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Der König und ich: Warum der kurze King der bessere King ist?!

von am 22. April 2026 2 Kommentare

Stephen King und ich: Weniger ist oft mehr

Wenn ich auf meine Regale blicke, wird eines schnell klar: Stephen King ist der Schriftsteller, von dem ich mit Abstand die meisten Bücher gelesen habe. Was mich an ihm seit jeher fasziniert, ist seine unglaubliche Nähe zu uns Menschen. Er schafft es wie kaum ein anderer, das Menschsein in all seinen Facetten – den hellen wie den tiefschwarzen – so authentisch einzufangen. Seine Sprache ist bildhaft, eindrücklich und dabei wunderbar flüssig zu lesen.

Mit einem King-Buch macht man eigentlich nie etwas falsch. Sieht man mal von ganz wenigen Ausnahmen wie Talisman oder – bitte nicht aufschreien! – dem Dunklen Turm ab, aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag. Bald habe ich die Häfte seiner im deutschsprachigen Raum erschienenen Werke gelesen, viele davon regelrecht verschlungen.

Stand April 2026 blicken wir hierzulande auf stolze 85 eigenständige Bücher. Diese beeindruckende Zahl setzt sich aus 70 Romanen und Novellen (inklusive der Bachman-Bücher), 13 Kurzgeschichten-Sammlungen und zwei Sachbüchern zusammen. Zuletzt erschienen im Juni 2025 der Roman "Kein Zurück" sowie Ende 2025 die Anthologie "Hänsel und Gretel". Nach all diesen Seiten habe ich eine ganz eigene Theorie entwickelt: Der kürzere Stephen King ist der bessere Stephen King.

Die Theorie vom ungekürzten Meister

Man hört oft, dass King seit seinem gewaltigen Erfolg eine so starke Position innehat, dass Verlage seine Manuskripte faktisch ungekürzt und ohne das früher übliche, straffende Lektorat veröffentlichen. King arbeitet natürlich immer noch mit Lektoren zusammen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass ein Megastar seines Kalibers deutlich mehr kreative Freiheit genießt. Wo jungen Autoren 200 Seiten gestrichen werden, bleiben sie bei King heute stehen.

Das ist aus meiner Sicht nicht immer der bessere Weg für uns Leser. King selbst gibt mir in seinem Sachbuch "Das Leben und das Schreiben" recht. Dort erklärt er sehr intensiv das Handwerkszeug eines Schriftstellers und erhebt das rigorose Kürzen des eigenen Textes fast schon zu einer heiligen Pflicht. Seine berühmte Faustformel für die Überarbeitung lautet: Zweite Fassung = Erste Fassung minus 10 Prozent. Wer erfolgreich Belletristik schreiben will, so King, müsse lernen, Ballast abzuwerfen. Doch hier liegt die Ironie: Während er das Kürzen zum Einmaleins des Schreibens erklärt, gibt er im selben Atemzug zu, dass er dieses Gesetz selbst oft missachtet: Er genießt seit geraumer Zeit die Freiheit, seine Geschichten genau so ausufernd zu erzählen, wie er es möchte – ohne dass ihm ein Lektor den Rotstift ansetzt.

Seine ausufernden Romanwelten sind zwar einnehmend, aber die wahre Brillanz liegt für mich in seinen Werken mit Verdichtung. Meine Theorie vom ungekürzten Meister wird durch meine persönliche Top 10 untermauert: Hier finden sich überwiegend seine kürzeren Erzählungen, in denen die Handlung einen massiven Sog entwickelt, eben weil unnötiges Colorit wegfällt.

Hier ist mein Ranking für euch. Freilich stellt diese Aufstellung nur meinen eigenen Lesegeschmack dar – und darüber lässt sich bekanntermaßen gut streiten!

Meine TOP 10 des Königs

Platz 10: Sara

Ein trauernder Witwer sucht in einem einsamen Sommerhaus Ruhe und findet stattdessen die rachsüchtigen Echos einer dunklen Vergangenheit. Aus meiner Sicht ist dies ein eher leises Buch, aber trotzdem intensiv und faszinierend. Es geht um einen Schriftsteller, den tragischen Tod seiner Frau und um Geister. Für mich ist es einfach ein schönes Buch mit leicht unterschwelligem Grusel und einer ganz eigenen Form von Magnetismus.

Platz 9: Misery

Was als Rettung nach einem Autounfall beginnt, wird für einen Bestsellerautor zum grausamen Kammerspiel unter der Aufsicht seines größten Fans. Auch hier ist es wieder die Atmosphäre und diese spezielle Elektrizität zwischen unserem Helden und der verrückten Krankenschwester, die mich gepackt hat. Als absoluter Page-Turner ließ mich das Buch beim Lesen wirklich Ängste ausstehen.

Platz 8: Das Mädchen

Ein harmloser Familienausflug verwandelt sich in einen existenziellen Albtraum, als eine Neunjährige die Spur im Wald verliert und dem Unbekannten gegenübersteht. Es ist vielleicht der Roman, der mich auch rückblickend am meisten fasziniert und erschreckt, weil das Setting wirklich heftig ist. Ein junges Mädchen verirrt sich im Wald und das einzige, was sie überleben lässt, ist die Hoffnung, ihr Radio und Baseball.

Platz 7: Es

In den Abwasserkanälen einer Kleinstadt lauert ein uraltes Grauen, das alle 27 Jahre erwacht, um sich an den Ängsten der Kinder zu weiden. Ich liebe hier vor allem die Geschichte rund um den Losers Club und die Atmosphäre, die Stephen King in diesem monumentalen Werk erschaffen hat. Es ist stellenweise etwas abgedreht und weitschweifig, aber insgesamt einer der besten Horror-Romane, die je geschrieben wurden.

Platz 6: The Green Mile

Hinter den Mauern eines Todestrakts begegnet ein Wärter einem sanftmütigen Riesen, dessen übernatürliche Gabe die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lässt. Das Buch ist für mich einfach nur brillant. Es geht um die Herzen der Menschen angesichts des Todes, die Ungerechtigkeit der Todesstrafe und einen Bösewicht, der keiner ist. Das sorgte bei mir für Gänsehaut.

Platz 5: Dead Zone – Das Attentat

Nach fünf Jahren im Koma erwacht Johnny Smith mit der Fähigkeit, durch bloße Berührung in die Zukunft zu blicken – eine Gabe, die ihn vor eine unmenschliche Wahl stellt. Der Plot und die Handlung sind aus meiner Sicht einmalig erzählt. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen und dieses Werk hat mich ganze Nächte gekostet.

Platz 4: Zwischen Nacht und Dunkel

Vier abgründige Novellen zeigen uns, wie schnell das normale Leben eines Menschen durch Rache oder Schicksal in einen blutigen Abgrund stürzen kann. Diese Sammlung bietet vier knallharte und unter die Haut gehende Kurzgeschichten von gewöhnlichen Menschen in extremen Situationen mit einem Unterhaltungswert, der seinesgleichen suchen dürfte.

Platz 3: Dolores

Während einer polizeilichen Vernehmung bricht eine alte Haushälterin ihr Schweigen über ein Leben voller Entbehrungen und eine Gewalttat, die Jahre zurückliegt. Dolores ist aus meiner Sicht das Buch mit dem meisten Mitgefühl und mit der größten erzählerischen Brillanz. Ich habe beim Lesen dieser Geschichte Tränen geweint.

Platz 2: Cujo

In der brütenden Hitze eines Sommers wird ein defektes Auto zum Käfig, während vor der Tür ein einst friedlicher Bernhardiner zur tollwütigen Bestie mutiert. Cujo hat mich von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen und hat einen Sog auf mich ausgeübt, wie es nur ganz selten Bücher machen. Zudem fand ich das Ende extrem hart und gleichzeitig extrem gut. Für mich sein bester Roman.

Platz 1: Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Vier meisterhafte Novellen führen uns durch die Jahreszeiten der menschlichen Seele – von der Hoffnung eines unschuldig Inhaftierten bis zur Entdeckung des Todes durch vier Kinder. Dies ist für mich das beste Buch, das jemals von King geschrieben wurde, seine beiden Geschichten "Die Leiche" und "Pin-Up" sind legendär!

Erster Tipp: Danse Macabre – Die Welt des Horrors

Für alle, die noch tiefer in die Materie eintauchen wollen, möchte ich explizit "Danse Macabre – Die Welt des Horrors" empfehlen. Dieses Buch ist für mich das Grundlagenwerk über die Geschichte des Horrors in Film und vor allem Literatur vom viktorianischen Zeitalter bis heute. In zehn Kapiteln widmet sich King hier intensiv und mit seiner sehr unterhaltsamen Schreibe dem Genre des Horrors. Das Buch ist bereits ab der ersten Seite sehr lesenswert; allein die Vorworte mit fast 60 Seiten bieten einen enormen Mehrwert. Neben einem Nachwort enthält das Werk zudem eine fantastische Liste von Vorschlägen zu Romanen und Kurzgeschichtensammlungen, die den gesamten in "Danse Macabre" besprochenen Zeitraum abdecken. Es geht dabei um Bücher, die aus Sicht von Stephen King für das Genre wegweisend waren. Er hat diese Liste von etwa 100 Werken zusätzlich bewertet und jedem Buch ein Sternchen (*) gegeben, das seiner Meinung nach besonders wichtig ist. Für mich ist dieses Buch ein Juwel für das Genre, doch eine Warnung sei erlaubt: Wer dieses Buch liest, wird seinen Stapel ungelesener Bücher danach unweigerlich um mehrere Dutzend Titel erweitern. Das ist einerseits im Sinne großartiger Entdeckungen sehr positiv, führt andererseits jedoch im wahrsten Sinne des Wortes zu weiterem Platzmangel im heimischen Regal. Gewidmet hat King dieses Werk übrigens sechs großen Autoren des Makaberen: Robert Bloch, Jorge Luis Borges, Ray Bradbury, Frank Belknap Long, Donald Wandrei sowie Manly Wade Wellman.

Zweiter Tipp: Holly Gibney

Besonders bei seinem neuesten Werk "Kein Zurück" zeigt sich Kings Vorliebe für vertraute Gesichter, denn hier steht erneut Holly Gibney im Mittelpunkt – seine erklärte Lieblingsermittlerin. Aber hier ist Vorsicht geboten: Wer die Geschichten rund um Holly in der falschen Reihenfolge liest, manövriert sich unweigerlich in massive Spoiler-Fallen, da die Charakterentwicklung und die Ereignisse der vorangegangenen Fälle essenziell aufeinander aufbauen. Damit ihr das volle Leseerlebnis ohne böse Überraschungen genießen könnt, empfehle ich euch dringend, diese sieben Bücher in der genau richtigen chronologischen Abfolge zu lesen: Den Anfang macht die Bill-Hodges-Trilogie mit 1. "Mr. Mercedes", gefolgt von 2. "Finderlohn" und 3. "Mind Control". Danach solltet ihr zum Roman 4. "Der Outsider" greifen, bevor ihr die Novelle 5. "Blutige Nachrichten" (aus der gleichnamigen Sammlung) lest. Erst danach seid ihr bereit für den Roman 6. "Holly" und findet schließlich mit dem aktuellen Werk 7. "Kein Zurück" den vorläufigen Abschluss dieser großartigen Reise.

Fazit

Mich faszinieren gar nicht so sehr seine übernatürlichen Geschichten sowie geisterhaften Horrorstories. Es sind eher seine "normalen" Erzählungen von gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlichen Situationen, die mich wirklich packen; der "Horror" im echten Leben wiegt oft schwerer, oder was meint Ihr?

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von am 22. April 2026 2 Kommentare

Stephen King und ich: Weniger ist oft mehr

Wenn ich auf meine Regale blicke, wird eines schnell klar: Stephen King ist der Schriftsteller, von dem ich mit Abstand die meisten Bücher gelesen habe. Was mich an ihm seit jeher fasziniert, ist seine unglaubliche Nähe zu uns Menschen. Er schafft es wie kaum ein anderer, das Menschsein in all seinen Facetten – den hellen wie den tiefschwarzen – so authentisch einzufangen. Seine Sprache ist bildhaft, eindrücklich und dabei wunderbar flüssig zu lesen.

Mit einem King-Buch macht man eigentlich nie etwas falsch. Sieht man mal von ganz wenigen Ausnahmen wie Talisman oder – bitte nicht aufschreien! – dem Dunklen Turm ab, aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag. Bald habe ich die Häfte seiner im deutschsprachigen Raum erschienenen Werke gelesen, viele davon regelrecht verschlungen.

Stand April 2026 blicken wir hierzulande auf stolze 85 eigenständige Bücher. Diese beeindruckende Zahl setzt sich aus 70 Romanen und Novellen (inklusive der Bachman-Bücher), 13 Kurzgeschichten-Sammlungen und zwei Sachbüchern zusammen. Zuletzt erschienen im Juni 2025 der Roman "Kein Zurück" sowie Ende 2025 die Anthologie "Hänsel und Gretel". Nach all diesen Seiten habe ich eine ganz eigene Theorie entwickelt: Der kürzere Stephen King ist der bessere Stephen King.

Die Theorie vom ungekürzten Meister

Man hört oft, dass King seit seinem gewaltigen Erfolg eine so starke Position innehat, dass Verlage seine Manuskripte faktisch ungekürzt und ohne das früher übliche, straffende Lektorat veröffentlichen. King arbeitet natürlich immer noch mit Lektoren zusammen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass ein Megastar seines Kalibers deutlich mehr kreative Freiheit genießt. Wo jungen Autoren 200 Seiten gestrichen werden, bleiben sie bei King heute stehen.

Das ist aus meiner Sicht nicht immer der bessere Weg für uns Leser. King selbst gibt mir in seinem Sachbuch "Das Leben und das Schreiben" recht. Dort erklärt er sehr intensiv das Handwerkszeug eines Schriftstellers und erhebt das rigorose Kürzen des eigenen Textes fast schon zu einer heiligen Pflicht. Seine berühmte Faustformel für die Überarbeitung lautet: Zweite Fassung = Erste Fassung minus 10 Prozent. Wer erfolgreich Belletristik schreiben will, so King, müsse lernen, Ballast abzuwerfen. Doch hier liegt die Ironie: Während er das Kürzen zum Einmaleins des Schreibens erklärt, gibt er im selben Atemzug zu, dass er dieses Gesetz selbst oft missachtet: Er genießt seit geraumer Zeit die Freiheit, seine Geschichten genau so ausufernd zu erzählen, wie er es möchte – ohne dass ihm ein Lektor den Rotstift ansetzt.

Seine ausufernden Romanwelten sind zwar einnehmend, aber die wahre Brillanz liegt für mich in seinen Werken mit Verdichtung. Meine Theorie vom ungekürzten Meister wird durch meine persönliche Top 10 untermauert: Hier finden sich überwiegend seine kürzeren Erzählungen, in denen die Handlung einen massiven Sog entwickelt, eben weil unnötiges Colorit wegfällt.

Hier ist mein Ranking für euch. Freilich stellt diese Aufstellung nur meinen eigenen Lesegeschmack dar – und darüber lässt sich bekanntermaßen gut streiten!

Meine TOP 10 des Königs

Platz 10: Sara

Ein trauernder Witwer sucht in einem einsamen Sommerhaus Ruhe und findet stattdessen die rachsüchtigen Echos einer dunklen Vergangenheit. Aus meiner Sicht ist dies ein eher leises Buch, aber trotzdem intensiv und faszinierend. Es geht um einen Schriftsteller, den tragischen Tod seiner Frau und um Geister. Für mich ist es einfach ein schönes Buch mit leicht unterschwelligem Grusel und einer ganz eigenen Form von Magnetismus.

Platz 9: Misery

Was als Rettung nach einem Autounfall beginnt, wird für einen Bestsellerautor zum grausamen Kammerspiel unter der Aufsicht seines größten Fans. Auch hier ist es wieder die Atmosphäre und diese spezielle Elektrizität zwischen unserem Helden und der verrückten Krankenschwester, die mich gepackt hat. Als absoluter Page-Turner ließ mich das Buch beim Lesen wirklich Ängste ausstehen.

Platz 8: Das Mädchen

Ein harmloser Familienausflug verwandelt sich in einen existenziellen Albtraum, als eine Neunjährige die Spur im Wald verliert und dem Unbekannten gegenübersteht. Es ist vielleicht der Roman, der mich auch rückblickend am meisten fasziniert und erschreckt, weil das Setting wirklich heftig ist. Ein junges Mädchen verirrt sich im Wald und das einzige, was sie überleben lässt, ist die Hoffnung, ihr Radio und Baseball.

Platz 7: Es

In den Abwasserkanälen einer Kleinstadt lauert ein uraltes Grauen, das alle 27 Jahre erwacht, um sich an den Ängsten der Kinder zu weiden. Ich liebe hier vor allem die Geschichte rund um den Losers Club und die Atmosphäre, die Stephen King in diesem monumentalen Werk erschaffen hat. Es ist stellenweise etwas abgedreht und weitschweifig, aber insgesamt einer der besten Horror-Romane, die je geschrieben wurden.

Platz 6: The Green Mile

Hinter den Mauern eines Todestrakts begegnet ein Wärter einem sanftmütigen Riesen, dessen übernatürliche Gabe die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lässt. Das Buch ist für mich einfach nur brillant. Es geht um die Herzen der Menschen angesichts des Todes, die Ungerechtigkeit der Todesstrafe und einen Bösewicht, der keiner ist. Das sorgte bei mir für Gänsehaut.

Platz 5: Dead Zone – Das Attentat

Nach fünf Jahren im Koma erwacht Johnny Smith mit der Fähigkeit, durch bloße Berührung in die Zukunft zu blicken – eine Gabe, die ihn vor eine unmenschliche Wahl stellt. Der Plot und die Handlung sind aus meiner Sicht einmalig erzählt. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen und dieses Werk hat mich ganze Nächte gekostet.

Platz 4: Zwischen Nacht und Dunkel

Vier abgründige Novellen zeigen uns, wie schnell das normale Leben eines Menschen durch Rache oder Schicksal in einen blutigen Abgrund stürzen kann. Diese Sammlung bietet vier knallharte und unter die Haut gehende Kurzgeschichten von gewöhnlichen Menschen in extremen Situationen mit einem Unterhaltungswert, der seinesgleichen suchen dürfte.

Platz 3: Dolores

Während einer polizeilichen Vernehmung bricht eine alte Haushälterin ihr Schweigen über ein Leben voller Entbehrungen und eine Gewalttat, die Jahre zurückliegt. Dolores ist aus meiner Sicht das Buch mit dem meisten Mitgefühl und mit der größten erzählerischen Brillanz. Ich habe beim Lesen dieser Geschichte Tränen geweint.

Platz 2: Cujo

In der brütenden Hitze eines Sommers wird ein defektes Auto zum Käfig, während vor der Tür ein einst friedlicher Bernhardiner zur tollwütigen Bestie mutiert. Cujo hat mich von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen und hat einen Sog auf mich ausgeübt, wie es nur ganz selten Bücher machen. Zudem fand ich das Ende extrem hart und gleichzeitig extrem gut. Für mich sein bester Roman.

Platz 1: Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Vier meisterhafte Novellen führen uns durch die Jahreszeiten der menschlichen Seele – von der Hoffnung eines unschuldig Inhaftierten bis zur Entdeckung des Todes durch vier Kinder. Dies ist für mich das beste Buch, das jemals von King geschrieben wurde, seine beiden Geschichten "Die Leiche" und "Pin-Up" sind legendär!

Erster Tipp: Danse Macabre – Die Welt des Horrors

Für alle, die noch tiefer in die Materie eintauchen wollen, möchte ich explizit "Danse Macabre – Die Welt des Horrors" empfehlen. Dieses Buch ist für mich das Grundlagenwerk über die Geschichte des Horrors in Film und vor allem Literatur vom viktorianischen Zeitalter bis heute. In zehn Kapiteln widmet sich King hier intensiv und mit seiner sehr unterhaltsamen Schreibe dem Genre des Horrors. Das Buch ist bereits ab der ersten Seite sehr lesenswert; allein die Vorworte mit fast 60 Seiten bieten einen enormen Mehrwert. Neben einem Nachwort enthält das Werk zudem eine fantastische Liste von Vorschlägen zu Romanen und Kurzgeschichtensammlungen, die den gesamten in "Danse Macabre" besprochenen Zeitraum abdecken. Es geht dabei um Bücher, die aus Sicht von Stephen King für das Genre wegweisend waren. Er hat diese Liste von etwa 100 Werken zusätzlich bewertet und jedem Buch ein Sternchen (*) gegeben, das seiner Meinung nach besonders wichtig ist. Für mich ist dieses Buch ein Juwel für das Genre, doch eine Warnung sei erlaubt: Wer dieses Buch liest, wird seinen Stapel ungelesener Bücher danach unweigerlich um mehrere Dutzend Titel erweitern. Das ist einerseits im Sinne großartiger Entdeckungen sehr positiv, führt andererseits jedoch im wahrsten Sinne des Wortes zu weiterem Platzmangel im heimischen Regal. Gewidmet hat King dieses Werk übrigens sechs großen Autoren des Makaberen: Robert Bloch, Jorge Luis Borges, Ray Bradbury, Frank Belknap Long, Donald Wandrei sowie Manly Wade Wellman.

Zweiter Tipp: Holly Gibney

Besonders bei seinem neuesten Werk "Kein Zurück" zeigt sich Kings Vorliebe für vertraute Gesichter, denn hier steht erneut Holly Gibney im Mittelpunkt – seine erklärte Lieblingsermittlerin. Aber hier ist Vorsicht geboten: Wer die Geschichten rund um Holly in der falschen Reihenfolge liest, manövriert sich unweigerlich in massive Spoiler-Fallen, da die Charakterentwicklung und die Ereignisse der vorangegangenen Fälle essenziell aufeinander aufbauen. Damit ihr das volle Leseerlebnis ohne böse Überraschungen genießen könnt, empfehle ich euch dringend, diese sieben Bücher in der genau richtigen chronologischen Abfolge zu lesen: Den Anfang macht die Bill-Hodges-Trilogie mit 1. "Mr. Mercedes", gefolgt von 2. "Finderlohn" und 3. "Mind Control". Danach solltet ihr zum Roman 4. "Der Outsider" greifen, bevor ihr die Novelle 5. "Blutige Nachrichten" (aus der gleichnamigen Sammlung) lest. Erst danach seid ihr bereit für den Roman 6. "Holly" und findet schließlich mit dem aktuellen Werk 7. "Kein Zurück" den vorläufigen Abschluss dieser großartigen Reise.

Fazit

Mich faszinieren gar nicht so sehr seine übernatürlichen Geschichten sowie geisterhaften Horrorstories. Es sind eher seine "normalen" Erzählungen von gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlichen Situationen, die mich wirklich packen; der "Horror" im echten Leben wiegt oft schwerer, oder was meint Ihr?

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2 Kommentare zu “Der König und ich: Warum der kurze King der bessere King ist?!”

  1. Horst Illmer sagt:

    Hallo Mitch,
    Deine Gedanken zu Stephen King fand ich sehr anregend. Deshalb habe ich meine Regale (und meinen »Gedankenpalast«) ein wenig durchforstet und möchte Dir die Ergebnisse dieser Forschungsreise mitteilen.
    Bei mir schafft es Mr. King immerhin auf einen respektablen 4. Platz, was die belegten Regalmeter angeht (vor ihm liegen noch J. R. R. Tolkien, H. G. Wells und Arno Schmidt), und auch bei den gelesenen und besprochenen Büchern gehört Stephen King unter meine Top Ten. Allerdings würde ich (m)einen King-Essay unter die Überschrift „Der späte King ist der bessere King“ stellen.
    Das hat wohl tatsächlich etwas mit dem schweren Auto-Unfall zu tun, der King 1999 fast das Leben gekostet hätte. Für mich hat sich sein Schreiben seither deutlich verändert – und zwar zum Positiven hin. Ganz kurz: Kings Stil wurde reifer, tiefer gehend und empfindsamer (auch wenn das bei einem „Horror“-Autor ein merkwürdiges Qualitätskriterium ist).
    Zudem wirken viele seiner nach 2000 geschriebenen Texte wie die Teile einer von King im Geheimen konzipierten und stetig fortgeschriebenen „Geschichte der Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren seit 1945“.
    Um jetzt nicht ins unendliche Labern zu verfallen, möchte ich nur noch die Liste meiner Lieblingsbücher von Stephen King anfügen:

    Platz 10: DAS LEBEN UND DAS SCHREIBEN
    Tatsächlich ein Sachbuch – aber spannender geschrieben als so mancher Roman.

    Platz 9: BILLY SUMMERS
    Ein einsamer Held, der noch einen letzten Auftrag zu erledigen hat – und dann kommt alles anders als geplant. Ein Standard-Thema der Spannungs-Literatur, aber so wie bei King hat man das dann doch noch nie gelesen.

    Platz 8: MR MERCEDES; FINDERLOHN; MIND CONTROL
    Die “Bill Hodges”-Trilogie muss man einfach als ein Ganzes sehen (und lesen).

    Platz 7: DAS MÄDCHEN
    Ein Kind in Gefahr – eine von Kings Paradedisziplinen.

    Platz 6: DIE ARENA
    Menschen in Extremsituationen – eine von Kings Paradedisziplinen.

    Platz 5: SUNSET
    Eine von Kings Kurzgeschichtensammlungen – pars pro toto, den eigentlich sind alle empfehlenswert.

    Platz 4: WAHN
    Zuerst einmal eine fast klassische Gespenster-Erzählung – aber unter der Oberfläche arbeitet King an seiner „Geheimgeschichte“ weiter.

    Platz 3: QUAL
    Gleichzeitig Widerspruch und Bestätigung meiner „früher King/später King“-These: Geschrieben noch vor CARRIE, aber erst 2007 (in stark überarbeiteter Form) veröffentlicht. King schreibt hier einfach nur eine großartige Geschichte – aber die Zeit war 1973 wohl noch nicht reif für einen King-Roman ohne alle Horror-Elemente.

    Platz 2: DUDDITS
    Das Schlüssel-Werk für meine „Wiederentdeckung“ Kings nachdem ich ihn schon abgeschrieben hatte. Entstanden während seiner Rekonvaleszenz und mit der Hand geschrieben – einer der großen Romane der amerikanischen Literatur.

    Platz 1: LOVE
    Eine Liebesgeschichte auf Platz 1? Einfach selber lesen!

    Danke für die tolle Anregung! Das hat Spaß gemacht.
    Herzliche Grüße,
    Horst

    1. MITCH sagt:

      Hallo Horst,
      vielen Dank für diese fantastische und ausführliche Antwort! Es hat riesigen Spaß gemacht, dich auf deine „Forschungsreise“ durch deinen Gedankenpalast zu begleiten. Deine These, dass der „späte King“ der bessere sei, finde ich extrem spannend – das gibt mir einen ganz neuen Blickwinkel auf seine Entwicklung nach 1999.
      Du hast es tatsächlich geschafft: Ich bin jetzt nicht nur inspiriert, sondern auch richtig neugierig. Mein Regal und meine Bibliothek sind zwar schon gut bestückt, aber dank dir gibt es jetzt wieder Bewegung:
      • Wahn und Sunset stehen bei mir ja schon im Visier (und im Regal).
      • Love schlummert bereits als Hörbuch in meiner Bibliothek und wartet nur auf den richtigen Moment.
      • Aber bei Qual und Duddits hast du mich jetzt vollends erwischt – nach deiner Beschreibung führt kein Weg daran vorbei, die beiden müssen jetzt definitiv einziehen!
      Mein SuB (Stapel ungelesener Bücher) bedankt sich herzlich bei dir – er wächst und gedeiht, sehr zur Freude meines Sammlerherzens (und zum Leidwesen meines Platzmangels).
      Danke für die tollen Tipps und den tiefen Einblick in deine King-Top-Ten. Das war ein echter Lesegenuss!
      Herzliche Grüße, Mitch!

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