Die Chronik der Weitseher
von Horst Illmer am 27. Juli 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Robin Hobb
DIE CHRONIK DER WEITSEHER:
1) DIE GABE DER KÖNIGE.
(Assassin’s Aprentice / 1995)
2) DER BRUDER DES WOLFS.
(Royal Assassin / 1996)
3) DER ERBE DER SCHATTEN.
(Assassin’s Quest / 1997)
Ü: Eva Bauche-Eppers, Ill: Jackie Morris
München, Penhaligon, 2026, 3 Bände mit zus. 2620 S. und 30 Farbtafeln und einer farbigen, mehrfach gefalteten Karte als Beilage.
ISBN 978-3-7645-3376-2 / ISBN 978-3-7645-3377-9 / ISBN 978-3-7645-3378-6
3 großformatige Hardcover mit dreiseitigem, illustrierten Farbschnitt und Lesebändchen. Jeweils 28,00 Euro
Einer der erfolgreichsten und beliebtesten Fantasy-Titel der 1990er Jahre war der dreiteilige Roman DIE CHRONIK DER WEITSEHER. Eine rasante Handlung, die fulminante Bildersprache und ein Detailreichtum sondergleichen waren die Zutaten zu einem Werk, welches von vielen mit Recht als Klassiker des Genres angesehen wird. Zum dreißigsten Jubiläum des Erscheinens von Band 1 hat der Penhaligon Verlag eine besonders schöne und liebevoll gemachte dreibändige Sonderausgabe herausgebracht, die es mir leicht gemacht hat, noch einmal in alten Erinnerungen zu schwelgen und meine Besprechung aus dem Jahr 2000 noch einmal durchzusehen. Damals schäumte ich vor Begeisterung nur so über und verfasste eine sechs Seiten lange, detaillierte Nacherzählung – die mir Hermke damals, durchaus zu Recht, um die Ohren haute, und die ich euch heute natürlich erspare.
Nüchtern betrachtet enthält diese Trilogie wenig, was man nicht auch schon in anderen Fantasyromanen gelesen hat. Ein unehelicher Spross des Königshauses als Held, ein böser Onkel als Verkörperung der dunklen Macht. Edelmut und Tragik, Opferbereitschaft der Guten, Grausamkeit der Bösen, Reisen durch eine Welt, in der Zauberei und Magie existieren. Trotzdem gibt es einzelne Aspekte die aus dieser Erzählung etwas Besonderes machen.
Die Protagonisten zeigen gleichermaßen die Stärken wie die Schwächen der Autorin. Während die Nebenfiguren durchaus ein gewisses „Eigenleben“ besitzen, wirken viele Aktionen und Gedanken der Helden sowie ihrer Gegenspieler als ob sie nur Figuren wären, die einem vorgegebenen Plan folgen müssen. Die Art und Weise, in der Fitz immer wieder alles falsch macht und trotzdem am Ende gewinnt, sind genretypisch, und vielleicht muss es ja auch so sein, aber gerade hier hätte man sich etwas mehr Improvisation gewünscht.
Das politische System der „Sechs Provinzen“ ist ein feudales und insofern nicht anders als in den meisten Fantasygeschichten. Das Bergreich jedoch hat eine Lebensweise entwickelt, die utopischen Charakter besitzt. Die dortigen Herrscher sind aus einer Richterkaste hervorgegangen. Der Amtsinhaber betrachtet sich als „Opfer“ für sein Volk. Er ist immer für jeden zu sprechen, stellt sich für Händel jeder Art als Ratgeber und notfalls als Geisel zur Verfügung und lebt ansonsten wie sein Volk in Einklang mit der Natur. Dieses fast ideale System wird zwar liebevoll beschrieben, funktioniert jedoch in Notzeiten auch nur dadurch, dass der Herrscher sein Volk belügt. Die Wahrheit zu sagen, ist im Bergreich letztlich genauso unmöglich wie in den Sechs Provinzen, wenn auch aus anderen Gründen.
Eine weitere Besonderheit sind die starken, durchgängig positiven Frauengestalten des Romans. Angefangen bei Molly, die sich ihren Fitz angelt und dann auch stark genug ist, sich von ihm zu trennen, über Kettricken, die in ihrer Rolle als „Opfer“ aufgeht, aber immer wieder Gefahren auf sich nimmt, um anderen zu helfen, bis hin zu Merle, der Vagantin, die Fitz begleitet und ihm bei Bedarf auch mal den Kopf zurechtrückt. Die Waffenmeisterin Hod, die Gabenträgerin Krähe und viele weibliche Soldaten zeugen von einer Gesellschaft, in der Frauen einigermaßen gleichberechtigt neben den Männern stehen.
Als besonders originell empfinde ich die Konzeption der Drachen. Diese Wesen, „die Uralten“ genannt, werden in Notzeiten von magisch begabten Menschen erschaffen und gestaltet. Herausgehauen aus schwarzem Fels und mittels dieser Gabe bearbeitet, stellt jeder von ihnen ein einzigartiges Kunstwerk dar. Sie tragen in sich alles, was ihre Schöpfer an Kraft und Gefühlen besaßen. Nur das Zusammenwirken von mehreren Personen vermag es dann, einen dieser Steinkolosse zu erwecken.
Für die Übersetzungsleistung von Eva Bauche-Eppers kann man nur höchste Bewunderung empfinden. Selten wohl ist ein Buch mit mehr Sprachkraft und Einfühlungsvermögen übertragen worden. Selten auch, dass einer Übersetzerin oder einem Übersetzer ein derart großer Wortschatz zur Verfügung steht. Diese Sprachqualität macht sicherlich einen der größten Reize der deutschen Buchausgabe aus.
Schließen möchte ich mit einem klugen Satz von J. R. R. Tolkien: „Helden gibt es viele; gute Drachen sind rar.“
Horst Illmer
- Kategorien: Bücher , Fantasy , Horsts Bibliothek
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von Horst Illmer am 27. Juli 2026 noch kein Kommentar - schreibe den ersten!

- Robin Hobb
DIE CHRONIK DER WEITSEHER:
1) DIE GABE DER KÖNIGE.
(Assassin’s Aprentice / 1995)
2) DER BRUDER DES WOLFS.
(Royal Assassin / 1996)
3) DER ERBE DER SCHATTEN.
(Assassin’s Quest / 1997)
Ü: Eva Bauche-Eppers, Ill: Jackie Morris
München, Penhaligon, 2026, 3 Bände mit zus. 2620 S. und 30 Farbtafeln und einer farbigen, mehrfach gefalteten Karte als Beilage.
ISBN 978-3-7645-3376-2 / ISBN 978-3-7645-3377-9 / ISBN 978-3-7645-3378-6
3 großformatige Hardcover mit dreiseitigem, illustrierten Farbschnitt und Lesebändchen. Jeweils 28,00 Euro
Einer der erfolgreichsten und beliebtesten Fantasy-Titel der 1990er Jahre war der dreiteilige Roman DIE CHRONIK DER WEITSEHER. Eine rasante Handlung, die fulminante Bildersprache und ein Detailreichtum sondergleichen waren die Zutaten zu einem Werk, welches von vielen mit Recht als Klassiker des Genres angesehen wird. Zum dreißigsten Jubiläum des Erscheinens von Band 1 hat der Penhaligon Verlag eine besonders schöne und liebevoll gemachte dreibändige Sonderausgabe herausgebracht, die es mir leicht gemacht hat, noch einmal in alten Erinnerungen zu schwelgen und meine Besprechung aus dem Jahr 2000 noch einmal durchzusehen. Damals schäumte ich vor Begeisterung nur so über und verfasste eine sechs Seiten lange, detaillierte Nacherzählung – die mir Hermke damals, durchaus zu Recht, um die Ohren haute, und die ich euch heute natürlich erspare.
Nüchtern betrachtet enthält diese Trilogie wenig, was man nicht auch schon in anderen Fantasyromanen gelesen hat. Ein unehelicher Spross des Königshauses als Held, ein böser Onkel als Verkörperung der dunklen Macht. Edelmut und Tragik, Opferbereitschaft der Guten, Grausamkeit der Bösen, Reisen durch eine Welt, in der Zauberei und Magie existieren. Trotzdem gibt es einzelne Aspekte die aus dieser Erzählung etwas Besonderes machen.
Die Protagonisten zeigen gleichermaßen die Stärken wie die Schwächen der Autorin. Während die Nebenfiguren durchaus ein gewisses „Eigenleben“ besitzen, wirken viele Aktionen und Gedanken der Helden sowie ihrer Gegenspieler als ob sie nur Figuren wären, die einem vorgegebenen Plan folgen müssen. Die Art und Weise, in der Fitz immer wieder alles falsch macht und trotzdem am Ende gewinnt, sind genretypisch, und vielleicht muss es ja auch so sein, aber gerade hier hätte man sich etwas mehr Improvisation gewünscht.
Das politische System der „Sechs Provinzen“ ist ein feudales und insofern nicht anders als in den meisten Fantasygeschichten. Das Bergreich jedoch hat eine Lebensweise entwickelt, die utopischen Charakter besitzt. Die dortigen Herrscher sind aus einer Richterkaste hervorgegangen. Der Amtsinhaber betrachtet sich als „Opfer“ für sein Volk. Er ist immer für jeden zu sprechen, stellt sich für Händel jeder Art als Ratgeber und notfalls als Geisel zur Verfügung und lebt ansonsten wie sein Volk in Einklang mit der Natur. Dieses fast ideale System wird zwar liebevoll beschrieben, funktioniert jedoch in Notzeiten auch nur dadurch, dass der Herrscher sein Volk belügt. Die Wahrheit zu sagen, ist im Bergreich letztlich genauso unmöglich wie in den Sechs Provinzen, wenn auch aus anderen Gründen.
Eine weitere Besonderheit sind die starken, durchgängig positiven Frauengestalten des Romans. Angefangen bei Molly, die sich ihren Fitz angelt und dann auch stark genug ist, sich von ihm zu trennen, über Kettricken, die in ihrer Rolle als „Opfer“ aufgeht, aber immer wieder Gefahren auf sich nimmt, um anderen zu helfen, bis hin zu Merle, der Vagantin, die Fitz begleitet und ihm bei Bedarf auch mal den Kopf zurechtrückt. Die Waffenmeisterin Hod, die Gabenträgerin Krähe und viele weibliche Soldaten zeugen von einer Gesellschaft, in der Frauen einigermaßen gleichberechtigt neben den Männern stehen.
Als besonders originell empfinde ich die Konzeption der Drachen. Diese Wesen, „die Uralten“ genannt, werden in Notzeiten von magisch begabten Menschen erschaffen und gestaltet. Herausgehauen aus schwarzem Fels und mittels dieser Gabe bearbeitet, stellt jeder von ihnen ein einzigartiges Kunstwerk dar. Sie tragen in sich alles, was ihre Schöpfer an Kraft und Gefühlen besaßen. Nur das Zusammenwirken von mehreren Personen vermag es dann, einen dieser Steinkolosse zu erwecken.
Für die Übersetzungsleistung von Eva Bauche-Eppers kann man nur höchste Bewunderung empfinden. Selten wohl ist ein Buch mit mehr Sprachkraft und Einfühlungsvermögen übertragen worden. Selten auch, dass einer Übersetzerin oder einem Übersetzer ein derart großer Wortschatz zur Verfügung steht. Diese Sprachqualität macht sicherlich einen der größten Reize der deutschen Buchausgabe aus.
Schließen möchte ich mit einem klugen Satz von J. R. R. Tolkien: „Helden gibt es viele; gute Drachen sind rar.“
Horst Illmer
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