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  • Zweimal das Gespenst des Überwachungsstaates

    von am 19. März 2018

    Zwei Bücher, zwei Zukunftsvisionen. Beide Dystopien, obwohl ich dieses Wort eigentlich nicht mehr mag. Sagen wir, zwei Anti-Utopien, dann habe ich nicht ständig mittelprächtige Verfilmungen mittelprächtiger Jugendromane im Kopf…

    Die Handlungen beider Romane spielen in unserer Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Das Schreckgespenst eines Überwachungsstaates. Das Aufbegehren. Die Konsequenzen. Marc-Uwe Klings Roman Qualityland, der ursprünglich Equalityland in Anlehnung an George Orwells "all animals are equal" heißen sollte, ist – wie anders wäre es von Marc-Uwe "Känguru Chroniken" Kling zu erwarten – ein Zerrspiegel unserer heutigen Zeit. Das Buch ist unglaublich realitätsnah und die unnachahmlich humorige Erzählweise des Autors lässt dem Leser immer wieder das Lachen gefrieren. Noch viel besser und vor allem unterhaltsamer als das Buch ist in diesem Fall das Hörbuch. Traditionell von Marc-Uwe Kling selbst gelesen und anscheinend aus Liveauftritten entstanden. Wer in den vollen Genuss dieser Grimmelshausenjade kommen möchte, sollte unbedingt die Audioversion bevorzugen. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken – und trotzdem kann man sich seiner nicht erwehren.

    Tolles Buch, tolles Setting, vielleicht ein wenig schwächelnd in der zweiten Hälfte mit einem subtilen Paukenschlag am Ende. Ich habe das Buch gleich bei der Veröffentlichung gelesen (nichts darüber geschrieben, weil mir Horst zuvorgekommen ist) und jetzt noch einmal gehört. Parallel dazu habe ich die Empfehlung eines Kunden gelesen:

    2009 (deutsch 2010) erschien der erste Teil der Trilogie Cassia & Ky. Die Serie ist eine Jugendbuchreihe und fügt sich ausgezeichnet in Reihen wie "Tribute von Panem" oder "Die Auslese" ein. Das muss dem erwachsenen Leser von Anfang an klar sein. ES IST EIN JUGENDBUCH. Und es wird auch um Beziehungen gehen, um Liebe auf Ab- und Umwegen und die Protagonisten sind Jugendliche – mit allen Konsequenzen. Trotzdem erschafft Ally Condie in ihrem Werk eine viel subtilere Spiegelung unserer Realität in eine Zukunftswelt, in der alles geplant ist. "Es gibt keine Zufälle mehr." (Qualityland – Marc-Uwe Kling)

    Die Helden der Anti-Utopie sind junge Menschen. Cassia und Ky, die namensgebend sind, stehen dabei in vielfältigen Beziehungen mit anderen, nicht minder wichtigen und tragenden Rollen: Xander, Indie und einigen Protagonisten mehr, die das – dem heutigen Jugendbuch offensichtlich innewohnende – Gefühlschaos beleben. Auf eine Art, die nachvollziehbar wirkt und die teilweise naiv und kleinmädchenhaften Handlungen und Reaktionen, in einen stimmigen Kontext bringt.

    Die Autorin der Trilogie bedient sich – und das ist auch in der deutschen Übersetzung trefflich gelungen – einer poetischen Sprache, die viel mehr als nur träumerischen Jugendfantasien folgend, auch der inhaltlich relevanten Erkenntnis Tribut zollt, wie wichtig Kreativität und schöpferisches Schaffen für das Individuum ist.

    Warum ich diese beiden Werke überhaupt in einen Zusammenhang bringe? Außer der zeitlichen Korrelation des Hörens von "Qualityland" und des Lesens von "Cassia & Ky" sind beide Werke zuerst einmal Anti-Utopien. In beiden gedachten Gesellschaften geht es um mehr oder weniger totalitäre Systeme, deren Grenzen und Beschränkungen dem Individuum aber zuerst gar nicht negativ auffallen. Der Bewohner oder Bürger der jeweiligen Welten genießt mannigfaltige Vorteile aus diesem umsorgenden System. Der Staat bzw diejenigen, die den Staat steuern (und deren Profit die Welt steuert) sorgen sich um ihre Schäfchen. Die totale Durchleuchtung und Transparenz bringt dem Einzelnen – vermeintlich – die absolute persönliche Befriedigung und Erfüllung. Der Staat oder die Konzerne kümmern sich um das Wohlbefinden ihrer Schutzbefohlenen bzw Konsumenten. AHA. Da also haben wir den Unterschied. Hier beginnt man die völlig divergenten Betrachtungsweisen langsam wahrzunehmen.

    Marc-Uwe Kling, wie könnte es anders sein, schiebt die Rolle des Feindes und des Bösen den Konzernen zu, schafft ein Horrorszenario à la Orwell, das jedoch viel näher und viel beängstigender an unserer Realität ist, als es sich der Meister jemals hätte vorstellen können. Die Schilderung realer Istzustände innerhalb seiner dystopischen Gesellschaft ist dabei von einem "linken" antikapitalistischen Grundtenor bestimmt und die am Ende angebotene Lösung ist selbstverständlich marxistisch kommunistisch.

    Ally Condies Trilogie bedient sich zunächst und vordergründig der selben Instrumentarien. Bürger, die bis in ihre Träume durchleuchtet sind, entwöhnt von jeglicher Individualität. Zufrieden Schafe in der Herde des guten Hirten. Den Menschen geht es gut. Anders als Marc-Uwe Kling, der die Perspektive eines Verlierers wählt und daraus seine Argumentation gegen die Tyrannei des Kapitals spinnt, beschreibt Ally Condie die Heldin und Icherzählerin ihrer Geschichte als mitten in der Gesellschaft stehend. Hoffnungsvoll, schön, jung, begabt – sogar außergewöhnlich – und erfolgreich. Cassia stehen scheinbar alle Türen und Wege innerhalb ihrer Gesellschaft offen. Ally Condie greift in ihrem ersten Roman auf Mechanismen und Ängste zurück, die mich fatal an den amerikanischen "anti-communism" des kalten Krieges erinnert. Damit steht sie in absoluter Divergenz zu Qualityland…

    Zunächst etwas gelangweilt und politisch eher unterfordert verfolgt der Leser die Geschehnisse. Auch wenn scheinbar vieles auf dem naiven Niveau eines Jugendbuches bleibt, und die Schilderung der zukünftigen Gesellschaft an vielen Stellen eher stereotyp wirkt, hat mich die Autorin im Verlauf der Geschichte tatsächlich immer positiv überrascht. Die Geschichte von Cassia & Ky folgt vielen meandernden Wendungen und bietet dem Leser, der sich darauf einlässt, ein Wechselbad von Gefühlen und Eindrücken.

    Marc-Uwe Klings antikapitalistische, kommunistische Anti-Utopie treibt einem die Lachtränen in die Augen und die Gänsehaut über die Gliedmaßen. Sein Feuerwerk an grandiosen Ideen wird in der zweiten Hälfte des Romanes etwas lückenhaft, schließt dafür mit einem Paukenschlag ab. Unterhaltung garantiert, ganz ohne Känguru.

    Ally Condies antikommunistische, amerikanisch-freiheitliche Anti-Utopie wirkt in den Grundzügen vielleicht erst einmal ein wenig platt und naiv, entwickelt sich aber und hält den Leser bei der Stange. Ihre Liebe zu Kreativität, Kunst und Literatur wirken dabei auf naiv kindliche Art überzeugend und mitreißend. Die pubertären Beziehungsirrungen wirken neben den Wirren der Revolution relativiert und dennoch glaubwürdig.

    Zwei Schreckgespenster eines Überwachungsstaates, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Roman und eine Trilogie, die sicher nicht zu den besten ihres Genres gehören. Trotzdem zwei Werke, die das Lesen (oder Hören) lohnen und jeweils auf ihre eigen Art und Weise ganz besonders sind.

    von am 19. März 2018

    Zwei Bücher, zwei Zukunftsvisionen. Beide Dystopien, obwohl ich dieses Wort eigentlich nicht mehr mag. Sagen wir, zwei Anti-Utopien, dann habe ich nicht ständig mittelprächtige Verfilmungen mittelprächtiger Jugendromane im Kopf…

    Die Handlungen beider Romane spielen in unserer Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Das Schreckgespenst eines Überwachungsstaates. Das Aufbegehren. Die Konsequenzen. Marc-Uwe Klings Roman Qualityland, der ursprünglich Equalityland in Anlehnung an George Orwells "all animals are equal" heißen sollte, ist – wie anders wäre es von Marc-Uwe "Känguru Chroniken" Kling zu erwarten – ein Zerrspiegel unserer heutigen Zeit. Das Buch ist unglaublich realitätsnah und die unnachahmlich humorige Erzählweise des Autors lässt dem Leser immer wieder das Lachen gefrieren. Noch viel besser und vor allem unterhaltsamer als das Buch ist in diesem Fall das Hörbuch. Traditionell von Marc-Uwe Kling selbst gelesen und anscheinend aus Liveauftritten entstanden. Wer in den vollen Genuss dieser Grimmelshausenjade kommen möchte, sollte unbedingt die Audioversion bevorzugen. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken – und trotzdem kann man sich seiner nicht erwehren.

    Tolles Buch, tolles Setting, vielleicht ein wenig schwächelnd in der zweiten Hälfte mit einem subtilen Paukenschlag am Ende. Ich habe das Buch gleich bei der Veröffentlichung gelesen (nichts darüber geschrieben, weil mir Horst zuvorgekommen ist) und jetzt noch einmal gehört. Parallel dazu habe ich die Empfehlung eines Kunden gelesen:

    2009 (deutsch 2010) erschien der erste Teil der Trilogie Cassia & Ky. Die Serie ist eine Jugendbuchreihe und fügt sich ausgezeichnet in Reihen wie "Tribute von Panem" oder "Die Auslese" ein. Das muss dem erwachsenen Leser von Anfang an klar sein. ES IST EIN JUGENDBUCH. Und es wird auch um Beziehungen gehen, um Liebe auf Ab- und Umwegen und die Protagonisten sind Jugendliche – mit allen Konsequenzen. Trotzdem erschafft Ally Condie in ihrem Werk eine viel subtilere Spiegelung unserer Realität in eine Zukunftswelt, in der alles geplant ist. "Es gibt keine Zufälle mehr." (Qualityland – Marc-Uwe Kling)

    Die Helden der Anti-Utopie sind junge Menschen. Cassia und Ky, die namensgebend sind, stehen dabei in vielfältigen Beziehungen mit anderen, nicht minder wichtigen und tragenden Rollen: Xander, Indie und einigen Protagonisten mehr, die das – dem heutigen Jugendbuch offensichtlich innewohnende – Gefühlschaos beleben. Auf eine Art, die nachvollziehbar wirkt und die teilweise naiv und kleinmädchenhaften Handlungen und Reaktionen, in einen stimmigen Kontext bringt.

    Die Autorin der Trilogie bedient sich – und das ist auch in der deutschen Übersetzung trefflich gelungen – einer poetischen Sprache, die viel mehr als nur träumerischen Jugendfantasien folgend, auch der inhaltlich relevanten Erkenntnis Tribut zollt, wie wichtig Kreativität und schöpferisches Schaffen für das Individuum ist.

    Warum ich diese beiden Werke überhaupt in einen Zusammenhang bringe? Außer der zeitlichen Korrelation des Hörens von "Qualityland" und des Lesens von "Cassia & Ky" sind beide Werke zuerst einmal Anti-Utopien. In beiden gedachten Gesellschaften geht es um mehr oder weniger totalitäre Systeme, deren Grenzen und Beschränkungen dem Individuum aber zuerst gar nicht negativ auffallen. Der Bewohner oder Bürger der jeweiligen Welten genießt mannigfaltige Vorteile aus diesem umsorgenden System. Der Staat bzw diejenigen, die den Staat steuern (und deren Profit die Welt steuert) sorgen sich um ihre Schäfchen. Die totale Durchleuchtung und Transparenz bringt dem Einzelnen – vermeintlich – die absolute persönliche Befriedigung und Erfüllung. Der Staat oder die Konzerne kümmern sich um das Wohlbefinden ihrer Schutzbefohlenen bzw Konsumenten. AHA. Da also haben wir den Unterschied. Hier beginnt man die völlig divergenten Betrachtungsweisen langsam wahrzunehmen.

    Marc-Uwe Kling, wie könnte es anders sein, schiebt die Rolle des Feindes und des Bösen den Konzernen zu, schafft ein Horrorszenario à la Orwell, das jedoch viel näher und viel beängstigender an unserer Realität ist, als es sich der Meister jemals hätte vorstellen können. Die Schilderung realer Istzustände innerhalb seiner dystopischen Gesellschaft ist dabei von einem "linken" antikapitalistischen Grundtenor bestimmt und die am Ende angebotene Lösung ist selbstverständlich marxistisch kommunistisch.

    Ally Condies Trilogie bedient sich zunächst und vordergründig der selben Instrumentarien. Bürger, die bis in ihre Träume durchleuchtet sind, entwöhnt von jeglicher Individualität. Zufrieden Schafe in der Herde des guten Hirten. Den Menschen geht es gut. Anders als Marc-Uwe Kling, der die Perspektive eines Verlierers wählt und daraus seine Argumentation gegen die Tyrannei des Kapitals spinnt, beschreibt Ally Condie die Heldin und Icherzählerin ihrer Geschichte als mitten in der Gesellschaft stehend. Hoffnungsvoll, schön, jung, begabt – sogar außergewöhnlich – und erfolgreich. Cassia stehen scheinbar alle Türen und Wege innerhalb ihrer Gesellschaft offen. Ally Condie greift in ihrem ersten Roman auf Mechanismen und Ängste zurück, die mich fatal an den amerikanischen "anti-communism" des kalten Krieges erinnert. Damit steht sie in absoluter Divergenz zu Qualityland…

    Zunächst etwas gelangweilt und politisch eher unterfordert verfolgt der Leser die Geschehnisse. Auch wenn scheinbar vieles auf dem naiven Niveau eines Jugendbuches bleibt, und die Schilderung der zukünftigen Gesellschaft an vielen Stellen eher stereotyp wirkt, hat mich die Autorin im Verlauf der Geschichte tatsächlich immer positiv überrascht. Die Geschichte von Cassia & Ky folgt vielen meandernden Wendungen und bietet dem Leser, der sich darauf einlässt, ein Wechselbad von Gefühlen und Eindrücken.

    Marc-Uwe Klings antikapitalistische, kommunistische Anti-Utopie treibt einem die Lachtränen in die Augen und die Gänsehaut über die Gliedmaßen. Sein Feuerwerk an grandiosen Ideen wird in der zweiten Hälfte des Romanes etwas lückenhaft, schließt dafür mit einem Paukenschlag ab. Unterhaltung garantiert, ganz ohne Känguru.

    Ally Condies antikommunistische, amerikanisch-freiheitliche Anti-Utopie wirkt in den Grundzügen vielleicht erst einmal ein wenig platt und naiv, entwickelt sich aber und hält den Leser bei der Stange. Ihre Liebe zu Kreativität, Kunst und Literatur wirken dabei auf naiv kindliche Art überzeugend und mitreißend. Die pubertären Beziehungsirrungen wirken neben den Wirren der Revolution relativiert und dennoch glaubwürdig.

    Zwei Schreckgespenster eines Überwachungsstaates, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Roman und eine Trilogie, die sicher nicht zu den besten ihres Genres gehören. Trotzdem zwei Werke, die das Lesen (oder Hören) lohnen und jeweils auf ihre eigen Art und Weise ganz besonders sind.

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