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Adventskalender 2025 T-18: Alan Moore – Jerusalem (zum 1. oder 2. Mal)

von am 6. Dezember 2025

  • Alan Moore
    Jerusalem
    Übersetzung Hannes Riffel und Andreas Fliedner
    Berlin, Memoranda Verlag, 2024, 1443 S. Hardcover
    ISBN 9783910914209 / € 78,00

Bevor wir an dieser Stelle in die Pötte kommen, muss ich wohl die Überschrift erklären. Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe das Buch schon vor einigen Jahren in der englischen Version in Hermkes Romanboutique gesehen. Da ich mich wohl mit Fug und Recht als Fan des Autoren Alan Moore bezeichnen kann, habe ich natürlich über einen Kauf nachgedacht. Letzten Endes bin ich aber immer wieder davor zurückgeschreckt. Obwohl mir Moore auf Englisch durchaus geläufig ist und ich nie das Gefühl hatte, dass er es seinen Lesern unnötig schwer macht. Aber ein Roman der schon auf den ersten Blick sehr komplex wirkt … Das habe ich mich letzten Endes nicht getraut. Als ich das Buch dann angefangen habe, in der vorliegenden Version von Carcosa auf Deutsch, hat sich diese Entscheidung durchaus als richtig erwiesen. Im Endeffekt habe ich das gesamte Jahr an „Jerusalem“ gelesen. Und schon sehr früh kam ich zum Schluss, dass es mit einer Betrachtung nicht getan sein wird. Einen Umstand, den ich gelegentlich auch mit Horst Illmer besprochen habe. In meiner naiven Vorstellungswelt hätte es am Ende mindestens drei Besprechungen auf comicdealer.de gegeben. Von Horst, Gerd und mir. Gerd dürfte vom Tisch sein. Mein letzter Stand ist, dass er dieses Mammutwerk abgebrochen hat. Als ich Horst vor ca. 4 Wochen (Stand: 18. Oktober) zuletzt gesehen habe, war er noch mit dem Kapitel „Neben der Spur“ beschäftigt. Ich weiß also zur Stunde nicht, ob er das Buch bereits abgeschlossen und seine Gedanken dazu schon zu Papier gebracht hat. Aus meiner Perspektive kann ich also unmöglich sagen, ob dies nun das erste oder zweite Mal ist, dass ihr an dieser Stelle etwas über „Jerusalem“ lesen werdet.

In der Regel habe ich den Anspruch, dass ich für Gerd, Burn und Co. nur Texte verfasse, die dem Verkauf des besprochenen Produkts dienlich sein soll. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesem Anspruch heute gerecht werden kann. Alan Moore ist hier oft genug besprochen worden. Er kam in diversen „Podcast“-Beiträgen zur Sprache und es gibt mindestens zwei Beiträge zu „Watchmen“, einen zweiteiligen Artikel zu „Miracleman“ und einen zu seiner Lovecraft-Pastiche „Neonomicon“. Und das sind nur die Beiträge, die mir ad hoc einfallen. „Jerusalem“ stellt mich vor das eine oder andere Problem. Angefangen damit, dass ich gar nicht weiß, wem ich dieses Buch empfehlen könnte. Tatsächlich habe ich heute bereits einen kleinen Vorsprung in diese Richtung gewagt. Ein Angehöriger einer Bewohnerin an meiner Arbeitsstelle war Lehrer für Geschichte mit einer Spezialisierung auf amerikanische und englische Geschichte. Dazu später mehr. Das andere große Problem ist, dass ich „Jerusalem“ wohl abgebrochen hätte, wenn es nicht von Alan Moore geschrieben worden wäre. Mir fällt nicht mal eine Handvoll anderer Autoren ein, bei denen ich dieses Werk auch bis zum Ende durchgehalten hätte. Und davon ist einer seit vielen Jahren tot: Lovecraft, Jim Starlin (eher als Comicautor bekannt) und Thomas Ligotti (von dem es wohl noch ein gutes Stück wirrer gewesen wäre).

Stellen wir uns zunächst die Frage, was „Jerusalem“ eigentlich sein soll. Da muss zuerst festgestellt werden, dass es nicht um die Hauptstadt Israels geht. Der Titel leitet sich von William Blakes eigentlich titellosem Gedicht ab, welches er seinem „Milton: A Poem in Two Books“ vorangestellt hat. Da wir hier uns hier unter Nerds befinden, dürfte Blake vielen von euch schon untergekommen sein. Eine abgewandelte Form seines Gedichts „The Tyger“ wurde von J. M. DeMatteis für „Spider-Man: Kraven’s Last Hunt“ verwendet und der US-Titel einer Folge der 2. Staffel („Fearful Symmetry““ von „The X-Files“ bezieht sich ebenfalls auf diese Verse. Williams Blakes Gemälde „Ghost of a Flea“ war das Cover von Bruce Dickinsons (Iron Maiden) 98er Album „The Chemical Wedding“ (das beste Album, dass Iron Maiden nicht gemacht haben). Und auch Alan Moore hat sich zuvor schon auf Blake bezogen. Eben jenes Bild hat William Gulls Geist am Ende von „From Hell“ auf seiner Reise durch die Zeit ebenfalls kurz gesehen. Vor gut 12 Jahren habe ich mir den (noch immer lieferbaren) Band Zwischen Feuer und Feuer, dessen Untertitel Gerd scherzhaft als „pötische Werke“ bezeichnete (vielleicht erinnert er sich) gegönnt. Das betroffene Gedicht könnt ihr bei Interesse ab Seite 202 finden.

Neben der Blake-Konnotation ist „Jerusalem“ auch ein autobiographisches und lokalhistorisches Werk. Eben letzteres hat mich dazu motiviert, es o. g. Geschichtslehrer a. d. anzuempfehlen. Alan Moore hat sich, in Form der Künstlerin Alma Warren, selbst in die Geschichte integriert. Deren Bruder Mick dürfte demnach ein Analog zu Moores Bruder Mike sein. Seine Frau, die Künstlerin Melinda Gebbie, Alan Moores Frau, taucht ebenfalls am Rande auf und ist mit Alma befreundet. Man muss wohl davon ausgehen, dass der gesamte Clan aus Vernalls und Warrens Moores eigene Genealogie darstellt. In seiner Biographie kenne ich mich allerdings nicht gut genug aus, um das zu beurteilen. Schließlich und endlich geht es auch um die Geschichte seiner Heimatstadt Northhampton, besonders den als „The Buroughs“ bekannten Stadtteil. So treten auch allerlei historische Namen auf, die man mit dem Ort mehr oder weniger in Verbindung bringen kann. Hier an dieser Stelle auf alle einzugehen wäre müßig. Ich verweise deshalb auf den Beitrag von Udo Klotz in der „phantastisch!“ (Ausgabe 2/2025, Seite 32 ff.). Dort gibt es eine schöne Grafik, die viele der Verbindungen aufzeigt. Ich habe keinerlei historische Fakten überprüft. Das Buch hat mich so schon lange genug beschäftigt. Aber das führt zur einzigen, kleinen Verbindung zur Stadt Jerusalem. Einer Legende zufolge zog in altvorderer Zeit ein von Engeln (oder Angeln) beauftragter Mönch von Jerusalem los, um ein Steinkreuz in das Zentrum seines Landes zu bringen. Dieses Zentrum findet sich natürlich in Northampton, in den Buroughs. Ob das alles auf einer tatsächlichen Legende beruht … ich kann es nicht sagen. Das mag jemand anderes prüfen (Leslie Klinger?) …

Kommen wir nun zum Buch an sich bevor wir uns der Frage stellen, ob der Autor mit seinem Anliegen erfolgreich war. „Jerusalem“ ist in drei „Bücher“ aufgeteilt. Dabei ist nur das Mittlere geradlinig erzählt. Im ersten Buch springt Moore ständig zwischen den Zeiten und Figuren hin und her. Hier hilft ein gutes Gedächtnis (oder ein Notizblock). Zum Glück verfüge ich über ein gutes Gedächtnis. Ein Beispiel hierzu: Wir sehen ein Treffen zwischen der Prostituierten Marla und dem gescheiterten Dichter Benedict Perrit. Zunächst aus ihrer Perspektive, später aus Perrits Sicht. Und am Ende des dritten Buchs erhalten wir noch einen weiteren Blick auf diese Begegnung.
An anderen Stellen folgen solch unterschiedliche Perspektiven direkt aufeinander. Da wäre z. B. das Gespräch zwischen dem Schauspieler mit dem Spitznamen „Sir Francis Drake“ (ich habe erst im zweiten Buch kapiert, dass das Charlie Chaplin sein soll) und der älteren May Warren, welches wir zuerst aus der Perspektive des Schauspielers sehen und im anschließenden Kapitel dann aus Mays. Während des Gesprächs fährt die Figur des „Black Charley“ auf seinem skurrilen Fahrrad an der Szene vorbei. Das sehen wir dann wiederum im nächsten Kapitel aus dessen Sicht. Sehr wenig sehen wir von Alma und Mick Warren, die man wohl als Hauptakteure des Werks bezeichnen muss. Ob dies ein Problem ist mag jeder für sich selbst entscheiden. Alan Moore ist sich dessen aber durchaus bewusst. Im letzten Kapitel besucht Mick eine Kunstausstellung seiner Schwester. Er stellt fest, dass deren Werke wohl eine Geschichte erzählen, in denen die Hauptdarsteller nur am Rande vorkommen. Natürlich kann man auch die Stadt als eigentlichen Hauptcharakter identifizieren. In jedem Fall ist sich der Autor der Schwierigkeiten bewusst, die das Fehlen von eindeutigen Identifikationsfiguren mit sich bringt. Es hilft auch nicht unbedingt, dass er mit vielen verschiedenen Einflüssen und Erzählstilen experimentiert. Besonders nicht wenn man die Länge der Kapitel in Betracht zieht.

Das zweite „Buch“ unterscheidet sich deutlich vom Rest des Gesamtwerks. Wir folgen den Abenteuern des noch sehr jungen Mick Warren während einer Nahtoderfahrung. Mick kommt ins Obergeschoss (Himmel? Hölle? Totenreich?) und trifft auf ein Bande toter Kinder bzw. deren Geister. Da Mick eine wichtige Rolle zu erfüllen hat, müssen diese ihm dabei helfen, sich an seine Abenteuer im Obergeschoss (bzw. in „Menschenseele“) zu erinnern. Denn dies sei von äußerster Wichtigkeit. Dabei erleben sie allerlei Abenteuer während sie sich durch verschiedene Epochen graben, die sie zum Teil auch in die Welt der Lebenden bringt. Sie treffen z. B. Oliver Cromwell am Vorabend der Schlacht von Naseby. Erschwert wird das Unternehmen der Bande durch den Dämonen Asmodäus, der Mick zu einem Handel verleitet (den er aber scheinbar nie erfüllen muss). Das Obergeschoss ist dabei in mancher Hinsicht eine Kopie von Northampton und den Buroughs. Bis hin zu der Tatsache, dass dort einiges im Argen liegt. Wofür der Destruktor, die metaphysische Manifestation des Schornsteins einer Müllverbrennungsanlage (die wohl nicht mehr existiert wenn ich alles richtig verstanden habe), verantwortlich ist. Dieses Ende gilt es wohl abzuwenden. In Menschenseele erfahren wir auch, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wohl gleichzeitig existieren.

Im dritten „Buch“ springt Moore dann wieder zwischen allen möglichen Punkten hin und her. Dabei stellt er in manchen Kapiteln eine historische Figur aus der Geschichte Northamptons und eine der aktuellen Akteure direkt gegenüber. Auf diese Art begegnen wir Sir Isaac Newton in seiner Rolle als Leiter der staatlichen Münze. Northampton hatte wohl eine zentrale Rolle in der Entstehung einer britischen Währungsform (wieder: ich habe davon nichts geprüft). Mick und Alma kommen in diesem dritten Buch etwas öfter vor. Das ganze bezieht sich auf das erste Kapitel in welchem Mick, der sich nach einem Arbeitsunfall, wieder an einige seiner Erlebnisse in Menschenseele erinnern kann, Alma von diesen erzählt. Seine Schwester fasst dann das Vorhaben, diese Geschichte in Bilder zu fassen. Diese Kunstausstellung besuchen wir im letzten Kapitel.

Was will der Autor uns mit alldem nun sagen? Natürlich wäre da der autobiographische Anteil. Wie stark der auch immer sein mag. Aber im Zentrum dürfte wohl die Stadt, besonders jener als Buroughs bekannte Teil, stehen. Moore zeichnet die Entwicklung seiner Heimatstadt, an der ihm offensichtlich viel liegt, von einer einstmals wichtigen Ortschaft bis zu ihrem Verfall in den heutigen Zustand nach. Besonders die Buroughs sind dabei ein Problemviertel. Oder ein sozialer Brennpunkt wie man heute sagen würde. Moore stellt die Behauptung auf, dass jeder Einwohner dieses Viertels verschuldet sei. Schuld daran sei z. T. die Stadt selbst, die (bzw. deren Einwohner) als grundsätzlich aufsässig beschrieben werden und so das eine oder andere Mal in Konflikte mit König und Krone geriet. Was dann z. B. zur Auflösung der örtlichen Münze geführt habe. In moderneren Zeiten wird wohl auch Korruption eine Rolle gespielt haben, die etwaige Aufbaumaßnahmen für das Viertel zu Rohrkrepierern gemacht haben. Ein Stadtrat James Cockie soll sich dabei in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. In einem Kapitel ohne jedes Satzzeichen beteuert dieser seine Unschuld. Der Name scheint, wohl aufgrund des Vorwurfs, von Moore geändert worden zu sein. Zumindest konnte ich nichts über jenen Herrn Cockie finden. Vermutlich handelt es sich im richtigen Leben um den ehemaligen Amtsinhaber John Dicke.

Moore kann am Ende keine Lösung für seine Stadt anbieten. Was passieren muss wird passieren und es wird immer wieder passieren. So wird man auch immer wieder alten Bekannten begegnen und sein Leben immer wieder aufs Neue leben so wie wir es im zweiten „Buch“ in Menschenseele erleben. Ob das nun der Kern der Aussage des Buches ist, kann ich nicht abschließend feststellen. Aber es ist zumindest ein Teil dessen. Unterm Strich geht es ihm aber wohl um Northampton. Seiner Heimat, an der wohl, trotz aller Probleme, noch immer sein Herz hängt. Und obwohl er keine Lösung für diese Probleme aufzeigen kann, die Situation wohl sogar eher als ausweglos einschätzt, scheint er das alles nicht als per se negativ besetzt zu sehen. Der Eternalismus des sich stets wiederholenden Lebens (zu dem dann auch die Überschrift wieder passt) scheint ein Hoffnungsschimmer zu sein. Sofern ich mich nicht irre.

Das bringt mich (wie passend) zurück an den Anfang. Ich weiß nicht, wem ich dieses Buch empfehlen soll. Ich denke, dass es eine lohnende Lektüre sein kann, in der es viel zu entdecken gibt. Sofern man bereit ist, sich auf das alles einzulassen. Unser Lokalheld Christian Endres meinte mal zu mir, dass ich eher bereit bin, mich auf solche „Mindfucks von Moore, Neil Gaiman oder Grant Morrison“ mitnehmen zu lassen als er (wenn ich mich recht entsinne in Bezug auf „Sandman: Overture“). Dem mag durchaus so sein. „Jerusalem“ hat mich aber tatsächlich an meine Grenzen geführt. In einer Besprechung habe ich gelesen, dass, anders als bei seinen Comics (hier die Zeichner), niemand dabei war, der Moore einfängt, wenn er es übertreibt. Dem Eindruck schließe ich mich durchaus an. Da wäre die alles andere als lineare Erzählweise, die fast immer sehr langen Kapitel und das Spiel mit den verschiedenen Stilrichtungen (und die ganzen Einflüsse). Ein Kapitel ohne Satzzeichen (erstaunlich gut lesbar). Ein Kapitel in Form eines Theaterstücks (einer der Höhepunkte). Das Jugendbuch in der Mitte. Und dann ist da das oben schon angesprochene Kapitel „Neben der Spur“ in dem er James Joyces „Finnegans Wake“ nacheifert. Nahezu unlesbar aufgrund der … Phantasiesprache (aber immerhin, anders als bei Joyce, kein ganzes Buch in dieser Form). Und es trägt im Grunde nichts zum Rest des Buches bei. Wir sehen Joyces Tochter Lucia in Menschenseele (also dem Totenreich) als Patientin einer psychiatrischen Einrichtung wie sie durch die Zeiten wandelt. Dabei streift sie auch durch mehrere psychiatrische Kliniken (oder verschiedene Versionen derselben?) und trifft alle möglichen anderen Patienten. Darunter Schauspieler Patrick McGoohan („The Prisoner“). Sie reflektiert dabei über ihre Lebensgeschichte (z. T. wohl mit fiktiven Ereignissen angereichert) und das ganze endet damit, dass sie Sex mit dem Geist von Dusty Springfield hat.

Wie gesagt, ich denke, dass es sich durchaus um eine lohnende Lektüre handelt. Aber für wen? Man muss „Jerusalem“ wohl mehrfach lesen, um es in Gänze zu erfassen und wertzuschätzen. Allein, wer soll das tun? Ich habe fast ein Jahr daran gelesen. „Neben der Spur“ hat von dieser Zeit etwa einen Monat eingenommen. Ich wüsste nicht, wann ich mir diese Zeit noch mal nehmen könnte. Nicht in Anbetracht all der Bücher hier, die ich noch nicht gelesen habe, all derer die ich noch nicht gekauft habe, Arbeit im Schichtdienst, andere Interessen … Vielleicht mal, wenn Leslie Klinger tatsächlich eine kommentierte Version erstellt. Wer weiß.

Aber macht euch gerne alle selbst ein Bild. Immerhin ist es Alan Moore. Und Gerd freut sich über jedes verkaufte Exemplar.

And did those feet in ancient time
Walk upon England’s mountains green?
And was the holy Lamb of God
On England’s pleasant pastures seen?

[…]

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand
Till we have built Jerusalem
In England’s green & pleasant Land.

William Blake

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von am 6. Dezember 2025

  • Alan Moore
    Jerusalem
    Übersetzung Hannes Riffel und Andreas Fliedner
    Berlin, Memoranda Verlag, 2024, 1443 S. Hardcover
    ISBN 9783910914209 / € 78,00

Bevor wir an dieser Stelle in die Pötte kommen, muss ich wohl die Überschrift erklären. Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe das Buch schon vor einigen Jahren in der englischen Version in Hermkes Romanboutique gesehen. Da ich mich wohl mit Fug und Recht als Fan des Autoren Alan Moore bezeichnen kann, habe ich natürlich über einen Kauf nachgedacht. Letzten Endes bin ich aber immer wieder davor zurückgeschreckt. Obwohl mir Moore auf Englisch durchaus geläufig ist und ich nie das Gefühl hatte, dass er es seinen Lesern unnötig schwer macht. Aber ein Roman der schon auf den ersten Blick sehr komplex wirkt … Das habe ich mich letzten Endes nicht getraut. Als ich das Buch dann angefangen habe, in der vorliegenden Version von Carcosa auf Deutsch, hat sich diese Entscheidung durchaus als richtig erwiesen. Im Endeffekt habe ich das gesamte Jahr an „Jerusalem“ gelesen. Und schon sehr früh kam ich zum Schluss, dass es mit einer Betrachtung nicht getan sein wird. Einen Umstand, den ich gelegentlich auch mit Horst Illmer besprochen habe. In meiner naiven Vorstellungswelt hätte es am Ende mindestens drei Besprechungen auf comicdealer.de gegeben. Von Horst, Gerd und mir. Gerd dürfte vom Tisch sein. Mein letzter Stand ist, dass er dieses Mammutwerk abgebrochen hat. Als ich Horst vor ca. 4 Wochen (Stand: 18. Oktober) zuletzt gesehen habe, war er noch mit dem Kapitel „Neben der Spur“ beschäftigt. Ich weiß also zur Stunde nicht, ob er das Buch bereits abgeschlossen und seine Gedanken dazu schon zu Papier gebracht hat. Aus meiner Perspektive kann ich also unmöglich sagen, ob dies nun das erste oder zweite Mal ist, dass ihr an dieser Stelle etwas über „Jerusalem“ lesen werdet.

In der Regel habe ich den Anspruch, dass ich für Gerd, Burn und Co. nur Texte verfasse, die dem Verkauf des besprochenen Produkts dienlich sein soll. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesem Anspruch heute gerecht werden kann. Alan Moore ist hier oft genug besprochen worden. Er kam in diversen „Podcast“-Beiträgen zur Sprache und es gibt mindestens zwei Beiträge zu „Watchmen“, einen zweiteiligen Artikel zu „Miracleman“ und einen zu seiner Lovecraft-Pastiche „Neonomicon“. Und das sind nur die Beiträge, die mir ad hoc einfallen. „Jerusalem“ stellt mich vor das eine oder andere Problem. Angefangen damit, dass ich gar nicht weiß, wem ich dieses Buch empfehlen könnte. Tatsächlich habe ich heute bereits einen kleinen Vorsprung in diese Richtung gewagt. Ein Angehöriger einer Bewohnerin an meiner Arbeitsstelle war Lehrer für Geschichte mit einer Spezialisierung auf amerikanische und englische Geschichte. Dazu später mehr. Das andere große Problem ist, dass ich „Jerusalem“ wohl abgebrochen hätte, wenn es nicht von Alan Moore geschrieben worden wäre. Mir fällt nicht mal eine Handvoll anderer Autoren ein, bei denen ich dieses Werk auch bis zum Ende durchgehalten hätte. Und davon ist einer seit vielen Jahren tot: Lovecraft, Jim Starlin (eher als Comicautor bekannt) und Thomas Ligotti (von dem es wohl noch ein gutes Stück wirrer gewesen wäre).

Stellen wir uns zunächst die Frage, was „Jerusalem“ eigentlich sein soll. Da muss zuerst festgestellt werden, dass es nicht um die Hauptstadt Israels geht. Der Titel leitet sich von William Blakes eigentlich titellosem Gedicht ab, welches er seinem „Milton: A Poem in Two Books“ vorangestellt hat. Da wir hier uns hier unter Nerds befinden, dürfte Blake vielen von euch schon untergekommen sein. Eine abgewandelte Form seines Gedichts „The Tyger“ wurde von J. M. DeMatteis für „Spider-Man: Kraven’s Last Hunt“ verwendet und der US-Titel einer Folge der 2. Staffel („Fearful Symmetry““ von „The X-Files“ bezieht sich ebenfalls auf diese Verse. Williams Blakes Gemälde „Ghost of a Flea“ war das Cover von Bruce Dickinsons (Iron Maiden) 98er Album „The Chemical Wedding“ (das beste Album, dass Iron Maiden nicht gemacht haben). Und auch Alan Moore hat sich zuvor schon auf Blake bezogen. Eben jenes Bild hat William Gulls Geist am Ende von „From Hell“ auf seiner Reise durch die Zeit ebenfalls kurz gesehen. Vor gut 12 Jahren habe ich mir den (noch immer lieferbaren) Band Zwischen Feuer und Feuer, dessen Untertitel Gerd scherzhaft als „pötische Werke“ bezeichnete (vielleicht erinnert er sich) gegönnt. Das betroffene Gedicht könnt ihr bei Interesse ab Seite 202 finden.

Neben der Blake-Konnotation ist „Jerusalem“ auch ein autobiographisches und lokalhistorisches Werk. Eben letzteres hat mich dazu motiviert, es o. g. Geschichtslehrer a. d. anzuempfehlen. Alan Moore hat sich, in Form der Künstlerin Alma Warren, selbst in die Geschichte integriert. Deren Bruder Mick dürfte demnach ein Analog zu Moores Bruder Mike sein. Seine Frau, die Künstlerin Melinda Gebbie, Alan Moores Frau, taucht ebenfalls am Rande auf und ist mit Alma befreundet. Man muss wohl davon ausgehen, dass der gesamte Clan aus Vernalls und Warrens Moores eigene Genealogie darstellt. In seiner Biographie kenne ich mich allerdings nicht gut genug aus, um das zu beurteilen. Schließlich und endlich geht es auch um die Geschichte seiner Heimatstadt Northhampton, besonders den als „The Buroughs“ bekannten Stadtteil. So treten auch allerlei historische Namen auf, die man mit dem Ort mehr oder weniger in Verbindung bringen kann. Hier an dieser Stelle auf alle einzugehen wäre müßig. Ich verweise deshalb auf den Beitrag von Udo Klotz in der „phantastisch!“ (Ausgabe 2/2025, Seite 32 ff.). Dort gibt es eine schöne Grafik, die viele der Verbindungen aufzeigt. Ich habe keinerlei historische Fakten überprüft. Das Buch hat mich so schon lange genug beschäftigt. Aber das führt zur einzigen, kleinen Verbindung zur Stadt Jerusalem. Einer Legende zufolge zog in altvorderer Zeit ein von Engeln (oder Angeln) beauftragter Mönch von Jerusalem los, um ein Steinkreuz in das Zentrum seines Landes zu bringen. Dieses Zentrum findet sich natürlich in Northampton, in den Buroughs. Ob das alles auf einer tatsächlichen Legende beruht … ich kann es nicht sagen. Das mag jemand anderes prüfen (Leslie Klinger?) …

Kommen wir nun zum Buch an sich bevor wir uns der Frage stellen, ob der Autor mit seinem Anliegen erfolgreich war. „Jerusalem“ ist in drei „Bücher“ aufgeteilt. Dabei ist nur das Mittlere geradlinig erzählt. Im ersten Buch springt Moore ständig zwischen den Zeiten und Figuren hin und her. Hier hilft ein gutes Gedächtnis (oder ein Notizblock). Zum Glück verfüge ich über ein gutes Gedächtnis. Ein Beispiel hierzu: Wir sehen ein Treffen zwischen der Prostituierten Marla und dem gescheiterten Dichter Benedict Perrit. Zunächst aus ihrer Perspektive, später aus Perrits Sicht. Und am Ende des dritten Buchs erhalten wir noch einen weiteren Blick auf diese Begegnung.
An anderen Stellen folgen solch unterschiedliche Perspektiven direkt aufeinander. Da wäre z. B. das Gespräch zwischen dem Schauspieler mit dem Spitznamen „Sir Francis Drake“ (ich habe erst im zweiten Buch kapiert, dass das Charlie Chaplin sein soll) und der älteren May Warren, welches wir zuerst aus der Perspektive des Schauspielers sehen und im anschließenden Kapitel dann aus Mays. Während des Gesprächs fährt die Figur des „Black Charley“ auf seinem skurrilen Fahrrad an der Szene vorbei. Das sehen wir dann wiederum im nächsten Kapitel aus dessen Sicht. Sehr wenig sehen wir von Alma und Mick Warren, die man wohl als Hauptakteure des Werks bezeichnen muss. Ob dies ein Problem ist mag jeder für sich selbst entscheiden. Alan Moore ist sich dessen aber durchaus bewusst. Im letzten Kapitel besucht Mick eine Kunstausstellung seiner Schwester. Er stellt fest, dass deren Werke wohl eine Geschichte erzählen, in denen die Hauptdarsteller nur am Rande vorkommen. Natürlich kann man auch die Stadt als eigentlichen Hauptcharakter identifizieren. In jedem Fall ist sich der Autor der Schwierigkeiten bewusst, die das Fehlen von eindeutigen Identifikationsfiguren mit sich bringt. Es hilft auch nicht unbedingt, dass er mit vielen verschiedenen Einflüssen und Erzählstilen experimentiert. Besonders nicht wenn man die Länge der Kapitel in Betracht zieht.

Das zweite „Buch“ unterscheidet sich deutlich vom Rest des Gesamtwerks. Wir folgen den Abenteuern des noch sehr jungen Mick Warren während einer Nahtoderfahrung. Mick kommt ins Obergeschoss (Himmel? Hölle? Totenreich?) und trifft auf ein Bande toter Kinder bzw. deren Geister. Da Mick eine wichtige Rolle zu erfüllen hat, müssen diese ihm dabei helfen, sich an seine Abenteuer im Obergeschoss (bzw. in „Menschenseele“) zu erinnern. Denn dies sei von äußerster Wichtigkeit. Dabei erleben sie allerlei Abenteuer während sie sich durch verschiedene Epochen graben, die sie zum Teil auch in die Welt der Lebenden bringt. Sie treffen z. B. Oliver Cromwell am Vorabend der Schlacht von Naseby. Erschwert wird das Unternehmen der Bande durch den Dämonen Asmodäus, der Mick zu einem Handel verleitet (den er aber scheinbar nie erfüllen muss). Das Obergeschoss ist dabei in mancher Hinsicht eine Kopie von Northampton und den Buroughs. Bis hin zu der Tatsache, dass dort einiges im Argen liegt. Wofür der Destruktor, die metaphysische Manifestation des Schornsteins einer Müllverbrennungsanlage (die wohl nicht mehr existiert wenn ich alles richtig verstanden habe), verantwortlich ist. Dieses Ende gilt es wohl abzuwenden. In Menschenseele erfahren wir auch, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wohl gleichzeitig existieren.

Im dritten „Buch“ springt Moore dann wieder zwischen allen möglichen Punkten hin und her. Dabei stellt er in manchen Kapiteln eine historische Figur aus der Geschichte Northamptons und eine der aktuellen Akteure direkt gegenüber. Auf diese Art begegnen wir Sir Isaac Newton in seiner Rolle als Leiter der staatlichen Münze. Northampton hatte wohl eine zentrale Rolle in der Entstehung einer britischen Währungsform (wieder: ich habe davon nichts geprüft). Mick und Alma kommen in diesem dritten Buch etwas öfter vor. Das ganze bezieht sich auf das erste Kapitel in welchem Mick, der sich nach einem Arbeitsunfall, wieder an einige seiner Erlebnisse in Menschenseele erinnern kann, Alma von diesen erzählt. Seine Schwester fasst dann das Vorhaben, diese Geschichte in Bilder zu fassen. Diese Kunstausstellung besuchen wir im letzten Kapitel.

Was will der Autor uns mit alldem nun sagen? Natürlich wäre da der autobiographische Anteil. Wie stark der auch immer sein mag. Aber im Zentrum dürfte wohl die Stadt, besonders jener als Buroughs bekannte Teil, stehen. Moore zeichnet die Entwicklung seiner Heimatstadt, an der ihm offensichtlich viel liegt, von einer einstmals wichtigen Ortschaft bis zu ihrem Verfall in den heutigen Zustand nach. Besonders die Buroughs sind dabei ein Problemviertel. Oder ein sozialer Brennpunkt wie man heute sagen würde. Moore stellt die Behauptung auf, dass jeder Einwohner dieses Viertels verschuldet sei. Schuld daran sei z. T. die Stadt selbst, die (bzw. deren Einwohner) als grundsätzlich aufsässig beschrieben werden und so das eine oder andere Mal in Konflikte mit König und Krone geriet. Was dann z. B. zur Auflösung der örtlichen Münze geführt habe. In moderneren Zeiten wird wohl auch Korruption eine Rolle gespielt haben, die etwaige Aufbaumaßnahmen für das Viertel zu Rohrkrepierern gemacht haben. Ein Stadtrat James Cockie soll sich dabei in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. In einem Kapitel ohne jedes Satzzeichen beteuert dieser seine Unschuld. Der Name scheint, wohl aufgrund des Vorwurfs, von Moore geändert worden zu sein. Zumindest konnte ich nichts über jenen Herrn Cockie finden. Vermutlich handelt es sich im richtigen Leben um den ehemaligen Amtsinhaber John Dicke.

Moore kann am Ende keine Lösung für seine Stadt anbieten. Was passieren muss wird passieren und es wird immer wieder passieren. So wird man auch immer wieder alten Bekannten begegnen und sein Leben immer wieder aufs Neue leben so wie wir es im zweiten „Buch“ in Menschenseele erleben. Ob das nun der Kern der Aussage des Buches ist, kann ich nicht abschließend feststellen. Aber es ist zumindest ein Teil dessen. Unterm Strich geht es ihm aber wohl um Northampton. Seiner Heimat, an der wohl, trotz aller Probleme, noch immer sein Herz hängt. Und obwohl er keine Lösung für diese Probleme aufzeigen kann, die Situation wohl sogar eher als ausweglos einschätzt, scheint er das alles nicht als per se negativ besetzt zu sehen. Der Eternalismus des sich stets wiederholenden Lebens (zu dem dann auch die Überschrift wieder passt) scheint ein Hoffnungsschimmer zu sein. Sofern ich mich nicht irre.

Das bringt mich (wie passend) zurück an den Anfang. Ich weiß nicht, wem ich dieses Buch empfehlen soll. Ich denke, dass es eine lohnende Lektüre sein kann, in der es viel zu entdecken gibt. Sofern man bereit ist, sich auf das alles einzulassen. Unser Lokalheld Christian Endres meinte mal zu mir, dass ich eher bereit bin, mich auf solche „Mindfucks von Moore, Neil Gaiman oder Grant Morrison“ mitnehmen zu lassen als er (wenn ich mich recht entsinne in Bezug auf „Sandman: Overture“). Dem mag durchaus so sein. „Jerusalem“ hat mich aber tatsächlich an meine Grenzen geführt. In einer Besprechung habe ich gelesen, dass, anders als bei seinen Comics (hier die Zeichner), niemand dabei war, der Moore einfängt, wenn er es übertreibt. Dem Eindruck schließe ich mich durchaus an. Da wäre die alles andere als lineare Erzählweise, die fast immer sehr langen Kapitel und das Spiel mit den verschiedenen Stilrichtungen (und die ganzen Einflüsse). Ein Kapitel ohne Satzzeichen (erstaunlich gut lesbar). Ein Kapitel in Form eines Theaterstücks (einer der Höhepunkte). Das Jugendbuch in der Mitte. Und dann ist da das oben schon angesprochene Kapitel „Neben der Spur“ in dem er James Joyces „Finnegans Wake“ nacheifert. Nahezu unlesbar aufgrund der … Phantasiesprache (aber immerhin, anders als bei Joyce, kein ganzes Buch in dieser Form). Und es trägt im Grunde nichts zum Rest des Buches bei. Wir sehen Joyces Tochter Lucia in Menschenseele (also dem Totenreich) als Patientin einer psychiatrischen Einrichtung wie sie durch die Zeiten wandelt. Dabei streift sie auch durch mehrere psychiatrische Kliniken (oder verschiedene Versionen derselben?) und trifft alle möglichen anderen Patienten. Darunter Schauspieler Patrick McGoohan („The Prisoner“). Sie reflektiert dabei über ihre Lebensgeschichte (z. T. wohl mit fiktiven Ereignissen angereichert) und das ganze endet damit, dass sie Sex mit dem Geist von Dusty Springfield hat.

Wie gesagt, ich denke, dass es sich durchaus um eine lohnende Lektüre handelt. Aber für wen? Man muss „Jerusalem“ wohl mehrfach lesen, um es in Gänze zu erfassen und wertzuschätzen. Allein, wer soll das tun? Ich habe fast ein Jahr daran gelesen. „Neben der Spur“ hat von dieser Zeit etwa einen Monat eingenommen. Ich wüsste nicht, wann ich mir diese Zeit noch mal nehmen könnte. Nicht in Anbetracht all der Bücher hier, die ich noch nicht gelesen habe, all derer die ich noch nicht gekauft habe, Arbeit im Schichtdienst, andere Interessen … Vielleicht mal, wenn Leslie Klinger tatsächlich eine kommentierte Version erstellt. Wer weiß.

Aber macht euch gerne alle selbst ein Bild. Immerhin ist es Alan Moore. Und Gerd freut sich über jedes verkaufte Exemplar.

And did those feet in ancient time
Walk upon England’s mountains green?
And was the holy Lamb of God
On England’s pleasant pastures seen?

[…]

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand
Till we have built Jerusalem
In England’s green & pleasant Land.

William Blake

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11 Kommentare zu “Adventskalender 2025 T-18: Alan Moore – Jerusalem (zum 1. oder 2. Mal)”

  1. Horst Illmer sagt:

    Eigentlich wollte ich mich ja noch ein wenig zurück halten, aber die Diskussion läuft gerade so schön rund und ist so spannend wie lange nichts mehr. Dass Oliver sich durch solche Bücher wie JERUSALEM durchbeißt, gehört zu den vielen Gründen, warum ich ihn mag – und dass Gerd bereit ist, ein Buch, dass ihn so überhaupt nicht anspricht, wegzulegen und ihm dann diesen Raum einzuräumen, weil er dessen Bedeutung trotzdem anerkennt, ist einer der vielen Gründe, weshalb ich für diese Seite texte. Und dass mit molo einer der „Verantwortlichen“ für den „Schlamassel“ mitmischt, gehört zu den überraschenden Freuden, die dann ja doch immer wieder einfach passieren. Zum Buch kann ich (immer noch) nichts Abschließendes sagen, aber ich lese es Wort für Wort (was ich nicht bei jedem Buch mache) und habe noch keine Sekunde Langeweile verspürt oder den Impuls aufzuhören. (Und ja, 15 Monate sind eine lange Zeit, aber ich habe viele andere Bücher nebenbei gesichtet und vorbeiziehen lassen – kaum eines wäre eine erneute Lektüre wert.) Es ist bei Werken wie JERUSALEM ja so, dass man bei der Erstlesung nur die Oberfläche berührt und eventuell erkennt, dass es weitere Ebenen darunter zu entdecken gibt (die bei Moore diesmal nach oben „geschichtet“ sind, weshalb ich überlege, ob ich den Zweitdurchgang dann mache wie das Kling’sche Känguru – mit Schnapspralinen und den Kopf nach unten auf der Couch liegend). Ich jedenfalls finde es äußerst fruchtbar, mit anderen Lesenden über solche Bücher und die dabei gemachten Erfahrungen zu reden. Denn selbst eine (mit Gründen versehene) Ablehnung ist mir doch auch wieder Anregung für neue Ideen, die bisher Unbedachtes aufs Parkett bringen. Deshalb hier auch gerne die Einladung zum Gespräch über JERUSALEM (oder auch das andere „Zeug“, dass ich so lese – oder lesen sollte), vorwiegend Samstags um die Mittagszeit herum, wenn ich eh in meinem „zweiten Wohnzimmer“ rumhänge und die Belegschaft der Romanboutique von der Arbeit abhalte.
    Horst

    1. molosovsky sagt:

      Lieber Horst,
      auch Dir Merci 3000 für die Geduld und Sorgfalt, die Du »Jerusalem« und damit der Arbeit von Hannes, Andreas, Ralf und mir gönnst. Solche Rückmeldungen tuen sehr gut.
      Cheers
      molo, der wohl im neuen Jahr bald mal nen Samstag-Ausflug nach Würzburg zu einer außergewöhnlichen Romanboutique machen wird.

  2. molosovsky sagt:

    Lieber Oliver L.
    Merci 3000 für diese anschauliche Besprechung eines ›unverschämten‹ Roman-Trumms.
    Die Ratlosigkeit kann ich nachvollziehen, WEM mensch nu dieses Riesending mit den vielen Form- und Strukturspielen empfehlen soll/kann. Ich renn ja schon lange rum, dass positive Überforderung, sich auf Zumutung einlassen genauso Lektüre-Freude bereiten kann, wie sich angenehm von Prosa-Urlaub bekneten und verwöhnen lassen. Beides sollte seinen Platz im literarischen Leben haben.
    Wer seine Reise durch »Jerusalem« geschafft hat, darf sagen, Teil eines großen magischen Prosa-Rituals geworden zu sein. Zeit und Raum, Dies- und Jenseits mal ganz intensiv auf vielerlei Weise neu erleben, aus der Forschprespektive vieler kleiner gewöhnlicher Individuen, verortet in einem ›hässlichen‹ Stadtteil, wie sie überall in unserer modernen Zivilisation zu finden sind.
    Zu dem wenigen, was ich mich nach mehrmaliger Lektüre Originals und Verschwendung für die deutsche Ausgabe zusammenfassend sagen traue: »Jerusalem« ist ein beunruhigend-tröstliches, verzweifelt-mutmachendes Prosa-Ritual über die Urangst, den Halt und die eigene Form zu verlieren in einer Welt, die uns scheinbar willkürlich hervorbringt und dann wieder verschlingt. Klar ist Moores Magnum Opus ein überspanntes Unternehmen. Aber es dient dazu, die Leser, die Welt, den ganzen Wahnsinn der Existenz zu umarmen. Eine singuläre Leistung. Meine Meinung.

    1. Gerd sagt:

      Lieber molosovsky,
      ich liebe wohlformulierte, selbst bewusst verkrempelte Sprache, literarische Experimentierfreudigkeit und sogar abseitige Wege. Bei Jerusalem habe ich kapituliert. Weil mir vieles zu bewusst platziert und zu kalkuliert und konstruiert wirkt.
      Ich respektiere selbstverständlich eure Leistung uns eure Meinungen. Schließlich ist eine solche Rezeption stets subjektiv.
      Dass ich aufgegeben habe, liegt nicht daran, dass Herr Moore nicht trefflich formulieren und konstruieren würde. Vielleicht ist einer der Gründe, dass ich sehr viel lese und in Folge dessen auch gerne etwas schneller und einfacher belohnt werde, als das von Herrn Moore beabsichtigt ist.
      Ich finde es toll, dass gerade dieses Buch auch tatsächlich hier auf der Seite viele Zeichen braucht und viele Seiten hergibt. Ein solch "überspanntes Unternehmen" ist eben nicht in wenigen Sätzen zu beschreiben und auch nicht aus einem Winkel zu betrachten.
      Also danke für diesen Kommentar aus berufenem Mund. 😉

      1. molosovsky sagt:

        Lieber Gerd.
        Typisch für Dich, dass sogar eine Selbstoffenbarung dazu, dass Du bei einer Monsterbuch-Lektüre ›kapituliert‹ hast, fair und erhellend ist. So ein Trumm nicht durchzuziehen ist ja auch kein Ding. Übersichtliche Middle-Brow-Klassiker nicht schaffen, das ist vielleicht eine kleine Schande (diese Jane Austin ist zu faaad; dieser Daniel Chandler zu wurstig; dieser Hemmingway zu karg usw), zumindest dann, wenn man dieses »Ich bin ein Besserleser«-Spiel spielt.
        »Jerusalem« ist was für Leserinnen, die irgendwie schon mindestens einen eigenwilligen Knall haben und eben ganz viel Kondition mitbringen. Und so durcheinander wie die Welt nun mal ist, fügen sich diese Voraussetzungen halt nicht für jeden.
        Deshalb berühren und freuen mich ja Erlebnisberichte wie der hier von Oliver. Ich bin dankbar für jeden einzelnen leser, der sich auf diese Herausforderung einlässt. Allein wenn ich lese »einen Monat für ›Neben der Spur‹ gebraucht« macht mich das ganz wuschig. Dann haben sich meine ca 700 Stunden für das Kapitel gelohnt.
        Cheers!
        molo

    2. Oliver sagt:

      Hallo molo,

      puh, wo anfangen? Alles in allem bin ich noch immer der Meinung, dass man zu diesem Buch mehr als eine Stimme hören muss. Sei es nun hier oder auf jeder anderen möglichen Plattform. Natürlich auch in Form von Kommentaren zu Beiträgen. Erhellung und so. Und vielleicht (irgendwann) mit einem Vergleich. Mal sehen.

      Die Einordnung fällt mir nach wie vor schwer. Was ist es? Für wen ist es? Was nicht aufhört ist, dass ich immer wieder über das Buch nachdenke. Das verbuche ich durchaus als positiv und sehe "Jerusalem" als lohnende Lektüre an. Für Leute, die sich darauf einlassen können. Oder, wie Horst in einem Gespräch sagte, solchen die Spaß an solchen Spielereien haben (war in dem Fall bezogen auf "Neben der Spur"). Jetzt kommt noch dazu, dass ich tatsächlich mit einem zweiten Durchgang liebäugele. Ich bin kein Schnellleser wie Gerd (der da seine Techniken hat), aber i. d. R. lese ich mehr Bücher im Verlauf eines Jahres als 2025. Ob sich das immer auch in mehr Seiten umschlägt steht dahin. Davon hat "Jerusalem" ja nun einige. Deshalb lässt mich die zu erwartende Dauer einer zweiten Lektüre noch vor der Durchführung zurückschrecken. Und natürlich "Neben der Spur". Hinzu kommt natürlich auch, dass ich es ja "gerade erst" beendet habe. Aber ich schließe einen erneuten Vorstoß nicht aus. Und ich hoffe natürlich weiterhin auf einen Beitrag von Herrn Illmer. Und vielleicht auch Gerd, wenn der sich doch nur durchringt, das Buch durchzuziehen.

      Es mag im Übrigen hilfreich sein, dass ich in der Zellerau aufgewachsen bin. Also Würzburgs "hässlichem" Stadtteil. Ich wohne da schon seit annähernd 30 Jahren nicht mehr. In dieser Zeit hat sich wohl einiges zum Positiven geändert. Im Gegensatz zu Northampton wohl. Anders als Moore habe ich mich nach meinem Weggang nicht mehr näher mit diesem Stadtteil beschäftigt und halte mich sogar eher davon fern. Nicht so sehr Ablehnung. In mancher Hinsicht waren das gute Jahre. In jedem Fall eine prägende Zeit. Ich verbinde viel mehr Erinnerungen mit meiner Schulzeit dort als mit der weiterführenden Schule auf der ich im Anschluss war. Von der erinnere ich mich vielleicht an die Hälfte der Namen der MitschülerInnen. Aus der Zellerau … im Grunde an alle. Sofern ich niemanden völlig verdrängt habe. Mein "Erzfeind" aus dieser Zeit hat eine im selben Ort gewohnt wie ich. Wir haben unseren Frieden gemacht. Und bis heute weiß ich, dass er am 12. Dezember Geburtstag hat. Nie vergessen. Auf der einen Seite sehe ich diese prägenden Jahre also als durchaus positiv an. Auf der anderen Seite überkommen mich starke nostalgische Gefühle wann immer es mich mal in diese Gegend verschlägt. Und das ist für jemanden der immer wieder mit Depressionen zu kämpfen hat nicht unbedingt ideal. Aber vielleicht hilft mein ambivalentes Verhältnis zu diesem Stadtteil meiner Kindheit und Jugend mir dabei, mich auf Alan Moore Heimatstadt und sozialen Brennpunkt einzulassen.

      Ob es nun schandhaft ist, eine Jane Austen abzubrechen mag ich nicht beurteilen. Ich habe von ihr nichts gelesen. Mich spricht da auch nichts an. Es könnte also durchaus vorkommen, dass ich ein Buch von ihr recht schnell abbrechen würde, da es mich langweilt. Natürlich könnte ich auch positiv überrascht werden. Aber ich verspüre nun keine Eile, das in Erfahrung zu bringen.

      Gerds Antwort lässt mich im Übrigen an ein Gespräch über Neil Gaiman denken. Ich kann mich gerade nicht entsinnen mit wem, aber ich meine, dass Christian Endres zumindest dabei war. Auch wenn er womöglich nicht derjenige war, der gesagt hat was nun folgt. Jemand meinte sinngemäß, dass er bei Gaiman das Gefühl habe, dass er seine Karteikästchen immer parat hat, aus denen er seine (meist literarischen) Anspielungen zieht, die er in seinen Geschichten einbaut. Ich habe da nicht unbedingt zugestimmt, aber ich kann zumindest sehen wie man darauf kommt. Und ich denke, dass das in eine ähnliche Richtung geht, wie die gewollte und kalkulierte Konstruktion die Gerd hier sieht. Bei Moore habe ich das aber tatsächlich nie erkannt. Obwohl man darüber bei ihm sicher auch nachdenken kann. Mal mehr, mal weniger. Allen voran natürlich bei "League of Extraordinary Gentlemen" für das er sich an allen möglichen Quellen bedient (man sieht ja in irgendeiner Ausgabe sogar den zweiten Doctor durchs Bild rennen). Oder "Top 10", mit Cameos u. a. der Schlümpfe. Und in kleinerem Ausmaß in "Swamp Thing" (Anspielungen auf Lovecraft, Abby liest Barkers "Books of Blood"). Usw. usf. Alles in allem wirkt das bei Moore für mein Dafürhalten verspielter als bei Gaiman. Was aber nicht heißt, dass ich Gerd nicht verstehen kann. Hier kommt ja hinzu, dass er mehr oder weniger jeden literarischen Einfluss nachahmt. Oder Tribut zollt. Von Enid Blyton bis hin zum Herrn Joyce. Das ist anstrengend und kommt mir durchaus ebenfalls etwas übertrieben vor. Zumindest momentan. Wir werden sehen.

      Gerd, eine Frage muss ich loswerden. Glaubst Du, dass "Jerusalem" ein Buch für Hermke gewesen wäre? Ich kann das überhaupt nicht einschätzen. So gerne ich mich mit ihm unterhalten habe muss ich doch sagen, dass wir ziemlich unterschiedliche Geschmäcker hatten.

      Und Burn: Was wurde denn aus dem jungen Mann, dem Du vor dem Adventskalender davon erzählt hast, dass diese Rezi erscheinen wird? Ich habe den Namen nicht mitbekommen, aber er kommt wohl öfter in den Laden. Hat er das Buch inzwischen gekauft? Er meinte ja, dass er grundsätzlich ein Moore-Fan sei.

      1. molosovsky sagt:

        Hi Oliver.
        Vielen Dank für so viel nette Worte zu Deiner Lektüre. »Jerusalem« konfrontiert mich immer wieder mit folgenden Zwiespalt: einerseits will ich nicht als arrogant-elitärer Sack nerven; andererseits stellt das Buch (glaub ich) objektiv schon eine überdurchschnittliche Lese-Herausforderung dar. Wie also mit dem Hochgefühl und der Nachwirkungs-Intensität umgehen, wenn man sich durch den Wälzer gewurschtelt hat? Hurrah, wir sind auserwählt, weil wir haben ›es‹ geschafft? Von mir aus, gerne. Aber ich mag die Implikation nicht, dass Leuz, die ›es‹ nicht durchgehalten haben irgendwie minderwertig sind. Schon eher: es hat halt (diesmal) nicht gepasst. So what?
        Ich muss an C.S. Lewis denken und seine Unterscheidung in »An Experiment in Criticism« (1961): Gibt Bücher (oder Medien), die wir wie Einmal-Tickets oder Streichhölzer verwenden; und eben welche, die zu Schatzkästchen oder Gärten werden, die wir immer besuchen oder bestaunen, um uns irgendwie zu fühlen, zu vergewissern, auszutauschen usw. — Und nehme gern bewußt die Position ein, dass es erstmal kein Richtig und Falsch, kein Besser und Schlechter gibt, auch wenn mein innerer Narzisst da nörgelt. Jeder Mensch tickt halt anders, oft von einem Tag auf den nächsten, und ob eine bestimmte Lektüre ›gelingt‹ oder ›fehlschlägt‹ hängt von sehr vielen Aspekten ab.
        Hinzu kommt, dass Alan Moore ein berühmt/berüchtigter Autor (ja sogar ›Kult-Autor!‹) ist, mit umfang- und facettenreichen Œvre; nicht zu vergessen die reichlich pointierten Meinungen und Zeitgenossenschafts-Kommentare dieses Grummel-Lausers. Sich mit ihm auseinanderzusetzen wäre sicherlich einfacher, wenn er sich wie z.B. Thomas Pynchon wirklich konsequent jeglicher Öffentlichkeit entziehen würde. Tut er aber nicht, ganz im Gegenteil — BTW: wer anderes behauptet und Moore als ›medienscheuen Provinz-Eremiten‹ bezeichnet, verkennt die Lage und plappert zumeist dummes Klischee nach. Er war und blieb stets sehr offen und mitteilungsfreudig, hat aber im Laufe der Jahrzehnte gelernt, sich sehr genau auszusuchen, wo und von wem er sich wie inszenieren lässt. Und z.B. die Welt/Szene der Superhelden-Comics geht ihm halt schon seit geraumer Zeit ziemlich am Arsch vorbei, was einige ›Alt-Fans‹ verständlicherweise irritiert.
        Ich geb zu, ich mag ihn sehr, vor allem, seit ich mit »Jerusalem« noch intensiver in sein Schaffen eingestiegen bin und z.B. »Tom Strong« und »Unearthing« nachgeholt habe; aber Herr Moore ist mir dennoch nicht ganz geheuer. Du hast ja sein Selbstportrait als Alma in »Jerusalem« erlebt. Mir fällt kein anderer größenwahnsinniger Egomane ein, der sich so hübsch bescheiden selbst durch den Kakao ziehen kann. Was für ein hochgeschickter Manipulator. Doch wie weit trau ich ihm über’n Weg usw ect pp.
        Ich schweife ab und will ungern mit langen Geschwafel nerven.
        Wisse, dass Deine Besprechung/Rückmeldung und die Kommentare von Gerd und Horst hier mich sehr freuen, gerade in Zeiten, die in denen sich m.E. nach allzu viele willentlich bemühen anti-intellektualistisch, nuancen-feindlich und unsensibel zu bleiben.
        Also, Merci und noch viele schöne Lektüre-Wanderungen euch allen.
        Cheers
        molo
        P.S.: Gäbe noch sooo viele Sachen, über die sich anhand von »Jerusalem« lohnend babbeln ließe. Wofür hab ich eigentlich Deutschlandticket? Von Ffm zur Romanboutique ist es ja nicht weit. Gebt bescheid, wenn ihr glaubt, dass ich mich für nen Besuch ertragt.

        1. Oliver sagt:

          Hey Molo,

          ich bin da ziemlich deckungsgleich zu Deinem Standpunkt. Niemand muss das Buch lesen. Oder irgendeines. Sei es zu lang für den einen, die Thematik zu uninteressant, der Anteil der phantastischen Aspekte zu groß … Manchmal muss man für ein Buch auch in der richtigen Stimmung sein. Geht mir oft bei Thomas Ligotti so, den ich sehr schätze.

          Dass Moore ein schwieriger Charakterkopf ist, bezweifele ich keine Sekunde. Ich glaube aber auch, dass manche seine Selbstdarstellung als "Grumpy Old Man" etwas zu ernst nehmen. Klar ist er emotional wenn es um seine Werke geht. Z. T. sicher zu sehr. Ich kann aber auch einige seiner Standpunkte verstehen. Gibbons und er haben die Grenzen des Mediums ausgelotet, als sie "Watchmen" gemacht haben. Alles was davon mitgenommen wurde war: "erwachsener, härter, dreckiger, realistischer". Wenn er sich wünscht, dass man die Methoden von "Watchmen" auch mal z. B. für was Lustiges anwendet … dann kann ich das nachvollziehen. Gerade wenn man an andere Autoren denkt, die einige hingeworfene Begriffe aus einer Kurzgeschichte für einen mehrjährigen Run aufblasen. Zufällig derselbe Autor, der an anderer Stelle, interessanterweise beim Versuch, "Watchmen" wieder aufzugreifen, mehr oder weniger durch die Blume Moore dafür verantwortlich macht, dass US-Superhelden-Comics in dem Zustand sind, in dem sie sich sich befinden. In jedem Fall eine interessante Figur, dieser Alan Moore.

          Ich arbeite im wirklichen Leben im Schichtdienst in einer Pflegeeinrichtung. Das hier mache ich als Hilfe für einen Laden, in dem ich seit knapp über 30 Jahren Kunde bin, der so ziemlich der einzige Ort außerhalb meiner Wohnung und meiner Arbeit an dem ich freiwillig mehrere Stunden am Stück verbringen kann und der für mich zweifelos auch irgendwo ist, was man heutzutage einen "safe space" nenne würde. Was wohl auch zum Bereich "Hermkes Historie" gehört, der hier vor einigen Jahren präsentiert wurde. Daher sind diese Beiträge für die Seite auch völlig frei. Von Entgelt oder geldwerten Vorteilen und -willig. Im Rahmen der Zeit und Motivation/Energie. In der Vergangenheit war ich durchaus schon aktiver. Auch wenn zuletzt tatsächlich ein paar Artikel mehr von mir dabei waren. Heißt aber auch, dass ich nicht unbedingt spontan im Laden erscheinen kann, weil wichtiger Besuch ansteht. Grundsätzlich hat aber, und da kann ich wohl auch für Gerd und Co. sprechen, niemand etwas gegen einen Besuch einzuwenden.

          1. molosovsky sagt:

            Nochmals Merci für die nette Rückmeldung.
            Der Einblick in Deinen Brotberuf-Hintergrund berührt mich.
            Zu den Dingen, wo ich mir bei Alan Moores »Jerusalem« ziemlich sicher bin, und was ich außerordntlich an dem Roman zu schätzen weiß: es ist ein großer (kindlich größenwahnsinniger), unbescheidender, verspielter, wagemutiger, deftig-zärtlicher, frech-melancholischer, schwer visionärer Text, der seine Herkunft aus einfachen Milieu nicht verleugnet. Jupp, auch Arbeiterkinder aus Schmuddel-Stadtteilen können solche Texte hervorbringen, und ›einfache‹ Dienstleistungs-Malocher sich darin verlieren.
            Jeder und jede, egal aus welchem Milieu, egal mit welchen Bildungs- und Standes-Hintergrund, haben das Mandat, sich an so einem ›unbescheidenen‹ Werk, das Welt, Kosmos, Chaos, Ordnung, Himmel und Hölle umfassen soll, zu versuchen und daran zu scheitern, ob schreibend oder lesend.
            Ich trau mich vermuten, dass Alan Moore (wie in aller Bescheidenheit auch ich selbst) diese Lektion/Ambition von James Joyce und seinem »Ulysses« mitgenommen hat. EIN Tag im Leben ganz normaler kleiner Außenseiter*innen, die sich halt so durchwurschteln, ist genauso Epos-würdig, wie große Taten aristokratischer Krieger-Helden. Vielleicht sogar noch mehr als diese.

  3. Oliver L. sagt:

    Vielen Dank, Horst. Ganz allgemein gesagt glaube ich, dass bei einem Buch wie diesem jede noch so geringe Kleinigkeit etwas Erhellendes beitragen kann. Das gilt selbstverständlich auch dann, wenn es „nur“ die persönlichen Eindrücke sind. Davon abgesehen wäre es aber schon ein arger Zufall, wenn wir wirklich komplett zu den gleichen Gedanken und Schlüssen kommen. Nicht unmöglich, nehme ich an. Aber so recht glaube ich nicht daran. Insofern hoffe ich weiterhin darauf, dass auch von Dir noch ein Beitrag kommen wird. Und wer weiß, vielleicht auch noch von Gerd, wenn er anderer Stelle sagt, dass er sich um das Buch herumdrückt. Vielleicht motiviert ihn das alles nun. Oder Burn?

    Tagesaktuell, also ca. zwei Monate nachdem ich die Lektüre beendet habe, denke ich übrigens noch immer regelmäßig über „Jerusalem“ und die Figuren im Buch nach. Das hätte ich nicht unbedingt erwartet, da ich es beim Lesen doch das eine oder andere Mal am liebsten in eine Ecke geschleudert hätte. Definitiv ein Werk, dass zum ausführlichen Diskurs geeignet ist. Wohl auch für längere Zeit. Unterm Strich also eine positive Erfahrung durchgehalten zu haben, denn genau diese Wirkung soll ein Buch ja haben. Was ich noch immer nicht sicher sagen kann ist, wem genau ich „Jerusalem“ empfehlen würde. Es nicht „typische“ Fantasy, „typischer“ Horror, „typische“ Science Fiction usw. Obwohl es von Allem etwas hat. Und auch hier ist viel Potential für Diskussionen vorhanden. Und evtl. mal was für einen Herrn Klinger. Aber dann am besten in drei Bände aufgeteilt da es sonst wohl gar nicht mehr zu handhaben wäre … Wie dem auch sei, nach diesem Kapitel ging es recht schnell voran. Halte durch!

    Schöne „Watchmen“-Referenz übrigens.

  4. Horst Illmer sagt:

    Ehrfürchtige Gratulation vom „Zweitleser“. Das ist ja mal eine wirklich „erschöpfende“ Buchbesprechung! Vielen, vielen Dank dafür, lieber Oliver – damit steigt meine Motivation, selbst etwas über JERUSALEM zu schreiben, wieder deutlich an. (Und ja: ich hänge immer noch mit Miss Joyce ab, aber – um es mit einer anderen Figur Moores zu sagen – „The End Is Nigh“.) Allerdings wird es jetzt, nach dieser großartigen und umfassenden Rezension, für mich wohl unmöglich sein, dem Ganzen noch etwas hinzuzufügen, das über meine persönlichen Eindrücke bei der Lektüre hinausgeht. Andererseits trifft mich ja vielleicht ein unerwarteter Musenkuss …

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