Gene Wolfes „Das Buch der Neuen Sonne“
von Gerd am 14. September 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Gene Wolfe
Das Buch der neuen Sonne I
Der Schatten des Folterers & Die Klaue des Schlichters
Ü: Reinhard Heinz
Bad Oldesloe, Carcosa Verlag, 2026, 696 S.
ISBN 9783910914629/ 28,00 Euro
Paperback
So, jetzt muss ich mich doch nochmal "einmischen" – und dabei möglicherweise Horst auf die Füße treten. Im Zuge meiner Lobeshymne über den Carcosa Verlag, habe ich georakelt, dass Horst sich sicherlich alsbald um einzelne Rezensionen zu den anstehenden Büchern des Verlages äußern wird. Da bin ich auch nach wie vor sicher. Trotzdem MUSSTE ich mich einfach nochmal mit Gene Wolfes Zyklus von der Neuen Sonne beschäftigen. Ich dachte, ich würde mich noch ziemlich gut erinnern. Vor allem, weil die fünf Bücher bei mir einen echt bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Und ups, genau da ist der Haken. Bei Carcosa sind vier Bücher in zwei Bänden erschienen. Aber irgendwie war es mir, als hätte damals der fünfte Band erst Licht ins Dunkel vieler Fragen und Vermutungen gebracht. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich denke, das war kurz nach meiner Ausbildung zum Buchhändler. Also schon Ende 80er oder Anfang 90er… Also auf ans Bücherregal und tatsächlich. FÜNF!
Der Schatten des Folterers (The Shadow of the Torturer(1980)) Heyne SF 06/4060 (1984)
Die Klaue des Schlichters (The Claw of the Conciliator(1981)) Heyne SF 06/4061 (1984)
Das Schwert des Liktors (The Sword of the Lictor(1982)) Heyne SF 06/4062 (1984)
Die Zitadelle des Autarchen (The Citadel of the Autarch(1983)) Heyne SF 06/4063 (1984)
und Band 5: Die Urth der Neuen Sonne (The Urth of the New Sun(1987)) Heyne SF 06/4680 (1990!)
Lasst mich das jetzt mal für euch ein wenig aufdröseln…
Also sicher ist, dass die (ursprüngliche) Reihe als Gene Wolfes "Opus magnum" gilt. Das kommt jetzt so nicht von mir, aber ich würde es unterschreiben: Das Buch der Neuen Sonne gehört zu den anspruchsvollsten und meisterhaftesten Werken der spekulativen Literatur des 20. Jahrhunderts.
Die Einschränkung "gehört zu den anspruchvollsten" ist immer gut, denn es gibt da jede Menge. Aber schön, dass das offensichtlich allgemein so gesehen wird. Ich persönlich habe übrigens auch immer Parallelen zu Dan Simmons Hyperion und Endymion gesehen, obwohl sich das beim Lesen ganz anders anfühlt. Das Buch der Neuen Sonne steht, wie es zu dieser Zeit nicht unüblich war, genau an der Schnittstelle, an der sich Science-Fiction und (Dark) Fantasy unauflöslich vermischen. Die eigentliche Welt verkleidet sich als ferne, fast mittelalterlich anmutende Welt. Durchwoben lediglich von den Fäden aus Relikten einer (fast) vergessenen Raumfahrt-Vergangenheit. (Ein bisschen wie bei Anne Mc Caffreys Pern, nur eben in düster)
Egal wie ich es sehe, wurden offensichtlich die Bände 1 bis 4 in den USA (und auch in Deutschland) als geschlossene Tetralogie konzipiert und vermarktet. Band 5 folgte im Heyne Verlag erst 1990 mit deutlichem Abstand und wurde als eine Art Epilog oder Coda verkauft.
Kommen wir ersteinmal in aller Kürze zur Handlung der Romane. An die grundsätzliche Rahmenstruktur erinnere ich mich noch ziemlich gut. Diese "als ferne, fast mittelalterlich anmutende Welt" ist in Wirklichkeit unsere Erde. Die Handlung spielt Abermillionen Jahre in der Zukunft und unsere einstige Welt wird nun Urth genannt. Die Sonne erlischt langsam und färbt sich dunkelrot. Alte Technologien werden wie Zauberei betrachtet oder sind im Staub zerfallen.
Die Hauptfigur ist Severian, ein Mitglied der Gilde der Folterer in der Hauptstadt Nessus. Er verfügt über ein perfektes, eidetisches Gedächtnis und schreibt seine Lebensgeschichte rückblickend nieder. Severian hat das schlimmste Sakrileg seiner Gilde begangen. Er hat der inhaftierten Adligen Thecla aus Mitleid (Liebe?) Selbstmord ermöglicht und damit den Kodex seiner Gilde gebrochen. Statt exekutiert zu werden, wird er in die Provinzstadt Thrax als Liktor (Scharfrichter) verbannt.
Jetzt kommt ein bisschen Fast Forward, denn bei sehr vielen Romanen oder Reihen aus dieser Zeit passiert sehr viel auf relativ wenigen Seiten. Deswegen erinnere ich mich auch nur an einige Einzelheiten (ich habe nämlich beileibe kein eidetisches Gedächtnis): Auf seiner Reise gelangt Severian an die »Klaue des Schlichters«. Ein mysteriöser Stein mit heilenden Kräften. Nach diversen Gefahrensituationen, Begegnungen mit dem Rebell Vodalus, der gefährlichen Agia und dem Verlust seiner Weggefährtin Dorcas zieht Severian in einen Krieg gegen die nordischen Ascier.
Und dann kommt wieder ein klarer Eckpunkt. Am Ende von Band 4 stirbt der alte Autarch. Severian nimmt dessen Erinnerungen und Persönlichkeit durch ein Ritual (unter Zuhilfenahme irgendwelcher Substanzen) in sich auf und wird selbst zum neuen Autarchen.
Gene Wolfes Severian ist in diesen vier Bänden einer der berühmtesten "unzuverlässigen Erzähler" der Phantastik. Das ist ein ziemlich interessanter literaturwissenschaftlicher Fachbegriff. Bei Severian ist das besonders perfide. Er behauptet ja von sich selbst, ein eidetisches Gedächtnis zu haben. Als Leser neigt man deshalb selbstverständlich dazu, ihm jedes Wort zu glauben. Im Laufe der Bände widerspricht sich Severian jedoch selbst. Er verschweigt schreckliche Taten, deutet Begebenheiten falsch, schmeichelt sich selbst oder stellt eigene Grausamkeiten als unumgängliche Pflicht dar. In Wirklichkeit bekommen wir das ja alles von ihm selbst im Nachhinein als seine Memoiren erzählt, als gealterter Autarch. Er formt nachträglich sein eigenes Denkmal für die Nachwelt – und nutzt seine angeblich perfekte Erinnerung als Schild gegen Kritik. Dieser literarische Kniff macht die Tetralogie in der Rezeption zu etwas ganz besonderem.
Zusätzlich muss man auch noch erwähnen, dass bei Carcosa ja bereits zwei Werke des Meisters erschienen sind ("Der fünfte Kopf des Zerberus" und "Frieden"), die einen wunderbaren Einstieg in das Schaffen des Großschriftstellers bieten. Ja und solch kleine Verlage müssen trotz all dem Enthusiasmus den sie eh aufbringen (müssen) auch ein Klitzekleines bisschen auf Wirtschaftlichkeit oder zumindest Deckung achten. Auch dieses wunderbare Programm muss irgendwie gegenfinanziert werden. Folglich ist jeder (weitere) Band automatisch (wieder) ein Abwägen, ob es überhaupt möglich ist. Die Entscheidung zunächst den kanonischen Teil zu veröffentlichen hängt auch damit zusammen. Und wenn sich jetzt die Gene Wolfe Bände tatsächlich gut verkaufen, hat mir ein Vöglein (Hannes Riffel höchstselbst) gezwitschert, dass es dann vielleicht doch noch…
Aber das ist Zukunftsmusik. Ich habe jetzt, wo ich mich noch einmal inhaltlich (und wirtschaftlich) mit dem Werk beschäftigt habe, verstanden, warum der Carcosa Verlag "nur" die Bände 1-4 veröffentlicht hat. In erster Linie ist es sicher genau die literarische Besonderheit und Stärke der Tetralogie. Wahrscheinlich hätte mir nie etwas gefehlt, wenn ich Anfang 90 den fünften Band nicht gelesen hätte. Habe ich aber. Und deswegen solltet ihr hier jetzt tunlichst entscheiden, ob ihr weiterlesen wollt. Denn genau an dieser Stelle meiner Ausführungen ist der Point of no Return.
- Kategorien: Bücher , Fantasy , Gerds Lesestapel , Science Fiction
- noch kein Kommentar - schreibe den ersten!
von Gerd am 14. September 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Gene Wolfe
Das Buch der neuen Sonne I
Der Schatten des Folterers & Die Klaue des Schlichters
Ü: Reinhard Heinz
Bad Oldesloe, Carcosa Verlag, 2026, 696 S.
ISBN 9783910914629/ 28,00 Euro
Paperback
So, jetzt muss ich mich doch nochmal "einmischen" – und dabei möglicherweise Horst auf die Füße treten. Im Zuge meiner Lobeshymne über den Carcosa Verlag, habe ich georakelt, dass Horst sich sicherlich alsbald um einzelne Rezensionen zu den anstehenden Büchern des Verlages äußern wird. Da bin ich auch nach wie vor sicher. Trotzdem MUSSTE ich mich einfach nochmal mit Gene Wolfes Zyklus von der Neuen Sonne beschäftigen. Ich dachte, ich würde mich noch ziemlich gut erinnern. Vor allem, weil die fünf Bücher bei mir einen echt bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Und ups, genau da ist der Haken. Bei Carcosa sind vier Bücher in zwei Bänden erschienen. Aber irgendwie war es mir, als hätte damals der fünfte Band erst Licht ins Dunkel vieler Fragen und Vermutungen gebracht. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich denke, das war kurz nach meiner Ausbildung zum Buchhändler. Also schon Ende 80er oder Anfang 90er… Also auf ans Bücherregal und tatsächlich. FÜNF!
Der Schatten des Folterers (The Shadow of the Torturer(1980)) Heyne SF 06/4060 (1984)
Die Klaue des Schlichters (The Claw of the Conciliator(1981)) Heyne SF 06/4061 (1984)
Das Schwert des Liktors (The Sword of the Lictor(1982)) Heyne SF 06/4062 (1984)
Die Zitadelle des Autarchen (The Citadel of the Autarch(1983)) Heyne SF 06/4063 (1984)
und Band 5: Die Urth der Neuen Sonne (The Urth of the New Sun(1987)) Heyne SF 06/4680 (1990!)
Lasst mich das jetzt mal für euch ein wenig aufdröseln…
Also sicher ist, dass die (ursprüngliche) Reihe als Gene Wolfes "Opus magnum" gilt. Das kommt jetzt so nicht von mir, aber ich würde es unterschreiben: Das Buch der Neuen Sonne gehört zu den anspruchsvollsten und meisterhaftesten Werken der spekulativen Literatur des 20. Jahrhunderts.
Die Einschränkung "gehört zu den anspruchvollsten" ist immer gut, denn es gibt da jede Menge. Aber schön, dass das offensichtlich allgemein so gesehen wird. Ich persönlich habe übrigens auch immer Parallelen zu Dan Simmons Hyperion und Endymion gesehen, obwohl sich das beim Lesen ganz anders anfühlt. Das Buch der Neuen Sonne steht, wie es zu dieser Zeit nicht unüblich war, genau an der Schnittstelle, an der sich Science-Fiction und (Dark) Fantasy unauflöslich vermischen. Die eigentliche Welt verkleidet sich als ferne, fast mittelalterlich anmutende Welt. Durchwoben lediglich von den Fäden aus Relikten einer (fast) vergessenen Raumfahrt-Vergangenheit. (Ein bisschen wie bei Anne Mc Caffreys Pern, nur eben in düster)
Egal wie ich es sehe, wurden offensichtlich die Bände 1 bis 4 in den USA (und auch in Deutschland) als geschlossene Tetralogie konzipiert und vermarktet. Band 5 folgte im Heyne Verlag erst 1990 mit deutlichem Abstand und wurde als eine Art Epilog oder Coda verkauft.
Kommen wir ersteinmal in aller Kürze zur Handlung der Romane. An die grundsätzliche Rahmenstruktur erinnere ich mich noch ziemlich gut. Diese "als ferne, fast mittelalterlich anmutende Welt" ist in Wirklichkeit unsere Erde. Die Handlung spielt Abermillionen Jahre in der Zukunft und unsere einstige Welt wird nun Urth genannt. Die Sonne erlischt langsam und färbt sich dunkelrot. Alte Technologien werden wie Zauberei betrachtet oder sind im Staub zerfallen.
Die Hauptfigur ist Severian, ein Mitglied der Gilde der Folterer in der Hauptstadt Nessus. Er verfügt über ein perfektes, eidetisches Gedächtnis und schreibt seine Lebensgeschichte rückblickend nieder. Severian hat das schlimmste Sakrileg seiner Gilde begangen. Er hat der inhaftierten Adligen Thecla aus Mitleid (Liebe?) Selbstmord ermöglicht und damit den Kodex seiner Gilde gebrochen. Statt exekutiert zu werden, wird er in die Provinzstadt Thrax als Liktor (Scharfrichter) verbannt.
Jetzt kommt ein bisschen Fast Forward, denn bei sehr vielen Romanen oder Reihen aus dieser Zeit passiert sehr viel auf relativ wenigen Seiten. Deswegen erinnere ich mich auch nur an einige Einzelheiten (ich habe nämlich beileibe kein eidetisches Gedächtnis): Auf seiner Reise gelangt Severian an die »Klaue des Schlichters«. Ein mysteriöser Stein mit heilenden Kräften. Nach diversen Gefahrensituationen, Begegnungen mit dem Rebell Vodalus, der gefährlichen Agia und dem Verlust seiner Weggefährtin Dorcas zieht Severian in einen Krieg gegen die nordischen Ascier.
Und dann kommt wieder ein klarer Eckpunkt. Am Ende von Band 4 stirbt der alte Autarch. Severian nimmt dessen Erinnerungen und Persönlichkeit durch ein Ritual (unter Zuhilfenahme irgendwelcher Substanzen) in sich auf und wird selbst zum neuen Autarchen.
Gene Wolfes Severian ist in diesen vier Bänden einer der berühmtesten "unzuverlässigen Erzähler" der Phantastik. Das ist ein ziemlich interessanter literaturwissenschaftlicher Fachbegriff. Bei Severian ist das besonders perfide. Er behauptet ja von sich selbst, ein eidetisches Gedächtnis zu haben. Als Leser neigt man deshalb selbstverständlich dazu, ihm jedes Wort zu glauben. Im Laufe der Bände widerspricht sich Severian jedoch selbst. Er verschweigt schreckliche Taten, deutet Begebenheiten falsch, schmeichelt sich selbst oder stellt eigene Grausamkeiten als unumgängliche Pflicht dar. In Wirklichkeit bekommen wir das ja alles von ihm selbst im Nachhinein als seine Memoiren erzählt, als gealterter Autarch. Er formt nachträglich sein eigenes Denkmal für die Nachwelt – und nutzt seine angeblich perfekte Erinnerung als Schild gegen Kritik. Dieser literarische Kniff macht die Tetralogie in der Rezeption zu etwas ganz besonderem.
Zusätzlich muss man auch noch erwähnen, dass bei Carcosa ja bereits zwei Werke des Meisters erschienen sind ("Der fünfte Kopf des Zerberus" und "Frieden"), die einen wunderbaren Einstieg in das Schaffen des Großschriftstellers bieten. Ja und solch kleine Verlage müssen trotz all dem Enthusiasmus den sie eh aufbringen (müssen) auch ein Klitzekleines bisschen auf Wirtschaftlichkeit oder zumindest Deckung achten. Auch dieses wunderbare Programm muss irgendwie gegenfinanziert werden. Folglich ist jeder (weitere) Band automatisch (wieder) ein Abwägen, ob es überhaupt möglich ist. Die Entscheidung zunächst den kanonischen Teil zu veröffentlichen hängt auch damit zusammen. Und wenn sich jetzt die Gene Wolfe Bände tatsächlich gut verkaufen, hat mir ein Vöglein (Hannes Riffel höchstselbst) gezwitschert, dass es dann vielleicht doch noch…
Aber das ist Zukunftsmusik. Ich habe jetzt, wo ich mich noch einmal inhaltlich (und wirtschaftlich) mit dem Werk beschäftigt habe, verstanden, warum der Carcosa Verlag "nur" die Bände 1-4 veröffentlicht hat. In erster Linie ist es sicher genau die literarische Besonderheit und Stärke der Tetralogie. Wahrscheinlich hätte mir nie etwas gefehlt, wenn ich Anfang 90 den fünften Band nicht gelesen hätte. Habe ich aber. Und deswegen solltet ihr hier jetzt tunlichst entscheiden, ob ihr weiterlesen wollt. Denn genau an dieser Stelle meiner Ausführungen ist der Point of no Return.
- Kategorien: Bücher , Fantasy , Gerds Lesestapel , Science Fiction
- noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

Einen Kommentar schreiben