so heißt er, unser Postbote“) während eines (nicht ganz so) normalen Arbeitstags als intergalaktischer Zusteller.
    Als besagter Bob zu Schichtbeginn vom „Boss“ erfährt, dass seine Standartroute an jemand anderes übergeben wurde und er ab heute eine komplett neue Route fliegen muss, hat er sogleich ein ungutes Gefühl. Zwar sind es „nur“ fünf Ablieferstellen – aber für Bob entwickelt sich jede davon zu einer existentiellen Herausforderung. Zum Schichtende erwartet ihn dann die überraschend gestellte Frage: Zurück zum Altbekannten – oder morgen wieder was Neues?
    Nachdem wir miterlebt haben, wie Bob auf ungewöhnliche Herausforderungen reagiert, schafft er es tatsächlich, uns auf der allerletzten Seite noch einmal so richtig zu überraschen.
    Und wenn wir in Zukunft wieder einmal auf unsere „Verspätungskünstler“ schimpfen wollen, oder über den Zustand, in dem eine Sendung bei uns angekommen ist, sollten wir uns an Bob, den WELTRAUMPOSTBOTEN / POSTMAN FROM SPACE zurückerinnern.
    Jede Medaille hat zwei Seiten!

    Horst Illmer
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    Der Weltraumpostbote
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    Guillaume Perreault (Text & Bilder)

    DER WELTRAUMPOSTBOTE
    Übersetzt von Ulrich Pröfrock
    (Le facteur de l’espace /2016)
    Kassel, Rotopol, 2020, 144 S.
    ISBN 978-3-96451-017-4

    THE POSTMAN FROM SPACE
    Translatet by Francois Bui
    (Le facteur de l’espace /2016)
    New York, Holliday House, 2020, 142 S.
    ISBN 978-0-8234-4519-6

    Kennen wir das nicht alle: Da haben wir, nach intensiver Prüfung (oder nach einem flüchtigen Blick), irgendetwas (Bücher, weiterlesen…

    Am Anfang war der Beutel

    von am 22. Juni 2020 noch kein Kommentar

    Ursula K. Le Guin
    AM ANFANG WAR DER BEUTEL.
    Warum uns Fortschritts-Utopien an den Rand des Abgrunds führten und wie Denken in Rundungen die Grundlage für gutes Leben schafft. Essays, Reden und ein Gedicht.
    Auswahl, Einleitung, Übersetzung: Matthias Fersterer
    Originalzusammenstellung
    Klein Jasedow, thinkOya, 2020, 95 S.
    ISBN 978-3-947296-08-8 / 10,- Euro

    Bei diesem Buch könnte man allerlei Überlegungen zum Titel anstellen, aber was den Verlag letztlich zu AM ANFANG WAR DER BEUTEL inspirierte, ist mir, ehrlich gesagt, wurscht. Hauptsache ist doch, dass es ein neues Buch von Ursula K. Le Guin auf den deutschen Markt geschafft hat!
    Das knapp 100 Seiten umfassende Taschenbuch enthält drei Essays, drei Reden und ein Gedicht Le Guins sowie ein Vorwort des Verlegers und Übersetzers Matthias Fersterer, in dem er erklärt, „warum es lohnend ist“ Le Guins Werke zu lesen. Die Auswahl ist insoweit „zeitgemäß“ als es sich überwiegend um Texte handelt, die sich mit utopisch-politischem Denken befassen – und die uns Heutigen so wichtige Ökologie gehört bei Le Guin sowieso schon immer dazu.
    Das beginnt bei der Rückschau ins Prä-Historische in „Die Tragetaschentheorie des Erzählens“ (wo uns Le Guin die Sammel-Behältnisse der Frühmenschen als älteste kulturelle Erfindung vorstellt), geht weiter in „Utopyin, Utopyang“ (einer Fürsprache für „duale“ Utopien) und findet seinen Höhepunkt im fulminanten „Ein nicht-euklidischer Blick auf Kalifornien als kalter Ort in spe“ (einem in Le Guins Gesamtwerk zentralen Text über das Leben und das Schreiben unter Berücksichtigung eines ganzheitlichen Blicks auf die Welt).
    Wer also wissen will, „warum uns Fortschritts-Utopien an den Rand des Abgrunds führten und wie Denken in Rundungen die Grundlage für gutes Leben schafft“ (so der Untertitel), findet hier zwar keine „letztgültigen“ Antworten, aber jede Menge anregender Ideen.

    Horst Illmer
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    Der Grüne Planet
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    Ursula K. Le Guin
    AM ANFANG WAR DER BEUTEL.
    Warum uns Fortschritts-Utopien an den Rand des Abgrunds führten und wie Denken in Rundungen die Grundlage für gutes Leben schafft. Essays, Reden und ein Gedicht.
    Auswahl, Einleitung, Übersetzung: Matthias Fersterer
    Originalzusammenstellung
    Klein Jasedow, thinkOya, 2020, 95 S.
    ISBN 978-3-947296-08-8 / 10,- Euro

    Bei diesem Buch könnte man allerlei Überlegungen zum Titel anstellen, aber was den Verlag weiterlesen…

    Der Grüne Planet

    von am 6. Juni 2020 noch kein Kommentar

    Hans Jürgen Kugler & René Moreau (Hrsg.)
    DER GRÜNE PLANET.
    Zukunft im Klimawandel. Eine Anthologie.
    Illustrationen von Uli Bendick
    Berlin, Hirnkost, 2020, 288 S.
    ISBN 978-3-948675-15-8 / 25,00 Euro
    Großformatiges Hardcover mit Lesebändchen

    Da hat wohl irgendjemand im Hirnkost Verlag Gefallen an der Science Fiction gefunden – jedenfalls ist dort jetzt kurz nach dem Jahrbuch DAS SF JAHR 2019 eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Anthologie mit über zwanzig tollen neuen Science-Fiction-Stories erschienen.

    DER GRÜNE PLANET wurde initiiert und betreut von der EXODUS-Mannschaft („das Magazin für SF-Stories & phantastische Grafik“), namentlich von René Moerau und Hans Jürgen Kugler, und zeigt sich deshalb auch graphisch-haptisch von einer so bisher kaum gekannten Qualität.

    Fangen wir trotzdem erst mal mit den Geschichten an (immerhin dann doch das Wichtigste bei einem solchen Buch): 23 deutschsprachige Autor*innen steuern ihre Geschichten bei, in denen es vor allem um ökologische Themen im Allgemeinen und um den „Klimawandel“ und seine Folgen im Besonderen geht. In vier Abteilungen erfährt die Leser*in mehr darüber, wie die Zukunft nach der Apokalypse aussieht, oder wie es wäre, wenn wir dem Schicksal nochmal ein Snippchen schlagen könnten, bzw. wie man sich mit dem ganzen arrangiert – oder ob es nicht sogar möglich ist, die Sache von einer völlig anderen Warte aus zu betrachten.

    Die Autor*innen gehören überwiegend zu den „alten Füchs*innen“ der Szene und liefern absolut lesenswerte Geschichten ab – wie z. B. unser „local Hero“ Christian Endres mit „Der Klang des sich lichtenden Nebels“, einer Story, die sich auch gut zum „Testlesen“ eignet.

    Das großformatige Buch selbst enthält 25 ganzseitige farbige Bilder von Uli Bendick und ist durchgängig auf schwerem Hochganzpapier gedruckt. Dadurch hat man so richtig was „in der Hand“ und freut sich beim Durchblättern außerdem noch über die Fadenheftung und das Lesebändchen.

    (Einziger Kritikpunkt – denn als echter Kritiker muss man ja irgendwas zu Maulen finden – ist das nicht vorhandene Titelblatt: da kommen halt die „Heftchen-Macher“ zum Vorschein. Also nichts, das sich in der Zukunft nicht vermeiden ließe.)

    Wer sich für Kurzgeschichten erwärmen kann und noch nicht zu abgestumpft für das Thema Umwelt ist, sollte beim nächsten Besuch in der Lieblingsbuchhandlung unbedingt mal in DER GRÜNE PLANET reinlesen.

    Horst Illmer
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    Der Grüne Planet
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    Hans Jürgen Kugler & René Moreau (Hrsg.)
    DER GRÜNE PLANET.
    Zukunft im Klimawandel. Eine Anthologie.
    Illustrationen von Uli Bendick
    Berlin, Hirnkost, 2020, 288 S.
    ISBN 978-3-948675-15-8 / 25,00 Euro
    Großformatiges Hardcover mit Lesebändchen

    Da hat wohl irgendjemand im Hirnkost Verlag Gefallen an der Science Fiction gefunden – jedenfalls ist dort jetzt kurz nach dem Jahrbuch DAS SF JAHR 2019 eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Anthologie weiterlesen…

    Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes

    von am 2. Juni 2020 noch kein Kommentar

    Kir Bulytschow
    DER EINHEITLICHE WILLE DES GESAMTEN SOWJETVOLKES.
    Übersetzung und Nachwort: Ivo Gloss
    Illustrationen: Renate Gloss
    Originalzusammenstellung
    Berlin, Memoranda, 2020, 300 Seiten
    ISBN 978-3-948616-00-7

    Das Frühjahrsprogramm von MEMORANDA startete mit den überaus lesenswerten „politischen SF-Satiren“ Kir Bulytschows, für die der Übersetzer und Herausgeber Ivo Gloss nicht nur den genialen Titel DER EINHEITLICHE WILLE DES GESAMTEN SOWJETVOLKES wählte, sondern auch noch ein umfangreiches Nachwort über das Leben und Werk dieses bedeutenden russischen Phantasten geschrieben hat.
    Der Inhalt des Buches besteht aus drei kurzen satirischen Vignetten und einem zirka zweihundert Seiten umfassenden Roman. Die Texte entstanden alle in den Jahren 1987 bis 1991, einer Zeit, die nicht nur für Deutschland, sondern vor allem für die Sowjetunion wichtig und revolutionär war. Geprägt von der Glasnost-Politik Gorbatschows entstanden damals literarische Texte (und wurden zum Teil sogar veröffentlicht), für die ihre Autoren kurz vorher noch in Gefängnisse und Lager verschwunden wären.
    Stilistisch meisterhaft, inhaltlich eher an Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch oder die Brüder Strugatzki erinnernd als an die uns gewohnte US-amerikanische Science Fiction a la Heinlein, Asimov et al, und von tiefschwarzer Ironie triefend, schreibt Bulytschow Geschichten, wie sie in der Sowjetunion vermutlich tatsächlich hätten passieren können – nur eben mit der nötigen Portion Übertreibung und dem würzenden Schuss wissenschaftlicher Phantastik.
    Den EINHEITLICHEN WILLEN DES GESAMTEN SOWJETVOLKES gibt es in zwei Varianten zu kaufen: Im normalen Buchhandel findet man die von Golkonda/MEMORANDA gewohnte Klappenbroschur (die wie immer von benSwerk gestaltet wurde), ausschließlich beim Verlag kann der Sammler eine gebundene Hardcoverausgabe mit Lesebändchen erwerben. Die Illustrationen von Renate Gloss und das „Selbstportrait“ des Autors findet man in beiden Ausgaben.

    Horst Illmer
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    Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes
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    Kir Bulytschow
    DER EINHEITLICHE WILLE DES GESAMTEN SOWJETVOLKES.
    Übersetzung und Nachwort: Ivo Gloss
    Illustrationen: Renate Gloss
    Originalzusammenstellung
    Berlin, Memoranda, 2020, 300 Seiten
    ISBN 978-3-948616-00-7

    Das Frühjahrsprogramm von MEMORANDA startete mit den überaus lesenswerten „politischen SF-Satiren“ Kir Bulytschows, für die der Übersetzer und Herausgeber Ivo Gloss nicht nur den genialen Titel DER EINHEITLICHE WILLE DES GESAMTEN SOWJETVOLKES wählte, sondern auch noch ein umfangreiches Nachwort über das weiterlesen…

    Die Haarteppichknüpfer

    von am 26. Mai 2020 noch kein Kommentar

    Andreas Eschbach
    DIE HAARTEPPICHKNÜPFER. Roman.
    Lübbe
    Oktober 2012 – 318 Seiten – € 11,00
    ISBN: 9783404206971

    Andreas Eschbach beginnt diesen Roman mit einer unglaublich direkten, dynamischen und (notwendigerweise) auch sehr brutalen Szene. Auf einem ziemlich unwirtlichen Wüstenplaneten wird einem alternden Haarteppichknüpfer ein zweiter Sohn geboren. Die Bräuche verlangen dessen Tod, da nach dem ersten, erbberechtigten Sohn, nur noch Mädchen gewollt sind. Da der ältere Sohn jedoch unkonventionelle Ideen hat und lieber Bücher liest, als das Teppichknüpfen zu erlernen und sich den traditionellen Abläufen zu fügen, greift auch der Vater zu unüblichen Mitteln – und zum Schwert.
    Schon auf diesen ersten Seiten entsteht eine komplette Welt vor dem inneren Auge des Lesers, mustergültig ausgearbeitet, nach einem Entwurf, der eines Teppichknüpfmeisters würdig wäre. Es gibt einen allgemein verehrten und gefürchteten Gott-Kaiser; das Gilden- und Kastenwesen bestimmt die unveränderbar erscheinenden Hierarchien und die patriarchalen Strukturen, die seit Jahrzehntausenden unverändert nur ein einziges Ziel haben: Haarteppiche zu fertigen. Diese, aus den Haaren der weiblichen Haushaltsmitglieder gewonnen, werden von den geachteten und reichen Knüpfern verfertigt, die dafür ein ganzes Leben brauchen. Am Ende wird der fertige Teppich zum Markt getragen, an reisende Händler verkauft und der Erlös an den Sohn weitergegeben, der damit wieder eine Familie gründen und einen neuen Teppich beginnen kann. Die Händler bringen die Teppiche zum Raumhafen, wo sie die Schiffe des Kaisers aufnehmen und zum Palast des Herrschers bringen.
    Diesen zu schmücken sind die Haarteppiche da und niemand wagt es, daran zu zweifeln, bis plötzlich Gerüchte laut werden, von einer Rebellion und, noch ketzerischer, vom Abdanken des Kaisers. Eines Tages taucht sogar ein Fremder auf und behauptet, ein Rebell zu sein – und der Kaiser sei tot!
    Als Rahmen dient diesem farbigen Weltenbild die Geschichte vom Aufstieg des Galaktischen Reiches und seines kaiserlichen Herrschers – und vom Ende des Alten und Beginn des Neuen. Es ist eine Geschichte, die zu rühren weiß, die erzählt von den Beharrungskräften der Tradition, von den Zweifeln der Neuerer, von den Überraschungen die ein Universum bereithält für seine Eroberer und von den Lösungen für die allgegenwärtigen Fragen, die in den Archiven ruhen und die man nur zu finden wissen muss.
    Gerade dieses Werk zeigt Eschbach als einen Erzähler, der originell und stilistisch großartig seine Fäden webt. Die Geschichte ist spannend bis zum Schluss, zeigt keine Schwächen und schafft es, dem Leser immer wieder den Atem zu rauben.
    Am Ende freut man sich auf viele weitere Geschichten, die das kaiserliche Archiv noch für uns bereithält.

    Horst Illmer
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    Die Haarteppichknüpfer
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    Andreas Eschbach
    DIE HAARTEPPICHKNÜPFER. Roman.
    Lübbe
    Oktober 2012 – 318 Seiten – € 11,00
    ISBN: 9783404206971

    Andreas Eschbach beginnt diesen Roman mit einer unglaublich direkten, dynamischen und (notwendigerweise) auch sehr brutalen Szene. Auf einem ziemlich unwirtlichen Wüstenplaneten wird einem alternden Haarteppichknüpfer ein zweiter Sohn geboren. Die Bräuche verlangen dessen Tod, da nach dem ersten, erbberechtigten Sohn, nur noch Mädchen gewollt sind. Da der weiterlesen…

    Wahn

    von am 21. Mai 2020 noch kein Kommentar

    Stephen King
    WAHN. Roman.
    Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
    (Duma Key / 2008)
    München, Heyne
    Juli 2009 – 912 Seiten – € 10,99
    ISBN: 9783453433434

    Als WAHN 2008 erstmals erschien, war es gefühlt der hundertste (tatsächlich wohl Nummer 40) Stephen-King-Roman, der wieder einmal nur knapp die 1000-Seiten-Grenze verfehlte. Verblüffend war dabei, dass es mich immer noch reizte, diesen Monumentalwälzer aufzuschlagen. Und dass es Mister King dann erneut gelang, meine Skepsis zu überlisten und mich erst nach der letzten Seite das Buch wieder weglegen zu lassen.
    Teufel auch – das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
    So etwas Ähnliches fühlt auch Edgar Freemantle beim Einzug in das „Big Pink“, seinem neuen Domizil auf der vor Floridas Westküste gelegenen Insel Duma Key. Fast schlagartig fühlt er sich besser – und dabei hat er allen Grund, sich schlecht zu fühlen.
    Bei einem Unfall auf einer seiner Baustellen wurde ihm der rechte Arm abgerissen und sein Schädel eingedrückt. Wie durch ein Wunder überlebte er und kam sogar wieder auf die Beine. Allerdings zuerst nur sein invalider Körper, vor allem sein Gedächtnis und die rasenden Kopfschmerzen machen ihm erheblich mehr Probleme. Da Edgar ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, kann er sich seine Krankheit wenigstens leisten, was ihn aber nicht vor Selbstmordgedanken schützt. Als letzten Ausweg aus dieser Misere empfiehlt ihm sein Therapeut einen Ortswechsel – aus dem kalt-unfreundlichen Minnesota ins warme Florida – und ein Hobby, das ihn auf andere Gedanken bringt.
    Als Edgar auf Duma Key eintrifft ist ihm sofort klar, dass er hier nur eines will: malen!
    Ein bisher verborgenes Talent Edgars entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit und bald schon reden seine wenigen Freunde und Vertrauten ihm zu, die Bilder – die ihre Betrachter gleichzeitig fesseln und verunsichern – einer Galerie anzubieten. Begeistert stimmt man dort zu, Edgars Bilder faszinieren selbst diese Profis.
    Während Edgar Bild auf Bild malt, geht es ihm immer besser, sein Bedarf an Schmerzmitteln reduziert sich auf ein paar Aspirin am Tag, und er findet bei seinen Nachbarn, der alten Miss Eastlake und ihrem Betreuer Jerome Wireman, mehr als nur freundliche Aufnahme: Jerome wird mit der Zeit ein echter Freund für ihn – und mit Elizabeth teilt er bald ein dunkles Geheimnis.
    Denn auf Duma Key existiert etwas, dass sich in Edgars Leben und Malen einmischt (wie es sich vor vielen Jahren in das Leben und Malen der damals noch kindlichen Elizabeth Eastlake drängte). Diese unbestimmbare, unsichtbare Kraft beeinflusst immer mehr die Qualität und die Motive von Edgars Bildern. Obwohl es ihm zunächst gelingt, seine neu gewonnenen Fähigkeiten auch positiv einzusetzen, muss Edgar Freemantle erkennen, dass auf Duma Key eine finstere, bösartige Kraft beheimatet ist – und zur Eröffnung seiner ersten Bilderausstellung erwartet Edgar seine Familie und seine alten Freunde in Florida …
    In einer fast Barock zu nennenden Detailfülle schwelgt King in den Beschreibungen von Licht, Geräuschen, Aromen und Gerüchen, erzeugt „atmosphärische Spannungen“ (und damit ist auch die Beschreibung des Wetters gemeint) und bringt die Stimmungen und Gemütsverfassungen seiner Protagonisten so lebhaft und mitreißend auf den inneren Bildschirm, dass man diesen Roman mit allen Sinnen „mit erleidet“.
    Wie häufig bei King gibt es auch in WAHN zahlreiche Reflektionen über die Kunst (diesmal verstärkt über das Malen und Zeichnen) und darüber, wie sie geschaffen, wie sie produziert wird. King nimmt seine Leser dabei mit in einen sehr persönlichen, emotional aufgeladenen „Raum“ und macht sich mit seiner Offenheit auch verletzlich. Sein Vertrauen, dass dieses Bloßlegen einer verwundbaren Seite – in WAHN erfährt man sehr viel über Kings schrecklichen Autounfall und die Zeit seiner Rekonvaleszenz – nicht missbraucht wird, gehört wohl mit zu den wichtigsten Gründen für die Faszination, die Kings Werk ausstrahlt.
    Wenn Sie in diesem Frühjahr noch etwas Tröstliches lesen wollen, dann sollten Sie zu WAHN von Stephen King greifen. So viel Schönheit und Wahrheit sind auch bei ihm nur selten zu finden.

    Horst Illmer
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    Wahn
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    Stephen King
    WAHN. Roman.
    Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
    (Duma Key / 2008)
    München, Heyne
    Juli 2009 – 912 Seiten – € 10,99
    ISBN: 9783453433434

    Als WAHN 2008 erstmals erschien, war es gefühlt der hundertste (tatsächlich wohl Nummer 40) Stephen-King-Roman, der wieder einmal nur knapp die 1000-Seiten-Grenze verfehlte. Verblüffend war dabei, dass es mich immer noch reizte, diesen Monumentalwälzer aufzuschlagen. Und dass es Mister weiterlesen…

    Ein Vogel ist er nicht

    von am 19. Mai 2020 noch kein Kommentar

    Philip Krömer
    EIN VOGEL IST ER NICHT. Neun Umschreibungen.
    Mit Bildern von Florian L. Arnold
    Ohne Ort (Europa), Topalian & Milani, 2019, 224 Seiten
    ISBN 978-3-946423-09-6

    Tja, wie soll man das nun nennen?
    Kurzgeschichten?
    Historische Erzählungen?
    Alternative Geschichtsschreibung?
    Oder einfach nur frech?
    Auf jeden Fall nennt der Autor Philip Krömer seine in EIN VOGEL IST ER NICHT versammelten Texte schlicht „Umschreibungen“ – vieldeutiger ging‘s wohl nicht.
    Und dieses Uneindeutige ist bei Krömer Programm.
    Geschickt nutzt er das „fundierte Halbwissen“ seiner Leser und schreibt humorvolle Anekdoten über bekannte Persönlichkeiten wie Kaiserin Elisabeth (Sisi), Ludwig II., Napoleon Bonaparte, E. A. Poe oder H. C. Artmann, aber auch über Schreckensmänner wie den Serienmörder Haarmann, die römischen Kaiser Nero und Julius Cäsar, den Heiligen Georg und den mythischen Ikarus.
    Allen diesen (teils sehr kurzen, teils durchaus veritablen) Geschichten ist jedoch ein gewisses Irritationspotenzial eingebaut: so irrt etwa der amerikanische Dichter Edgar Allan Poe im Jahr 1857 (acht Jahre nach seinem vorgetäuschten Tod) in Eskimokluft durch Nordkanada – immer noch auf der Suche nach Beweisen für den Wahrheitsgehalt seines „realistischen“ Berichts über die Erlebnisse eines gewissen Arthur Gordon Pym …
    Der 1988 in Amberg geborene, inzwischen in Erlangen heimische Krömer hat unter anderem auch Buchwissenschaften studiert und dieses Wissen in die Gestaltung von EIN VOGEL IST ER NICHT eingebracht. Entstanden ist ein herausragend schönes Buch, durchgängig illustriert mit in aufwändiger Mischtechnik entstandenen Grafiken von Florian L. Arnold und zudem schrift- und satztechnisch einfach ein Genuss.

    Horst Illmer
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    Ein Vogel ist er nicht
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    Philip Krömer
    EIN VOGEL IST ER NICHT. Neun Umschreibungen.
    Mit Bildern von Florian L. Arnold
    Ohne Ort (Europa), Topalian & Milani, 2019, 224 Seiten
    ISBN 978-3-946423-09-6

    Tja, wie soll man das nun nennen?
    Kurzgeschichten?
    Historische Erzählungen?
    Alternative Geschichtsschreibung?
    Oder einfach nur frech?
    Auf jeden Fall nennt der Autor Philip Krömer seine in EIN VOGEL IST ER NICHT versammelten Texte schlicht „Umschreibungen“ – vieldeutiger ging‘s wohl nicht.
    Und dieses Uneindeutige weiterlesen…

    Parallel Lines – 5

    von am 15. Mai 2020 3 Kommentare

    Von Horst Illmer

    Unsortierte Gedanken eines Literatur-DJs im „Jahr Des Bosch-Hämorrhoidensalbentuchs“ (David Foster Wallace)

    Eyesight for the Blind / The Persistence of Vision (The Who / John Varley)

    Music is the doctor
    Makes you feel like you want to
    Listen to the doctor
    Just like you ought to
    Music is the doctor of my soul

    The Doobie Brothers

    Doctor Doctor, gimme the news
    I got a bad case of lovin' you
    No pill’s gonna cure my ill
    I got a bad case of lovin' you

    Robert Palmer

    Ihr könnt mir gratulieren. Ich habe das „missing link“ gefunden!

    Auf der Suche nach einer diesmal mehr positiven und optimistischen „Parallele“ bin ich, mehr durch Zufall und Glück als durch echtes „Wissen“, auf etwas in der Science Fiction einmaliges und staunenswertes gestoßen – auf James White und seine Serie „Orbit Hospital“.

    Im englischen Original ist die von 1957 bis 1999 von White ganz alleine geschriebene Serie als „Sector General“ bekannt, nach dem Titel der ersten Geschichte, die damals im englischen Magazin New Worlds erschien.
    Erzählt werden darin die Abenteuer einer intergalaktischen Mediziner-Crew, die in einem riesigen Krankenhaus Dienst tut, das am Rande des Universums um einen Planeten kreist. Gebaut und in Betrieb gehalten wird das Orbit Hospital von der Gemeinschaft der galaktischen Völker, deren „Monitoren“-Truppe auch für die Sicherheit der Station zuständig ist.

    Der im Nordirischen Belfast geborene James White (1928–1999) war zeitlebens „nur“ Nebenerwerbs-Schriftsteller. Er zog es vor, seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit (Werbung) zu verdienen und seinem Hobby als SF-Autor (trotz eines gewissen Erfolgs) lieber nur nebenbei zu frönen. Ausschlaggebend dafür dürfte auch gewesen sein, dass White überzeugter Pazifist war und dies auch in seinen Romanen und Erzählungen zum Ausdruck bringen wollte. Das machte „Sector General“ laut dem Genre-Historiker Brian Stableford zwar zur ersten rein pazifistischen Weltraumsaga („the first explicitly pacifist space opera series“) – die aber niemals ein echter Bestseller wurde, auf dem man eine sichere Karriere hätte aufbauen können.

    Trotzdem erlangte White einigen Ruhm mit den in insgesamt zwölf Bänden gesammelten Kurzgeschichten und Romanen um den Chefarzt Dr. Peter Conway, die Krankenschwestern Murchison und Naydrad, den empathischen (wenngleich spinnenähnlichen) Dr. Prilicla und ihrer gemeinsamen „Nemesis“, dem Chefpsychologen Dr. O’Mara, die immer wieder aufs Neue vor der Herausforderung stehen, exotische Aliens von noch exotischeren Krankheiten zu heilen.
    Obwohl die Weltraumklinik riesig ist und fast alle Umweltbedingungen nachstellen kann, sind die Behandlungen oftmals schwierig, da die Mediziner sich erst einmal in ihre Patienten (und deren Metabolismus) „hineinversetzen“ müssen. Das erfordert einen fast detektivischen Spürsinn, sodass die einzelnen Episoden manchmal wie eine gelungene Verbindung zwischen „Dr. House“, Sherlock Holmes und „Babylon 5“ wirken.
    Im Lauf der Jahre entwickelte sich die Spannung der Handlung auch durch diverse Konflikte mit den Soldaten des Monitoren-Corps, mit feindlichen Angriffen auf das Orbit Hospital oder durch Außeneinsätze, wenn z. B. einmal der Patient sogar für dieses Krankenhaus zu groß war. White, der gerne selbst Arzt geworden wäre, schrieb einen Großteil der Abenteuer in Form von Kurzgeschichten in den 1960er und 1970er Jahren und sah die Serie nach sechs Sammelbänden eigentlich schon als abgeschlossen an. Allerdings konnten ihn freundliche Bitten seiner Verleger dann doch dazu bringen, noch sechs Romane (davon alleine fünf in den Jahren zwischen 1991 und 1999) folgen zu lassen.
    In Deutschland gab es seit 1965 immer wieder (zumeist nur kurzlebige) Versuche, die „Weltraum-Mediziner“ auf Station zu schicken. Nach Moewig, Pabel und Ullstein nahm dann Wolfgang Jeschke vom Heyne Verlag die Sache in die Hand und veröffentlichte zwischen 1993 und 1997 die bis dahin erschienenen Bände Eins bis Neun in der (teilweisen Neu-)Übersetzung von Kalla Wefel. In White Todesjahr 1999 folgte dann noch DIE LETZTE DIAGNOSE (die Bände 11 und 12 kann man bisher nur auf Englisch lesen). Als Besonderheit der Deutschen Ausgabe ist Anzumerken, dass die zehn Titelbilder, gemalt von Boros Zoltan und Szikszai Gabor, aneinandergelegt ein großartiges Panoramabild ergeben.

    Zwar ist auch im Weltraum und im „Orbit Hospital“ nicht immer alles LOVE & PEACE & HARMONY wie es sich die Jungs von High South auf ihrer aktuellen CD ausmalen, aber James White kommt diesem Ideal so nahe wie niemand sonst in der gesamten Science-Fiction-Literatur.

    Song: Carole King – „You’ve Got A Friend“ (1971, vom Album TAPESTRY)

    Von Horst Illmer

    Unsortierte Gedanken eines Literatur-DJs im „Jahr Des Bosch-Hämorrhoidensalbentuchs“ (David Foster Wallace)

    Eyesight for the Blind / The Persistence of Vision (The Who / John Varley)

    Music is the doctor
    Makes you feel like you want to
    Listen to the doctor
    Just like you ought to
    Music is the doctor of my soul

    The Doobie Brothers

    Doctor Doctor, gimme the news
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    Aufbruch in den Abgrund

    von am 11. Mai 2020 noch kein Kommentar

    Hans Frey
    AUFBRUCH IN DEN ABGRUND.
    Deutsche Science Fiction zwischen Demokratie und Diktatur. Von Weimar bis zum Ende der Nazidiktatur 1918–1945.
    Berlin, Memoranda, 2020, 530 Seiten
    ISBN 978-3-948616-02-1, / Klappenbroschur

    Der von Hans Frey 2018 in FORTSCHRITT UND FIASKO begonnene Versuch einer Literaturgeschichte der deutschen Science Fiction findet im Frühjahr 2020 seine Fortsetzung in AUFBRUCH IN DEN ABGRUND – DEUTSCHE SCIENCE FICTION ZWISCHEN DEMOKRATIE UND DIKTATUR. Reichten Frey für die ersten einhundert Jahre von 1810 bis zum 1. Weltkrieg noch 300 Seiten, so füllt die Untersuchung der zwischen 1918 und 1945 („Von Weimar bis zum Ende der Nazidiktatur“) erschienenen Zukunftsliteratur diesmal über 500 Seiten.
    Akribisch und detailfreudig beschreibt der Sammler und Literaturkenner Frey, der als Germanist, Lehrer und Politiker die besten Voraussetzungen dafür mitbringt, die im deutschsprachigen Raum veröffentlichten Romane und Kurzgeschichtenbände, deren Inhalt zwar noch als „phantastische Literatur“, „technischer Zukunftsroman“ oder „utopisch“ bezeichnet wurde, aber letztlich dem entsprach, was zeitgleich in den USA als „Science Fiction“ seinen Siegeszug um die Welt begann. Dabei folgt er zwar grundsätzlich dem „Zeitstrang“, unterteilt jedoch geschickt nach Themenkreisen, einzelnen Autoren, technischen und (vor allem) politischen Zäsuren und schafft es so, nicht nur den vielen hundert Büchern gerecht zu werden, sondern auch noch den historischen Hintergrund seines Zeitgemäldes „scharf zu stellen“.
    Was von Nessun Saprà in dessen LEXIKON DER DEUTSCHEN SCIENCE FICTION & FANTASY 1919–1932 (Utopica, 2007) begonnen wurde (aber leider Fragment blieb), nimmt Frey als Grundlage, geht in seinem AUFBRUCH IN DEN ABGRUND aber nicht nur einen Schritt weiter, sondern erfüllt das Ganze mit neuem Leben.
    Dieses Buch zu lesen macht nicht nur schlauer – es macht auch noch Spaß!

    Horst Illmer
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    Aufbruch in den Abgrund
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    Hans Frey
    AUFBRUCH IN DEN ABGRUND.
    Deutsche Science Fiction zwischen Demokratie und Diktatur. Von Weimar bis zum Ende der Nazidiktatur 1918–1945.
    Berlin, Memoranda, 2020, 530 Seiten
    ISBN 978-3-948616-02-1, / Klappenbroschur

    Der von Hans Frey 2018 in FORTSCHRITT UND FIASKO begonnene Versuch einer Literaturgeschichte der deutschen Science Fiction findet im Frühjahr 2020 seine Fortsetzung in AUFBRUCH IN DEN ABGRUND – DEUTSCHE SCIENCE FICTION ZWISCHEN weiterlesen…

    Love

    von am 10. Mai 2020 noch kein Kommentar

    Stephen King
    LOVE. Roman.
    Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
    (Originatitel: Lisey’s Story / 2006)
    München, Heyne
    April 2008 – 752 Seiten – € 10,99
    ISBN: 9783453432932

    Scott Landon und Lisa Debusher (genannt Lisey) waren lange Jahre verheiratet, bis Scott vor zwei Jahren viel zu früh an einer unbekannten Krankheit gestorben ist. Seither lebt Lisey in ihrem großen Haus allein und versucht über den Verlust hinwegzukommen.
    Da Scott ein erfolgreicher Romanautor war, hat sie keinerlei finanzielle Probleme. Sie kämpft vielmehr damit, dass ihre Liebe zu Scott nicht nachlassen will und sein Fehlen sie fast verzweifeln lässt. Da wir es hier jedoch mit einem Roman von Stephen King zu tun haben, werden aus den emotionalen Wunden recht schnell ganz reale Klingen, Scherben und andere Schneidewerkzeuge, die dazu benutzt werden, Menschen zu verletzen.
    Lisey wird plötzlich durch mehrere Katastrophen aus ihrem tranceähnlichen Trauerzustand geholt. Zum einen beginnt ihre mental verstörte Schwester Amanda nach Jahren wieder damit, sich selbst zu verletzen. Noch bevor Lisey mit ihren anderen Schwestern eine Entscheidung über Amandas weiteres Schicksal treffen kann, erreicht sie selbst der merkwürdige Drohanruf eines Mannes, der sich Zack McCool nennt und es offenbar auf Scotts unveröffentlichte Manuskripte abgesehen hat. Und in ihr selbst beginnen lange Zeit verdrängte Erinnerungen sich ihren Weg zurück ins Bewusstsein zu bahnen.
    Scott und Lisa stammten beide aus Familien, deren Zusammenleben teilweise sehr von dem abwich, was man als normal bezeichnen würde. Im Laufe ihrer Beziehung sagten sie sich all diese intimen Dinge, die man eben nur seinem Partner erzählt, wobei beide offenbar doch ein paar Geheimnisse für sich behielten.
    Doch die Schatten der Vergangenheit beginnen damit, sich in der Gegenwart auszubreiten: Amanda redet plötzlich in Zungen und verfällt dann in einen katatonischen Zustand, der Dozent, der hinter Scotts Papieren her war, verliert die Kontrolle über seinen „Helfer“ Zack McCool, in Liseys Briefkasten liegt eine bestialisch geschlachtete Katze – und beim Aufräumen entdeckt Lisa ein Fragment gebliebenes Manuskript ihres Gatten, mit dem er sie auf einen „Blut-Bool“ schickt. Mit diesem Begriff bezeichnete Scott ihr gegenüber die grausamen Rätselspiele seiner Kindheit. Ohne seine körperliche Anwesenheit, muss sie sich nun allein aufmachen und versuchen, das Rätsel zu lösen, bevor das Unheil erneut zuschlägt.
    King gelingt es einmal mehr, mit Worten einen Sog zu erzeugen, der den Leser gefangen nimmt, seine Augen auf die Seiten des Buches bannt und ihn dazu bringt, immer weiter lesen zu wollen. Obwohl die beschriebenen Szenen manchmal fast unerträglich scheinen, gelingt es nicht, sie zu überblättern (ich hab’s durchaus versucht).
    Stephen King schreibt in LOVE über die Probleme, die eine Ehe für die Beteiligten mit sich bringt, über die Folgen, die eine schlechte Kindheit für die Menschen haben kann, die sie durchleiden müssen, über die Schwierigkeiten, gleichzeitig Schriftsteller zu sein und mit normalen Menschen auskommen zu müssen – und über den unerschöpflichen und unvorstellbar schönen „Pool der Worte“, dem wir alle unsere Sprache und vor allem unsere Literatur verdanken.
    LOVE ist ein Roman voller Grauen und Liebe, geschrieben von einem meisterhaften Erzähler, der auch nach über fünfzig Büchern immer noch alles für sein Publikum gibt – auch sich selbst. Ein echter King!

    Horst Illmer
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    Love
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    Stephen King
    LOVE. Roman.
    Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
    (Originatitel: Lisey’s Story / 2006)
    München, Heyne
    April 2008 – 752 Seiten – € 10,99
    ISBN: 9783453432932

    Scott Landon und Lisa Debusher (genannt Lisey) waren lange Jahre verheiratet, bis Scott vor zwei Jahren viel zu früh an einer unbekannten Krankheit gestorben ist. Seither lebt Lisey in ihrem großen Haus allein und versucht über den Verlust weiterlesen…