Auf den Spuren von Blueberry – Eine Empfehlung und eine Lobeshymne auf eine großartige Serie
von burn am 2. November 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Auf den Spuren von Blueberry
Blutch, Thierry Martin, Coutelis, Olivier Taduc, Blanc-Dumont und viele mehr
Egmont, 2026, 128 Seiten, € 65,00
ISBN 9783770410941
Bereits vor einigen Monaten habe ich in der Egmont-Vorschau diesen Band entdeckt und ihn euch auch in einem Podcast ans Herz gelegt. Damals dachte ich, ja, könnte was Nettes sein, eine Blueberry-Hommage. Vielleicht ein wenig was über Blueberry, ein paar schöne Zeichnungen, Bibliografie und Ähnliches. Könnte sich da drin verstecken.
Als ich den Band dann in die Hände bekam, Überformat, in Leinen gebunden, einfach perfekt aufgemacht, da war ich schon beim ersten Anblick hin und weg. Ich blätterte ihn grob durch. Auch die vielen verschiedenen Zeichnungen ließen mich schon mit begeisterter Vorfreude erzittern.
Der Klappentext: „Er ist neben Lucky Luke der größte Westernheld der frankobelgischen Comics, Blueberry, von den Künstlern Charlier und Giraud geschaffen. Auf 128 Seiten sollen zahlreiche Künstler mit Kurzgeschichten und Illustrationen Tribut zollen.“
Wie banal und lächerlich ist diese Inhaltsangabe und wie wenig zollt sie Charlier und Giraud für ihr Werk tatsächlich Tribut.
Als ich als Jugendlicher auf Blueberry stieß, also mal einen Band auf dem Flohmarkt in die Hände bekam, konnte ich noch gar nicht absehen, dass es sich um eine gigantische, Jahrzehnte überspannende Saga handelte.
Des Weiteren war die Serie auch gerade erst am Entstehen. Ich denke, als ich auf sie gestoßen bin, gab es erst 18 Bände. Ich hatte das große Glück, beim Heranwachsen und Erwachsenwerden nach und nach weiter mit Bänden versorgt zu werden, da Charlier und vor allem Möbius ja ein ganz fleißiges Team waren.
Ja, Jean Giraud ist Möbius. Heutzutage weiß das jeder, aber auch ich als Jugendlicher hab’s damals nicht geschnallt. Als ich das erste Schwermetall in die Hände bekam, mit Zeichnungen von Möbius, war mir noch nicht bewusst, dass ich von diesem Zeichner schon so viel gelesen hatte.
Doch auch als ganz junger Mensch war mir ganz tief im Inneren klar, dass das etwas ganz Großes ist.
Im Vorwort dieses wundervollen Bandes wird bereits die Frage gestellt: Warum fasziniert uns Blueberry so?
„Sohn eines Sklavenhalters, Leutnant der Kavallerie, Verräter, Sträfling, Flüchtling, Gewohnheitsspieler – na ja, seine Biografie präsentiert uns eine Figur, die ebenso sehr von ihren Prüfungen und von ihren Schwächen geprägt wird. Blueberry zählt zu jenen Protagonisten, die viel einstecken müssen. Dennoch macht er weiter. Er handelt, weil er handeln muss, und ist in diesem Sinne ein klassischer Held. Letztlich sind es seine Schwächen und Irrwege, die ihn zutiefst menschlich erscheinen lassen.“
Jean Giraud bricht von Anfang an mit den grafischen Konventionen der Zeit, bereichert die Serie um dynamische Bildausschnitte, die im Verlauf der Alben zunehmend von der Filmsprache beeinflusst werden. Nicht zuletzt sieht sein Charakter aus wie Jean-Paul Belmondo.
Ich zitiere jetzt mal Dominique aus dem vorliegenden Band, weil ich das besonders treffend finde, was er sagt:
„Jede Sequenz, jedes Panel, jede Mimik, jeder Zweig, jede Kleiderfalte ist ein Dialog mit der biologischen und räumlichen Komplexität der Welt und dabei eine Lehrstunde in Sachen Zeichnung. Giraud, dieser große Rebell und ewige Avantgardist, reiht sich mit ebenso viel Demut wie Frechheit in die Nachfolge seiner Vorgänger Hal Foster, Jack Davis und Will Eisner ein. Er ist der Mount Everest, der mit dem Himalaya verschmilzt.“
Charlier seinerseits liefert Szenarien, die auf solide dokumentierten historischen Fakten basieren.
Auch hier möchte ich noch mal zitieren:
„Giraud hat volles Vertrauen in seinen Partner Charlier, der ihm auf dem Höhepunkt seines futuristischen Genies die Gelegenheit auf dem Silbertablett bot, in vollem Glanz zu erstrahlen.“ Und wie schon gesagt, Blueberry bleibt eine Figur, die mit dem Leser weiter altert. Mit Blueberry freundet man sich an und bleibt 50 Jahre lang befreundet.
Diese Serie um einen liebenswerten, komplexen Antihelden, um dieses raue und desillusionierte Amerika mit Bildern, die ans Kino erinnern, mit einem Szenario, das Tempo, Frechheit, Spannung und eine gute Portion Ironie beinhaltet, ist und bleibt einer der Meilensteine der Comicgeschichte. Blueberry ist eine Sensation. Die Figur ist weit entfernt von Klischees. Er ist eigensinnig, unverschämt, er trinkt, raucht und gerade das alles macht ihn so sympathisch.
Ich muss noch mal was zitieren von Vincent Perriot, der auch eine wunderschöne Kurzgeschichte in diesem Band beigesteuert hat, weil es einfach zu schön ist:
„In Blueberry tanzt jeder Strich von Jean Giraud. Er formt, modelliert, trennt, schraffiert. Er liebt jeden Stein, jedes Staubkorn, jede Reflexion, jede Falte. Er kann alles zeichnen. Man spürt, wie sehr er berauscht ist von dieser Fähigkeit, Dinge zu sehen und zu verstehen. Manchmal habe ich das seltsame Gefühl, ihn in der Form sitzen zu sehen, wie er jeden Pinselstrich setzt. Seite für Seite, Bild für Bild wie ein beschwingter Dirigent. Das Unglaubliche ist, dass er niemals aufgibt, er ist verrückt, aber das ist schön. Für mich lebt Jean Giraud.“
Der Band, bestehend aus 14 kurzen Geschichten von tollen Zeichnern, die sich nicht verstecken müssen, die alle beeinflusst sind von der großen visuellen Kraft des Jean Giraud und selbst Meister ihres Fachs geworden sind, hat diesen einen Sonntagnachmittag so beglückt wie lange kein Comicband mehr. Er beginnt mit einer Geschichte, in der wir Blueberry als kleinen Jungen erleben, und endet mit einer Geschichte über Blueberry als alten Mann. So runden diese jungen Künstler die Saga oben und unten noch mal ab, auf ganz wundervolle Art und Weise.
Chapeau, Egmont, dass ihr diesen Band so schön herausgebracht habt. Einziger Wermutstropfen: Die Blueberry-Saga selbst ist bei Egmont leider wieder nicht mehr lieferbar. Lasst uns hoffen, dass dies nicht mehr so lange bleiben wird.
- Kategorien: Comics , dt. Comics , Rezis
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von burn am 2. November 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Auf den Spuren von Blueberry
Blutch, Thierry Martin, Coutelis, Olivier Taduc, Blanc-Dumont und viele mehr
Egmont, 2026, 128 Seiten, € 65,00
ISBN 9783770410941
Bereits vor einigen Monaten habe ich in der Egmont-Vorschau diesen Band entdeckt und ihn euch auch in einem Podcast ans Herz gelegt. Damals dachte ich, ja, könnte was Nettes sein, eine Blueberry-Hommage. Vielleicht ein wenig was über Blueberry, ein paar schöne Zeichnungen, Bibliografie und Ähnliches. Könnte sich da drin verstecken.
Als ich den Band dann in die Hände bekam, Überformat, in Leinen gebunden, einfach perfekt aufgemacht, da war ich schon beim ersten Anblick hin und weg. Ich blätterte ihn grob durch. Auch die vielen verschiedenen Zeichnungen ließen mich schon mit begeisterter Vorfreude erzittern.
Der Klappentext: „Er ist neben Lucky Luke der größte Westernheld der frankobelgischen Comics, Blueberry, von den Künstlern Charlier und Giraud geschaffen. Auf 128 Seiten sollen zahlreiche Künstler mit Kurzgeschichten und Illustrationen Tribut zollen.“
Wie banal und lächerlich ist diese Inhaltsangabe und wie wenig zollt sie Charlier und Giraud für ihr Werk tatsächlich Tribut.
Als ich als Jugendlicher auf Blueberry stieß, also mal einen Band auf dem Flohmarkt in die Hände bekam, konnte ich noch gar nicht absehen, dass es sich um eine gigantische, Jahrzehnte überspannende Saga handelte.
Des Weiteren war die Serie auch gerade erst am Entstehen. Ich denke, als ich auf sie gestoßen bin, gab es erst 18 Bände. Ich hatte das große Glück, beim Heranwachsen und Erwachsenwerden nach und nach weiter mit Bänden versorgt zu werden, da Charlier und vor allem Möbius ja ein ganz fleißiges Team waren.
Ja, Jean Giraud ist Möbius. Heutzutage weiß das jeder, aber auch ich als Jugendlicher hab’s damals nicht geschnallt. Als ich das erste Schwermetall in die Hände bekam, mit Zeichnungen von Möbius, war mir noch nicht bewusst, dass ich von diesem Zeichner schon so viel gelesen hatte.
Doch auch als ganz junger Mensch war mir ganz tief im Inneren klar, dass das etwas ganz Großes ist.
Im Vorwort dieses wundervollen Bandes wird bereits die Frage gestellt: Warum fasziniert uns Blueberry so?
„Sohn eines Sklavenhalters, Leutnant der Kavallerie, Verräter, Sträfling, Flüchtling, Gewohnheitsspieler – na ja, seine Biografie präsentiert uns eine Figur, die ebenso sehr von ihren Prüfungen und von ihren Schwächen geprägt wird. Blueberry zählt zu jenen Protagonisten, die viel einstecken müssen. Dennoch macht er weiter. Er handelt, weil er handeln muss, und ist in diesem Sinne ein klassischer Held. Letztlich sind es seine Schwächen und Irrwege, die ihn zutiefst menschlich erscheinen lassen.“
Jean Giraud bricht von Anfang an mit den grafischen Konventionen der Zeit, bereichert die Serie um dynamische Bildausschnitte, die im Verlauf der Alben zunehmend von der Filmsprache beeinflusst werden. Nicht zuletzt sieht sein Charakter aus wie Jean-Paul Belmondo.
Ich zitiere jetzt mal Dominique aus dem vorliegenden Band, weil ich das besonders treffend finde, was er sagt:
„Jede Sequenz, jedes Panel, jede Mimik, jeder Zweig, jede Kleiderfalte ist ein Dialog mit der biologischen und räumlichen Komplexität der Welt und dabei eine Lehrstunde in Sachen Zeichnung. Giraud, dieser große Rebell und ewige Avantgardist, reiht sich mit ebenso viel Demut wie Frechheit in die Nachfolge seiner Vorgänger Hal Foster, Jack Davis und Will Eisner ein. Er ist der Mount Everest, der mit dem Himalaya verschmilzt.“
Charlier seinerseits liefert Szenarien, die auf solide dokumentierten historischen Fakten basieren.
Auch hier möchte ich noch mal zitieren:
„Giraud hat volles Vertrauen in seinen Partner Charlier, der ihm auf dem Höhepunkt seines futuristischen Genies die Gelegenheit auf dem Silbertablett bot, in vollem Glanz zu erstrahlen.“ Und wie schon gesagt, Blueberry bleibt eine Figur, die mit dem Leser weiter altert. Mit Blueberry freundet man sich an und bleibt 50 Jahre lang befreundet.
Diese Serie um einen liebenswerten, komplexen Antihelden, um dieses raue und desillusionierte Amerika mit Bildern, die ans Kino erinnern, mit einem Szenario, das Tempo, Frechheit, Spannung und eine gute Portion Ironie beinhaltet, ist und bleibt einer der Meilensteine der Comicgeschichte. Blueberry ist eine Sensation. Die Figur ist weit entfernt von Klischees. Er ist eigensinnig, unverschämt, er trinkt, raucht und gerade das alles macht ihn so sympathisch.
Ich muss noch mal was zitieren von Vincent Perriot, der auch eine wunderschöne Kurzgeschichte in diesem Band beigesteuert hat, weil es einfach zu schön ist:
„In Blueberry tanzt jeder Strich von Jean Giraud. Er formt, modelliert, trennt, schraffiert. Er liebt jeden Stein, jedes Staubkorn, jede Reflexion, jede Falte. Er kann alles zeichnen. Man spürt, wie sehr er berauscht ist von dieser Fähigkeit, Dinge zu sehen und zu verstehen. Manchmal habe ich das seltsame Gefühl, ihn in der Form sitzen zu sehen, wie er jeden Pinselstrich setzt. Seite für Seite, Bild für Bild wie ein beschwingter Dirigent. Das Unglaubliche ist, dass er niemals aufgibt, er ist verrückt, aber das ist schön. Für mich lebt Jean Giraud.“
Der Band, bestehend aus 14 kurzen Geschichten von tollen Zeichnern, die sich nicht verstecken müssen, die alle beeinflusst sind von der großen visuellen Kraft des Jean Giraud und selbst Meister ihres Fachs geworden sind, hat diesen einen Sonntagnachmittag so beglückt wie lange kein Comicband mehr. Er beginnt mit einer Geschichte, in der wir Blueberry als kleinen Jungen erleben, und endet mit einer Geschichte über Blueberry als alten Mann. So runden diese jungen Künstler die Saga oben und unten noch mal ab, auf ganz wundervolle Art und Weise.
Chapeau, Egmont, dass ihr diesen Band so schön herausgebracht habt. Einziger Wermutstropfen: Die Blueberry-Saga selbst ist bei Egmont leider wieder nicht mehr lieferbar. Lasst uns hoffen, dass dies nicht mehr so lange bleiben wird.
- Kategorien: Comics , dt. Comics , Rezis
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