Boualem Sansal: 2084 – Das Ende der Welt
von Gerd am 4. November 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Boualem Sansal
2084
Das Ende der Welt
Ü: Vincent von Wroblewsky
Lüneburg, Merlin Verlag, 2016, 288 S.
ISBN 9783875363210 24,00 Euro
Gebunden mit Schutzumschlag
Es gibt diesen seltenen, kostbaren Moment im Leben eines Buchhändlers: Wenn man zwischen den Tausenden von Frühjahrs- und Herbstvorschauen, zwischen dem x-ten glattgebügelten Crossover-Katalog und den austauschbaren Neuerscheinungen plötzlich auf ein Buch stößt, das einen beim Lesen nicht nur packt, sondern spürbar erschüttert.
Ich bin rein zufällig über Boualem Sansals 2084 – Das Ende der Welt gestolpert. Im Nachhinein schäme ich mich fast ein bisschen dafür, denn "eigentlich" ist es fast sträflich. Aber es ist eben immer wieder mal ein abenteuerliches Glück solche Titel zu finden. Denn seien wir ehrlich, die großen Publikumsverlage gehen mit dem Begriff (anspruchsvoller) "Science-Fiction" im Zusammenhang mit literarisch wertvoller Hochliteratur heutzutage nicht gerade hausieren. Wenn ein Werk nicht sauber ins gängige Raster passt, geht es in meiner Wahrnehmung nur zu leicht unter. Dass der Merlin Verlag diesen Roman ins Programm geholt hat, ist ein Segen – aber finden muss man solche Perlen auf dem Markt oft doch ganz alleine.
Schon der Titel ist eine unmissverständliche Ansage. Sansal nimmt George Orwells 1984 nicht einfach nur als Schablone, sondern führt dessen Prämisse konsequent und erbarmungslos in Zukunft weiter, die unserer Gegenwart entspringt.
Wo Orwell den totalitären Überwachungsstaat des 20. Jahrhunderts seziere, beschreibt Sansal das verheerende Reich Abistan – ein gigantisches, theokratisches Imperium, das auf einem absolutistischen Religionswahn fußt. Der Große Bruder heißt hier Yölah, sein Prophet Abi, und das heilige Buch ist das Gkabul. Sansal zeigt auf erschreckende Weise, wenn Totalitarismus sich nicht als politische Partei, sondern als göttliche Wahrheit verkleidet, gibt es für den Menschen gar keinen Raum mehr für Zweifel.
Ich gebe zu, als jemand, der behütet in einer bildungsbürgerlichen Familie in der katholisch geprägten Kultur Würzburgs aufgewachsen ist, hat mich dieser Roman an einer ganz spezifischen Stelle getroffen. Wenn man mit Traditionen, Glaubensfragen und dogmatischen Strukturen groß geworden ist – selbst wenn sie in einem aufgeklärten und milden Rahmen stattfanden – spürt man beim Lesen von 2084 eine ganz besondere Erschütterung. Man erkennt die Zwangsläufigkeit und die feinen Rädchen, mit denen ein System aus Sünde, Erfurcht und absolutem Wahrheitsanspruch den Geist eines Menschen knechten kann.
Besonders beklemmend ist dabei Sansals Sprachkritik. Ähnlich wie Orwells Neusprech nutzt das Regime die Kunstsprache Abilang. Es ist eine Sprache, die vollkommen gereinigt ist von Nuancen, Zweifel, Poesie oder individueller Reflexion. Wer keine Worte mehr hat, um Freiheit oder Kritik zu benennen, kann diese Konzepte nicht einmal mehr denken.
Die Hauptfigur Ati ist kein Held. Er ist ein kranker, unscheinbarer Mann, der durch Zufall aus dem starren Getriebe der Gehirnwäsche herausgerissen wird. Was ihn antreibt, ist kein heroischer Revolutionsgedanke, sondern etwas viel Gefährlicheres. Der Zweifel. Seine leise, melancholische Suche nach der verblassten "Geschichte" und der Vergangenheit durch ein ödes, von monumentalen Heiligtümern geprägtes Land ist atmosphärisch atemberaubend und von einer tiefen Einsamkeit durchdrungen.
Dass Boualem Sansal selbst als algerischer Autor seit Jahren mit immense Mut und unter persönlichem Risiko gegen Dogmatismus und Zensur anschreibt, verleiht jeder einzelnen Zeile eine unnahbare, haptische Dringlichkeit.
2084 ist kein Buch für zwischendurch. Es ist düster, bitter, philosophisch extrem dicht und eine tiefschürfende Warnung vor dem Verlust unserer geistigen Freiheit. Ein Roman, der nicht nur unter die Haut geht, sondern lange im Gedächtnis brennt.
Kommt vorbei und schlagt das Buch bei uns auf. Wenn ihr Dystopien schätzt, die euch intelligentes, unbequemes und literarisch gewaltiges Futter liefern, dürft ihr an dieser Entdeckung keinesfalls vorbeigehen.
von Gerd am 4. November 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Boualem Sansal
2084
Das Ende der Welt
Ü: Vincent von Wroblewsky
Lüneburg, Merlin Verlag, 2016, 288 S.
ISBN 9783875363210 24,00 Euro
Gebunden mit Schutzumschlag
Es gibt diesen seltenen, kostbaren Moment im Leben eines Buchhändlers: Wenn man zwischen den Tausenden von Frühjahrs- und Herbstvorschauen, zwischen dem x-ten glattgebügelten Crossover-Katalog und den austauschbaren Neuerscheinungen plötzlich auf ein Buch stößt, das einen beim Lesen nicht nur packt, sondern spürbar erschüttert.
Ich bin rein zufällig über Boualem Sansals 2084 – Das Ende der Welt gestolpert. Im Nachhinein schäme ich mich fast ein bisschen dafür, denn "eigentlich" ist es fast sträflich. Aber es ist eben immer wieder mal ein abenteuerliches Glück solche Titel zu finden. Denn seien wir ehrlich, die großen Publikumsverlage gehen mit dem Begriff (anspruchsvoller) "Science-Fiction" im Zusammenhang mit literarisch wertvoller Hochliteratur heutzutage nicht gerade hausieren. Wenn ein Werk nicht sauber ins gängige Raster passt, geht es in meiner Wahrnehmung nur zu leicht unter. Dass der Merlin Verlag diesen Roman ins Programm geholt hat, ist ein Segen – aber finden muss man solche Perlen auf dem Markt oft doch ganz alleine.
Schon der Titel ist eine unmissverständliche Ansage. Sansal nimmt George Orwells 1984 nicht einfach nur als Schablone, sondern führt dessen Prämisse konsequent und erbarmungslos in Zukunft weiter, die unserer Gegenwart entspringt.
Wo Orwell den totalitären Überwachungsstaat des 20. Jahrhunderts seziere, beschreibt Sansal das verheerende Reich Abistan – ein gigantisches, theokratisches Imperium, das auf einem absolutistischen Religionswahn fußt. Der Große Bruder heißt hier Yölah, sein Prophet Abi, und das heilige Buch ist das Gkabul. Sansal zeigt auf erschreckende Weise, wenn Totalitarismus sich nicht als politische Partei, sondern als göttliche Wahrheit verkleidet, gibt es für den Menschen gar keinen Raum mehr für Zweifel.
Ich gebe zu, als jemand, der behütet in einer bildungsbürgerlichen Familie in der katholisch geprägten Kultur Würzburgs aufgewachsen ist, hat mich dieser Roman an einer ganz spezifischen Stelle getroffen. Wenn man mit Traditionen, Glaubensfragen und dogmatischen Strukturen groß geworden ist – selbst wenn sie in einem aufgeklärten und milden Rahmen stattfanden – spürt man beim Lesen von 2084 eine ganz besondere Erschütterung. Man erkennt die Zwangsläufigkeit und die feinen Rädchen, mit denen ein System aus Sünde, Erfurcht und absolutem Wahrheitsanspruch den Geist eines Menschen knechten kann.
Besonders beklemmend ist dabei Sansals Sprachkritik. Ähnlich wie Orwells Neusprech nutzt das Regime die Kunstsprache Abilang. Es ist eine Sprache, die vollkommen gereinigt ist von Nuancen, Zweifel, Poesie oder individueller Reflexion. Wer keine Worte mehr hat, um Freiheit oder Kritik zu benennen, kann diese Konzepte nicht einmal mehr denken.
Die Hauptfigur Ati ist kein Held. Er ist ein kranker, unscheinbarer Mann, der durch Zufall aus dem starren Getriebe der Gehirnwäsche herausgerissen wird. Was ihn antreibt, ist kein heroischer Revolutionsgedanke, sondern etwas viel Gefährlicheres. Der Zweifel. Seine leise, melancholische Suche nach der verblassten "Geschichte" und der Vergangenheit durch ein ödes, von monumentalen Heiligtümern geprägtes Land ist atmosphärisch atemberaubend und von einer tiefen Einsamkeit durchdrungen.
Dass Boualem Sansal selbst als algerischer Autor seit Jahren mit immense Mut und unter persönlichem Risiko gegen Dogmatismus und Zensur anschreibt, verleiht jeder einzelnen Zeile eine unnahbare, haptische Dringlichkeit.
2084 ist kein Buch für zwischendurch. Es ist düster, bitter, philosophisch extrem dicht und eine tiefschürfende Warnung vor dem Verlust unserer geistigen Freiheit. Ein Roman, der nicht nur unter die Haut geht, sondern lange im Gedächtnis brennt.
Kommt vorbei und schlagt das Buch bei uns auf. Wenn ihr Dystopien schätzt, die euch intelligentes, unbequemes und literarisch gewaltiges Futter liefern, dürft ihr an dieser Entdeckung keinesfalls vorbeigehen.

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