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Gefährliche Visionen

von am 11. März 2026

  • Harlan Ellison (Hrsg.)
    GEFÄHRLICHE VISIONEN.
    Phantastische Erzählungen.
    Ü: Hannes Riffel und zahlreiche Gleichgesinnte
    (DANGEROUS VISIONS / 1967)
    Wittenberge, Carcosa, 2026, 784 S.
    ISBN 978-3-910914-42-1 / 48,00 Euro
    Hardcover

Da liegt sie nun also vor mir, die wohl bedeutendste Sammlung von Science-Fiction-Kurzgeschichten, die das damals – 1967 – noch recht junge Genre bis dahin gesehen hatte. Der Herausgeber Harlan Ellison, selbst als „junge Wilder“ verschrien, wollte mit GEFÄHRLICHE VISIONEN eine öffentliche Aufwertung der von der literarischen Welt eher geringgeschätzten Science Fiction erreichen. Und das ist ihm mit einer solchen Bravour und Vehemenz gelungen, dass fast sechzig Jahre später immer noch Neuauflagen erscheinen – und sogar Übersetzungen in andere Sprachen!

Tatsächlich handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um eine Deutsche Erstausgabe, was zum einen eine Schande ist, andererseits aber uns heutige Leser*innen nicht weiter stören muss. Denn, sind wir mal ehrlich, selbst wenn wir uns noch an die verstümmelten früheren Versuche einer Übertragung aus den 1970er Jahren erinnern könnten, hätten wir den Inhalt der allermeisten Geschichten doch längst vergessen.

Also noch einmal: GEFÄHRLICHEN VISIONEN ist die wichtigste Anthologie in der Geschichte der Science Fiction!

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zuerst einmal sind natürlich die 32 Autor*innen zu nennen: Brian W. Aldiss, Poul Anderson, J. G. Ballard, Robert Bloch, Jonathan Brand, John Brunner, David R. Bunch, James Cross, Miriam Allen deFord, Samuel R. Delany, Lester Del Rey, Philip K. Dick, Sonya Dorman, Larry Eisenberg, Harlan Ellison, Carol Emshwiller, Philip José Farmer, Joe L. Hensley, Damon Knight, R. A. Lafferty, Keith Laumer, Fritz Leiber, Kris Neville, Larry Niven, Frederik Pohl, Howard Rodman, Robert Silverberg, John T. Sladek, Henry Slesar, Norman Spinrad, Theodore Sturgeon und Roger Zelazny. (Dazu müssten wir eigentlich noch Isaac Asimov nennen, von dem es jedoch keine Geschichte gibt, sondern »nur« zwei Vorworte; die Erklärung dafür steht dann dort.)

Als nächstes muss kurz auf die innere Struktur dieses Monumentalwerks eingegangen werden: Zuerst kommt jeweils eine Einleitung des Herausgebers zur nachfolgenden Geschichte, dann kommt die Story selbst, der sich wiederum ein Nachwort des Autors/der Autorin anschließt. Dabei ist die Länge der einzelnen Texte sehr unterschiedlich, was dazu führt, dass bei einigen Geschichten die Einleitung und/oder das Nachwort umfangreicher sind als der Haupttext.

Und dann ist da noch das weder vorher noch seither gepflegte Bestreben, selbst intimste Interna und geheimste Details offenzulegen. Es ist kaum vorstellbar, dass irgendein anderer Herausgeber in seiner „Vorrede“ darüber berichtet hätte, wie er planmäßig daran ging, dem Verlag das Geld für die Anthologie aus der Tasche zu ziehen. GEFÄHRLICHE VISIONEN sollte am Ende 33 erstmals veröffentlichte „Phantastische Erzählungen“ enthalten – und dafür wollte Ellison seine Autoren auch ordentlich entlohnen. Diese Offenheit zieht sich durch das ganze Buch: Ellison nennt exakte Zahlen für das Gesamtprojekt – inklusive seiner eigenen Investitionen und noch ausstehender Entlohnungen für einzelne Künstler – und berichtet, dass zum Beispiel Theodore Sturgeon, voller Dankbarkeit, endlich seine Schreibblockade überwunden zu haben, ihm anbietet, seinen Vorschuss zurückzuzahlen, falls die Geschichte nicht gut genug ist.

Desweiteren erweist sich Ellison als genialischer Dirigent, dem es in GEFÄHRLICHE VISIONEN meisterhaft gelingt, aus den Beiträgen literarischer Solisten einen fast symphonisch zu nennenden Wohlklang zu formen, der weit über jede Einzelleistung hinausgeht.

Dass wir nun, im Jahr 2026, endlich auch in Deutschland in den Genuss einer vollständigen Ausgabe dieses Meilensteins der Science Fiction kommen, verdankt sich vor allem dem Carcosa-Verleger und Haupt-Übersetzer Hannes Riffel, der das Projekt seit vielen Jahren verfolgt hat, und einem Dutzend „gleichgesinnter“ Mit-Übersetzer*innen, die dafür sorgen, dass die „Stimmenvielfalt“ der Originalgeschichten erkennbar bleibt.

Die fast 800 Seiten mit 33 Geschichten und einem einzigartigen, bisher unbekannten, romanlangen Essay von Harlan Ellison (und nicht zu vergessen: zwei Vorworten von Isaac Asimov) machen aus GEFÄHRLICHE VISIONEN ein Gesamtkunstwerk, dessen Relevanz und Qualität wohl auch die nächsten sechzig Jahre überdauern werden; vor allem aber: ein unvergessliches Lesevergnügen.

Horst Illmer

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im Webshop bestellen oder via e-mail im Laden anfragen

von am 11. März 2026

  • Harlan Ellison (Hrsg.)
    GEFÄHRLICHE VISIONEN.
    Phantastische Erzählungen.
    Ü: Hannes Riffel und zahlreiche Gleichgesinnte
    (DANGEROUS VISIONS / 1967)
    Wittenberge, Carcosa, 2026, 784 S.
    ISBN 978-3-910914-42-1 / 48,00 Euro
    Hardcover

Da liegt sie nun also vor mir, die wohl bedeutendste Sammlung von Science-Fiction-Kurzgeschichten, die das damals – 1967 – noch recht junge Genre bis dahin gesehen hatte. Der Herausgeber Harlan Ellison, selbst als „junge Wilder“ verschrien, wollte mit GEFÄHRLICHE VISIONEN eine öffentliche Aufwertung der von der literarischen Welt eher geringgeschätzten Science Fiction erreichen. Und das ist ihm mit einer solchen Bravour und Vehemenz gelungen, dass fast sechzig Jahre später immer noch Neuauflagen erscheinen – und sogar Übersetzungen in andere Sprachen!

Tatsächlich handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um eine Deutsche Erstausgabe, was zum einen eine Schande ist, andererseits aber uns heutige Leser*innen nicht weiter stören muss. Denn, sind wir mal ehrlich, selbst wenn wir uns noch an die verstümmelten früheren Versuche einer Übertragung aus den 1970er Jahren erinnern könnten, hätten wir den Inhalt der allermeisten Geschichten doch längst vergessen.

Also noch einmal: GEFÄHRLICHEN VISIONEN ist die wichtigste Anthologie in der Geschichte der Science Fiction!

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zuerst einmal sind natürlich die 32 Autor*innen zu nennen: Brian W. Aldiss, Poul Anderson, J. G. Ballard, Robert Bloch, Jonathan Brand, John Brunner, David R. Bunch, James Cross, Miriam Allen deFord, Samuel R. Delany, Lester Del Rey, Philip K. Dick, Sonya Dorman, Larry Eisenberg, Harlan Ellison, Carol Emshwiller, Philip José Farmer, Joe L. Hensley, Damon Knight, R. A. Lafferty, Keith Laumer, Fritz Leiber, Kris Neville, Larry Niven, Frederik Pohl, Howard Rodman, Robert Silverberg, John T. Sladek, Henry Slesar, Norman Spinrad, Theodore Sturgeon und Roger Zelazny. (Dazu müssten wir eigentlich noch Isaac Asimov nennen, von dem es jedoch keine Geschichte gibt, sondern »nur« zwei Vorworte; die Erklärung dafür steht dann dort.)

Als nächstes muss kurz auf die innere Struktur dieses Monumentalwerks eingegangen werden: Zuerst kommt jeweils eine Einleitung des Herausgebers zur nachfolgenden Geschichte, dann kommt die Story selbst, der sich wiederum ein Nachwort des Autors/der Autorin anschließt. Dabei ist die Länge der einzelnen Texte sehr unterschiedlich, was dazu führt, dass bei einigen Geschichten die Einleitung und/oder das Nachwort umfangreicher sind als der Haupttext.

Und dann ist da noch das weder vorher noch seither gepflegte Bestreben, selbst intimste Interna und geheimste Details offenzulegen. Es ist kaum vorstellbar, dass irgendein anderer Herausgeber in seiner „Vorrede“ darüber berichtet hätte, wie er planmäßig daran ging, dem Verlag das Geld für die Anthologie aus der Tasche zu ziehen. GEFÄHRLICHE VISIONEN sollte am Ende 33 erstmals veröffentlichte „Phantastische Erzählungen“ enthalten – und dafür wollte Ellison seine Autoren auch ordentlich entlohnen. Diese Offenheit zieht sich durch das ganze Buch: Ellison nennt exakte Zahlen für das Gesamtprojekt – inklusive seiner eigenen Investitionen und noch ausstehender Entlohnungen für einzelne Künstler – und berichtet, dass zum Beispiel Theodore Sturgeon, voller Dankbarkeit, endlich seine Schreibblockade überwunden zu haben, ihm anbietet, seinen Vorschuss zurückzuzahlen, falls die Geschichte nicht gut genug ist.

Desweiteren erweist sich Ellison als genialischer Dirigent, dem es in GEFÄHRLICHE VISIONEN meisterhaft gelingt, aus den Beiträgen literarischer Solisten einen fast symphonisch zu nennenden Wohlklang zu formen, der weit über jede Einzelleistung hinausgeht.

Dass wir nun, im Jahr 2026, endlich auch in Deutschland in den Genuss einer vollständigen Ausgabe dieses Meilensteins der Science Fiction kommen, verdankt sich vor allem dem Carcosa-Verleger und Haupt-Übersetzer Hannes Riffel, der das Projekt seit vielen Jahren verfolgt hat, und einem Dutzend „gleichgesinnter“ Mit-Übersetzer*innen, die dafür sorgen, dass die „Stimmenvielfalt“ der Originalgeschichten erkennbar bleibt.

Die fast 800 Seiten mit 33 Geschichten und einem einzigartigen, bisher unbekannten, romanlangen Essay von Harlan Ellison (und nicht zu vergessen: zwei Vorworten von Isaac Asimov) machen aus GEFÄHRLICHE VISIONEN ein Gesamtkunstwerk, dessen Relevanz und Qualität wohl auch die nächsten sechzig Jahre überdauern werden; vor allem aber: ein unvergessliches Lesevergnügen.

Horst Illmer

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2 Kommentare zu “Gefährliche Visionen”

  1. Horst Illmer sagt:

    Hallo Mitch,

    danke für Deinen Kommentar. Die „Geschwindigkeit“ erklärt sich durch ein paar „unfaire“ Vorteile, die ich hatte: Zum Einen kenne ich das Original sehr gut, habe auch schon mehrmals über das Thema an anderer Stelle geschrieben, und dann konnte ich Zweitens den Text vorab schon als E-Book lesen. Außerdem geht es hier – wie z.B. bei JERUSALEM von Moore – ja nicht um einen Wettlauf. Solche Bücher brauchen ihre Zeit und verderben ja nicht, wenn sie langsam gelesen werden. Zudem freut sich Gerd sicherlich auch über eine „zweite Meinung“ zu so einem Meisterwerk – und aus solch sachkundiger Feder. Hab also Spaß – vor allem bei der Farmer’schen „Purpurprämie“ – und melde Dich nach dem Lektüreanschluss. Ich bin gespannt und freue mich auf Deine Meinung.
    Viele Grüße. Horst

  2. MITCH sagt:

    Hallo Horst,
    da warst du mal wieder schneller als dein Schatten! Eigentlich wollte ich hier selbst eine Rezension zu „Gefährliche Visionen“ verfassen, aber du bist mir glatt zuvorgekommen.
    Ich befinde mich aktuell noch mitten im Buch, da ich es in einer Lesegruppe von Gleichgesinnten lese. Wir nehmen uns die Geschichten einzeln vor und tauschen uns dann wöchentlich dazu aus. Es ist ein echtes Vergnügen, diese damals doch recht heftige „New Wave“ der Science-Fiction der Sechzigerjahre so hautnah zu erleben.
    Meiner bisherigen Erfahrung nach ist der Effekt der Geschichten deutlich intensiver, wenn man sich ein wenig in dieses Jahrzehnt hineinfühlt und berücksichtigt, dass damals natürlich noch ganz andere, teils recht prüde Vorstellungen von Literatur herrschten – auch innerhalb der SF.
    Bald steht bei uns die Geschichte von Philip José Farmer an. Da bin ich besonders gespannt, weil sie mit über 100 Seiten vom Umfang her ja fast schon eine Novelle ist. Das wird umwerfend!
    Gleichzeitig bin ich dem Carcosa-Verlag wirklich dankbar, dass er immer wieder den Mut aufbringt, solche speziellen Sachen überhaupt zu bringen. Das ist alles andere als Mainstream und sicher ein nicht unerhebliches Risiko. Ich bin ehrlich: Auch ich kann nicht mit allen Büchern des Verlages etwas anfangen, aber einige zünden dafür halt schon gewaltig.
    Beste Grüße! Mitch

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