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Mehr Kultur: Einsatz der Waffen

von am 26. August 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

  • Iain Banks
    Kultur Zyklus
    Einsatz der Waffen
    Ü: Irene Bonhorst
    München, Heyne Verlag, 2027, 608 S.
    ISBN 9783453324619/ 14,00 Euro
    Paperback

Ich bin gerade fertig mit dem zweiten Vorschauen Marathon in diesem Jahr. Ich habe mich fast ein wenig drumherum gedrückt. Denn dass es derzeit bitter aussieht für die deutsche Science Fiction und auch Fantasy war bereits im Vorfeld eindeutig.

Wer aktuell durch die Vorschauen der großen (und mittleren und kleinen) Publikumsverlage blättert, braucht starkes Nervengewebe. Jahrelang hatte ich die Hoffnung, dass kleine Label wie Cross Cult oder Panini die Szene verlässlich mit Nischenware, Phantastik-Klassikern und internationalen Sci-Fi-Perlen versorgen würden. Inzwischen ziehen sich nahezu alle dieser neuen Player wieder spürbar aus dem Kerngebiet der Fantasy und Science-Fiction zurück oder verlagern den Fokus auf massentaugliche Trends. Darüber möchte ich mich jetzt nicht auslassen. Ist bitter genug.

Umso erfreulicher ist der Blick auf die verbliebenen Leuchttürme. Ein echter Glücksfall für Genre-Liebhaber bleibt der Kleinstverlag Carcosa, der mit seinen liebevoll edierten Neu- und Erstausgaben (etwa von Delany, Le Guin oder Gene Wolfe) beweist, wie anspruchsvolle Phantastik-Pflege im 21. Jahrhundert aussehen kann. Darüber haben wir oft gesprochen und soweit ich weiß gibt es zu jedem Werk aus diesem Verlag eine Rezi (von Horst) bei uns auf der Seite. Das Carcosa Programm ist aber einen eigenen Artikel wert.

Und dann ist da noch ein überraschendes Entgegenkommen im Konzern-Kontext: Der Heyne Verlag erbarmt sich offenbar tatsächlich und legt nach langer Abstinenz sukzessive die vergriffenen Bände von Iain M. Banks’ Kultur-Zyklus neu auf. Für mich und für alle Fans intelligenter, moderner Space Operas grenzt das an ein kleines Fest. Vielleicht hat es ja wirklich gefruchtet, dass wir massiv gemeckert haben.

Deswegen muss das erste Buch, das ich euch aus den neuen Verlagsprogrammen ans Herz legen möchte Einsatz der Waffen (Use of Weapons) sein. Auch wenn es erst im Januar erscheint und zwischen all den anderen Büchern der Penguin Random House Verlagsgruppe ein recht einsames Dasein fristet.

Der gebrochene Agent: "Einsatz der Waffen" im Kultur-Gefüge

Machen wir uns nichts vor: Es ist im direkten Vergleich nicht der makelloseste Roman des schottischen Autors — gegen die argumentative Schärfe von Das Spiel Azad oder die opulente Polyphonie von Exzession zieht die Dramaturgie streckenweise den Kürzeren. Und doch verkörpert kaum ein anderer Band das grundlegende Paradoxon des Kultur-Universums so schmerzhaft präzise wie dieser.

Nochmal als Grundlage für alle: Die Kultur selbst ist eine post-knappheitliche, hedonistische Utopie, regiert von wohlwollenden, hyperintelligenten KI-Entitäten (den „Gehirnen“). Doch um dieses Paradies im Kosmos zu sichern und andere Zivilisationen subtil in Richtung humanistischer Werte zu lenken, nutzt die Kultur ein dunkles Werkzeug: die Sektion Besondere Umstände. Und hier kommt Cheradenine Zakalwe ins Spiel.

Zakalwe ist kein Kultur-Bürger, sondern ein militärisches Genie aus einer weniger entwickelten Welt — eingekauft, instrumentalisiert und als Werkzeug für die schmutzigen Kriege eingesetzt, bei denen sich die utopische Gesellschaft nicht selbst die Hände schmutzig machen will. Banks führt uns mit ihm die moralische Grauzone der Utopie vor Augen: Wie viel Intervention, wie viel Gewalt und wie viele verbrannte Seelen darf sich ein Paradies leisten, um ein Paradies zu bleiben?

Formal treibt Banks dieses Verwirrspiel auf die Spitze. Einsatz der Waffen nutzt eine Doppelstrang-Struktur:

Die geraden Kapitel erzählen Zakalwes aktuelle Mission in gewohnter Chronologie vorwärts.

Die ungeraden Kapitel rollen seine Vergangenheit in Form von Rückblenden kaskadenartig rückwärts auf.

Beide Stränge bewegen sich aufeinander zu wie zwei Züge auf demselben Gleis. Wo sie im Finale aufeinandertreffen, entlädt sich eine psychologische Pointe, die den Roman rückwirkend in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt: Sie entlarvt nicht nur die kalte Zweckrationalität der Kultur, sondern offenbart die erschütternde Wahrheit über Zakalwes wahre Identität und Schuld.

Dass solche Meilensteine des intelligenten Weltenbaus und der narrativen Dekonstruktion endlich wieder regulär auf Deutsch greifbar werden, ist mehr als bloße Nostalgie. Es ist ein notwendiges Signal und ein notwendiges Korrektiv für einen deutschen Buchmarkt, der den literarischen Wert von Science-Fiction schon viel zu lange stiefmütterlich behandelt.

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  • Iain Banks
    Kultur Zyklus
    Einsatz der Waffen
    Ü: Irene Bonhorst
    München, Heyne Verlag, 2027, 608 S.
    ISBN 9783453324619/ 14,00 Euro
    Paperback

Ich bin gerade fertig mit dem zweiten Vorschauen Marathon in diesem Jahr. Ich habe mich fast ein wenig drumherum gedrückt. Denn dass es derzeit bitter aussieht für die deutsche Science Fiction und auch Fantasy war bereits im Vorfeld eindeutig.

Wer aktuell durch die Vorschauen der großen (und mittleren und kleinen) Publikumsverlage blättert, braucht starkes Nervengewebe. Jahrelang hatte ich die Hoffnung, dass kleine Label wie Cross Cult oder Panini die Szene verlässlich mit Nischenware, Phantastik-Klassikern und internationalen Sci-Fi-Perlen versorgen würden. Inzwischen ziehen sich nahezu alle dieser neuen Player wieder spürbar aus dem Kerngebiet der Fantasy und Science-Fiction zurück oder verlagern den Fokus auf massentaugliche Trends. Darüber möchte ich mich jetzt nicht auslassen. Ist bitter genug.

Umso erfreulicher ist der Blick auf die verbliebenen Leuchttürme. Ein echter Glücksfall für Genre-Liebhaber bleibt der Kleinstverlag Carcosa, der mit seinen liebevoll edierten Neu- und Erstausgaben (etwa von Delany, Le Guin oder Gene Wolfe) beweist, wie anspruchsvolle Phantastik-Pflege im 21. Jahrhundert aussehen kann. Darüber haben wir oft gesprochen und soweit ich weiß gibt es zu jedem Werk aus diesem Verlag eine Rezi (von Horst) bei uns auf der Seite. Das Carcosa Programm ist aber einen eigenen Artikel wert.

Und dann ist da noch ein überraschendes Entgegenkommen im Konzern-Kontext: Der Heyne Verlag erbarmt sich offenbar tatsächlich und legt nach langer Abstinenz sukzessive die vergriffenen Bände von Iain M. Banks’ Kultur-Zyklus neu auf. Für mich und für alle Fans intelligenter, moderner Space Operas grenzt das an ein kleines Fest. Vielleicht hat es ja wirklich gefruchtet, dass wir massiv gemeckert haben.

Deswegen muss das erste Buch, das ich euch aus den neuen Verlagsprogrammen ans Herz legen möchte Einsatz der Waffen (Use of Weapons) sein. Auch wenn es erst im Januar erscheint und zwischen all den anderen Büchern der Penguin Random House Verlagsgruppe ein recht einsames Dasein fristet.

Der gebrochene Agent: "Einsatz der Waffen" im Kultur-Gefüge

Machen wir uns nichts vor: Es ist im direkten Vergleich nicht der makelloseste Roman des schottischen Autors — gegen die argumentative Schärfe von Das Spiel Azad oder die opulente Polyphonie von Exzession zieht die Dramaturgie streckenweise den Kürzeren. Und doch verkörpert kaum ein anderer Band das grundlegende Paradoxon des Kultur-Universums so schmerzhaft präzise wie dieser.

Nochmal als Grundlage für alle: Die Kultur selbst ist eine post-knappheitliche, hedonistische Utopie, regiert von wohlwollenden, hyperintelligenten KI-Entitäten (den „Gehirnen“). Doch um dieses Paradies im Kosmos zu sichern und andere Zivilisationen subtil in Richtung humanistischer Werte zu lenken, nutzt die Kultur ein dunkles Werkzeug: die Sektion Besondere Umstände. Und hier kommt Cheradenine Zakalwe ins Spiel.

Zakalwe ist kein Kultur-Bürger, sondern ein militärisches Genie aus einer weniger entwickelten Welt — eingekauft, instrumentalisiert und als Werkzeug für die schmutzigen Kriege eingesetzt, bei denen sich die utopische Gesellschaft nicht selbst die Hände schmutzig machen will. Banks führt uns mit ihm die moralische Grauzone der Utopie vor Augen: Wie viel Intervention, wie viel Gewalt und wie viele verbrannte Seelen darf sich ein Paradies leisten, um ein Paradies zu bleiben?

Formal treibt Banks dieses Verwirrspiel auf die Spitze. Einsatz der Waffen nutzt eine Doppelstrang-Struktur:

Die geraden Kapitel erzählen Zakalwes aktuelle Mission in gewohnter Chronologie vorwärts.

Die ungeraden Kapitel rollen seine Vergangenheit in Form von Rückblenden kaskadenartig rückwärts auf.

Beide Stränge bewegen sich aufeinander zu wie zwei Züge auf demselben Gleis. Wo sie im Finale aufeinandertreffen, entlädt sich eine psychologische Pointe, die den Roman rückwirkend in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt: Sie entlarvt nicht nur die kalte Zweckrationalität der Kultur, sondern offenbart die erschütternde Wahrheit über Zakalwes wahre Identität und Schuld.

Dass solche Meilensteine des intelligenten Weltenbaus und der narrativen Dekonstruktion endlich wieder regulär auf Deutsch greifbar werden, ist mehr als bloße Nostalgie. Es ist ein notwendiges Signal und ein notwendiges Korrektiv für einen deutschen Buchmarkt, der den literarischen Wert von Science-Fiction schon viel zu lange stiefmütterlich behandelt.

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