Der Ur-Mythos der Moderne in einer meisterhaft schaurigen Gewandung
von Gerd am 26. Oktober 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Mary Shelley & Stan Manoukian
Frankenstein
Ü: Heinz Widtmann
Berlin, Jacoby & Stuart, 2026, 256 S.
ISBN 9783964283399 49,00 Euro
gebundenes Überformat
Wie schön ist es, allein diesen ersten Text auf dem Vorsatzblatt zu lesen. "Aus dem Englischen nach der Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 behutsam neu bearbeitet und ergänzt von Nicola T Stuart." Allein das macht bereits mehr als Lust, dieses wunderbare Buch aufzuschlagen. Aber wartet ab…
Wenn man sich seit Jahrzehnten durch die Phantastik liest, gibt es Werke, die wie schwere, unverrückbare Grundpfeiler im Raum stehen. Mary Shelleys "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" ist genau so ein Solitär. Ich gebe offen zu, wenn es um Shelley geht, schlägt mein Herz persönlich fast noch ein bisschen höher für ihren oft unterschätzten, melancholischen Endzeit-Roman "Der letzte Mensch". Aber Frankenstein wirkt schlicht wie der Urknall der modernen Science-Fiction und des literarischen Horrors.
Was die damals erst 18-jährige Mary Wollstonecraft Shelley im legendären Sommer 1816 am Genfer See – im Schatten von Lord Byron und John Polidori – aufs Papier zauberte, war nichts weniger als eine erzählerische Erschütterung. Shelley war ihrer Zeit meilenweit voraus. Sie erfand nicht einfach eine Schauergeschichte, sondern spiegelte die Ängste der beginnenden Industrialisierung, den wissenschaftlichen Hybris-Gedanken und die tragische Entfremdung des Geschöpfs von seinem Schöpfer.
Ein Schatten, den sie bis heute auf die gesamte Popkultur wirft. Kaum ein Stoff der Weltliteratur hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt oder ist so unzählige Male adaptiert, verzerrt, zitiert und neu interpretiert worden wie dieser. Man begegnet dem Geschöpf schlicht überall.
Es gibt allein zig filmische Umsetzungen. Von den ikonischen Universal-Klassikern mit Boris Karloff über die blutrote Hammer-Gothic der 50er und 60er Jahre bis hin zu Kenneth Branaghs opernhafter Umsetzung. Außerdem jede Menge freie und schräge Huldigungen. Was wäre die Popkultur ohne die Rocky Horror Picture Show, wo der Schöpferwahn im Glam-Rock aufblüht? Oder Tim Burtons liebevolle, stop-motion-gewebte Hommage Frankenweenie? Selbst im modernen Animationskino von Hotel Transsilvanien oder in TV-Klassikern wie den Munsters stößt man auf Karloffs charakteristische Stirnnaht. Wer Comic-Kultur schätzt, kommt an der unübertroffenen, akribisch schraffierten Graphic-Novel-Adaption des legendären Bernie Wrightson nicht vorbei – ein visuelles Meisterwerk, das Maßstäbe gesetzt hat.
Dass der Stoff nach über 200 Jahren weder an Brisanz noch an Faszination verloren hat, liegt an seiner zeitlosen Kerntragik. Frankenstein ist kein Monster-Action-Szenario, sondern ein philosophisches Drama über Einsamkeit, Verantwortung und die Schattenseiten des menschlichen Schöpferdrangs.
Braucht der Markt also wirklich noch eine Ausgabe von Frankenstein? Wenn sie so gemacht ist wie diese hier bei Jacoby & Stuart, gibt es von meiner Seite ein absolutes Ja!
Ich habe mir von dieser prachtvollen Neuausgabe bisher gezielt nur das Vorwort zu Gemüte geführt (Den Roman habe ich mehrfach gelesen) UND mich vor allem stundenlang in den Illustrationen von Stan Manoukian verloren. Wer die bisherige Illustrationsgeschichte des Romans (aus Sicht von Comic-Fans) kennt, dem wird sofort auffallen: Manoukian schlägt einen erfrischend eigenwilligen Kurs ein.
Mary Shelley & Bernie Wrightson
Frankenstein
Simon & Schuster 2021, 288 S.
ISBN 9781982146160 17,00 Euro
Paperback
Wer bei Frankenstein-Illustrationen den legendären, düsteren, ja tiefschwarzen Ernst eines Bernie Wrightson im Kopf hat – mit all seinen akribischen, satten Schraffuren und der morbiden Wucht des reinen Horrors –, wird bei Manoukian auf den ersten Blick womöglich stutzen.
Stan Manoukian kommt spürbar aus einer anderen Ecke der Comic-Kunst. Deutlich stärker in Richtung Cartoon- und Konzeptkunst. Seine Illustrationen sind zwar ebenso akribisch und unglaublich detailverliebt, aber sie besitzen diesen ganz eigenen, fast schon schrulligen und "putzigen" Charme. Seine Kreaturen und Figuren wirken nicht wie blutrünstige Albtraumgestalten, sondern besitzen eine liebenswerte, tragikomische Note, mit großen Augen und merkwürdig organischen Formen.
Statt der eiskalten, gotische Schauer-Architektur schafft Manoukian eine wundersam-poetische, melancholische Sichtweise, die dem Stoff das unnahbare Pathos nimmt und den Fokus noch stärker auf das verletzliche, entfremdete Geschöpf lenkt.
Genau das macht den Band für mich so faszinierend. Es ist keine weitere Kopie bekannter Sehgewohnheiten, sondern eine charmante, popkulturell geerdete Neuinterpretation. Dazu kommt die gewohnt erstklassige Ausstattung des Verlags: Ein schwerer, wertiger Band, fantastisch gesetzt, der Manoukians Zeichnungen genau den Raum gibt, den sie brauchen.
Wer Wrightsons düsteren Gothic Horror sucht, bleibt bei den Klassikern. Wer aber wissen will, wie viel schräge Wärme, Herz und cartoonhafte Poesie im Frankenstein-Mythos stecken kann, für den ist diese Prachtausgabe ein absolutes Fest und ein echtes Highlight für Sammler visueller Buchkunst.
Mein Tipp für die langen, dunklen Abende. Kommt vorbei, schlagt den Band bei uns auf und werft einen Blick auf Stan Manoukians Zeichnungen. Mich hat es sofort gepackt. Ob euch dieser ganz besondere Stil ebenso einfangen kann (oder ob ihr lieber beim klassischen Gothic Horror bleibt) – das Gespräch darüber lohnt sich in jedem Fall!
- Kategorien: Bildband , Bücher , Gerds Lesestapel , Horror
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von Gerd am 26. Oktober 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Mary Shelley & Stan Manoukian
Frankenstein
Ü: Heinz Widtmann
Berlin, Jacoby & Stuart, 2026, 256 S.
ISBN 9783964283399 49,00 Euro
gebundenes Überformat
Wie schön ist es, allein diesen ersten Text auf dem Vorsatzblatt zu lesen. "Aus dem Englischen nach der Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 behutsam neu bearbeitet und ergänzt von Nicola T Stuart." Allein das macht bereits mehr als Lust, dieses wunderbare Buch aufzuschlagen. Aber wartet ab…
Wenn man sich seit Jahrzehnten durch die Phantastik liest, gibt es Werke, die wie schwere, unverrückbare Grundpfeiler im Raum stehen. Mary Shelleys "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" ist genau so ein Solitär. Ich gebe offen zu, wenn es um Shelley geht, schlägt mein Herz persönlich fast noch ein bisschen höher für ihren oft unterschätzten, melancholischen Endzeit-Roman "Der letzte Mensch". Aber Frankenstein wirkt schlicht wie der Urknall der modernen Science-Fiction und des literarischen Horrors.
Was die damals erst 18-jährige Mary Wollstonecraft Shelley im legendären Sommer 1816 am Genfer See – im Schatten von Lord Byron und John Polidori – aufs Papier zauberte, war nichts weniger als eine erzählerische Erschütterung. Shelley war ihrer Zeit meilenweit voraus. Sie erfand nicht einfach eine Schauergeschichte, sondern spiegelte die Ängste der beginnenden Industrialisierung, den wissenschaftlichen Hybris-Gedanken und die tragische Entfremdung des Geschöpfs von seinem Schöpfer.
Ein Schatten, den sie bis heute auf die gesamte Popkultur wirft. Kaum ein Stoff der Weltliteratur hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt oder ist so unzählige Male adaptiert, verzerrt, zitiert und neu interpretiert worden wie dieser. Man begegnet dem Geschöpf schlicht überall.
Es gibt allein zig filmische Umsetzungen. Von den ikonischen Universal-Klassikern mit Boris Karloff über die blutrote Hammer-Gothic der 50er und 60er Jahre bis hin zu Kenneth Branaghs opernhafter Umsetzung. Außerdem jede Menge freie und schräge Huldigungen. Was wäre die Popkultur ohne die Rocky Horror Picture Show, wo der Schöpferwahn im Glam-Rock aufblüht? Oder Tim Burtons liebevolle, stop-motion-gewebte Hommage Frankenweenie? Selbst im modernen Animationskino von Hotel Transsilvanien oder in TV-Klassikern wie den Munsters stößt man auf Karloffs charakteristische Stirnnaht. Wer Comic-Kultur schätzt, kommt an der unübertroffenen, akribisch schraffierten Graphic-Novel-Adaption des legendären Bernie Wrightson nicht vorbei – ein visuelles Meisterwerk, das Maßstäbe gesetzt hat.
Dass der Stoff nach über 200 Jahren weder an Brisanz noch an Faszination verloren hat, liegt an seiner zeitlosen Kerntragik. Frankenstein ist kein Monster-Action-Szenario, sondern ein philosophisches Drama über Einsamkeit, Verantwortung und die Schattenseiten des menschlichen Schöpferdrangs.
Braucht der Markt also wirklich noch eine Ausgabe von Frankenstein? Wenn sie so gemacht ist wie diese hier bei Jacoby & Stuart, gibt es von meiner Seite ein absolutes Ja!
Ich habe mir von dieser prachtvollen Neuausgabe bisher gezielt nur das Vorwort zu Gemüte geführt (Den Roman habe ich mehrfach gelesen) UND mich vor allem stundenlang in den Illustrationen von Stan Manoukian verloren. Wer die bisherige Illustrationsgeschichte des Romans (aus Sicht von Comic-Fans) kennt, dem wird sofort auffallen: Manoukian schlägt einen erfrischend eigenwilligen Kurs ein.
Mary Shelley & Bernie Wrightson
Frankenstein
Simon & Schuster 2021, 288 S.
ISBN 9781982146160 17,00 Euro
Paperback
Wer bei Frankenstein-Illustrationen den legendären, düsteren, ja tiefschwarzen Ernst eines Bernie Wrightson im Kopf hat – mit all seinen akribischen, satten Schraffuren und der morbiden Wucht des reinen Horrors –, wird bei Manoukian auf den ersten Blick womöglich stutzen.
Stan Manoukian kommt spürbar aus einer anderen Ecke der Comic-Kunst. Deutlich stärker in Richtung Cartoon- und Konzeptkunst. Seine Illustrationen sind zwar ebenso akribisch und unglaublich detailverliebt, aber sie besitzen diesen ganz eigenen, fast schon schrulligen und "putzigen" Charme. Seine Kreaturen und Figuren wirken nicht wie blutrünstige Albtraumgestalten, sondern besitzen eine liebenswerte, tragikomische Note, mit großen Augen und merkwürdig organischen Formen.
Statt der eiskalten, gotische Schauer-Architektur schafft Manoukian eine wundersam-poetische, melancholische Sichtweise, die dem Stoff das unnahbare Pathos nimmt und den Fokus noch stärker auf das verletzliche, entfremdete Geschöpf lenkt.
Genau das macht den Band für mich so faszinierend. Es ist keine weitere Kopie bekannter Sehgewohnheiten, sondern eine charmante, popkulturell geerdete Neuinterpretation. Dazu kommt die gewohnt erstklassige Ausstattung des Verlags: Ein schwerer, wertiger Band, fantastisch gesetzt, der Manoukians Zeichnungen genau den Raum gibt, den sie brauchen.
Wer Wrightsons düsteren Gothic Horror sucht, bleibt bei den Klassikern. Wer aber wissen will, wie viel schräge Wärme, Herz und cartoonhafte Poesie im Frankenstein-Mythos stecken kann, für den ist diese Prachtausgabe ein absolutes Fest und ein echtes Highlight für Sammler visueller Buchkunst.
Mein Tipp für die langen, dunklen Abende. Kommt vorbei, schlagt den Band bei uns auf und werft einen Blick auf Stan Manoukians Zeichnungen. Mich hat es sofort gepackt. Ob euch dieser ganz besondere Stil ebenso einfangen kann (oder ob ihr lieber beim klassischen Gothic Horror bleibt) – das Gespräch darüber lohnt sich in jedem Fall!
- Kategorien: Bildband , Bücher , Gerds Lesestapel , Horror
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