David gegen Goliath: Wer rettet die deutsche Phantastik?
von Gerd am 31. August 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Gene Wolfe
Das Buch der neuen Sonne I
Der Schatten des Folterers & Die Klaue des Schlichters
Ü: Reinhard Heinz
Bad Oldesloe, Carcosa Verlag, 2026, 696 S.
ISBN 9783910914629/ 28,00 Euro
Paperback
In meinem letzten Beitrag hatte ich den Heyne Verlag gelobt, für die Fortführung der Wiederauflage des Kultur Zyklus. Und ich habe versprochen, ein paar Zeilen über den Carcosa Verlag hinterher zu schicken. Und da komme ich jetzt mal mit einer plakativen Überschrift und einem relativierenden Intro daher:
Dass die Wiederauflage von Banks ausgerechnet bei Heyne stattfindet, hat eine fast tragikomische Komponente. Historisch war der Verlag – allen voran unter der legendären Herausgeberschaft von Wolfgang Jeschke – das unangefochtene Bollwerk der deutschsprachigen Science-Fiction. Heyne stand über Jahrzehnte für literarischen Anspruch, Wagemut und die stete Pflege eines internationalen Kanons. Nach der Eingliederung in die Penguin Random House Gruppe ist von diesem Pioniergeist im Konzern-Musterbetrieb spürbar wenig geblieben. Science-Fiction und literarische Fantasy scheinen dort mancherorts fast nur noch als lästige Nische zu gelten, die im Schatten des omnipräsenten Romantasy-Hypes verschämt mitgeführt wird.
Dass Sascha Mamczak im Heyne-Lektorat mit der Banks-Initiative nun überhaupt noch Akzente setzen darf, gleicht einem kleinen Wunder in einer ansonsten weitgehend nivellierten Verlagslandschaft. Danke zumindest dafür.
Aber auch die Verlage, die in den 2000er-Jahren angetreten waren, um diese Lücke in den Nerd-Läden und Spezialbuchhandlungen zu füllen – wie Cross Cult, Panini oder Mantikore –, haben sich aus dem anspruchsvollen SF- und Fantasy-Segment weitgehend zurückgezogen oder fahren ihr Engagement drastisch zurück.
Was bleibt, ist das Wunder Carcosa: Editionskultur statt Fließbandware
Wer literarischen Anspruch, meisterhafte Übersetzungen und Mut zum Risiko sucht, muss seinen Blick längst abseits der Großkonzerne richten (und darf dabei den schier unüberschaubaren Dschungel des Self-Publishings beruhigt ausklammern). Das derzeit wohl beeindruckendste Phänomen der deutschen Genre-Landschaft ist der kleine Carcosa Verlag.
Was Hannes Riffel dort auf die Beine stellt, ist in seiner Konsequenz kaum zu überschätzen. Carcosa wagt das, was die Publikumsriesen aus betriebswirtschaftlicher Furcht längst verlernt haben: den uneingeschränkten Glauben an das Buch als Kunstwerk und an eine Leserschaft, die gefordert werden will. Dass ein unabhängiger Kleinstverlag das Wagnis eingeht, monumentale und komplexeste Erstveröffentlichungen wie Alan Moores späten Prosa-Giganten Jerusalem (ob man ihn mag oder nicht, sei dahingestellt) oder seinen Zyklus Long London auf Deutsch zu stemmen, grenzt an verlegerischen "Größenwahn" – aber im allerbesten Sinne. Wie gesagt, man muss nicht jedem einzelnen Titel im Carcosa-Katalog persönlich huldigen – aber der Verdienst, vergessene (oder verdrängte) Meilensteine der Weltliteratur überhaupt wieder zugänglich zu machen, ist schlicht phänomenal.
Ein Blick auf die Programme – Die reine Kür
Ein Blick auf die aktuellen Vorschauen unterstreicht diesen Sonderstatus eindrucksvoll. Während die Konzerne auf Nummer sicher programmieren, liefert Carcosa ein Programm, das Kennern das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.
Noch aus dem ersten Halbjahresprogramm:
Der Monumental-Klassiker
Gene Wolfe – Das Buch der neuen Sonne I & II
Mit der zweibändigen Neuausgabe dieses Giganten stellt Carcosa eines der stilistisch brillantesten, verschachteltsten und faszinierendsten Epen der angloamerikanischen Phantastik endlich wieder in einer würdigen Form ins Regal. Die Reise des Folterers Severian durch eine sterbende Erde ist Weltliteratur im Gewand der Science-Fantasy – komplex, fordernd und absolut zeitlos.
Und jetzt im zweiten Halbjahresprogramm:
Das volle Spektrum der Phantastik
Alan Moore – Long London 2 Ich höre eine neue Welt
Nach dem fulminanten Auftakt "Das Große Wenn" schickt Comic-Gott Alan Moore seinen Helden Dennis Knuckleyard weiter durch die düsteren, magischen Abgründe eines surrealen Nachkriegs-London. Dass Carcosa sich dieses vielbändige Prosawerk traut, ist ein echter Coup.
Kim Stanley Robinson – Grüne Erde 2: Die fünfzig Farben des Eises
Der zweite Band von Robinsons monumentaler Climate-Fiction-Trilogie. Ein Buch von erschreckender Aktualität, das zeigt, wie tiefgründig und realistisch gewebte Science-Fiction politische und ökologische Debatten vorwegnehmen kann.
Ray Bradbury – Löwenzahnwein
In der Neuübersetzung von Hannes Riffel erstrahlt Bradburys nostalgisches, melancholisches und wunderschönes Meisterwerk im Green Town-Kosmos neu. Ein Buch voll purer Magie und Sommerpoesie, das beweist, dass Bradbury der größte Lyriker unter den phantastischen Erzählern war.
Ursula K. Le Guin – Das Katzenbuch
Auf den ersten Blick wirkt dieses vierfarbige, liebevoll ausgestattete Büchlein mit Le Guins eigenen Zeichnungen, Gedichten und Gedanken wie ein charmantes Gimmick. Und doch ist es ein wunderbares Dokument einer der größten Autorinnen des Genres – humorvoll, klug und zutiefst menschlich (und katzenhaft).
(Übrigens bin ich sicher, dass ihr zu gegebener Zeit auch ausführliche Rezis (von Horst) zu all diesen neuen Titeln bekommen werdet.)
Am Ende zeigt dieser Kontrast das Dilemma und die Rettung des Genres zugleich: Während die Goliaths des deutschen Buchmarktes die Science-Fiction verwalten und im Zweifel verstecken, schlagen die kleinen Davids wie Carcosa die Bresche für die Zukunft der Phantastik. Dass wir Iain M. Banks jetzt wieder bei Heyne kaufen können, ist erfreulich – dass es Carcosa gibt, ist für die hiesige Kulturlandschaft schlicht überlebenswichtig.
von Gerd am 31. August 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Gene Wolfe
Das Buch der neuen Sonne I
Der Schatten des Folterers & Die Klaue des Schlichters
Ü: Reinhard Heinz
Bad Oldesloe, Carcosa Verlag, 2026, 696 S.
ISBN 9783910914629/ 28,00 Euro
Paperback
In meinem letzten Beitrag hatte ich den Heyne Verlag gelobt, für die Fortführung der Wiederauflage des Kultur Zyklus. Und ich habe versprochen, ein paar Zeilen über den Carcosa Verlag hinterher zu schicken. Und da komme ich jetzt mal mit einer plakativen Überschrift und einem relativierenden Intro daher:
Dass die Wiederauflage von Banks ausgerechnet bei Heyne stattfindet, hat eine fast tragikomische Komponente. Historisch war der Verlag – allen voran unter der legendären Herausgeberschaft von Wolfgang Jeschke – das unangefochtene Bollwerk der deutschsprachigen Science-Fiction. Heyne stand über Jahrzehnte für literarischen Anspruch, Wagemut und die stete Pflege eines internationalen Kanons. Nach der Eingliederung in die Penguin Random House Gruppe ist von diesem Pioniergeist im Konzern-Musterbetrieb spürbar wenig geblieben. Science-Fiction und literarische Fantasy scheinen dort mancherorts fast nur noch als lästige Nische zu gelten, die im Schatten des omnipräsenten Romantasy-Hypes verschämt mitgeführt wird.
Dass Sascha Mamczak im Heyne-Lektorat mit der Banks-Initiative nun überhaupt noch Akzente setzen darf, gleicht einem kleinen Wunder in einer ansonsten weitgehend nivellierten Verlagslandschaft. Danke zumindest dafür.
Aber auch die Verlage, die in den 2000er-Jahren angetreten waren, um diese Lücke in den Nerd-Läden und Spezialbuchhandlungen zu füllen – wie Cross Cult, Panini oder Mantikore –, haben sich aus dem anspruchsvollen SF- und Fantasy-Segment weitgehend zurückgezogen oder fahren ihr Engagement drastisch zurück.
Was bleibt, ist das Wunder Carcosa: Editionskultur statt Fließbandware
Wer literarischen Anspruch, meisterhafte Übersetzungen und Mut zum Risiko sucht, muss seinen Blick längst abseits der Großkonzerne richten (und darf dabei den schier unüberschaubaren Dschungel des Self-Publishings beruhigt ausklammern). Das derzeit wohl beeindruckendste Phänomen der deutschen Genre-Landschaft ist der kleine Carcosa Verlag.
Was Hannes Riffel dort auf die Beine stellt, ist in seiner Konsequenz kaum zu überschätzen. Carcosa wagt das, was die Publikumsriesen aus betriebswirtschaftlicher Furcht längst verlernt haben: den uneingeschränkten Glauben an das Buch als Kunstwerk und an eine Leserschaft, die gefordert werden will. Dass ein unabhängiger Kleinstverlag das Wagnis eingeht, monumentale und komplexeste Erstveröffentlichungen wie Alan Moores späten Prosa-Giganten Jerusalem (ob man ihn mag oder nicht, sei dahingestellt) oder seinen Zyklus Long London auf Deutsch zu stemmen, grenzt an verlegerischen "Größenwahn" – aber im allerbesten Sinne. Wie gesagt, man muss nicht jedem einzelnen Titel im Carcosa-Katalog persönlich huldigen – aber der Verdienst, vergessene (oder verdrängte) Meilensteine der Weltliteratur überhaupt wieder zugänglich zu machen, ist schlicht phänomenal.
Ein Blick auf die Programme – Die reine Kür
Ein Blick auf die aktuellen Vorschauen unterstreicht diesen Sonderstatus eindrucksvoll. Während die Konzerne auf Nummer sicher programmieren, liefert Carcosa ein Programm, das Kennern das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.
Noch aus dem ersten Halbjahresprogramm:
Der Monumental-Klassiker
Gene Wolfe – Das Buch der neuen Sonne I & II
Mit der zweibändigen Neuausgabe dieses Giganten stellt Carcosa eines der stilistisch brillantesten, verschachteltsten und faszinierendsten Epen der angloamerikanischen Phantastik endlich wieder in einer würdigen Form ins Regal. Die Reise des Folterers Severian durch eine sterbende Erde ist Weltliteratur im Gewand der Science-Fantasy – komplex, fordernd und absolut zeitlos.
Und jetzt im zweiten Halbjahresprogramm:
Das volle Spektrum der Phantastik
Alan Moore – Long London 2 Ich höre eine neue Welt
Nach dem fulminanten Auftakt "Das Große Wenn" schickt Comic-Gott Alan Moore seinen Helden Dennis Knuckleyard weiter durch die düsteren, magischen Abgründe eines surrealen Nachkriegs-London. Dass Carcosa sich dieses vielbändige Prosawerk traut, ist ein echter Coup.
Kim Stanley Robinson – Grüne Erde 2: Die fünfzig Farben des Eises
Der zweite Band von Robinsons monumentaler Climate-Fiction-Trilogie. Ein Buch von erschreckender Aktualität, das zeigt, wie tiefgründig und realistisch gewebte Science-Fiction politische und ökologische Debatten vorwegnehmen kann.
Ray Bradbury – Löwenzahnwein
In der Neuübersetzung von Hannes Riffel erstrahlt Bradburys nostalgisches, melancholisches und wunderschönes Meisterwerk im Green Town-Kosmos neu. Ein Buch voll purer Magie und Sommerpoesie, das beweist, dass Bradbury der größte Lyriker unter den phantastischen Erzählern war.
Ursula K. Le Guin – Das Katzenbuch
Auf den ersten Blick wirkt dieses vierfarbige, liebevoll ausgestattete Büchlein mit Le Guins eigenen Zeichnungen, Gedichten und Gedanken wie ein charmantes Gimmick. Und doch ist es ein wunderbares Dokument einer der größten Autorinnen des Genres – humorvoll, klug und zutiefst menschlich (und katzenhaft).
(Übrigens bin ich sicher, dass ihr zu gegebener Zeit auch ausführliche Rezis (von Horst) zu all diesen neuen Titeln bekommen werdet.)
Am Ende zeigt dieser Kontrast das Dilemma und die Rettung des Genres zugleich: Während die Goliaths des deutschen Buchmarktes die Science-Fiction verwalten und im Zweifel verstecken, schlagen die kleinen Davids wie Carcosa die Bresche für die Zukunft der Phantastik. Dass wir Iain M. Banks jetzt wieder bei Heyne kaufen können, ist erfreulich – dass es Carcosa gibt, ist für die hiesige Kulturlandschaft schlicht überlebenswichtig.

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