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Die Mars-Chroniken

von am 3. November 2021

Ray Bradbury
DIE MARS-CHRONIKEN
Roman in Erzählungen.
Übersetzt von Margarete Bormann, Peter Naujack, Thomas Schlück
Diogenes Taschenbücher Mai 2008 – 384 Seiten
ISBN: ‎ 978-3257208634

»Das Leben auf der Erde hat zu keinem Zeitpunkt etwas wirklich Gutes bewirkt. Die Wissenschaften eilten uns zu schnell davon, und die Menschen gingen in einem technischen Dschungel verloren wie Kinder, die sich an schönen Dingen freuten (…), sie gewichteten falsch, (…)« (S. 371)

Zu Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Vor einiger Zeit hat mir Gerd einige Stapel von Buchempfehlungen nach Freiburg geliefert und der Roman von Bradbury war darin verborgen. Dann hat mich der Nachruf von Gerd über Herrn Bradbury berührt. Als nächstes hat mir dann auch noch Oliver L. das Buch empfohlen.

Von daher "musste" ich dann freilich unbedingt diesen Klassiker der "Science Fiction" lesen. Ganz bewußt habe ich jedoch den Begriff Science Fiction in Anführungszeichen gesetzt, denn der Autor selbst schreibt in seiner Einführung auf S. 18, dass die Erzählung eher als Mythos oder Sage zu verstehen ist.

Und diesen Fingerdeut sollte man beim Lesen auch nicht aus den Augen verlieren, denn ich selbst hatte (ehrlich gesagt) so meine Anlaufschwierigkeiten mit Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN; vermutlich genau deshalb, weil ich trotz dieses Hinweises des Autors irgendwie "typische" (gibt es diese überhaupt?) Science Fiction erwartet hatte.

Tatsächlich waren sogar die ersten 16 (von insgesamt 28) Geschichten des Romans für mich irgendwie suspekt, irgendwie nicht griffig; obwohl die Geschichten freilich zusammengehören, konnte ich mit den Fragmenten erstmal nicht so viel anfangen, was anfänglich womöglich an dem "komischen" und "fiesen" Verhalten der Marsmenschen – die bei Bradbury überdies recht menschlich in Aussehen und Verhalten daher kommen und agieren – liegen mochte. Doch auch die teilweise unlogischen und manchmal eindimensional gezeichneten Gedanken und Verhalten der auf dem Mars landenden und später lebenden Menschen (darunter auch Priester) machten mir den Zugang zum Buch zunächst echt nicht leicht.

Gleichwohl konnte ich mein erstes Unbehagen gut aushalten und durchhalten, weil sich Bradbury einer wirklich hervorragenden Sprache und Erzählkunst bedient, die mich dann doch irgendwie hat weiter lesen lassen.

Schlussendlich wurde ich belohnt:

Mit Geschichte 17 und 19 ist der Knoten dann bei mir geplatzt. Mit der Story "Da oben, mitten in der Luft" fesselte Bradbury mich, mit der Erzählung "Usher II" lies er dann die Bombe platzen und ich wollte und musste mir dann jede weitere Geschichte reinziehen, denn von da an (bis zum Ende) versetzte das Buch mich dann in Erstaunen.

Ich will zu den einzelnen Geschichten inhaltlich nichts verraten, nur möchte in den etwas missverständlichen Klappentext klarstellen: Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN erzählt nicht (!) von den "Reisen" zwischen Erde und Mars. Keine der Geschichten beschäftigt sich mit einer Reise im Raumschiff zwischen den Planeten. Vielmehr geht es hautsächlich um das Erleben, Streben, Täuschen, Verteidigen, Erobern, Zerstören, (Aus)Sterben und Überleben sowohl der Marsmenschen als auch der Erdmenschen und zwar (überwiegend) auf dem Mars und (teilweise) auf der Erde; die Handlung in den Stories findet daher auf den Planeten (nicht im All) statt.

Auch sollte man das Buch tatsächlich von Anfang an (d.h. beginnend mit Geschichte 1) lesen und erleben, da die Reihenfolge der Geschichten durchaus einen Zweck verfolgt, wie ein gut abgestimmtes 4-Gänge-Sternemenü, … da fängt man ja auch nicht mir der Nachspeise an.

Unter dem Strich kann ich sagen, dass Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN einzigartig ist, und der Autor seine Geschichten völlig zu Recht in den Bereich der Mythen und Sagen ansiedelt, … wenn man beim Lesen dies beherzigt, dann bekommt man, was man erwartet, … und gleichzeitig sind die DIE MARS-CHRONIKEN (um Forest Gump zu zitieren) "wie eine Schachtel Pralinen, man weiss nie, was man kriegt".

Am Ende gebührt Herrn Bradbury natürlich das Wort (und diese Worte aus dem Jahr 1950 passen doch irgendwie – fast schon erschreckend – gerade auch in unsere letzten beiden Jahre 2020 und 2021):

»Wohin schaust du so gespannt, Paps?«
»Ich habe nach irdischer Logik gesucht, nach gesundem Menschenverstand, nach einer guten Regierung, nach Frieden und Verantwortungsgefühl.«
»Und das alles soll es das oben [auf der Erde] geben?«
»Nein. Ich hab´s nicht gefunden. Das gibt es da oben nicht mehr. Vielleicht kommt es auch nie wieder. Vielleicht haben wir uns die ganze Zeit nur etwas vorgemacht, und es hat es nie gegeben.« (S. 360f.)

MITCH

von am 3. November 2021

Ray Bradbury
DIE MARS-CHRONIKEN
Roman in Erzählungen.
Übersetzt von Margarete Bormann, Peter Naujack, Thomas Schlück
Diogenes Taschenbücher Mai 2008 – 384 Seiten
ISBN: ‎ 978-3257208634

»Das Leben auf der Erde hat zu keinem Zeitpunkt etwas wirklich Gutes bewirkt. Die Wissenschaften eilten uns zu schnell davon, und die Menschen gingen in einem technischen Dschungel verloren wie Kinder, die sich an schönen Dingen freuten (…), sie gewichteten falsch, (…)« (S. 371)

Zu Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Vor einiger Zeit hat mir Gerd einige Stapel von Buchempfehlungen nach Freiburg geliefert und der Roman von Bradbury war darin verborgen. Dann hat mich der Nachruf von Gerd über Herrn Bradbury berührt. Als nächstes hat mir dann auch noch Oliver L. das Buch empfohlen.

Von daher "musste" ich dann freilich unbedingt diesen Klassiker der "Science Fiction" lesen. Ganz bewußt habe ich jedoch den Begriff Science Fiction in Anführungszeichen gesetzt, denn der Autor selbst schreibt in seiner Einführung auf S. 18, dass die Erzählung eher als Mythos oder Sage zu verstehen ist.

Und diesen Fingerdeut sollte man beim Lesen auch nicht aus den Augen verlieren, denn ich selbst hatte (ehrlich gesagt) so meine Anlaufschwierigkeiten mit Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN; vermutlich genau deshalb, weil ich trotz dieses Hinweises des Autors irgendwie "typische" (gibt es diese überhaupt?) Science Fiction erwartet hatte.

Tatsächlich waren sogar die ersten 16 (von insgesamt 28) Geschichten des Romans für mich irgendwie suspekt, irgendwie nicht griffig; obwohl die Geschichten freilich zusammengehören, konnte ich mit den Fragmenten erstmal nicht so viel anfangen, was anfänglich womöglich an dem "komischen" und "fiesen" Verhalten der Marsmenschen – die bei Bradbury überdies recht menschlich in Aussehen und Verhalten daher kommen und agieren – liegen mochte. Doch auch die teilweise unlogischen und manchmal eindimensional gezeichneten Gedanken und Verhalten der auf dem Mars landenden und später lebenden Menschen (darunter auch Priester) machten mir den Zugang zum Buch zunächst echt nicht leicht.

Gleichwohl konnte ich mein erstes Unbehagen gut aushalten und durchhalten, weil sich Bradbury einer wirklich hervorragenden Sprache und Erzählkunst bedient, die mich dann doch irgendwie hat weiter lesen lassen.

Schlussendlich wurde ich belohnt:

Mit Geschichte 17 und 19 ist der Knoten dann bei mir geplatzt. Mit der Story "Da oben, mitten in der Luft" fesselte Bradbury mich, mit der Erzählung "Usher II" lies er dann die Bombe platzen und ich wollte und musste mir dann jede weitere Geschichte reinziehen, denn von da an (bis zum Ende) versetzte das Buch mich dann in Erstaunen.

Ich will zu den einzelnen Geschichten inhaltlich nichts verraten, nur möchte in den etwas missverständlichen Klappentext klarstellen: Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN erzählt nicht (!) von den "Reisen" zwischen Erde und Mars. Keine der Geschichten beschäftigt sich mit einer Reise im Raumschiff zwischen den Planeten. Vielmehr geht es hautsächlich um das Erleben, Streben, Täuschen, Verteidigen, Erobern, Zerstören, (Aus)Sterben und Überleben sowohl der Marsmenschen als auch der Erdmenschen und zwar (überwiegend) auf dem Mars und (teilweise) auf der Erde; die Handlung in den Stories findet daher auf den Planeten (nicht im All) statt.

Auch sollte man das Buch tatsächlich von Anfang an (d.h. beginnend mit Geschichte 1) lesen und erleben, da die Reihenfolge der Geschichten durchaus einen Zweck verfolgt, wie ein gut abgestimmtes 4-Gänge-Sternemenü, … da fängt man ja auch nicht mir der Nachspeise an.

Unter dem Strich kann ich sagen, dass Bradburys DIE MARS-CHRONIKEN einzigartig ist, und der Autor seine Geschichten völlig zu Recht in den Bereich der Mythen und Sagen ansiedelt, … wenn man beim Lesen dies beherzigt, dann bekommt man, was man erwartet, … und gleichzeitig sind die DIE MARS-CHRONIKEN (um Forest Gump zu zitieren) "wie eine Schachtel Pralinen, man weiss nie, was man kriegt".

Am Ende gebührt Herrn Bradbury natürlich das Wort (und diese Worte aus dem Jahr 1950 passen doch irgendwie – fast schon erschreckend – gerade auch in unsere letzten beiden Jahre 2020 und 2021):

»Wohin schaust du so gespannt, Paps?«
»Ich habe nach irdischer Logik gesucht, nach gesundem Menschenverstand, nach einer guten Regierung, nach Frieden und Verantwortungsgefühl.«
»Und das alles soll es das oben [auf der Erde] geben?«
»Nein. Ich hab´s nicht gefunden. Das gibt es da oben nicht mehr. Vielleicht kommt es auch nie wieder. Vielleicht haben wir uns die ganze Zeit nur etwas vorgemacht, und es hat es nie gegeben.« (S. 360f.)

MITCH

10 Kommentare zu “Die Mars-Chroniken”

  1. Gerd sagt:

    Mit Bradbury hast du einen meiner absoluten Lieblinge gewählt. Bei den Marschroniken gibt es ja auch jede Menge zu spüren, im Text und zwischen den Zeilen. In der von dir vorgestellten Sammlung ist meine eigene Lieblingsgeschichte extrem kurz und sehr stark mit Zeitgeist behaftet.
    Ich lese immer wieder gerne die ersten Abschnitte von "Das Ufer" vor und warte auf die Reaktion wenn die Passage kommt: (Ich zitiere aus dem Kopf, hab gerade kein Exemplar zur Hand, also bitte nicht auf die Goldwaage legen) Das waren die ersten Männer. Wer die ersten Frauen sein würden, wussten alle…
    Da sehe ich so viel Western, Goldgräberstimmung, Saloondunst und was weiß ich noch alles drin. Trotzdem stoße ich da immer wieder auf Unverständnis. Herrlich…
    Übrigens eine weitere, sensationelle Geschichte ist "Der Brunnen". Am besten in der außergewöhnlich guten Übersetzung aus dem Perry Magazin. Damals als "Einer der wartet" veröffentlicht. So viel "zwischen den Zeilen erfühlen" gibt es fast nirgendwo anders…
    Gute Wahl und danke.

    1. Gerd sagt:

      Ach ja, zu seinem Tod 2012 gab es in der FAZ einen schönen Beitrag von Dietmar Dath. Der trifft zwar nicht immer alle Nägel auf den Kopf, vor allem wenn es um das Erfühlen von Stimmungen geht, diesen aber schon. Muss man einfach mal nach Jahrmarktszauberer suchen…

      1. MITCH sagt:

        Lieber Gerd,

        danke für den Tipp. Habe gleich recherchiert. Du meinst wahrscheinlich:

        ZUM TOD VON RAY BRADBURY
        Der zeitlose Jahrmarktszauberer
        VON DIETMAR DATH
        https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/zum-tod-von-ray-bradbury-der-zeitlose-jahrmarktszauberer-11776380.html

    2. MITCH sagt:

      Lieber Gerd,

      besten Dank für Deinen tollen Input zu den Mars-Chroniken.

      Dein Zitat aus dem Kopf war goldrichtig, denn die geniale Stelle im Buch lautet wie folgt:

      "Oktober 2033 Das Ufer

      Der Mars war ein fernes Ufer, und die Menschen erreichten es in Wellen.
      Jede Welle war anders, und jede war stärker.
      Die erste Welle brachte Männer, die an weite Landschaften und Kälte und Einsamkeit gewöhnt waren, die Präriewölfe und Viehtreiber, die kein überflüssiges Gramm am Leibe trugen, an deren Gesichtern die Jahre gezehrt hatten, deren Augen wie Stecknadelköpfe und deren Hände wie alte Handschuhe waren, zum Zupacken bereit.
      Der Mars konnte ihnen nichts anhaben, denn sie waren für die Ebenen und Prärien geboren, wie sie es auf dem Mars gab. Sie kamen und machten die Welt etwas weniger leer, damit die andern den Mut fanden zu folgen.
      Sie setzten Scheiben in die leeren Fensterhöhlen ein und zündeten dahinter die Lichter an.
      Sie waren die ersten Männer.
      Wer die ersten Frauen sein würden, wussten alle."

    3. MITCH sagt:

      @ An Alle:
      Falls jemand eine Idee hat, wie und wo ich an die von Gerd empfohlene Bradbury-Geschichte "Der Brunnen" bzw. an "Einer der wartet" rankommen kann, bitte melden. Gerne kaufe ich auch (sofern erschwinglich?) das diesbzgl. Perry Rhodan Sonderheft Nr. 2 = https://www.perrypedia.de/wiki/Perry_Rhodan_Sonderheft_Nr._2

      Ich würde mich über Feedback freuen.

      Liebe Grüsse MITCH

      1. Oliver L. sagt:

        Die ist unter dem Titel "Ich warte" im Band "Die Mechanismen der Freude" (im Original "Machinations of Joy") von Diogenes enthalten. Meines Wissens nicht verlagsseitig lieferbar. Aber da weiß Gerd vielleicht mehr. Erstmals 1964 erschienen, dann 1985. Ist natürlich eine andere Übersetzung (Peter Naujack).

        Lt. dem "SF Personality"-Band über Bradbury gibt es die Geschichte noch in den Übersetzungen "Einer der wartet" und "Die Seele im Brunnen".

        Laut ISFDB lautet der Titel in der Übersetzung im "Perry" jedoch "Einer der wartet". Mag ein Fehler sein. Einen Titel mit "Brunnen" führen sie leider nicht. Im "SF Personality" ist das auf diesem Weg nicht so leicht nachzuvollziehen. Im Beitrag zur Geschichte werden zwar alle deutschen Titel erwähnt, aber nicht wo die jeweils erschienen sind. Wenn ich noch was finde, melde ich mich.

        1. MITCH sagt:

          Besten Dank für die hilfreichen Tipps, ich werde jetzt hier mal recherchieren, irgendwie werde ich schon an die Geschichte kommen. 🙂

    4. MITCH sagt:

      Ich kam jetzt – aufgrund der Großzügigkeit eines edlen Spenders – in den Genuss der 1949 erschienen Geschichte EINER DER WARTET von Bradbury, auf deutsch veröffentlich erst viel später, bspw. im Perry Rhodan Sonderheft Nr. 2.

      Die Geschichte ist recht bemerkenswert, denn sie schwingt auf mehreren Ebenen, je nach Erleben und Interpretation des Lesers.

      Für mich geht es hier um die zwei zentralen Fragen nach
      – (a.) der ersten Aneignung von Identität (in der Kindheit), die meist proportional mit dem Verlust (i.S. eines Tötens) des Kontakts zur Natürlichkeit (i.S. einer natürlichen Wesenheit) einhergeht, sowie
      – nach (b.) der späteren Möglichkeit des sich wieder Lösens von dieser erschafften Identität (als Erwachsener), ein Prozess der oft mit dem trauer- und angstmachenden Gefühl von Sterben verknüpft ist.

      Freilich kann und wird jeder Leser in EINER DER WARTET andere Aspekte für sich sehen, und genau das ist es, was Bradbury so einmalig macht, jedenfalls für mich.

      MITCH

  2. MITCH sagt:

    Bin ich bei dir!

    Habe mir den Band „der illustrierte Mann“ nun gleich auf meine Leseliste gesetzt. Besten Dank!

  3. Oliver L. sagt:

    Ich würde sagen, dass es "typische Science Fiction" nicht gibt. Dadurch begrenzt man das immer zu sehr auf Raumschiffe, andere Planeten und Aliens. Und nicht mal alles mit diesen Sachen ist zwangsläufig Science Fiction.

    Als nächstes dann die Sammlung "Der illustrierte Mann" lesen. 😉 Falls Du an Sekundärsachen interessiert bist, lohnt sich auch der von Horst kürzlich vorgestellte Band über Bradbury.

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