Bücher

Bücher – muss man eigentlich nicht erklären. In unserem Fall als Überbegriff für alle Arten phantastischer Literatur – traditionell vor allem Fantasy und Science-Fiction. Kommt einfach nach Würzburg und besucht uns in Hermkes Romanboutique.

Andymonaden

von am 31. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Michael Wehren (Hrsg.)
    ANDYMONADEN.12 SF-Geschichten.
    Originalausgabe
    Berlin, Memoranda, 2025, 192 S.
    ISBN 978-3-911391-12-2 / 23,00 Euro
    Klappenbroschur

Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei einem Science-Fiction-Roman deutscher Zunge schon einmal ein solches Projekt wie ANDYMONADEN gegeben hat: Zu dem utopisch-phantastischen Meisterwerk ANDYMON, das Angela und Karlheinz Steinmüller 1982 veröffentlichten (und das bis heute zu den beliebtesten Genretiteln der DDR-Science-Fiction zählt), schrieben unter der Ägide des Herausgebers Michael Wehren zwölf Autor*innen, die derzeit die Speerspitze der deutschsprachigen Gegenwarts-SF bilden, je eine Geschichte, die sich mit den sozialen, politischen, philosophischen und literarischen Implikationen beschäftigen, die ANDYMON für ihre je eigene Sozialisation bedeutet.

Die »12 SF-Geschichten« von Patricia Eckermann, Aiki Mira, Dietmar Dath, Lena Richter, Zeinab Hodeib, Luise Meier, Zara Zerbe, Jol Rosenberg, Anna Zabini, Mart Akbal, Nelo Locke und Michael Wehren selbst springen in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der »Andymon«-Geschichte und lassen uns Heutige eine »Eroberung des Weltraums« ohne Gewaltanwendung auf aufregende Weise neu erleben.
(Eine vorherige Neu-Lektüre der Original-Weltraum-Utopie, ebenfalls bei Memoranda lieferbar, erscheint ratsam.)

Horst Illmer

  • Michael Wehren (Hrsg.)
    ANDYMONADEN.12 SF-Geschichten.
    Originalausgabe
    Berlin, Memoranda, 2025, 192 S.
    ISBN 978-3-911391-12-2 / 23,00 Euro
    Klappenbroschur

Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei einem Science-Fiction-Roman deutscher Zunge schon einmal ein solches Projekt wie ANDYMONADEN gegeben hat: Zu dem utopisch-phantastischen Meisterwerk ANDYMON, das Angela und Karlheinz Steinmüller 1982 veröffentlichten (und das bis heute zu den beliebtesten Genretiteln der DDR-Science-Fiction zählt), schrieben unter der Ägide des Herausgebers Michael Wehren zwölf Autor*innen,

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Adventskalender 2025 T-01: Und hoffentlich zu lernen …

von am 23. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Becky Chambers
    UND HOFFENTLICH ZU LERNEN … Roman.
    Ü: Karin Will
    (TO BE TAUGHT IF FORTUNATE / 2019)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 220 S.
    ISBN 978-3-910914-32-2 / 18,00 Euro
    Hardcover

Wie schön ist das denn: Eine „klassische“ Science-Fiction-Ideengeschichte, erzählt mit den aktuellsten literarischen Stilmitteln von einer der besten Gegenwartsautorinnen. In UND HOFFENTLICH ZU LERNEN … von Becky Chambers erzählt die Bordingenieurin Ariadne O’Neill von ihrem Flug zu den Planeten des Sonnensystems Zhenyi. Mit ihr an Bord der MERIAN sind drei weitere Besatzungsmitglieder, die ebenso wie Ariadne dem „Somaforming“ unterzogen wurden, das es ihnen erlaubt, die 14 Jahre dauernde Kälteschlafreise im Weltraum und die anschließende Zeit der Planetenerforschung ohne körperlichen Schaden zu überstehen. In dem von Ariadne an die heimatliche Erde zurückgesandten Expeditions-Bericht wird jedoch schnell klar, dass die eigentliche Veränderung im „Mindset“ der Beteiligten stattgefunden hat.

Chambers erzählt hier unglaublich fesselnd von den möglichen positiven Auswirkungen, welche die Entdeckung außerirdischen Lebens und die genetische Weiterentwicklung auf das Verhalten der menschlichen Spezies haben könnte. Ihre Weltraumreisenden denken nicht eine Sekunde lang darüber nach, eine ihnen fremde Welt zu „erobern“. Sie sind vielmehr unterwegs, das Leben in seiner ganzen Vielfalt zu bestaunen und zu beobachten – mit dem festen Vorsatz dabei etwas Neues zu finden „und hoffentlich zu lernen …“.

Mit diesem wundervollen, von Karen Will sehr schön übersetzten Band setzt der Verlag seine erfolgreiche „Kleine Reihe“ mit herausragenden Stories und Novellen fort, die schon jetzt aus dem Bücherregal nicht mehr wegzudenken ist.

Horst Illmer

  • Becky Chambers
    UND HOFFENTLICH ZU LERNEN … Roman.
    Ü: Karin Will
    (TO BE TAUGHT IF FORTUNATE / 2019)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 220 S.
    ISBN 978-3-910914-32-2 / 18,00 Euro
    Hardcover

Wie schön ist das denn: Eine „klassische“ Science-Fiction-Ideengeschichte, erzählt mit den aktuellsten literarischen Stilmitteln von einer der besten Gegenwartsautorinnen. In UND HOFFENTLICH ZU LERNEN … von Becky Chambers erzählt die Bordingenieurin Ariadne O’Neill von ihrem Flug zu den Planeten des Sonnensystems Zhenyi.

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Adventskalender 2025 T-04: Waterwitch

von am 20. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Molly O´Neill
    WATERWITCH. Roman.
    Aus dem Englischen von Judith C. Vogt
    (GREENTEETH / 2025)
    München, Piper, 2025, 382 S.
    ISBN 978-3-492-70677-3 / 22,00 Euro

Im Laufe der Jahre haben mir eine unüberschaubare Menge Menschen Bücher empfohlen. Ich habe schon vor Jahrzehnten angefangen nachzufragen, aus welchem Grund mir das jeweilige Buch gefallen könnte. Eines der positiven Ergebnisse ist, dass ich dadurch Personen besser kennenlerne, ein anderes, dass ich manchmal mit einem guten Gespräch und einem tollen Lese-Erlebnis belohnt werde. So bin ich auch zu dem Erstlingsroman GREENTEETH, in der deutschen Übersetzung WATERWITCH von Molly O´Neill gekommen. Eine liebe Freundin hatte gerade die Lektüre beendet und war begeistert. Als sie dann hinzufügte, dass Judith Vogt die Übersetzerin ist, hatte das Buch gewonnen.

Erzählt wird die Geschichte von der Ich-Erzählerin Jenny Greenteeth, einer Kreatur, die im 17. Jahrhundert seit vielen Hundert Jahren in einer Höhle in einem Teich in der Nähe von Chipping Appelby in Wessex lebt. Sie hat ihren Teich eine sehr lange Zeit nicht verlassen und hat einen Putzfimmel, oder wie sie selber sagen würde: Sie mag es, wenn ihr See nett und aufgeräumt aussieht. Ihr Element ist das Wasser, sie kann aber auch Luft atmen und sich an Land fortbewegen. Sie wird während ihres Frühlingsputzes gestört, als die Hexe Temperance Crump gefesselte in ihren See geworfen wird. Da sie keinen Hunger hat und die junge Frau ihrer Tochter so ähnlich sieht, frisst sie sie nicht, sondern beschließt, ihr das Leben zu retten. Denn das Geschöpf, das der Hexe nach dem Leben trachtet, bedroht die ganzen britischen Inseln. So beginnt eine Quest, der sich im Laufe der Erzählung noch der hausierende Kobold Brackus Marsh und der Jagdhund Cavall, der lange Zeit mit der Wilden Jagd gezogen ist, anschließen.
Eine bunte Mischung an Wesen aus vor allem englischen und walisischen Legenden tragen dazu bei, die Handlung voranzutreiben. Die Magie, die seit Anbeginn das Land durchzogen hat, wird immer schwächer, und die Menschen leben kaum noch nach den alten Bräuchen. Gwyn ap Nudd, der in alten Zeiten die Wilde Jagd anführte, und seine wunderschöne, geliebte Frau Creiddylad herrschen jetzt wie ein Königspaar über den reisenden Hofstaat der High Fae, dessen Zweck nur noch aus dem allabendlichen Abhalten von Festgelagen und Tanzveranstaltungen besteht. Die Drachen sind auch schon lange ausgerottet. Aber die Wildwege durchziehen immer noch das Land, und noch gibt es eine Chance, mithilfe von Magie und Entschlossenheit die Gefahr abzuwenden.

Ich schätze die glaubwürdigen Entwicklungen der Beziehungen zwischen den Protagonist*innen, denn es entstehen Konflikte, als im Laufe der Reise verschiedenartigen Wertesysteme aufeinander prallen. Wie können Wesen mit Anderen über die Grenzen der Art hinweg, vertraut werden, wie viel kann oder muss eine Freundschaft aushalten können, wer steht mir näher: meinesgleichen, mit denen ich die Ethnie o.Ä. teile, oder diejenigen, mit denen mich gewachsene Bande verschweißt haben, weil sie bedeutende Rollen in meinem Leben spielen.
Solange ich mich innerhalb der Parameter der Erzählung befinde, beruht die »Anwendbarkeit auf das Denken und die Erfahrung« wie Tolkien es formuliert, gerade nicht auf der willentlichen Unterdrückung des Unglaubens (»willing suspence of disbelief«), sondern auf dem mutigen Zulassen bisher unbekannte Möglichkeiten durchzuspielen. Fairy-Stories besitzen die Fähigkeit unsere Sicht auf unsere Realität und unsere Welt zu schärfen, uns unsere Zeit aus einem anderen Blickwinkel sehen zu lassen.  In diesem Buch werden verschiedene Arten mit Anderen zusammenzuarbeiten in der Raum gesellt, die Protagonist*innen schaffen sich in der sich verändernden Welt eine Familie, deren Bindungen kein Verwandtschaftsverhältnis voraussetzt. Denn wer stak ist, muss diese Stärke nicht zwangsläufig gegen Andere oder Schwächere einsetzen.
Molly O´Neills Roman bietet ein angenehmes Maß an erwartetem und an von mir so gar nicht vorhergesehenen Wendungen der Handlung. Die Sprache ist toll. Molly O´Neill schreibt mitreißend, und Judith Vogt hat das Buch sehr angemessen übersetzt, auch wenn Jennys Ton bei ihr etwas kecker wirkt. Am Schluss ist auch eine Seite mit Anmerkungen zur Aussprache der walisischen Namen hinzugefügt, die ich sehr hilfreich finde.
Mir hat auch gefallen, dass die schlimmen Dinge, die eingetroffen sind, weit hinter meinen Befürchtungen zurückblieben. Manchmal ist es gut unrecht zu haben. Das nennt sich wohl »Cosy Fantasy«.

Mir ist aber etwas, sowohl im Original, wie auch in der Übersetzung aufgefallen, von dem ich nicht sagen kann, ob es beim Korrekturlesen übersehen wurde, oder als spezifisches Merkmal in die Handlung gehört. Auf S. 61 der deutschen Ausgabe sind die Augen von Brackus Marsh blau, zwei Seiten später, auf S. 63 braun. Ich bin verwirrt.
Anmerkung fast zum Schluss: den Titel WATERWITCH finde ich auf mehreren Ebenen total daneben: Ich hasse es, wenn ich bei all diesen Büchern mit englischsprachigen Titeln erst erforschen muss, in welcher Sprache der Text ist. (Das schmälert meine Kauflust ganz erheblich, und ich frage mich jedes Mal, warum es nicht auch noch zur Übersetzung des Titels gereicht hat.) In diesem speziellen Fall ist der Titel auch inhaltlich falsch, da Jenny Greenteeth keine Hexe ist, sonder ein Monster, das in einem See lebt. Sie gehört zu den menschenähnlichen Fae und ist wohl mit Grendels Mutter aus dem altenglischen Versepos BEOWULF verwandt, die als »nicor« (Nixe) bezeichnet wird.
Molly O´Neill hat mit WATERWITCH ein herausragend gutes, gutgeschriebenes und spannendes Buch vorgelegt, das darüber hinaus auch ein Einzelroman ist!

Matita Illmer

  • Molly O´Neill
    WATERWITCH. Roman.
    Aus dem Englischen von Judith C. Vogt
    (GREENTEETH / 2025)
    München, Piper, 2025, 382 S.
    ISBN 978-3-492-70677-3 / 22,00 Euro

Im Laufe der Jahre haben mir eine unüberschaubare Menge Menschen Bücher empfohlen. Ich habe schon vor Jahrzehnten angefangen nachzufragen, aus welchem Grund mir das jeweilige Buch gefallen könnte. Eines der positiven Ergebnisse ist, dass ich dadurch Personen besser kennenlerne, ein anderes, dass ich manchmal mit einem guten Gespräch und einem tollen Lese-Erlebnis belohnt werde.

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Adventskalender 2025 T-06: Das grosse Wenn

von am 18. Dezember 2025 1 Kommentar

  • Alan Moore
    DAS GROSSE WENN.
    Long London 1
    Ü: Hannes Riffel
    (THE GREAT WHEN / 2024)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 410 S.
    ISBN 978-3-910914-46-9 / 24,00 Euro
    Klappenbroschur

London 1949. Dennis Knuckleyard, ein aufstrebender junger Schriftsteller, arbeitet in einer drittklassigen Buchhandlung um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber der Kopf ist voller Flausen, die mentale Grundhaltung ist Naivität und der Mut, dem Leben die Stirn zu bieten, entspringt absoluter Ahnungslosigkeit.

Durch eine Kette von Umständen gerät Dennis zuerst in den Besitz eines Buches, das es eigentlich gar nicht geben kann, dann in Lebensgefahr, in die Gesellschaft von Grace und am Ende zu der Erkenntnis, dass es neben, unter, über und um seine Heimatstadt London herum ein anderes, größeres, magischeres „Long London“ gibt (auch „Das Große Wenn“ genannt) – und er gehört zu den Wenigen, die zwischen beiden Realitäten hin und her wechseln können.

Aus diesem mit mannigfaltigen Lebensläufen durchwirkten phantastischen Stadtbild entwickelt Moore eine äußerst vergnüglich und kurzweilig zu lesende Abenteuergeschichte, deren Wurzeln gleichermaßen in der englischen Schauergeschichte, der viktorianischen Erzähltradition eines Charles Dickens oder Robert L. Stevenson und der literarischen Moderne eines James Joyce oder Franz Kafka zu finden sind. Dazu kommen jedoch Moores eigener schwarzer Humor, seine überragenden Fähigkeiten als Weltenbauer und sein unbedingter Wille, sein Publikum bei der Stange zu halten.

Als Auftaktband zu einer (vermutlich) fünfteiligen Serie über das Schicksal von Dennis Knuckleyard und seinen Freunden in „Short“ und „Long London“ macht DAS GROSSE WENN jedenfalls viel Spaß und den Mund wässrig auf den nächsten Teil.

Horst Illmer

  • Alan Moore
    DAS GROSSE WENN.
    Long London 1
    Ü: Hannes Riffel
    (THE GREAT WHEN / 2024)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 410 S.
    ISBN 978-3-910914-46-9 / 24,00 Euro
    Klappenbroschur

London 1949. Dennis Knuckleyard, ein aufstrebender junger Schriftsteller, arbeitet in einer drittklassigen Buchhandlung um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber der Kopf ist voller Flausen, die mentale Grundhaltung ist Naivität und der Mut, dem Leben die Stirn zu bieten, entspringt absoluter Ahnungslosigkeit.

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Adventskalender 2025 T-09: Der Hobbit oder Hin und zurück

von am 15. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • J. R. R. Tolkien
    DER HOBBIT oder Hin und zurück.
    Mit Illustrationen von Tove Jansson
    Ü: Wolfgang Krege
    (THE HOBBIT or There and Back Again / 1937)
    Stuttgart, Klett-Cotta (Hobbit-Presse), 2025, 376 S.
    ISBN 978-3-608-98888-8 / 35,00 Euro
    Hardcover

Na, die Geschichte von den Abenteuern, die Bilbo Beutlin, Gandalf und das Dutzend Zwerge, das er bei einem „unerwarteten Fest“ verköstigt, erleben brauche ich in dieser erlauchten Runde ja nicht nochmal zu erzählen. Ich will nur hoffen, dass euer Wissen auf der Kenntnis des Buches beruht – und nicht auf der alleinigen Kenntnis der unsäglichen Filmtrilogie.

Also erzähle ich lieber von den Abenteuern dieses außergewöhnlichen Buches, dessen Titel auf Deutsch zuerst KLEINER HOBBIT UND DER GROSSE ZAUBERER, dann lange Jahre DER KLEINE HOBBIT und seit gut 30 Jahren endlich richtig DER HOBBIT ODER HIN UND ZURÜCK lautet. Ihr merkt schon, das Werk hat ein paar Jährchen auf dem Buckel, liest sich allerdings auch nach so langer Zeit immer noch so frisch und spannend wie am ersten Tag.

Und vermutlich besitzt der Großteil von euch bereits eine oder sogar mehrere Ausgaben. Warum also noch eine Besprechung – und warum jetzt?

Auch dazu gibt es eine Geschichte:
Ich kann mir gut vorstellen, dass es in Stuttgart beim Klett-Cotta Verlag einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gibt, die oder der in einem kleinen, wohltemperierten Zimmerchen sitzt und sich das ganze Jahr über mit der Frage beschäftigt, was man den Fans von J. R. R. Tolkien wohl als Nächstes zu Weihnachten auf die Wunschliste setzen könnte.

Nun, 2025 ist das eine neue Ausgabe von DER HOBBIT, natürlich in der Reihe der „Hobbit Presse“, in der seit 1969 Tolkiens Werke erscheinen. Kaufanreiz für das großformatige Hardcover mit blauem Halbleinenrücken bieten diesmal die Illustrationen der finnischen Künstlerin Tove Jansson (1914–2001), die als Multitalent sowohl hervorragend malen, zeichnen und schreiben konnte und weltweit seit 1945 als Schöpferin der „Mumins“ bekannt wurde. 1960 illustrierte sie, auf eine Anregung Astrid Lindgrens hin, die schwedische Neuausgabe des HOBBIT.

Diese erstmals in einer deutschsprachigen Ausgabe verwendeten mehr als 20 Strichzeichnungen (plus einem Farbbild) reichen von Vignettengröße bis zu ganzseitigen dramatischen Szenen und zeigen einen eigenständigen, selbstbewussten Umgang mit Tolkiens Abenteuer-Geschichte.

Weihnachten kann also getrost kommen.

Aber in Stuttgart sitzt sicherlich jetzt schon wieder Jemand an einem Schreibtisch und macht sich Gedanken …

Horst Illmer

  • J. R. R. Tolkien
    DER HOBBIT oder Hin und zurück.
    Mit Illustrationen von Tove Jansson
    Ü: Wolfgang Krege
    (THE HOBBIT or There and Back Again / 1937)
    Stuttgart, Klett-Cotta (Hobbit-Presse), 2025, 376 S.
    ISBN 978-3-608-98888-8 / 35,00 Euro
    Hardcover

Na, die Geschichte von den Abenteuern, die Bilbo Beutlin, Gandalf und das Dutzend Zwerge, das er bei einem „unerwarteten Fest“ verköstigt, erleben brauche ich in dieser erlauchten Runde ja nicht nochmal zu erzählen.

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Adventskalender 2025 T-10: Die Godkiller Trilogie

von am 14. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Kaner, Hannah
    Godkiller
    PIPER, 2024, 448 Seiten
    ISBN 978-3-492-70921-7
  • Sunbringer
    PIPER, 496 Seiten
    978-3-492-709224
  • Faithbreaker
    PIPER, 509 Seiten
    9783492709231

Im letzten Jahr habe ich im Podcastformat bereits den ersten Band empfohlen. Dieses Jahr muss die gesamte Trilogie in den Adventskalender. Die Reihe ist nämlich beendet und hat meiner Meinung nach einen würdigen und guten Abschluss gefunden.

Ein jahrelanger Krieg gegen Götter prägt auch heute noch das Bild ebendieser in Middren. Götter die nicht nur Gebete erhören und Gutes bringen, sondern auch gierig werden, sich Ihrer Macht bewusst und ebenso von bösartigen wie gutartigen Wünschen der Gläubigen beeinflusst werden. Auch wenn der Krieg gegen die Götter gewonnen ist, bleiben diese Middren nicht fern, weshalb der König sogenannte "Godkiller" beauftragt sich dieser anzunehmen.

Eine dieser Godkillerinnen ist Kyssen, eine junge Frau die diesen Job nicht nur beherrscht, sondern auch Ihrer eigenen Vergangenheit mit dem töten von Göttern Genugtuung verschafft. Eines Tages begegnet Kyssen Inara, dem Sprössling einer der Adelsfamilien Middrens, die aus unerfindlichen Gründen an den Gott der Notlügen, Skediceth, gebunden ist. Sie begeben sich gemeinsam auf die Reise um das Rätsel zu lösen und das Band, dass die beiden verbindet zu zerstören. Selbstverständlich muss die Godkillerin hierfür Ihre Einstellung zu Göttern und das damit zusammenhängende "Schwarz-Weiß-Denken" hinterfragen.

In dieser Welt erwartet den Leser ein spannendes und zum nachdenken anregendes Konzept von Göttern. Götter die Ihre Macht aus Gebeten, Opfergaben und dem Glauben einzelner ziehen, die in wahnsinniger Vielfalt existieren können und in ebendieser Vielfalt auch wahnsinnig viel Schaden anrichten.

Mit jedem Band der Trilogie wird das Konzept ausgeweitet, der Blickwinkel verändert und die Welt um Middren vergrößert. Politische Intrigen und die verschiedenen Ansichten und Facetten der Götter bekommen mehr Aufmerksamkeit geschenkt und der Leser kann sich auch auf etwas mehr "Action" freuen. Alles verpackt in einer packenden Fantasywelt mit mehr Tiefgang als man anfangs vermuten würde. Mich überzeugt hier vor allen Dingen die "Glaubensfrage" die allgegenwärtig ist und immer wieder neu betrachtet werden kann und die Götter, die zwar eigene Entscheidungen treffen können, jedoch stark in der Rolle die Ihnen zugedacht wurde gefangen sind.

Wer mal wieder frischen Wind in sein Fantasy-Regal bringen möchte ist hier also genau richtig. Wer Götter, Glauben und ein bisschen politischen Wahnsinn sowieso schon toll findet ebenfalls.

„Es war schwieriger, einen Gott zu töten, als einen zu erschaffen.“

  • Kaner, Hannah
    Godkiller
    PIPER, 2024, 448 Seiten
    ISBN 978-3-492-70921-7
  • Sunbringer
    PIPER, 496 Seiten
    978-3-492-709224
  • Faithbreaker
    PIPER, 509 Seiten
    9783492709231

Im letzten Jahr habe ich im Podcastformat bereits den ersten Band empfohlen. Dieses Jahr muss die gesamte Trilogie in den Adventskalender. Die Reihe ist nämlich beendet und hat meiner Meinung nach einen würdigen und guten Abschluss gefunden.

Ein jahrelanger Krieg gegen Götter prägt auch heute noch das Bild ebendieser in Middren.

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Adventskalender 2025 T-14: Denial of Service

von am 10. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Aiki Mira
    DENIAL OF SERVICE. Science-Fiction-Thriller.
    Frankfurt a. M., TOR, 2025, 252 S.
    ISBN 978-3-596-71182-6 / 18,00 Euro
    Klappenbroschur

Nach Hamburg und Berlin jetzt also noch Frankfurt am Main – Städte sind bei Aiki Mira nie nur Kulisse, Städte sind Lebewesen, Protagonisten, Mitspieler. Frankfurt zum Beispiel ist ein eigener Staat im Staat geworden, finanzmächtiger als viele der kleineren Nationen, mit eigener Regierung und Rechtsprechung und Vollzugsbehörden. Und Frankfurt hat eine eigene Starke KI, ein künstliches neuronales Netzwerk mit eigenen Moralvorstellungen. Das KNN sorgt für die Stadt und ihre Bewohner, regelt im Hintergrund alles Nötige und weiß über alles Bescheid. Und eines Tages verweigert das KNN sich – DOS: Denial of Service.

In den Hochhaustürmen der Banken, den Wohnsilos, den Bürogebäuden einerseits, aber auch in den Slums, den Parks, den Plätzen läuft das Leben erst einmal weiter wie bisher. Aber bei den Mächtigen im Hintergrund beginnt die nervöse Suche nach den Ursachen – denn ohne die allumfassende Hintergrundsteuerung des KNN droht der Zusammenbruch des Systems, das Scheitern des utopischen Versprechens von der sich selbst steuernden Metropolis.

Inmitten dieser chaostheoretischen Versuchsanordnung versuchen ein Dutzend Personen, Androiden, Tiere und allerlei Mischformen dazwischen ihr Leben so zu gestalten, dass sie unterhalb der Reizschwelle der allgegenwärtigen Überwachung bleiben. Denn deren Aufmerksamkeit zu erregen bringt Minuspunkte ein, was Ärger und Stress oder Schlimmeres bedeutet. So begegnen wir auf den ersten Seiten der Snack-Buden-Besitzerin Per, der Stadtverwaltungs-Mitarbeiterin Jov und dem Drohnen-Spray-Künstler Tad. Zusammengeführt werden sie durch den überraschenden Tod einer Freundin von Tad in Pers Snackbar.

Die Suche nach den Ursachen und Verantwortlichen müssen die drei selbst in die Hand nehmen, da sich die Stadt blind und taub stellt. Dabei treffen sie auf Drogendealer, Geheimbünde, korrupte Beamte, geheime Forschungslabors und heimliche Unterstützer.

Das alles erzählt Aiki Mira in einer selbst entwickelten, diesmal auch noch überaus lyrischen Sprache, die in sehr kurzen Kapiteln und einer auf das Notwendigste reduzierten Form spielerisch-leicht 3-D-Puzzle-Szenen vor unsere Augen bringt, zur Seite schiebt und darauf vertraut, dass sich am Ende ein vollständiges und größeres Bild ergibt als die Summe dieser Fragmente.

Das geheime Bindemittel, mit dem das alles zusammengeführt wird, der Grund dafür, dass der Rhythmus uns so tief bewegt und so fasziniert bei der Stange hält, ist: Liebe. Über alle Probleme und Abenteuer in DENIAL OF SERVICE hinweg zeigen alle Figuren starke Gefühle. Natürlich sind darunter auch Egoismus, Furcht, Zweifel, Gier, Unsicherheit und alle anderen möglichen Beweggründe für mehr oder weniger nachvollziehbares Handeln, aber als die wichtigste Emotion entpuppt sich die Zuneigung.

DENIAL OF SERVICE ist also nicht nur der spannende Science-Fiction-Thriller, den uns der Untertitel verspricht, nicht nur ein sprachlich eleganter Blick auf die heute schon absehbaren Entwicklungen von künstlicher Intelligenz und urbanen Großlösungen, sondern auch ein Plädoyer für mehr Empathie, mehr Gelassenheit, mehr Zusammenarbeit bei den dadurch entstehenden Problemfeldern. Oder ganz kurz: Der gelungene Abschluss von Aiki Miras Zukunfts-Städte-Trilogie!

Dem Roman gelingt dabei etwas, das inzwischen nur noch sehr wenige Bücher überhaupt versuchen – und noch weniger erreichen: Am Ende entlässt DENIAL OF SERVICE seine Protagonisten und Leser*innen mit dem Gefühl einer möglichen positiven Zukunft aus seinen Fängen.

Ich stelle mir Aiki Mira als glücklichen Menschen vor. Anders wäre dieses Liebeslied in Prosa gar nicht zu erklären.

Horst Illmer

  • Aiki Mira
    DENIAL OF SERVICE. Science-Fiction-Thriller.
    Frankfurt a. M., TOR, 2025, 252 S.
    ISBN 978-3-596-71182-6 / 18,00 Euro
    Klappenbroschur

Nach Hamburg und Berlin jetzt also noch Frankfurt am Main – Städte sind bei Aiki Mira nie nur Kulisse, Städte sind Lebewesen, Protagonisten, Mitspieler. Frankfurt zum Beispiel ist ein eigener Staat im Staat geworden, finanzmächtiger als viele der kleineren Nationen, mit eigener Regierung und Rechtsprechung und Vollzugsbehörden. Und Frankfurt hat eine eigene Starke KI,

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Adventskalender 2025 T-17: Lexikon der deutschsprachigen Science ­Fiction 1933-1945

von am 7. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Klaus Geus, Wolfgang Both, Horst Illmer und Klaus Scheffler
    LEXIKON DER DEUTSCHSPRACHIGEN SCIENCE ­FICTION 1933–1945.
    Originalausgabe
    Berlin, Memoranda Verlag, 2025, 403 S.
    ISBN 978-3-911391-10-8 / € 68,00
    Hardcover mit Fadenbindung und Lesebändchen

Also – ich habe ein kleines Problem, von dem ich hoffe, dass es nicht zu einem großen wird. Das Buch, das ich hier empfehlen möchte, habe ich nämlich zum Teil selbst geschrieben. Wer das jetzt blöd findet, oder unangemessen, oder unmöglich – das kann ich gut verstehen.

Andererseits handelt es sich um ein sehr spezielles Sachbuch, ein LEXIKON DER DEUTSCHSPRACHIGEN SCIENCE ­FICTION 1933–1945, und da sind kompetente Rezensenten auch nicht wirklich häufig. Ich versuche also mal den Spagat zwischen objektiver Information und (zwangsläufigem) Selbstlob.

Zuerst mal ein paar Fakten: Auf über 400 Seiten werden im LEXIKON die Biografien von etwa 200 Autorinnen und Autoren vorgestellt, die im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 Science-Fiction-(und ein paar wenige Fantasy-)Texte veröffentlicht haben. Dabei werden nicht nur die reinen Daten angegeben, sondern auch eine Einordnung versucht, wie diese Menschen in das literarische und politische Leben der Zeit eingebunden waren.

Desgleichen geschieht mit den in dieser Zeit veröffentlichten Werken. Über 200 detaillierte Buchbesprechungen von zum Teil unbekannten oder nur schwer zugänglichen Texten zeigen, dass die bisherige kritische Beurteilung der deutschsprachigen Science Fiction in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft häufig unkorrekt war, mit Vorurteilen belegt oder von falschen Annahmen ausging.

Anders als meist behauptet, ging die Zahl der Science-Fiction-Werke in der nationalsozialistischen Zeit nicht wesentlich zurück. Wichtige Science-Fiction-Serien wie SUN KOH (1933–1936) und JAN MAYEN (1936–1938) oder Klassiker wie Paul Gurks TUZUB 37 (1935) entstanden erst in dieser Epoche. Wohl aber führten Zensur und Anpassung zu einer zunehmenden Verarmung des Genres. Bis zu einem gewissen Grad wurde dies durch Publikationen von deutschen Exilanten oder durch österreichische und schweizer Autoren ausgeglichen. Gerade diese Personen und ihre Werke erfahren in dem Lexikon besondere Aufmerksamkeit.

Neben den Biografien und Rezensionen stellt das LEXIKON detailgenaue bibliografische Angaben zur Verfügung, in denen nicht nur die diversen Buch-Erstausgaben und Nachdrucke aufgeführt sind, sondern oftmals auch die Daten der Zeitschriften-Vorabdrucke und gegebenenfalls sogar die Übersetzungen in andere Sprachen.
Im Anhang finden sich dann noch hilfreiche Titel- und Autorenregister und ein Literaturverzeichnis.

Die Hauptarbeit an diesem Buch hat Professor Dr. Klaus Geus geleistet, der schon seit Jahrzehnten zur Publikationsgeschichte der deutschsprachigen phantastischen Literatur forscht und bereits zwei (leider derzeit vergriffene) Vorgängerbände veröffentlicht hat, in denen die Jahre zwischen 1870 und 1932 abgehandelt werden.
Für den in weiten Teilen noch unerforschten Zeitraum des sogenannten „Dritten Reiches“ hat er sich viel Zeit gelassen und mit Wolfgang Both, Klaus Scheffler und meiner Wenigkeit drei Mitarbeiter gewonnen, die sich ebenfalls seit Jahren mit dieser Thematik beschäftigen.
Geus hat dann am Ende die Forschungsergebnisse zusammenfassend bewertet und in eine flüssig zu lesende Fassung gebracht, sodass das LEXIKON DER DEUTSCHSPRACHIGEN SCIENCE ­FICTION 1933–1945 nicht nur ein unverzichtbares Standardwerk geworden ist, sondern auch noch zu den äußerst seltenen Sekundärwerken gehört, deren Lektüre gleichermaßen informativ und unterhaltend ist.

Horst Illmer

  • Klaus Geus, Wolfgang Both, Horst Illmer und Klaus Scheffler
    LEXIKON DER DEUTSCHSPRACHIGEN SCIENCE ­FICTION 1933–1945.
    Originalausgabe
    Berlin, Memoranda Verlag, 2025, 403 S.
    ISBN 978-3-911391-10-8 / € 68,00
    Hardcover mit Fadenbindung und Lesebändchen

Also – ich habe ein kleines Problem, von dem ich hoffe, dass es nicht zu einem großen wird. Das Buch, das ich hier empfehlen möchte, habe ich nämlich zum Teil selbst geschrieben. Wer das jetzt blöd findet,

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Adventskalender 2025 T-18: Alan Moore – Jerusalem (zum 1. oder 2. Mal)

von am 6. Dezember 2025 11 Kommentare

  • Alan Moore
    Jerusalem
    Übersetzung Hannes Riffel und Andreas Fliedner
    Berlin, Memoranda Verlag, 2024, 1443 S. Hardcover
    ISBN 9783910914209 / € 78,00

Bevor wir an dieser Stelle in die Pötte kommen, muss ich wohl die Überschrift erklären. Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe das Buch schon vor einigen Jahren in der englischen Version in Hermkes Romanboutique gesehen. Da ich mich wohl mit Fug und Recht als Fan des Autoren Alan Moore bezeichnen kann, habe ich natürlich über einen Kauf nachgedacht. Letzten Endes bin ich aber immer wieder davor zurückgeschreckt. Obwohl mir Moore auf Englisch durchaus geläufig ist und ich nie das Gefühl hatte, dass er es seinen Lesern unnötig schwer macht. Aber ein Roman der schon auf den ersten Blick sehr komplex wirkt … Das habe ich mich letzten Endes nicht getraut. Als ich das Buch dann angefangen habe, in der vorliegenden Version von Carcosa auf Deutsch, hat sich diese Entscheidung durchaus als richtig erwiesen. Im Endeffekt habe ich das gesamte Jahr an „Jerusalem“ gelesen. Und schon sehr früh kam ich zum Schluss, dass es mit einer Betrachtung nicht getan sein wird. Einen Umstand, den ich gelegentlich auch mit Horst Illmer besprochen habe. In meiner naiven Vorstellungswelt hätte es am Ende mindestens drei Besprechungen auf comicdealer.de gegeben. Von Horst, Gerd und mir. Gerd dürfte vom Tisch sein. Mein letzter Stand ist, dass er dieses Mammutwerk abgebrochen hat. Als ich Horst vor ca. 4 Wochen (Stand: 18. Oktober) zuletzt gesehen habe, war er noch mit dem Kapitel „Neben der Spur“ beschäftigt. Ich weiß also zur Stunde nicht, ob er das Buch bereits abgeschlossen und seine Gedanken dazu schon zu Papier gebracht hat. Aus meiner Perspektive kann ich also unmöglich sagen, ob dies nun das erste oder zweite Mal ist, dass ihr an dieser Stelle etwas über „Jerusalem“ lesen werdet.

In der Regel habe ich den Anspruch, dass ich für Gerd, Burn und Co. nur Texte verfasse, die dem Verkauf des besprochenen Produkts dienlich sein soll. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesem Anspruch heute gerecht werden kann. Alan Moore ist hier oft genug besprochen worden. Er kam in diversen „Podcast“-Beiträgen zur Sprache und es gibt mindestens zwei Beiträge zu „Watchmen“, einen zweiteiligen Artikel zu „Miracleman“ und einen zu seiner Lovecraft-Pastiche „Neonomicon“. Und das sind nur die Beiträge, die mir ad hoc einfallen. „Jerusalem“ stellt mich vor das eine oder andere Problem. Angefangen damit, dass ich gar nicht weiß, wem ich dieses Buch empfehlen könnte. Tatsächlich habe ich heute bereits einen kleinen Vorsprung in diese Richtung gewagt. Ein Angehöriger einer Bewohnerin an meiner Arbeitsstelle war Lehrer für Geschichte mit einer Spezialisierung auf amerikanische und englische Geschichte. Dazu später mehr. Das andere große Problem ist, dass ich „Jerusalem“ wohl abgebrochen hätte, wenn es nicht von Alan Moore geschrieben worden wäre. Mir fällt nicht mal eine Handvoll anderer Autoren ein, bei denen ich dieses Werk auch bis zum Ende durchgehalten hätte. Und davon ist einer seit vielen Jahren tot: Lovecraft, Jim Starlin (eher als Comicautor bekannt) und Thomas Ligotti (von dem es wohl noch ein gutes Stück wirrer gewesen wäre).

Stellen wir uns zunächst die Frage, was „Jerusalem“ eigentlich sein soll. Da muss zuerst festgestellt werden, dass es nicht um die Hauptstadt Israels geht. Der Titel leitet sich von William Blakes eigentlich titellosem Gedicht ab, welches er seinem „Milton: A Poem in Two Books“ vorangestellt hat. Da wir hier uns hier unter Nerds befinden, dürfte Blake vielen von euch schon untergekommen sein. Eine abgewandelte Form seines Gedichts „The Tyger“ wurde von J. M. DeMatteis für „Spider-Man: Kraven’s Last Hunt“ verwendet und der US-Titel einer Folge der 2. Staffel („Fearful Symmetry““ von „The X-Files“ bezieht sich ebenfalls auf diese Verse. Williams Blakes Gemälde „Ghost of a Flea“ war das Cover von Bruce Dickinsons (Iron Maiden) 98er Album „The Chemical Wedding“ (das beste Album, dass Iron Maiden nicht gemacht haben). Und auch Alan Moore hat sich zuvor schon auf Blake bezogen. Eben jenes Bild hat William Gulls Geist am Ende von „From Hell“ auf seiner Reise durch die Zeit ebenfalls kurz gesehen. Vor gut 12 Jahren habe ich mir den (noch immer lieferbaren) Band Zwischen Feuer und Feuer, dessen Untertitel Gerd scherzhaft als „pötische Werke“ bezeichnete (vielleicht erinnert er sich) gegönnt. Das betroffene Gedicht könnt ihr bei Interesse ab Seite 202 finden.

Neben der Blake-Konnotation ist „Jerusalem“ auch ein autobiographisches und lokalhistorisches Werk. Eben letzteres hat mich dazu motiviert, es o. g. Geschichtslehrer a. d. anzuempfehlen. Alan Moore hat sich, in Form der Künstlerin Alma Warren, selbst in die Geschichte integriert. Deren Bruder Mick dürfte demnach ein Analog zu Moores Bruder Mike sein. Seine Frau, die Künstlerin Melinda Gebbie, Alan Moores Frau, taucht ebenfalls am Rande auf und ist mit Alma befreundet. Man muss wohl davon ausgehen, dass der gesamte Clan aus Vernalls und Warrens Moores eigene Genealogie darstellt. In seiner Biographie kenne ich mich allerdings nicht gut genug aus, um das zu beurteilen. Schließlich und endlich geht es auch um die Geschichte seiner Heimatstadt Northhampton, besonders den als „The Buroughs“ bekannten Stadtteil. So treten auch allerlei historische Namen auf, die man mit dem Ort mehr oder weniger in Verbindung bringen kann. Hier an dieser Stelle auf alle einzugehen wäre müßig. Ich verweise deshalb auf den Beitrag von Udo Klotz in der „phantastisch!“ (Ausgabe 2/2025, Seite 32 ff.). Dort gibt es eine schöne Grafik, die viele der Verbindungen aufzeigt. Ich habe keinerlei historische Fakten überprüft. Das Buch hat mich so schon lange genug beschäftigt. Aber das führt zur einzigen, kleinen Verbindung zur Stadt Jerusalem. Einer Legende zufolge zog in altvorderer Zeit ein von Engeln (oder Angeln) beauftragter Mönch von Jerusalem los, um ein Steinkreuz in das Zentrum seines Landes zu bringen. Dieses Zentrum findet sich natürlich in Northampton, in den Buroughs. Ob das alles auf einer tatsächlichen Legende beruht … ich kann es nicht sagen. Das mag jemand anderes prüfen (Leslie Klinger?) …

Kommen wir nun zum Buch an sich bevor wir uns der Frage stellen, ob der Autor mit seinem Anliegen erfolgreich war. „Jerusalem“ ist in drei „Bücher“ aufgeteilt. Dabei ist nur das Mittlere geradlinig erzählt. Im ersten Buch springt Moore ständig zwischen den Zeiten und Figuren hin und her. Hier hilft ein gutes Gedächtnis (oder ein Notizblock). Zum Glück verfüge ich über ein gutes Gedächtnis. Ein Beispiel hierzu: Wir sehen ein Treffen zwischen der Prostituierten Marla und dem gescheiterten Dichter Benedict Perrit. Zunächst aus ihrer Perspektive, später aus Perrits Sicht. Und am Ende des dritten Buchs erhalten wir noch einen weiteren Blick auf diese Begegnung.
An anderen Stellen folgen solch unterschiedliche Perspektiven direkt aufeinander. Da wäre z. B. das Gespräch zwischen dem Schauspieler mit dem Spitznamen „Sir Francis Drake“ (ich habe erst im zweiten Buch kapiert, dass das Charlie Chaplin sein soll) und der älteren May Warren, welches wir zuerst aus der Perspektive des Schauspielers sehen und im anschließenden Kapitel dann aus Mays. Während des Gesprächs fährt die Figur des „Black Charley“ auf seinem skurrilen Fahrrad an der Szene vorbei. Das sehen wir dann wiederum im nächsten Kapitel aus dessen Sicht. Sehr wenig sehen wir von Alma und Mick Warren, die man wohl als Hauptakteure des Werks bezeichnen muss. Ob dies ein Problem ist mag jeder für sich selbst entscheiden. Alan Moore ist sich dessen aber durchaus bewusst. Im letzten Kapitel besucht Mick eine Kunstausstellung seiner Schwester. Er stellt fest, dass deren Werke wohl eine Geschichte erzählen, in denen die Hauptdarsteller nur am Rande vorkommen. Natürlich kann man auch die Stadt als eigentlichen Hauptcharakter identifizieren. In jedem Fall ist sich der Autor der Schwierigkeiten bewusst, die das Fehlen von eindeutigen Identifikationsfiguren mit sich bringt. Es hilft auch nicht unbedingt, dass er mit vielen verschiedenen Einflüssen und Erzählstilen experimentiert. Besonders nicht wenn man die Länge der Kapitel in Betracht zieht.

Das zweite „Buch“ unterscheidet sich deutlich vom Rest des Gesamtwerks. Wir folgen den Abenteuern des noch sehr jungen Mick Warren während einer Nahtoderfahrung. Mick kommt ins Obergeschoss (Himmel? Hölle? Totenreich?) und trifft auf ein Bande toter Kinder bzw. deren Geister. Da Mick eine wichtige Rolle zu erfüllen hat, müssen diese ihm dabei helfen, sich an seine Abenteuer im Obergeschoss (bzw. in „Menschenseele“) zu erinnern. Denn dies sei von äußerster Wichtigkeit. Dabei erleben sie allerlei Abenteuer während sie sich durch verschiedene Epochen graben, die sie zum Teil auch in die Welt der Lebenden bringt. Sie treffen z. B. Oliver Cromwell am Vorabend der Schlacht von Naseby. Erschwert wird das Unternehmen der Bande durch den Dämonen Asmodäus, der Mick zu einem Handel verleitet (den er aber scheinbar nie erfüllen muss). Das Obergeschoss ist dabei in mancher Hinsicht eine Kopie von Northampton und den Buroughs. Bis hin zu der Tatsache, dass dort einiges im Argen liegt. Wofür der Destruktor, die metaphysische Manifestation des Schornsteins einer Müllverbrennungsanlage (die wohl nicht mehr existiert wenn ich alles richtig verstanden habe), verantwortlich ist. Dieses Ende gilt es wohl abzuwenden. In Menschenseele erfahren wir auch, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wohl gleichzeitig existieren.

Im dritten „Buch“ springt Moore dann wieder zwischen allen möglichen Punkten hin und her. Dabei stellt er in manchen Kapiteln eine historische Figur aus der Geschichte Northamptons und eine der aktuellen Akteure direkt gegenüber. Auf diese Art begegnen wir Sir Isaac Newton in seiner Rolle als Leiter der staatlichen Münze. Northampton hatte wohl eine zentrale Rolle in der Entstehung einer britischen Währungsform (wieder: ich habe davon nichts geprüft). Mick und Alma kommen in diesem dritten Buch etwas öfter vor. Das ganze bezieht sich auf das erste Kapitel in welchem Mick, der sich nach einem Arbeitsunfall, wieder an einige seiner Erlebnisse in Menschenseele erinnern kann, Alma von diesen erzählt. Seine Schwester fasst dann das Vorhaben, diese Geschichte in Bilder zu fassen. Diese Kunstausstellung besuchen wir im letzten Kapitel.

Was will der Autor uns mit alldem nun sagen? Natürlich wäre da der autobiographische Anteil. Wie stark der auch immer sein mag. Aber im Zentrum dürfte wohl die Stadt, besonders jener als Buroughs bekannte Teil, stehen. Moore zeichnet die Entwicklung seiner Heimatstadt, an der ihm offensichtlich viel liegt, von einer einstmals wichtigen Ortschaft bis zu ihrem Verfall in den heutigen Zustand nach. Besonders die Buroughs sind dabei ein Problemviertel. Oder ein sozialer Brennpunkt wie man heute sagen würde. Moore stellt die Behauptung auf, dass jeder Einwohner dieses Viertels verschuldet sei. Schuld daran sei z. T. die Stadt selbst, die (bzw. deren Einwohner) als grundsätzlich aufsässig beschrieben werden und so das eine oder andere Mal in Konflikte mit König und Krone geriet. Was dann z. B. zur Auflösung der örtlichen Münze geführt habe. In moderneren Zeiten wird wohl auch Korruption eine Rolle gespielt haben, die etwaige Aufbaumaßnahmen für das Viertel zu Rohrkrepierern gemacht haben. Ein Stadtrat James Cockie soll sich dabei in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. In einem Kapitel ohne jedes Satzzeichen beteuert dieser seine Unschuld. Der Name scheint, wohl aufgrund des Vorwurfs, von Moore geändert worden zu sein. Zumindest konnte ich nichts über jenen Herrn Cockie finden. Vermutlich handelt es sich im richtigen Leben um den ehemaligen Amtsinhaber John Dicke.

Moore kann am Ende keine Lösung für seine Stadt anbieten. Was passieren muss wird passieren und es wird immer wieder passieren. So wird man auch immer wieder alten Bekannten begegnen und sein Leben immer wieder aufs Neue leben so wie wir es im zweiten „Buch“ in Menschenseele erleben. Ob das nun der Kern der Aussage des Buches ist, kann ich nicht abschließend feststellen. Aber es ist zumindest ein Teil dessen. Unterm Strich geht es ihm aber wohl um Northampton. Seiner Heimat, an der wohl, trotz aller Probleme, noch immer sein Herz hängt. Und obwohl er keine Lösung für diese Probleme aufzeigen kann, die Situation wohl sogar eher als ausweglos einschätzt, scheint er das alles nicht als per se negativ besetzt zu sehen. Der Eternalismus des sich stets wiederholenden Lebens (zu dem dann auch die Überschrift wieder passt) scheint ein Hoffnungsschimmer zu sein. Sofern ich mich nicht irre.

Das bringt mich (wie passend) zurück an den Anfang. Ich weiß nicht, wem ich dieses Buch empfehlen soll. Ich denke, dass es eine lohnende Lektüre sein kann, in der es viel zu entdecken gibt. Sofern man bereit ist, sich auf das alles einzulassen. Unser Lokalheld Christian Endres meinte mal zu mir, dass ich eher bereit bin, mich auf solche „Mindfucks von Moore, Neil Gaiman oder Grant Morrison“ mitnehmen zu lassen als er (wenn ich mich recht entsinne in Bezug auf „Sandman: Overture“). Dem mag durchaus so sein. „Jerusalem“ hat mich aber tatsächlich an meine Grenzen geführt. In einer Besprechung habe ich gelesen, dass, anders als bei seinen Comics (hier die Zeichner), niemand dabei war, der Moore einfängt, wenn er es übertreibt. Dem Eindruck schließe ich mich durchaus an. Da wäre die alles andere als lineare Erzählweise, die fast immer sehr langen Kapitel und das Spiel mit den verschiedenen Stilrichtungen (und die ganzen Einflüsse). Ein Kapitel ohne Satzzeichen (erstaunlich gut lesbar). Ein Kapitel in Form eines Theaterstücks (einer der Höhepunkte). Das Jugendbuch in der Mitte. Und dann ist da das oben schon angesprochene Kapitel „Neben der Spur“ in dem er James Joyces „Finnegans Wake“ nacheifert. Nahezu unlesbar aufgrund der … Phantasiesprache (aber immerhin, anders als bei Joyce, kein ganzes Buch in dieser Form). Und es trägt im Grunde nichts zum Rest des Buches bei. Wir sehen Joyces Tochter Lucia in Menschenseele (also dem Totenreich) als Patientin einer psychiatrischen Einrichtung wie sie durch die Zeiten wandelt. Dabei streift sie auch durch mehrere psychiatrische Kliniken (oder verschiedene Versionen derselben?) und trifft alle möglichen anderen Patienten. Darunter Schauspieler Patrick McGoohan („The Prisoner“). Sie reflektiert dabei über ihre Lebensgeschichte (z. T. wohl mit fiktiven Ereignissen angereichert) und das ganze endet damit, dass sie Sex mit dem Geist von Dusty Springfield hat.

Wie gesagt, ich denke, dass es sich durchaus um eine lohnende Lektüre handelt. Aber für wen? Man muss „Jerusalem“ wohl mehrfach lesen, um es in Gänze zu erfassen und wertzuschätzen. Allein, wer soll das tun? Ich habe fast ein Jahr daran gelesen. „Neben der Spur“ hat von dieser Zeit etwa einen Monat eingenommen. Ich wüsste nicht, wann ich mir diese Zeit noch mal nehmen könnte. Nicht in Anbetracht all der Bücher hier, die ich noch nicht gelesen habe, all derer die ich noch nicht gekauft habe, Arbeit im Schichtdienst, andere Interessen … Vielleicht mal, wenn Leslie Klinger tatsächlich eine kommentierte Version erstellt. Wer weiß.

Aber macht euch gerne alle selbst ein Bild. Immerhin ist es Alan Moore. Und Gerd freut sich über jedes verkaufte Exemplar.

And did those feet in ancient time
Walk upon England’s mountains green?
And was the holy Lamb of God
On England’s pleasant pastures seen?

[…]

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand
Till we have built Jerusalem
In England’s green & pleasant Land.

William Blake

  • Alan Moore
    Jerusalem
    Übersetzung Hannes Riffel und Andreas Fliedner
    Berlin, Memoranda Verlag, 2024, 1443 S. Hardcover
    ISBN 9783910914209 / € 78,00

Bevor wir an dieser Stelle in die Pötte kommen, muss ich wohl die Überschrift erklären. Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe das Buch schon vor einigen Jahren in der englischen Version in Hermkes Romanboutique gesehen. Da ich mich wohl mit Fug und Recht als Fan des Autoren Alan Moore bezeichnen kann,

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Adventskalender 2025 T-20: The Stranger Times

von am 4. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • C.K. Mcdonnell
    The Stranger Times
    Eichborn, 2023, 464 S.
    ISBN 9783847901570 / 14,00 Euro
    TB

Hannah Willis hat’s nicht leicht: frisch geschieden, pleite, keine Perspektive. Da landet sie ausgerechnet bei The Stranger Times, einer schrägen britischen Wochenzeitung, die sich auf das Abseitige spezialisiert hat: UFO-Sichtungen, Monsterlegenden, übernatürliche Ereignisse. So weit, so kurios. Doch kaum hat Hannah ihren Schreibtisch eingerichtet, geschehen tatsächlich ein paar seltsame Dinge.
Das Ganze spielt in Manchester, zwischen dampfenden Pubs, miesem Wetter und noch mieseren Witzen. Und genau dort entfaltet C.K. McDonnell eine Mischung aus britischem Mystery-Krimi und absurder Komödie. Bei McDonnell wundervollem Büchlein stehen aber nicht die fantastischen Element im Vordergrund, sondern die Menschen. Er schreibt wie jemand, der Douglas Adams gelesen, Terry Pratchett bewundert.Das Übernatürliche ist nur der Rahmen für etwas viel Bodenständigeres: Bürochaos, Zynismus, schräger britischer Humor. Die Figuren, allen voran Chefredakteur Vincent Banecroft, eine Mischung aus Grantler und Genie, sind so ungewöhnlich und schräg, man kennt und mag sie sofort.
Für Leute, die sonst sagen: „Ich kann mit Fantasy nix anfangen“, ist The Stranger Times der perfekte Seiteneinstieg. Es liest sich wie ein Mystery-Krimi mit überdrehtem Personal und einem Hauch X-Files-Feeling, gespickt mit gutem britischen Humor.
Wer möchte kann sich mit zwei weiteren Bänden der Reihe weiter amüsieren

  • C.K. Mcdonnell
    The Stranger Times
    Eichborn, 2023, 464 S.
    ISBN 9783847901570 / 14,00 Euro
    TB

Hannah Willis hat’s nicht leicht: frisch geschieden, pleite, keine Perspektive. Da landet sie ausgerechnet bei The Stranger Times, einer schrägen britischen Wochenzeitung, die sich auf das Abseitige spezialisiert hat: UFO-Sichtungen, Monsterlegenden, übernatürliche Ereignisse. So weit, so kurios. Doch kaum hat Hannah ihren Schreibtisch eingerichtet, geschehen tatsächlich ein paar seltsame Dinge.
Das Ganze spielt in Manchester,

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Adventskalender 2025 T-22: Shadow of Leviathan – The Tainted Cup

von am 2. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Bennett, Robert Jackson
    The Tainted Cup
    Adrian Wimmelbuchverlag, 2025, 464 Seiten
    ISBN 9783985852987

Wie ich bereits in einer früheren Rezension des selben Autors angeteasert habe, erschien am 14.11.2025 der erste Band seiner neuen "Shadow of Leviathan"-Reihe. Neben der von mir bereits sehr gern gelesenen und empfohlenen "Die Schlüssel der Magie" und "Die Göttlichen Städte"-Reihe nun also seine dritte Trilogie, die ich wieder nur wärmstens empfehlen kann, Robert Jackson Bennett ist nicht zu unterschätzen.

Wir begeben uns in eine dystopische Welt die von Leviathanen heimgesucht wird. Wesen, die in der Regenzeit vom Meeresboden auftauchen, um das Imperium, unseren Ort des Geschehens, nicht nur zu terrorisieren, sondern auch zu zerstören. Über Jahrhunderte hinweg entwickelte das Imperium Strategien und vor allem "Anpassungen" um diesem Problem Herr zu werden. Neben der Seemauer über die die Küste überwacht und den Leviathanen Einhalt in Form von Waffengewalt geboten wird, werden Menschen in jeglicher Form angepasst, damit Sie dem Imperium besser mit Ihrer Stärke, Ihren Sinnen oder Ihrem Wissen dienen können. Auch Pflanzen und Tiere erhalten sogenannte "Plantate" um Ihnen verschiedene Resistenzen oder ähnliches zu verleihen, beispielsweise um Waffen zu verbessern.

Hier folgen wir dem jungen Gravierer Dinios "Din" Kol, der als Ermittlungsgehilfe für Anagosa "Ana" Dolabra arbeitet. Als Gravierer besitzt er die Fähigkeit sich alles was er gesehen, wahrgenommen und erlebt hat einzugravieren und es jederzeit wieder abrufen zu können, was für seine Arbeit, die man mit der der Polizei vergleichen könnte, recht praktisch ist. Aus seiner Sicht heraus verfolgen wir einen mysteriösen Mordfall, der mit jeder Entdeckung tiefer dringt und größere Kreise zieht als anfangs erwartet. Während Din ein eher zurückhaltender, ernster Charakter ist, stellt Ana, die Ermittlerin, mit ihrem humorvollen, wahnwitzigen Gemüt ein ziemliches Gegenteil dazu dar. Aufgrund Ihrer außerordentlichen Begabung Dinge zu kombinieren und Muster zu erkennen, leistet Sie als Ermittlerin herausragende Arbeit und überrascht den Leser immer wieder mit Ihren detailgenauen Schlussfolgerungen, sodass man sich auf jede Berichterstattung Dins Ihr gegenüber freut.

Schon nach den ersten Kapiteln dieses Buches erfasste mich eine wehleidige Stimmung, da ich mir darüber bewusst wurde, dass auch dieses Buch enden wird und es noch bis Mai 2026 dauern wird, bis der zweite Band der Reihe erscheint. Einen Kriminalroman in eine solch durchdachte und spannende Fantasywelt zu verpacken ließ mich erst ein wenig zögern, der wunderbar lesbare und ausschmückende Schreibstil von Robert Jackson Bennett konnte mich zusammen mit der Spannung des Romans jedoch schnell überzeugen.

Auch wenn man ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen soll, freue ich mich über jedes, das zusätzlich zu einem guten Inhalt auch mit einem schön gestalteten Einband daher kommt. Neben dem "Wie die Faust aufs Auge"-passenden Cover, hat dieses Buch auch noch einen dazugehörigen Farbschnitt, der es meiner Meinung nach zu einem perfekten Weihnachtsgeschenk für Fantasy- oder auch Krimi-Fans macht.

„So viel Gefühl habe ich noch nie zuvor in deiner Stimme gehört, Din! Das muss ja ein wirklich spektakulärer Todesfall gewesen sein, wenn er durch deine Langweiligkeit zu dir vorgedrungen ist und solch wilde Leidenschaft geweckt hat.“

  • Bennett, Robert Jackson
    The Tainted Cup
    Adrian Wimmelbuchverlag, 2025, 464 Seiten
    ISBN 9783985852987

Wie ich bereits in einer früheren Rezension des selben Autors angeteasert habe, erschien am 14.11.2025 der erste Band seiner neuen "Shadow of Leviathan"-Reihe. Neben der von mir bereits sehr gern gelesenen und empfohlenen "Die Schlüssel der Magie" und "Die Göttlichen Städte"-Reihe nun also seine dritte Trilogie, die ich wieder nur wärmstens empfehlen kann, Robert Jackson Bennett ist nicht zu unterschätzen.

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Adventskalender 2025 T-23: Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit

von am 1. Dezember 2025 noch kein Kommentar

  • Ken Follett
    Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit
    Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt
    Köln, Lübbe Verlag, 2025, 672 S.
    ISBN 9783757701239 / 36,00 Euro
    Hardcover

Ja, Ken Follett muss man eigentlich nicht rezensieren oder bewerben. Aber "Die Säulen der Erde" war immer eine der Top Empfehlungen von Hermke UND ebenfalls ein Buch, das ich sehr schätze. Über die spätere Einordung als ersten Teil der  Kingsbridge Serie muss ich dann schon ein wenig schmunzeln. Denn "Die Säulen der Erde" ist ein komplett in sich geschlossener Einzelband und meiner Meinung nach konnte keiner der späteren "Teile" diese einzigartige Stimmung, Spannung und Tiefe erreichen.

Versteht mich nicht falsch, Ken Follett schreibt routiniert und mit gleichbleibender Qualität. Stets gut recherchiert und mit Feingefühl und Fantasie um fiktive Protagonisten und Geschehnisse erweitert. Trotzdem kam keiner der Romane an "Die Säulen der Erde" heran. Für mich (und Hermke) jedenfalls.

Anders war das jetzt bei "Stonehenge". Obwohl ich mich über die marketingtechnischen Platitüde "Kathedrale der Zeit" in Anlehnung an "Die Säulen der Erde" schon ziemlich amüsiert habe, habe ich den neuen Roman wieder gelesen. Und bin belohnt worden. 

Ken Follet schreibt in gewohnt unterhaltender Manier, die Eckdaten sind auf dem Stand neuester Erkenntnisse und in diesen historischen Unterbau erzählt er die Geschichten mehrerer Protagonistinnen, ja vornehmlich weiblicher Identifikationsfiguren, die rund und authentisch wirken. Eine davon ist Joia, Priesterin des Hirtenvolkes. Eine durch und durch charismatische Frau mit der Vision, ein Monument für die Ewigkeit zu errichten. Den langsam verfallenden, hölzernen Kultplatz durch ein steinernes Monument zu ersetzen.

Dabei geht Follet langsam und bedächtig vor. Zeichnet erst Bilder der unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen. Die Sammler, die klassischen Überlebensstrategien steinzeitlicher Lebensart folgen, die Hirten, die domestiziertes Vieh nutzen und schließlich die ortsgebundenen Bauern, die ihr Ackerland bestellen. Er lässt sich viel Zeit einen Eindruck dieser Lebenskonzepte, der jeweiligen Menschen und der Konflikte der Stämme untereinander zu zeichnen. Natürlich ist all das, vor allem die individuellen Beschreibungen von Problemlösungen und Inventionen genauso wie die sozialen Strukturen und Hierarchien, wenig wissenschaftlich belegbar. Trotzdem gelingt es ihm eine plastische Vorstellung möglicher gesellschaftlicher Ordnungen und Strukturen zu erzeugen. Dabei ganz bewusst unterschiedliche Modelle vom strengen Patriarchat der Bauern über das fast anarchische Waldvolk zu der utopischen Mischform beim Hirtenvolk gegenüber zu stellen. Gerade die Mischform mit leicht matriarchalischen Zügen beim Hirtenvolk und die starken Frauencharaktere wirken trotz des modernen Anscheins durch und durch authentisch.

Die Härte und Brutalität dieser frühen Kulturen zeigt sich an vielen Stellen des Romans. Es ist also keinesfalls eine heile Welt. Trotz der leicht utopischen Schilderung der Gesellschaft des Hirtenvolkes und der Priesterinnen. Mord und Totschlag, Krankheit und Unfälle, Brutalität und andauernder Überlebenskampf. All das wird ausreichend authentisch und teilweise fast schon frustrierend dargestellt. Da ist man als Leser fast schon froh, dass am Ende ja alles gut wird und der Traum Joias in Erfüllung gehen muss. Denn wie wir wissen, steht Stonehenge ja bis heute.

Stonehenge hat mich sehr gut unterhalten. Ich konnte mich mit den Protagonisten angenehm einfach anfreunden. Ich konnte mit ihnen Bangen und hoffen, trauern und lieben. Ich denke, es hat bei mir "Die Säulen der Erde" von Platz eins verdrängt. Obwohl der zeitliche Abstand dieses Buch schon ziemlich in den Olymp gehoben hatte. Wir wissen ja alle, wie verklärt oft solche Erinnerungen sind. Seis drum. Der Einduck von Stonehenge ist frisch und das Buch hat alles, was man von einem solchen historisierenden Roman erwarten kann.

  • Ken Follett
    Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit
    Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt
    Köln, Lübbe Verlag, 2025, 672 S.
    ISBN 9783757701239 / 36,00 Euro
    Hardcover

Ja, Ken Follett muss man eigentlich nicht rezensieren oder bewerben. Aber "Die Säulen der Erde" war immer eine der Top Empfehlungen von Hermke UND ebenfalls ein Buch, das ich sehr schätze. Über die spätere Einordung als ersten Teil der  Kingsbridge Serie muss ich dann schon ein wenig schmunzeln.

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Adventskalender 2025 T-24: Lavinia

von am 30. November 2025 noch kein Kommentar

  • Le Guin, Ursula K.
    LAVINIA. Roman.
    Ü: Matthias Fersterer, Nachwort: U. K. Le Guin, Karte: Jeff Mathison
    (LAVINIA / 2008)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 306 S.
    ISBN 978-3-910914-44-5 / 22,00 Euro
    Klappenbroschur

Da ich nicht zu Jenen gehöre, die „ihren Vergil im Original“ lesen können (wie die Romanistin Le Guin gerne erzählte), musste ich vor der Lektüre von LAVINIA noch mal schnell das Internet befragen: Der römische Dichter Vergil lebte im 1. Jahrhundert vor Christus und verfasste mit seinem Versepos AENEIS den Gründungsmythos des Römischen Reiches. Darin erzählt er die Fahrten und Abenteuer des Aeneas, beginnend mit dessen Flucht aus dem brennenden Troja bis hin zu seiner Landung in Italien und den dortigen Kämpfen um die Herrschaft über Rom. Dabei lernt er König Latinus kennen, der ihm seine Tochter Lavinia zur Frau gibt. Dieser bleibt bei Vergil jedoch eine stille Nebenrolle beschieden.

Womit die Rahmenhandlung abgesteckt wäre, in die Ursula K. Le Guin nun ihre Version vom Leben der Prinzessin, Ehefrau, Mutter und Königin Lavinia einfügt und ihr eine Art „poetischer Gerechtigkeit“ widerfahren lässt.

Die Ich-Erzählerin Lavinia erhebt nun ihre Stimme und erzählt ihre Lebensgeschichte, in der die Zeit mit Aeneas nur eine (wenngleich auch die bei weitem wichtigste) Episode darstellt.
Sie berichtet von ihrer Kindheit und Jugend, ihrem Leben als Prinzessin am königlichen Hof von Laurentum, dem Werben ihrer Freier (darunter Turnus, der Cousin und Favorit ihrer Mutter), ihrer (traumhaften) Begegnung mit dem Dichter Vergil (der ihr einen Großteil seines Epos erzählt), ihrem Warten auf Aeneas, den kriegerischen Auseinandersetzungen, die auf sein Eintreffen folgen, der Heirat und der Schwangerschaft und dem Tod des/ihres Helden.
Damit endet Vergils Dichtung, nicht jedoch Lavinias Leben.
Sie, die „nicht genug echte Sterblichkeit“ verliehen bekam, führt den Haushalt weiter, dient ihrem Volk als Königin, übernimmt die Erziehung des Prinzen Silvius (auch gegen den Willen von Aeneas’ Erstgeborenem Askanius), sieht diesen zum König und sich selbst zur Großmutter werden – und driftet aus dem weiteren Geschehen hinaus, wechselt in die Hülle einer Eule und überbrückt so die Zeit- und Sprachbarrieren zwischen der Gründung Roms und dem Heute.

In einer traumhaft schönen Sprache schreibt Le Guin hier in der Rolle einer Übersetzerin ihre Prosafassung der Vergil’schen Heldendichtung. Sie hat in Lavinia die ideale Erzählfigur gefunden: nahe genug am Geschehen um glaubhaft ihre Version darlegen zu können, aber nicht vorbelastet durch zuviel Beschreibung des antiken Dichters.

Le Guins Stil ist topaktuell, fast postmodern zu nennen; sie bricht das Geschehen immer wieder auf, um zum Beispiel die Figur Lavinia (die sich ihrer Figurenrolle bewusst wird) mit ihrem „Erfinder“ Vergil ins Gespräch zu bringen. Dabei spricht dieser nicht nur seine eigenen Verse, sondern reflektiert auch über jenen Spätergeborenen (Dante), der ihn dereinst zum Führer durch die Unterwelt machen wird. Auch Lavinias Erkenntnis, dass sie ihr Leben ab einem bestimmten Zeitpunkt nun ohne die Visionen des Dichters weiterleben muss, deutet weit über den Rahmen eines gewöhnlichen Historiendramas hinaus.

LAVINIA ist ein Buch, das beim Lesen alle Sinne berührt und viele Emotionen weckt – und nachher ein Gefühl von erhabener Fröhlichkeit hinterlässt. Ganz, ganz große Literatur.

Horst Illmer

  • Le Guin, Ursula K.
    LAVINIA. Roman.
    Ü: Matthias Fersterer, Nachwort: U. K. Le Guin, Karte: Jeff Mathison
    (LAVINIA / 2008)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 306 S.
    ISBN 978-3-910914-44-5 / 22,00 Euro
    Klappenbroschur

Da ich nicht zu Jenen gehöre, die „ihren Vergil im Original“ lesen können (wie die Romanistin Le Guin gerne erzählte), musste ich vor der Lektüre von LAVINIA noch mal schnell das Internet befragen: Der römische Dichter Vergil lebte im 1.

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Die Stadt der singenden Flamme

von am 26. November 2025 noch kein Kommentar

  • Clark Ashton Smith,
       oder kurz CAS, ist neben
    H. P. Lovecraft
       und
    Robert E. Howard
       das dritte Mitglied der „drei Musketiere der Weird Tales“.
       Während seine beiden Zeitgenossen und regelmäßigen Korrespondenzpartner bereits mehr als einmal hier besprochen wurde, gab es noch keinen Beitrag, der ausschließlich dem Schaffen Smiths gewidmet war. Die Neuausgabe des Bandes
    Die Stadt der singenden Flamme
       im Rahmen der neuen Classics-Reihe des
    Festa Verlags
       liefert also die perfekte Ausrede, um dies zu ändern.

Wie auch schon der erste Band der Reihe, der Robert Howards Solomon Kane gewidmet war, handelt es sich hier nicht um Erstveröffentlichungen sondern um Nachdrucke. Eine sechsbändige Reihe mit dem unheimlich-phantastischen Werk Smiths erschien zwischen 2011 und 2018 in der Reihe H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens. Im Verlauf dieser neuen Serie sei es geplant, alle diese Bücher, dieses Mal in Form von Paperbacks, wieder zugänglich zu machen. Der Großteil der alten Reihe ist verlagsseitig nicht mehr lieferbar.

Clark Ashton Smith ist für Kenner der phantastischen Literatur, insbesondere der Weird Fiction, kein unbeschriebenes Blatt. Die ersten Veröffentlichungen seiner Kurzgeschichten gab es in der seligen Bibliothek des Hauses Usher (die Bücher mit den grünen Seiten) und ihren Taschenbuchauswertungen bei Suhrkamp. Im Gegensatz zu seinen beiden berühmteren Kollegen ist Smith danach aber etwas in Vergessenheit geraten. Vor der oben bereits angesprochenen Werkausgabe gab es in derselben Reihe 2001 einen Auswahlband unter dem Titel Necropolis. Deren einen Hälfte war mit Geschichten aus Zothique gefüllt, während der Rest thematisch unsortierte Geschichten enthielt. Dieser Band begründet mein Fandom zu diesem Autoren, der von vielen Fans mitunter als der bessere Lovecraft bezeichnet wird. Als ca. 2006 die Pläne für die o. g. Werkausgabe erstmals angekündigt wurden (kurz nach der Ankündigung für Howards gesammelte Horrorstories übrigens), war ich sofort Feuer und Flamme und zwischen Herausgeber Frank Festa und mir kam es zu einem kurzen Mail-Austausch. Dass es ca. fünf Jahre dauern sollte, bis ich den ersten Band dann in Händen halten sollte, habe ich damals nicht geahnt. Aber die Wartezeit hatte sich durchaus gelohnt.

Damals wie heute wird der Reigen mit "Die Stadt der singenden Flamme" eröffnet. Eine durchaus geschickte Entscheidung. Wir werden gleich sehen warum. Wie ich oben erwähnt habe, bestand ca. die Hälfte des Bandes "Necropolis" aus Geschichten über den letzten Kontinent Zothique. Dieses Zothique ist nun nicht die einzige Welt, die CAS zur Geschichte der Phantastik beigesteuert hat. Neben einigen thematisch ungebundenen Erzählungen enthält der vorliegende Band sämtliche Geschichten aus Hyperborea. Dieses Hyperborea hat nun nichts mit dem Robert E. Howards zu tun. Die beschriebene Welt dürfte sich, anders als das vorhistorische hyborische Zeitalter REHs, etwa in der Eisenzeit befinden, kurz vor dem Einsetzen einer Eiszeit. Es sind diese Geschichten, in denen sich Smith dem Cthulhu-Mythos am meisten nähert, womit der Band für Fans Lovecrafts und seiner Großen Alten besonders interessant wird. Smith steuert hier seine eigenen Kreaturen Tsathoggua und Ubbo-Sathla zum Mythos bei. Interessanterweise wurde Tsathoggua – aufgrund der regen Korrespondenz der drei, die so auch ihre Geschichten gegenseitig gelesen und kritisiert haben – veröffentlichungstechnisch zuerst bei Howard ("Die Kinder der Nacht") und Lovecraft ("Der Flüsterer im Dunkeln") erwähnt, bevor Smiths "Die Geschichte des Zatampra Zeiros" erstmals abgedruckt wurde.

Smith und Lovecraft waren sich in gewisser Hinsicht wohl sehr ähnlich. Beide hatten relativ wenig Verständnis für den Ablauf im Literatursystem in ihrem Markt. Anders als HPL war Smith aber wesentlich eher in der Lage oder bereit dazu, eine Geschichte den Wünschen eines Verlegers (oft Farnsworth Wright von "Weird Tales") anzupassen. Er konnte sogar jeden Anspruch sausen lassen, wenn er für Männermagazine wie "Playboy" geschrieben hat (in der Hardcover-Ausgabe waren diese Beiträge im dritten Band enthalten, freut euch). Seine Geschichten sind außerdem von einem hintergründigen Humor gekennzeichnet, der Lovecraft selbst fast völlig abgeht. Smith könnte man in mancher Hinsicht als eine anspruchsvollere Version Lovecrafts bezeichnen. Seine Sprache ist sicher poetischer (er soll auch ein besserer Dichter als HPL gewesen sein). Zum Teil mag sich darin sicher eine Begründung finden, warum er selbst nie so populär wurde wie seine beiden Mit-Musketiere. Literaturkritiker und Autor Ryan Harvey bezeichnet Smith als Ein-Mann-Literaturbewegung, der zwar ein wichtiger Erneuerer der phantastischen Literatur gewesen sei, aber selbst weder einen nachhaltigen Trend begründet habe noch ein Vorbild für seinen Stil gehabt habe. Umso wichtiger, dass Genre-Fans diesen Autoren neu oder wieder entdecken. Dem Festa Verlag ist sein fortgesetztes Bemühen um Clark Ashton Smith hoch anzurechnen. Ebenfalls lieferbar ist der Auswahlband "Clark Ashton Smith: Der Mythos des Cthulhu" mit den wichtigsten Hyperborea-Stories und einigen anderen Erzählungen mit Verknüpfungen zum Mythos.

  • Clark Ashton Smith,
       oder kurz CAS, ist neben
    H. P. Lovecraft
       und
    Robert E. Howard
       das dritte Mitglied der „drei Musketiere der Weird Tales“.
       Während seine beiden Zeitgenossen und regelmäßigen Korrespondenzpartner bereits mehr als einmal hier besprochen wurde, gab es noch keinen Beitrag, der ausschließlich dem Schaffen Smiths gewidmet war. Die Neuausgabe des Bandes
    Die Stadt der singenden Flamme
       im Rahmen der neuen Classics-Reihe des
    Festa Verlags
     

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Der Tag vor der Revolution

von am 24. November 2025 noch kein Kommentar

  • Ursula K. Le Guin
    DER TAG VOR DER REVOLUTION.
    25 Science-Fiction-Storys.
    Originalausgabe
    Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und mit einem Nachwort von Karen Nölle
    Frankfurt a. M., TOR (S. Fischer), 2025, 782 S.
    ISBN 978-3-596-71087-4 / 36,00 Euro
    Hardcover

Die US-amerikanische Autorin Ursula K. Le Guin (1929–2018) erlebt seit einigen Jahren bei uns endlich die verdiente, aber leider lange Zeit verweigerte, Aufmerksamkeit, die einer Weltliteratin zusteht. Die Verlage TOR und Carcosa kümmern sich um ihre Hauptwerke, die in hervorragenden Erst- oder Neuübersetzungen, hauptsächlich durch die kongeniale Karen Nölle, neue Leser*innen-Generationen begeistern.

Dabei handelt es sich jedoch überwiegend um Romane (von einem Essay-Band bei Golkonda und der überaus beliebten »Tragetaschentheorie« in »Am Anfang war der Beutel« bei Oya einmal abgesehen), ihre über einhundert Stories und Novellen wurden in den letzten dreißig Jahren sehr stiefmütterlich behandelt.

Mit dem monumentalen Band DER TAG VOR DER REVOLUTION, der zur Buchmesse 2025 erschienen ist, erfährt auch dieser Missstand Abhilfe. Gleich 25 Science-Fiction-Storys sind hier auf fast 800 Seiten versammelt, immerhin fünf von ihnen als Deutsche Erstausgaben, die anderen durchgesehen und neu übertragen.

Natürlich sucht der Kennerblick zuerst die großen Klassiker („Die aus Omelas fortgehen“, „Neun Leben“ oder „Der Tag vor der Revolution“), aber nach so langer Zeit ist das müßig und eher dem Alter des Rezensenten geschuldet. Tatsächlich ist es so, dass in dieser Sammlung kein einziger Ausfall zu verzeichnen ist. Es geht eher um Vorlieben: Geschichten, die im Rahmen der Hainish-Ökumene angesiedelt sind, oder Stories, die für sich alleine stehen. Frühe Texte, die (gewissermaßen) noch der traditionellen Science Fiction angehören, oder Erzählungen, in denen Le Guin ihre stetig weiter entwickelte Meisterschaft durch Themenwahl und Konzentration auf Wesentliches beweist.

Karen Nölle verfolgt diese Entwicklung in ihrem ausführlichen Nachwort, lässt jedoch auch Le Guin selbst in zwei klugen Essays („Darf ich mich vorstellen?“ und „Science Fiction lese ich nicht“) über das Verhältnis zwischen Autorin und Publikum nachdenken.

(Seufzer) Ich weiß – Kurzgeschichten sind für viele Leser*innen eine eher abschreckende Textsorte. Aber! Wenn Sie in diesem Jahr nur eine einzige Story-Sammlung kaufen und lesen wollen, werden Sie hier den ultimativen Kick erleben. (Und vielleicht noch mal ganz neu nachdenken, über Ihr Verhältnis zur kurzen Literaturform.)

Horst Illmer

  • Ursula K. Le Guin
    DER TAG VOR DER REVOLUTION.
    25 Science-Fiction-Storys.
    Originalausgabe
    Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und mit einem Nachwort von Karen Nölle
    Frankfurt a. M., TOR (S. Fischer), 2025, 782 S.
    ISBN 978-3-596-71087-4 / 36,00 Euro
    Hardcover

Die US-amerikanische Autorin Ursula K. Le Guin (1929–2018) erlebt seit einigen Jahren bei uns endlich die verdiente, aber leider lange Zeit verweigerte, Aufmerksamkeit, die einer Weltliteratin zusteht. Die Verlage TOR und Carcosa kümmern sich um ihre Hauptwerke,

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Die Spur der Vertrauten

von am 19. November 2025 noch kein Kommentar

  • Christelle Dabos
    DIE SPUR DER VERTRAUTEN.
    Ü: Amelie Thoma & Nadine Püschel
    (»NOUS« / 2024)
    Frankfurt a. M., Rotfuchs, 2025, 640 S.
    ISBN 978-3-7571-0222-7 / 22,90 Euro
    Hardcover

Vor etwas mehr als fünf Jahren betrat die französische Autorin Christelle Dabos mit ihrem vier Bücher umfassenden Erzählwerk um „Die Spiegelreisende“ (erschienen im Insel Verlag) das Spielfeld der epischen Fantasy.

Nun erscheint bei Rotfuchs ihr aktueller Roman DIE SPUR DER VERTRAUTEN, der als Einzelband angelegt scheint und eine Mischung aus dystopischem Gesellschaftsentwurf und Entwicklungsroman darstellt.

Die Protagonist*innen leben in einer Welt, in der nur das „Wir“ zählt und Individualität gar nicht mehr vorkommen sollte. Aber wie das halt so ist – wenn etwas schief läuft, sind es immer Einzelne, die das merken und sich Gedanken machen …

Dabos besitzt die Gabe des Erzählens. Ihre Figuren gehen ans Herz, sind stimmig in ihrer Entwicklung und liebenswert mit ihren Fehlern. Und so ist DIE SPUR DER VERTRAUTEN vor allem Eines: Gute Unterhaltung für alle, die jung genug zum Tag-Träumen sind.

Horst Illmer

  • Christelle Dabos
    DIE SPUR DER VERTRAUTEN.
    Ü: Amelie Thoma & Nadine Püschel
    (»NOUS« / 2024)
    Frankfurt a. M., Rotfuchs, 2025, 640 S.
    ISBN 978-3-7571-0222-7 / 22,90 Euro
    Hardcover

Vor etwas mehr als fünf Jahren betrat die französische Autorin Christelle Dabos mit ihrem vier Bücher umfassenden Erzählwerk um „Die Spiegelreisende“ (erschienen im Insel Verlag) das Spielfeld der epischen Fantasy.

Nun erscheint bei Rotfuchs ihr aktueller Roman DIE SPUR DER VERTRAUTEN,

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Bärenzähne

von am 17. November 2025 noch kein Kommentar

  • Callan Wink
    Bärenzähne
    Suhrkamp, Berlin 2025, 251 Seiten
    ISBN 978-3-518-43261-7

Einen Großteil des Jahres arbeitet Callan Wink als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River – im Winter schreibt der 1984 geborene Amerikaner Bücher, etwa den Coming-of-Age-Roman „Big Sky Country“ zwischen Hemingway, Steinbeck und Proulx, oder seine Storysammlung „Der letzte beste Ort“. Mit dem Roman „Bärenzähne“ liegt nun sein neuestes Werk auf Deutsch vor. Darin zeigt uns Wink die prächtige Natur von Montana und speziell um den berühmten Yellowstone-Nationalpark, aber auch die Schattenseite dieses definitiven Sehnsuchtsorts, sozusagen die alltäglichere dynastische Rückseite der so süffigen wie bonzigen „Yellowstone“-Fernsehserie.

In „Bärenzähne“ kämpfen die Brüder Thad und Hazen nach dem Tod ihres Vaters gegen den Pleitegeier, der über ihrem einfachen Haus, ihrem einkommensschwachen Hinterwäldler-Leben in der Pampa kreist. Dazu fällen, sägen, spalten, stapeln sie Holz und wildern sie Schwarzbären, all das mit Blick auf die titelgebenden Beartooth Mountains. Dann lassen sich der besonnene Thad und der naive Hazen auf einen örtlichen Ganoven ein. Sie sagen zu, für ihn in rauen Mengen abgeworfene Hirschgeweihe aus dem nahen Park zu schmuggeln. Doch dieser riskante Plan wirft das Leben der Brüder endgültig aus der Bahn …

Callan Wink vermischt in seinem einerseits dichten, andererseits luftigen Roman über die Lebenswirklichkeit des amerikanischen Hinterlands starke Prosa mit emotional glaubhaften Figuren, fusioniert stilsicher exzellenten Country Noir mit schönem Nature Writing. Außerdem bindet Wink einige weniger geläufige Facetten des Yellowstone-Nationalparks als überraschende Elemente in seinen Plot ein. Ein Buch wie gemacht für Fans von William Gay, Daniel Woodrell, C. J. Box und Willy Vlautin.

Christian Endres

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  • Callan Wink
    Bärenzähne
    Suhrkamp, Berlin 2025, 251 Seiten
    ISBN 978-3-518-43261-7

Einen Großteil des Jahres arbeitet Callan Wink als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River – im Winter schreibt der 1984 geborene Amerikaner Bücher, etwa den Coming-of-Age-Roman „Big Sky Country“ zwischen Hemingway, Steinbeck und Proulx, oder seine Storysammlung „Der letzte beste Ort“. Mit dem Roman „Bärenzähne“ liegt nun sein neuestes Werk auf Deutsch vor. Darin zeigt uns Wink die prächtige Natur von Montana und speziell um den berühmten Yellowstone-Nationalpark,

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Navola

von am 12. November 2025 noch kein Kommentar

  • Paolo Bacigalupi
    NAVOLA – DAS ERWACHEN DES DRACHEN.
    Ü: Alexander Weber
    (NAVOLA / 2024)
    Frankfurt, S.Fischer/TOR, 2025, 800 S.
    ISBN 978-3-596-71089-8

Seit Paolo Bacigalupi vor etwa 25 Jahren damit begann Kurzgeschichten und Romane zu veröffentlichen, ist er eine feste Größe der US-amerikanischen Science Fiction. Vor allem sein Roman BIOKRIEG (2011 bei Heyne erschienen) machte ihn auch hierzulande bekannt. Nach der Jugendbuch-Trilogie um die SCHIFFSDIEBE (2012–2018) gab es jedoch eine ungewöhnlich lange Pause, die jetzt aber beendet ist.

Mit einem erstaunlichen Switch von der Science Fiction zur Fantasy kehrt Paolo Bacigalupi in dem Roman NAVOLA – DAS ERWACHEN DES DRACHEN zurück. Wie er kürzlich in einem Interview erzählte, litt er unter einer hartnäckigen Schreibblockade, bis ihn der Satz „Auf dem Schreibtisch meines Vaters stand ein Drachenauge“ aus diesem Dilemma erlöste.

Es folgte eine aufwändige Recherche (inklusive einer Studienreise) über das alte Italien zur Zeit der Renaissance, als Kunst und Politik eine bis dahin ungekannte Blüte erlebten. Die damaligen Stadtstaaten und ihre noch heute legendären Herrscherfamilien geben dann auch einen würdigen Hintergrund ab für Bacigalupis Neuinterpretation des Themas.

Damit das Ganze als „Historical Fantasy“ funktioniert, mischt der Autor noch eine ordentliche Portion Naturzauberei und eine spezielle Form der Drachenmagie unter die ausgiebig erklärten Schauplätze und sorgfältig konstruierten Lebensläufe seiner Figuren.

Die Geschichte des jungen Davico di Regulai, der als Erbe eines Finanzimperiums zwischen die Fronten feindlicher Neider gerät, wirkt wie ein farbenfrohes Breitwandgemälde: überall gibt es etwas Neues zu entdecken, man genießt den Überblick ebenso wie die kleinen Details und kann sich gar nicht satt sehen. Am Ende ist man erschöpft aber glücklich und freut sich auf das nächste Mal.

Es ist ganz klar: NAVOLA brachte Bacigalupis Fabulierkunst wieder auf Trab. Das neue Genre meistert er bravourös, und es bleibt am Ende nur der Wunsch nach einer baldigen Fortsetzung offen.

Horst Illmer

  • Paolo Bacigalupi
    NAVOLA – DAS ERWACHEN DES DRACHEN.
    Ü: Alexander Weber
    (NAVOLA / 2024)
    Frankfurt, S.Fischer/TOR, 2025, 800 S.
    ISBN 978-3-596-71089-8

Seit Paolo Bacigalupi vor etwa 25 Jahren damit begann Kurzgeschichten und Romane zu veröffentlichen, ist er eine feste Größe der US-amerikanischen Science Fiction. Vor allem sein Roman BIOKRIEG (2011 bei Heyne erschienen) machte ihn auch hierzulande bekannt. Nach der Jugendbuch-Trilogie um die SCHIFFSDIEBE (2012–2018) gab es jedoch eine ungewöhnlich lange Pause,

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Festa Classics: Solomon Kane (Robert E. Howard)

von am 5. November 2025 3 Kommentare

  • Robert E. Howard
    Solomon Kane
    Borsdorf, Festa Verlag 2025
    ISBN 9783986762308 € 16,99

Solomon Kane dürfe neben dem cimmerischen Barbaran Conan wohl Robert E. Howards populärste Figur sein. Seine Abenteuer sind mehrfach Hierzulande erschienen. In den letzten ca. 15 Jahren hat sich hauptsächlich der Festa Verlag um die literarischen Werke des Texaners gekümmert und thematisch verschiedene Bereiche aus dem Schaffen Howards auf den Markt gebracht. Darunter Sammlungen seiner unheimlichen Geschichten, eine schöne Hardcover-Ausgabe vom oben erwähnten Barbaren in sechs Bänden und auch eine streng limitierte, nur über den Verlag zu bekommende Gesamtausgabe der Abenteuer des Rapier schwingenden Puritaners Solomon Kane, der auf seinen Reisen, oft durch Afrika, viele Abenteuer bestehen muss. Oft mit dem Hauch des Übernatürlichen Versehen.

Eine Neuausgabe erfahren diese Geschichten nun in der neuen Reihe Festa Classics. In dieser sollen wohl auch noch weitere REH-Ausgaben (vornehmlich wohl seine Horrorgeschichten), das Werk Clark Ashton Smiths und Sarbans At the Sound of his Horn erscheinen. Auch eine Auswertung der Werke Richard Mathesons (des älteren) steht auf dem Veröffentlichungsplan dieser Reihe, die frei im Handel erhältlich sein wird.

Den Einstand gibt eben Solomon Kane. Der vorliegende Band versammelt sämtliche Geschichten und drei Gedichte um den grimmen Puritaner. Auf den Abdruck der Kane-Fragmente und der zusätzlichen Texte aus dem oben angesprochenen limitierten Sonderband wird dabei für dieses Buch verzichtet. Eine durchaus angebrachte Entschlackung, da diese wohl nur für Hardcore-Fans und Komplettisten interessant sind. Timo Wuerz steuert Illustrationen bei (vermutlich dieselben wie im Sonderband).

Howard gehört neben H. P. Lovecraft und C. A. Smith zu den „Drei Musketieren von WEIRD TALES“ und damit zu den wohl bedeutendsten Pulp-Autoren seiner Zeit. Er war seinen beiden Mitstreitern in mancher Hinsicht voraus. Anders als HPL und CAS hatte er keine Probleme damit, seine Geschichten den Bedürfnissen von Markt und Verlegern anzupassen. Eine Entscheidung, mit der Lovecraft und Smith wohl immer gehadert haben wie man ihrem Briefverkehr entnehmen kann. Der Texaner war in dieser Hinsicht wesentlich pragmatischer, was sich wohl auch in dessen aktiverem Lebensstil widerspiegelt. Lovecraft wäre es wohl auch mit Cthulhu höchstselbst im Nacken nicht eingefallen, Gewichte zu stemmen.

Das führt für mich allerdings auch dazu, dass Howard der am wenigsten interessante Autor dieses Dreigestirns ist. In aller Regel können seine unheimlichen Geschichten nicht mit denen Lovecrafts oder Smiths mithalten. Die herausstechendsten Ausnahmen in seinem Werk, wenn auch nicht immer zur Horrorgeschichte zählend, sind die Abenteuer Conans und eben Solomon Kanes. Howards Stärke liegt darin, eine spannende Abenteuergeschichte zu erzählen. Die spielt er in den hier versammelten Geschichten voll aus, ohne sich zu sehr von einem geschichtlichen Hintergrund einengen zu lassen, wie es ihm oft bei seinen historischen Erzählungen passiert ist. Kanes Abenteuer sind ein Höhepunkt der frühen Fantastik an der eigentlich kein Fan des Genres vorbeikommt. Besonders dann nicht, wenn er auch an der Geschichte dieser Literaturgattung interessiert ist. Dass der Festa Verlag diese Abenteuer erneut zugänglich macht, muss man ihm hoch anrechnen. Unbedingt zugreifen!

  • Robert E. Howard
    Solomon Kane
    Borsdorf, Festa Verlag 2025
    ISBN 9783986762308 € 16,99

Solomon Kane dürfe neben dem cimmerischen Barbaran Conan wohl Robert E. Howards populärste Figur sein. Seine Abenteuer sind mehrfach Hierzulande erschienen. In den letzten ca. 15 Jahren hat sich hauptsächlich der Festa Verlag um die literarischen Werke des Texaners gekümmert und thematisch verschiedene Bereiche aus dem Schaffen Howards auf den Markt gebracht. Darunter Sammlungen seiner unheimlichen Geschichten, eine schöne Hardcover-Ausgabe vom oben erwähnten Barbaren in sechs Bänden und auch eine streng limitierte,

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Finn Dever: Täuschung

von am 22. Oktober 2025 noch kein Kommentar

  • Bastian Martschink
    FINN DEVER – TÄUSCHUNG. Kriminalroman.
    München, Golkonda, 2025, 408 S.
    ISBN 978-3-96509-079-8 / 16,00 Euro
    Klappenbroschur

Die gelungene Science-Fiction-Krimi-Reihe FINN DEVER von Professor Bastian Martschink wird vom Golkonda Verlag schon in diesem Herbst mit dem zweiten Band, TÄUSCHUNG, fortgesetzt.

Das ungleiche Team aus starker Polizistin und schusseligem Berater mit speziellen (in diesem Fall KI-gestützten) Fähigkeiten, dessen Zusammenspiel sich im ersten Buch noch entwickeln musste, steht diesmal vor einem offenbar glasklaren Vierfach-Mord, der sich jedoch schnell als inszenierte Falle erweist, aus der sie nur Finn Devers Vorschau-Gabe zu retten vermag.

Beweise verschwinden, ein Mafia-Killer wird auf das Polizeiteam angesetzt und ein charismatischer FBI-Agent stiftet Unfrieden. Und dann meldet sich auch noch ein alter Bekannter – der „Blackvale-Ripper“!

Handlung, Spannung und schwarzer Humor fügen sich auch in TÄUSCHUNG zu einem unterhaltsamen Ganzen. Nachdem der Verlag inzwischen von einer Trilogie spricht, können wir davon ausgehen, dass dieser Serienkiller uns auch im Abschlussband noch mal begegnet. Hoffen wir also auf eine möglichst kurze Wartezeit, bis dieser erscheint.

Horst Illmer

  • Bastian Martschink
    FINN DEVER – TÄUSCHUNG. Kriminalroman.
    München, Golkonda, 2025, 408 S.
    ISBN 978-3-96509-079-8 / 16,00 Euro
    Klappenbroschur

Die gelungene Science-Fiction-Krimi-Reihe FINN DEVER von Professor Bastian Martschink wird vom Golkonda Verlag schon in diesem Herbst mit dem zweiten Band, TÄUSCHUNG, fortgesetzt.

Das ungleiche Team aus starker Polizistin und schusseligem Berater mit speziellen (in diesem Fall KI-gestützten) Fähigkeiten, dessen Zusammenspiel sich im ersten Buch noch entwickeln musste, steht diesmal vor einem offenbar glasklaren Vierfach-Mord,

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Das dunkle Herz des Waldes

von am 20. Oktober 2025 2 Kommentare

  • Novik, Naomi
    Das dunkle Herz des Waldes
    cbt, 2018, 573 Seiten
    ISBN 9783570312445

In meinem Bücherregal finden die Themen Magie, Wald, Märchen und Mystik immer einen Platz. Wenn ich es schaffe ein Buch innerhalb eines Jahres ein zweites Mal zu lesen, bekommt es sogar einen Ehrenplatz in diesem Regal. So also auch "Das dunkle Herz des Waldes". Wer Naomi Novik kennt, weiß das Sie vor allem für die Feuerreiter- und Scholomance-Reihe bekannt ist. Was deshalb vielleicht ein wenig untergeht, sind Ihre Einzelbände die bei mir besonderen Anklang gefunden haben.

Agnieszka wohnt in einem Dorf, das zu einem Tal in unmittelbarer Nähe des "dunklen Waldes" gehört. Dieser birgt böse Magie und Zauber in sich und kann nur von einem Magier, der allgemein als "Drache" bekannt ist, in Schach gehalten werden. Alle 10 Jahre fordert dieser aus den Dörfern des Tals ein Mädchen, das ihm dienen muss. Dieses Mädchen wird Kasia sein, die beste Freundin von Agnieszka, denken zumindest alle, bis sich der Drache für Agnieszka entscheidet.

Wer jetzt denkt, dass diese Entscheidung etwas mit ganz viel "Liebe auf den ersten Blick" und "Spice" zu tun hat, den muss ich leider enttäuschen. Agnieszka lernt in Ihrer Zeit im Turm des Magiers nämlich Ihre eigenen magischen Fähigkeiten zu nutzen. Während Ihres Unterrichts in diesen Fähigkeiten überschlagen sich die Ereignisse jedoch immer wieder, sodass der Leser nicht nur der Einzigartigkeit von Agnieszkas Fähigkeiten, sondern auch den Geheimnissen und dem Ausmaß der Macht des dunklen Waldes immer weiter auf die Spur kommt.

Das Buch hat mich mit seinem einzigartigen Ambiente und seinen sich ständig wandelnden Perspektiven überzeugt, die vor allem durch die stetig neuen Erkenntnisse entstehen die der Leser gewinnt. Ich empfehle das Buch also jedem der das Ende gerne nicht kommen sieht, einen schönen, wenn auch dunklen Wald zu schätzen weiß und dem Einfluss von Märchen und Mythen nicht abgeneigt ist.

„Der Dunkle Wald wird nicht besiegt, nur weil wir es unbedingt wollen.“

  • Novik, Naomi
    Das dunkle Herz des Waldes
    cbt, 2018, 573 Seiten
    ISBN 9783570312445

In meinem Bücherregal finden die Themen Magie, Wald, Märchen und Mystik immer einen Platz. Wenn ich es schaffe ein Buch innerhalb eines Jahres ein zweites Mal zu lesen, bekommt es sogar einen Ehrenplatz in diesem Regal. So also auch "Das dunkle Herz des Waldes". Wer Naomi Novik kennt, weiß das Sie vor allem für die Feuerreiter- und Scholomance-Reihe bekannt ist.

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BuCon 2025

von am 15. Oktober 2025 noch kein Kommentar

In den letzten Jahren habe ich immer NACH dem BuCon über den BuCon geschrieben. Diesmal gibt es einen Hinweis im Vorfeld.

Also was ist dieser BuCon eigentlich?

Der BuCon ist ein Treffen der Phantastik-Szene am Rande der Buchmesse. Immer am Buchmesse Samstag, seit 1986. Intension war es, phantastischen Inhalten eine Plattform zu bieten, die auf der damals noch sehr traditionellen Frankfurter Buchmesse nur geringfügig oder gar nicht repräsentiert wurden. Seit 2000 findet der BuCon in Dreieich, im Bürgerhaus Sprendlingen statt.

Der BuCon ist als Plattform für Fans, Autoren und Autorinnen, Verleger und Verlegerinnen der Phantastik konzipiert. An diesem Samstag trifft sich alles in Dreieich, was Rang und Namen in der deutschsprachigen Phantastik Szene hat. Unzähliche hochkarätige Lesungen, eine Fülle an spezialisierten Verlagen, Repräsentanten überregionaler Vereine und jede Menge Trubel.

2016, anläßlich seines 30-jährigen Bestehens, wurde der Buchmesse Convent als (sub)kulturell wichtige Veranstaltung von einem Komitee aus Literaturschaffenden mit dem renomierten Kurd Lasswitz Preis ausgezeichnet.

Seit 2014 wird der BuCon-Ehrenpreis für besondere Leistungen rund um die Phantastische Gemeinschaft vergeben und seit 2019 auch der Goldene Stephan.

Wenn man also selbst zum interessierten Kreis aus dem Fandom gehört, oder gar als Nachwuchsautor Informationen – oder vielleicht sogar einen Verleger sucht, wenn man einfach mal ein paar Lieblingsautorinnen live kennenlernen möchte oder "nur" mal einen Blick hinter die Kulissen der Szene werfen möchte, sollte man sich den BuCon nicht entgehen lassen.

Und wenn jetzt irgendwer anmerken möchte, dass der BuCon eigentlich die BuCon heißen sollte, dann sei gesagt, dass es sich nicht um eine Convention sondern um einen Convent handelt (ich wurde gerügt, aufgeklärt und verbessert. Aber jetzt weiß ich es, glaubt mir 😉 )

In den letzten Jahren habe ich immer NACH dem BuCon über den BuCon geschrieben. Diesmal gibt es einen Hinweis im Vorfeld.

Also was ist dieser BuCon eigentlich?

Der BuCon ist ein Treffen der Phantastik-Szene am Rande der Buchmesse. Immer am Buchmesse Samstag, seit 1986. Intension war es, phantastischen Inhalten eine Plattform zu bieten, die auf der damals noch sehr traditionellen Frankfurter Buchmesse nur geringfügig oder gar nicht repräsentiert wurden. Seit 2000 findet der BuCon in Dreieich,

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Kindred – Verbunden

von am 8. Oktober 2025 1 Kommentar

Ich bin gerade mit den Halbjahresvormerkern im Buchhandel durch. Da gab es wenig wirklich Erfreuliches. Aber einige Titel sind dennoch erwähnenswert. Dieser eine ganz besonders. Aus verschiedenen Gründen schreibe ich jetzt und hier über ein Buch, das erst im Februar 2026 erscheinen wird. Bei Heyne, unter neuem Titel und ohne Angabe einer Übersetzerin, was vermuten lässt, dass es sich entweder um die Bastei Lübbe Übersetzung von Peter Rummel oder um die Version von Mirjam Nuenning für w_orten & meer handelt. Ich habe damals die Bastei Version von 1983 gelesen und war fasziniert. Kindred ist nicht nur ein eindrucksvolles und wichtiges Buch, sondern auch ein multimediales Franchise. Die Serie "Kindred – Verbunden" von 2022 ist auf Disney+ zu finden und beim New Yorker Verlag Abrams Comicarts gibt es eine Graphic Novel Adaption.

Kindred ist vordergründig ein Zeitreise-Geschichte. Die junge schwarze Schriftstellerin Dana James wird aus den USA der 70er Jahre (Der Roman wurde 1979 zum ersten mal veröffentlicht) ins frühe 19. Jahrhunder gezogen. Und zwar von Rufus, dem Sohn des Sklavenhalters, der anscheinend auf irgendeine Weise mit ihr verbunden ist. Dana durchlebt das Trauma der Sklaverei ihrer Vorfahren und muss letztendlich auch real um ihre eigene Freiheit kämpfen.

Die grundsätzliche Geschichte hört sich heute nicht ganz so spektakulär an. Wenn man aber den Zeitgeist der 70er Jahre in den Vereinigten Staaten und den damit bedingten Impact dieses Romans betrachtet, ist das Werk mit Sicherheit eines der wirklich wichtigen Bücher US Amerikanischer Science Fiction. Insofern freue ich mich sehr, dass der Roman jetzt auch wieder lieferbar sein wird.  Von Octavia Estelle Butler, die leider bereits 2006 verstorben ist, sind auf deutsch derzeit immerhin vier weitere große Werke beim Heyne Verlag lieferbar. "Wilde Saat", "Die Parabel vom Sämann" (mein persönlicher Favorit), "Die Parabel der Talente" und "Xenogenesis". Octavia Butlers Werk ist durchgängig zu empfehlen. Die Dame ist mit allen renommierten Preisen ausgezeichnet und ich würde mich freuen, wenn Heyne da weiter nachlegen würde.

Ich bin gerade mit den Halbjahresvormerkern im Buchhandel durch. Da gab es wenig wirklich Erfreuliches. Aber einige Titel sind dennoch erwähnenswert. Dieser eine ganz besonders. Aus verschiedenen Gründen schreibe ich jetzt und hier über ein Buch, das erst im Februar 2026 erscheinen wird. Bei Heyne, unter neuem Titel und ohne Angabe einer Übersetzerin, was vermuten lässt, dass es sich entweder um die Bastei Lübbe Übersetzung von Peter Rummel oder um die Version von Mirjam Nuenning für w_orten & meer handelt.

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Stormlight Archive – Sturmlicht Chroniken

von am 1. Oktober 2025 noch kein Kommentar

    • Brandon Sanderson
      Die Sturmlicht Chroniken 10
      Der Kampf der Meister
      München, Heyne, 2025, 926 Seiten
      ISBN 9783453273252 / 26,00 Euro
      Hardcover

Gut vierzehn Jahre ist es her, dass wir das Erscheinen von Band eins in unserem Neuheiten Feed gepostet haben. Und schon drei Monate später, bei erscheinen von Band zwei, am 3. August 2011 habe ich mich relativ ausführlich über die Problematiken klassischer Fantasy ausgelassen. Über das Gejammer der Verlage, dass sich das alles nicht verkauft. Damals noch im Vergleich mit Nackenbeißern vampirischer Art, heute mit Spicy-Enemies-to-Lovers-Limited-bedruckter-Buchschnitt-Editions. Insofern ist es tatsächlich ein Grund zum Feiern, dass jetzt mit diesem Titel der (vorerst) letzte Titel dieser Monumentalsaga vorliegt. Denn das sollte es sein – die Verlagsvorgabe war es, ein Werk vom Format des "Rad der Zeit", welches Herr Sanderson ja höchstselbst zu einem guten Ende gebracht hat – und das ist es schlussendlich auch geworden.

Tja mit Band zehn der deutschen Ausgabe (jeweils fast 1000 Seiten), welche im Vergleich zur englischsprachigen Ausgabe zweigeteilt ist, also mit Band fünf Punkt zwei, ist der Zyklus(!) beendet. Aber werden sollen es zwei dieser monumentalen Zyklen. Also insgesamt zehn – beziehungsweise zwanzig dieser dicken Schinken. Der zweite Zyklus soll laut Sanderson zeitlich nach dem ersten Zyklus angesiedelt sein. Hat er ja zum Beispiel bei seinen Nebelgeborenen auch schon so gehandhabt. Da war der zweite Zyklus eher in einer Westernepoche, etwa 200 Jahre nach dem ersten Zyklus, der noch eher wie klassische mittelalter Fantasy anmutet. Was es diesmal sein wird, lasse ich gerne auf mich zukommen – denn aus diesem Abschlussband – und das ist er tatsächlich, sehr rund und zufriedenstellend – ist der Rahmen des zweiten Zyklus noch nicht abzuleiten. Denn, wie auch in den Nebelgeborenen, geht es in diesem Abschlussband um das Ende der Welt.

Sanderson hat es in diesem ersten Zyklus über all die Seiten immer wieder verstanden, uns zu überraschen, uns zu unterhalten und dafür zu sorgen, dass es wunderbar leicht fällt, über diese irre Seitenzahl stets "dran zu bleiben". Abwechslungsreiche Facetten und liebgewordene Charaktere ziehen sich konstant und konsistent durch das Mammutwerk. Und diese erschreckende Weltuntergangsstimmung in diesem letzten Band hat fürchterlich an meinen Nerven gezehrt. Ich habe mit den Helden gelitten und bin am Ende in ein tiefes Loch gefallen. Ein echter, gewaltiger, passender aber auch bitterer Abschluss, bei dem die Hoffnung auf den kommenden, zweiten Zyklus wirklich mehr als nur ein Lichtblick ist.

Ich bin sicher, Brandon Sanderson wird in gewohnter Art zügig weiterschreiben. An dieser Serie, an anderen Serien, an einzelnen Büchern und an Geheimprojekten… Die deutlich wackeligere Frage ist, ob der Heyne Verlag weitere zehn Tausendseiter einer klassischen Fantasygeschichte veröffentlichen wird. In adäquater Ausgabe. Wenn ich mir die aktuellen Vorschauen der gesamten Penguin Random House Verlagsgruppe so ansehen, wird diese Frage zum nervenzerfetzenden Krimi.

Jetzt gleich würde ich eh nicht weiterlesen wollen. Zu heftig wirkt dieses Ende noch nach. Und ich bin sicher auch Brandon Sanderson wird noch das ein oder andere Buch dazwischenschieben. Die Gelegenheit nutzen, in andere Welten zu springen, denn das Kosmeer ist riesig.

Und ich bin sicher, egal wohin es die nächsten Helden verschlägt, ich werde es gerne lesen…

    • Brandon Sanderson
      Die Sturmlicht Chroniken 10
      Der Kampf der Meister
      München, Heyne, 2025, 926 Seiten
      ISBN 9783453273252 / 26,00 Euro
      Hardcover

Gut vierzehn Jahre ist es her, dass wir das Erscheinen von Band eins in unserem Neuheiten Feed gepostet haben. Und schon drei Monate später, bei erscheinen von Band zwei, am 3. August 2011 habe ich mich relativ ausführlich über die Problematiken klassischer Fantasy ausgelassen.

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Marstrilogie

von am 29. September 2025 noch kein Kommentar

  • Kim Stanley Robinson
    Roter Mars
    Marstrilogie 1
    München, Heyne, 2025, 816 Seiten
    ISBN 9783453323681 / 16,00 Euro
    Paperback

Der erste Roman der Marstrilogie jetzt neu bei Heyne. Hmm komisch, war doch eigentlich eh lieferbar. Bei Heyne. Mit anderem Cover und zwei Euro mehr auf dem Deckel. Und die aus dem Jahre 1993 stammende englischsprachige Vorlage ist zum ersten mal bereits 1997 – auch bei Heyne – erschienen. Ist vielleicht eine Serienverfilmung im Busch? Auch nicht. Warum dann?

Über die mit etlichen Preisen ausgezeichnete Trilogie an sich gibt es nichts zu meckern. Im Gegenteil, es ist eher ein dunkler Fleck, dass es auf unserer Seite keine Rezi gibt. Also nehme ich das jetzt einfach mal als Gelegenheit.

Die Trilogie muss als Gesamtwerk betrachtet werden, obwohl sich die drei Teile inhaltlich deutlich unterscheiden und jeweils verschiedene Aspekte des "Großen Ganzen" belichten. Die Titel "Roter Mars", Grüner Mars" und "Blauer Mars" eröffnen schon, um was es geht. Der Rote Mars ist der Mars, den wir kennen. Im Laufe der Trilogie wird dessen feindselige Umgebung durch Terraforming zuerst durch die Etablierung einer Pflanzenwelt zum Grünen Mars und schließlich zum Blauen Mars, auf dem das Wasser in flüssiger Form Seen, Flüsse und Meere gebildet hat.

Viel Zeit bleibt uns nicht, denn das Datum der ersten Marsmission, die Kolonisten auf die neue Welt bringt, die ersten Hundert, ist in dem Roman bereits für nächstes Jahr, also 2026 terminiert. Vielleicht ist das der Grund, warum der Roman gerade ein weiteres Mal veröffentlicht wurde. Dieser erste Teil ist sicher auch der technischste. Ich würde das Buch eindeutig als Hard Science bezeichnen, aber trotzdem in jedem Fall auch Leserinnen und Lesern ans Herz legen, denen dieser Aspekt wenig interessant erscheint. Denn das was Kim Stanley Robinson in seiner Trilogie geschaffen hat, ist viel mehr. Subjektive Perspektiven und persönliche Blickwinkel einzelner Protagonisten und Gruppen bilden die Basis für spätere politische und soziale Implikationen, die die Folgen dieser ersten Kolonie weit über den technischen Aspekt hinaus iniziieren. Die Geschichte dieser Neuen Welt ist viel mehr ein soziales Gedankenexperiment als Extrapolation irdischer Zusammenhänge. Und auch wenn unsere Welt heute nicht mehr die gleiche ist, wie Anfang der 90er Jahre, ist diese Trilogie in nahezu allen Belangen aktueller, als man es sich damals hätte vorstellen können.

Dieses Werk ist vielfach beschrieben und mit Nebula, Hugo und Locus ausgezeichnet worden. Es sollte eigentlich nicht nötig sein, erneut darüber zu schreiben oder zu sprechen. Aber offensichtlich ist diese Trilogie das, was uns als Buchhändlern besonders am Herzen liegt, nämlich ein zeitloser Steadyseller. Und das obwohl es seitens der großen Verlage ja immer heißt, dass sich Science Fiction nicht (mehr) verkauft. Solltet ihr die drei Bücher tatsächlich noch nicht kennen, denke ich, ist das eine Lücke, die zu füllen gilt. Eine der ganz großen Visionen unserer Zeit, die Technik, Ökologie, Politik mit Mensch und Menschheit verbindet.

ps funfact: schaut euch mal (zum Beispiel in der Wikipedia) die Marsflagge an…

  • Kim Stanley Robinson
    Roter Mars
    Marstrilogie 1
    München, Heyne, 2025, 816 Seiten
    ISBN 9783453323681 / 16,00 Euro
    Paperback

Der erste Roman der Marstrilogie jetzt neu bei Heyne. Hmm komisch, war doch eigentlich eh lieferbar. Bei Heyne. Mit anderem Cover und zwei Euro mehr auf dem Deckel. Und die aus dem Jahre 1993 stammende englischsprachige Vorlage ist zum ersten mal bereits 1997 – auch bei Heyne – erschienen. Ist vielleicht eine Serienverfilmung im Busch?

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Die Auferstehung

von am 22. September 2025 noch kein Kommentar

  • Andreas Eschbach
    Die Auferstehung (Die drei ???)
    Kosmos, Stuttgart 2025, 448 Seiten
    ISBN 978-3-440-17974-1

Seit 1979 begeistern Die drei ??? mit ihren Fällen als Nachwuchsdetektive eine Vielzahl hörender und lesender Fans – inzwischen allemal generationenübergreifend, also Generation Kassettenrekorder genauso wie Generation bunter Buchschnitt. Kaum jemand, der nicht mal irgendwann im Schrottplatz-Clubhaus des ermittelnden Trios Platz genommen hat, egal wie oft, egal wie lange. Auch der 1959 geborene Andreas Eschbach hat als Jugendlicher die Abenteuer der jungen Detektive gelesen, sich nach dem Konfirmationsunterricht immer einen ???-Band aus der Pfarrbibliothek geliehen. Viele Jahre später legt der gestandene Bestsellerautor nun einen ersten eigenen Krimi über das Trio aus Rocky Beach vor.

Anders als bei seinem „Perry Rhodan“-Roman vor einigen Jahren, gibt es diesmal aber kein Prequel zur Serie, um nicht zu sagen, dem multimedialen Mythos. Viel mehr sind Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews in „Die Auferstehung“ erwachsen, ja, regelrecht alt geworden. Jenseits der 50, haben die drei nicht mehr viel miteinander zu tun, sind sie teils zerstritten und haben sie ihre Leben irgendwann ohne neue Fälle weitergelebt. Erst die Rückkehr einer seit Jahren totgeglaubten Frau aus dem Amazonas – und aus der Vergangenheit sowie dem erweiterten Umfeld der alten Gang – führt sie auf Umwegen wieder zusammen.

Diesen Aufhänger nutzt Andreas Eschbach, um geschickt mit dem Franchise und dessen Ikonen zu spielen, über alt werdende Helden und Freundschaften zu schreiben, ???-Lore mit aktuellen Elementen unserer Welt von Google und Klimawandel zu kombinieren. Das funktioniert für Fans wie Nichtfans. Wer eine Serien-Referenz erkennt, freut sich, alle anderen spüren an der Stelle dennoch die Verbindung zum Kanon und dessen Tiefe. Platz 1 der Bestsellerliste hat einen zweiten Band übrigens sehr wahrscheinlich gemacht.

Christian Endres

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  • Andreas Eschbach
    Die Auferstehung (Die drei ???)
    Kosmos, Stuttgart 2025, 448 Seiten
    ISBN 978-3-440-17974-1

Seit 1979 begeistern Die drei ??? mit ihren Fällen als Nachwuchsdetektive eine Vielzahl hörender und lesender Fans – inzwischen allemal generationenübergreifend, also Generation Kassettenrekorder genauso wie Generation bunter Buchschnitt. Kaum jemand, der nicht mal irgendwann im Schrottplatz-Clubhaus des ermittelnden Trios Platz genommen hat, egal wie oft, egal wie lange. Auch der 1959 geborene Andreas Eschbach hat als Jugendlicher die Abenteuer der jungen Detektive gelesen,

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Ravage & Son

von am 17. September 2025 noch kein Kommentar

  • Jerome Charyn
    Ravage & Son
    Suhrkamp, Berlin 2025, 334 Seiten
    ISBN 978-3-515-47495-2

Jerome Charyn schrieb Comics wie „Teufelsmaul“, „Little Tulip“, „New York Cannibals“ und „Die Frau des Magiers“. Doch der 1937 geborene New Yorker hat auch Dutzende Bücher verfasst, darunter eine Biografie von Quentin Tarantino, Sachliteratur über das alte New York City und ein Dutzend Krimis um Isaac Sidel von der Lower East Side, dessen Reise als Ermittler beginnt und als Bürgermeister endet.

Charyns Standalone-Roman „Ravage & Son“ ist im Original 2023 erschienen – und ein ziemliches Biest, obwohl nur etwas mehr als 300 Seiten lang: Ein „Panorama an Menschenfleisch“ und eine „Ausstellung der Hoffnungslosen“, um mal das Buch zu zitieren. In Charyns New York der Einwanderer des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts wimmelt es vor Charakteren, Namen, Zusammenhängen, Abschweifungen, Schicksalen, Geschichten, Sinneseindrücken. Als Pole dienen dabei die jüdischen Gemeinschaften in Downton und Uptown Manhattan, also Geld und Ghetto.

Hauptfiguren sind wiederum der Zeitungsherausgeber Abraham Cahan, der die jüdische Community zu beschützen versucht, und sein Ziehsohn, der Downtown Detective genannte Anwalt, Ermittler und Ghetto-Sheriff Ben Ravage. Das Wunderkind des Wahnsinns wird von einem golemhaften Ganoven mit Kanarienvögeln in den Manteltaschen begleitet, sein Vater ist der kriminelle Eisenwaren- und Klempnerkönig des Viertels, seine Geliebte eine große Hamlet-Darstellerin. Als historisch verbriefte Nebenfiguren treten derweil Weltliterat Henry James und Kaufhausketten-Begründer Frank Woolworth auf.

Jerome Charyns jiddischer Krimi über das verschworene, korrupte, liederliche, wuselnde New York des vorherigen Jahrhunderts kocht Seite für Seite schier über. Am Anfang muss man sogar ein bisschen im Gewimmel kämpfen, und sicher schadet es nicht, durch Michael Chabon, James McBride, Carlos Ruiz Zafón oder Charles Dickens gestählt zu sein. Dann aber wird „Ravage & Son“ zu einer äußerst lebendigen Lektüre, die einen voll in das damalige Manhattan eintauchen lässt.

Christian Endres

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  • Jerome Charyn
    Ravage & Son
    Suhrkamp, Berlin 2025, 334 Seiten
    ISBN 978-3-515-47495-2

Jerome Charyn schrieb Comics wie „Teufelsmaul“, „Little Tulip“, „New York Cannibals“ und „Die Frau des Magiers“. Doch der 1937 geborene New Yorker hat auch Dutzende Bücher verfasst, darunter eine Biografie von Quentin Tarantino, Sachliteratur über das alte New York City und ein Dutzend Krimis um Isaac Sidel von der Lower East Side, dessen Reise als Ermittler beginnt und als Bürgermeister endet.

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Die Schwarze Königin 2

von am 10. September 2025 noch kein Kommentar

  • Markus Heitz
    Die Schwarze Königin II
    München, Knaur, 2025, 520 Seiten
    ISBN 9783426228197 / 18,00 Euro
    Paperback

So ganz sicher war ich nicht, ob ich den zweiten Teil der Geschichte um die Drăculea, den Orden der Drachen und den Kampf gegen die Umpire, Strigoi und Nobilis noch lesen – muss. Ich fand den ersten, relativ gut in sich abgeschlossenen Teil, ja schon mächtig unterhaltsam und wirklich empfehlenswert, ohne zu wissen, dass es eine Fortsetzung geben würde. Aber meine Zeitfenster zum Lesen sind oft so knapp und der Druck des Lesestapels so groß, dass ich mir aus pragmatischen Gründen Fortsetzungen erspare, wenn ich Bücher oder Reihen eh schon empfehlen kann. DAS ist dann sozusagen Luxus, den ich mir gönne. Aber es wäre wirklich schade gewesen, wenn ich nicht weitergelesen hätte.

Denn der zweite Teil ist noch um einiges dichter, als der erste, die bekannten Charaktere sind gewachsen und haben sich in Relation zu Teil eins wohltuend entwickelt und neue, spritzig interessante Protagonisten betreten die Bühne. Tja und Markus Heitz hat sich auch noch einmal so richtig eingeschossen.

Die Timeline um Vlad Dracul, seine Erben, Barbara von Cilli und ihren Kampf gegen die Strigoi in der Walachei wird weitergeführt. Sozusagen in eine nächste Generation. Die von Radu und seinem Bruder Draculea, der sich als Vlad III Tepes den grausigen Beinamen "Der Pfähler" verdient . Diese Schilderungen der Geschehnisse des 15. Jahrhunderts sind noch dichter geworden. Die Untermauerung mit historischen Szenen und Fakten noch plausibler und das ganze Worldbuilding wirkt fundiert, abgerundet und sehr unterhaltsam.

Die zweite Timeline, in der heutigen Zeit, um Len und Klara wirkt ebenfalls deutlich schlüssiger und lebendiger. Dabei ist gerade hier die Einführung zusätzlicher Charaktere unglaublich erfrischend. Mit der richtigen Dosis an Humor und Romanze trifft Markus Heitz den für das Vampir-Genre absolut passenden Ton.

Es wäre wirklich schade gewesen, dieses Spektakel zu verpassen. Unbedingt weiterlesen…

  • Markus Heitz
    Die Schwarze Königin II
    München, Knaur, 2025, 520 Seiten
    ISBN 9783426228197 / 18,00 Euro
    Paperback

So ganz sicher war ich nicht, ob ich den zweiten Teil der Geschichte um die Drăculea, den Orden der Drachen und den Kampf gegen die Umpire, Strigoi und Nobilis noch lesen – muss. Ich fand den ersten, relativ gut in sich abgeschlossenen Teil, ja schon mächtig unterhaltsam und wirklich empfehlenswert,

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Schneewittchens dunkler Kuss

von am 8. September 2025 noch kein Kommentar

  • Lasthaus, Stefanie
    Schneewittchens dunkler Kuss
    Heyne Verlag, 2023, 464 Seiten

Als jemand, der Märchen und vor allem düstere Märchenadaptionen liebt, hat Stefanie Lasthaus mir mit "Schneewittchens dunkler Kuss" eine echte Freude gemacht. Wie bei ähnlichen Adaptionen bekommt das originale Märchen einen komplett neuen Hintergrund und einen neuen Betrachtungswinkel, der natürlich mit neuen Details ausgeschmückt wird. Die Autorin schafft es in diesem Roman der Rolle der Stiefmutter tatsächlich Sympathie einzuhauchen, allein dafür rentiert sich das Lesen schon.

Die junge Cyntha, die durch verschiedene Umstände und um das Wohl Ihres Vaters zu sichern zur Duchess von Falstone wird, muss sich nicht nur mit ihrem Leben als diese, sondern auch mit Ihrer neuen Schwiegertochter, Snow, anfreunden. Wäre das nicht schon genug, ereignen sich rund um den Besitz des Earls immer wieder grausige Vorfälle. Überraschend aufkommende dichte Nebel, verschwundene Personen und herausgerissene Herzen, befeuern den Verdacht, dass Dunkelwesen dafür verantwortlich sind. Und dass all dies erst beginnt, nachdem Cyntha sich dort eingefunden hat kommt den Dorfbewohnern reichlich komisch vor.

Und dabei wissen sie noch nicht einmal von Cynthas magischen Kräften, welche diese von Ihrer Mutter geerbt hat…

Das Buch regt immer wieder aufs neue dazu an, seine bisherigen Einschätzungen zu überdenken. Nach jedem Kapitel beginnt das Rätseln von neuem, solange bis man endlich alle Ungereimtheiten aufgedeckt hat. Währenddessen erkennt man ständig neue Parallelen zum originalen Märchen und freut sich auf die nächste Anspielung und Neuinterpretation einzelner Charaktere und Handlungsstränge. Wie im realen Leben kann jedoch nicht alles in "Gut und Böse" eingeteilt werden, so haben die Charaktere hier viele Schichten und es lohnt sich diese zu entdecken.

"Magie war real, doch Wunder waren Märchen, die man Kindern erzählte, um ihnen die Angst vor einer Zukunft zu nehmen, in der Tod und Hunger lauerten."

  • Lasthaus, Stefanie
    Schneewittchens dunkler Kuss
    Heyne Verlag, 2023, 464 Seiten

Als jemand, der Märchen und vor allem düstere Märchenadaptionen liebt, hat Stefanie Lasthaus mir mit "Schneewittchens dunkler Kuss" eine echte Freude gemacht. Wie bei ähnlichen Adaptionen bekommt das originale Märchen einen komplett neuen Hintergrund und einen neuen Betrachtungswinkel, der natürlich mit neuen Details ausgeschmückt wird. Die Autorin schafft es in diesem Roman der Rolle der Stiefmutter tatsächlich Sympathie einzuhauchen, allein dafür rentiert sich das Lesen schon.

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The Witcher: Kreuzweg der Raben

von am 3. September 2025 noch kein Kommentar

GerdIch freue mich sehr. Neben seinen Krimi- und Comic-Rezensionen nun auch mal wieder eine Fantasy-Rezi von Christian – zu einem seiner Lieblingshelden. Dass das genau bei diesem Roman wieder einmal geschieht, hat natürlich einen (Hinter)Grund. In unseren Comicdealer-Mini-Podcasts hat unser schreibender Local Hero ja schon mehr als einmal gesagt, dass seine eigenen Romane um „Die Prinzessinnen: Fünf gegen die Finsternis“ nicht zuletzt vom Witcher inspiriert worden sind. Wenn ihr also den neuen Witcher von Andrzej Sapkowski kauft, überzeugt euch einfach selbst. Wir haben die Bücher von Christian Endres natürlich immer vorrätig und in Hermkes Romanboutique stehen, und natürlich vom Autor signiert…

  • Andrzej Sapkowski
    The Witcher: Kreuzweg der Raben
    dtv, München 2025, 352 Seiten
    ISBN 978-3-423-28511-7

Der Witcher ist ein multimediales Phänomen, zu dem auch mehrere Videogame-Hits, eine Netflix-Serie, Animes, Comics und allerhand Merchandise gehören – zuletzt ist sogar ein Kochbuch erschienen. Angefangen hat natürlich alles 1986 mit der ersten Prosa-Kurzgeschichte über den weißhaarigen, schwertschwingenden Hexer Geralt von Riva, erdacht und geschrieben vom polnischen Autor Andrzej Sapkowski. Nach zwei Storysammlungen, fünf Romanen und einem Episodenroman kehrt der 1948 geborene Sapkowski nun tatsächlich mit einem Prequel-Roman zu seinem Mutanten und Monsterjäger zurück, der längst in einem Atemzug mit Elric und Conan genannt werden muss.

Die Vorgeschichte der „Hexer“-Saga ist wieder einmal angenehm episodisch geraten und zeigt den jungen Geralt frisch nach der Ausbildung als Geselle auf seiner ersten Rundreise – und Gesellenjahre sind eben auch noch keine Herrenjahre, egal ob man zwei Schwerter, ein magisches Wolfsamulett und einen Kasten voller praktischer Elixiere dabei hat. Sapkowski präsentiert uns einen durchaus vertrauten, aber noch etwas unerfahrenen und ungestümeren Geralt. Außerdem trifft der junge Bestienschreck, dem sich im Roman gleich mehrere vom Schicksal, der Vorsehung und den titelgebenden Raben gesäumte Kreuzwege darbieten, auf einen verstoßenen älteren Hexer und wird in allerhand fiese Intrigen verwickelt. Was wiederum alles mit einer finsteren Stunde der Witcher-Mythologie zusammenhängt …

Für Fans der Saga ist „Kreuzweg der Raben“ ein wirklich wunderbares Prequel, das ein paar schöne Nuggets in puncto Legendenbildung und Worldbuilding enthält. Wenn, dann fehlen höchstens ein paar Märchen-Referenzen, die gerade Sapkowskis frühe Geralt-Erzählungen ausgezeichnet haben – in der Hinsicht muss man mit „Romeo und Julia“ Vorlieb nehmen. Aber selbst wenn die düsteren Märchen-Elemente ein bisschen zu kurz kommen mögen, ist es einfach herrlich, wieder richtig gute, kernige Hexer-Fantasy im vollmundigen Sound von Autor Andrzej Sapkowski und Übersetzer Erik Simon zu lesen.

Christian Endres

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Ich freue mich sehr. Neben seinen Krimi- und Comic-Rezensionen nun auch mal wieder eine Fantasy-Rezi von Christian – zu einem seiner Lieblingshelden. Dass das genau bei diesem Roman wieder einmal geschieht, hat natürlich einen (Hinter)Grund. In unseren Comicdealer-Mini-Podcasts hat unser schreibender Local Hero ja schon mehr als einmal gesagt, dass seine eigenen Romane um „Die Prinzessinnen: Fünf gegen die Finsternis“ nicht zuletzt vom Witcher inspiriert worden sind. Wenn ihr also den neuen Witcher von Andrzej Sapkowski kauft,

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Das Lied des Dionysos

von am 1. September 2025 noch kein Kommentar

  • Natasha Pulley
    Das Lied des Dionysos
    Klett Cotta 2025, 544 Seiten
    ISBN 9783608966848

Ich habe bereits die Geschichten um den Uhrmacher aus der Filigree Street und den Leuchtturm an der Schwelle der zeit geliebt. Das Besondere an Pulleys Geschichten sind die meandernden Handlungen und die fragilen zwischenmenschlichen Beziehungen. Die demaskierenden Einblicke in menschliche Gedankengänge und die wunderbar angenehme Sprache, in der all das dargeboten wird.

Wie bereits der Titel sagt, geht es diesmal in die Sagen- und Mythenwelt der griechischen Antike. Aber auch bei diesem Roman ist es wieder die ganz besondere Erzählweise Pulleys, die die Neuinterpretation bekannter Motive so besonders macht.

Und tatsächlich ist es wieder auch eine Geschichte über Liebe und Schmerz. Pulley schafft charismatische Helden mit Herz und (trockenem) Humor, deren zwischenmenschliche Wirrungen und Irrungen derart plastisch und dadurch nachvollziehbar und dennoch erschreckend unergründlich und fremd wirken. Es ist vollkommen egal, ob diese Geschichte ein queeres Drama oder eine irre Liebesgeschichte ist. Jede Detail lässt sich fühlen und die Zerrissenheit zwischen Pflicht, Ehre und Menschlichkeit in einer chaotischen Welt ist einmal mehr unglaublich gut in Szene gesetzt.

Ich glaube nicht, dass ich die eigentliche Zielgruppe von Pulleys Romanen bin, aber ich liebe sie.

  • Natasha Pulley
    Das Lied des Dionysos
    Klett Cotta 2025, 544 Seiten
    ISBN 9783608966848

Ich habe bereits die Geschichten um den Uhrmacher aus der Filigree Street und den Leuchtturm an der Schwelle der zeit geliebt. Das Besondere an Pulleys Geschichten sind die meandernden Handlungen und die fragilen zwischenmenschlichen Beziehungen. Die demaskierenden Einblicke in menschliche Gedankengänge und die wunderbar angenehme Sprache, in der all das dargeboten wird.

Wie bereits der Titel sagt,

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Gabrielle Filteau-Chiba

von am 27. August 2025 noch kein Kommentar

  • Gabrielle Filteau-Chiba
    Die Ungezähmten
    dtv, München 2025, 336 Seiten
    ISBN: 978-3-423-44772-0

„Bis der Fluss taut“ ​von der franko-kanadischen Autorin Gabrielle Filteau-Chiba ist ein schmales, aber intensives Büchlein, mehr Novelle als Roman: Das fiktive Tagebuch von Anouk, die den seelenlosen, sinnlosen Kommerz der Großstadt Montreal hinter sich gelassen hat, um fortan als Einsiedlerin in den bitterkalten Wäldern Kamouraskas an einem zugefrorenen Fluss zu leben, umgeben von nichts als wilder und rauer, unendlich schöner, ewig unbarmherziger Natur. Die Beschreibungen ihres harten Lebens dort bestehen aus dichten, stilsicheren Sätzen und Gedanken, bieten gerade zu Beginn sehr schönes Nature Writing.

Anouk, freiwillig in die Isolation gegangen, versteht sich als Aussteigerin und Feministin, ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse erweisen sich indes als ambivalenter, und darüber denkt man trotz der wenigen, teils illustrierten Seiten ebenso nach wie über Zeitgeist, Kapitalismus, Umweltschutz, Natur, Wildnis und Opferbereitschaft. Oh, und Finster wie im Bärenarsch steht definitiv auf der Liste der besten Kapitelnamen aller Zeiten – und nein, hier bedient sich Filteau-Chiba keineswegs beim kanadischen Skandalbuch „Bär“ von Marian Engel. Dafür fühlt man sich beim Lesen immer mal an Margaret Atwood erinnert, und von wegen Old Babes in the Wood.

„Bis der Fluss taut“ kam bereits 2022 auf Deutsch heraus. Wieso also jetzt dieser Text? Weil es seit August 2025 ein neues Buch von Gabrielle Filteau-Chiba in Übersetzung gibt: „Die Ungezähmten“. Darin lebt die lesbische, taffe Raphaëlle, eindeutig eine geistige Verwandte von Anouk, als Wildhüterin allein in den niederkanadischen Wäldern – bis Raph einen weiblichen Husky-Kojoten-Mischling adoptiert und Coyote tauft. Unterdessen bedrohen nicht nur Bären Raphaëlles Leben, oder der menschliche Raubbau an der Natur ihre Seele. Mit einem brutalen Wilderer, der noch ganz andere Übeltaten auf dem Kerbholz hat, liefert sich die Rangerin außerdem ein regelrechtes Vendetta inmitten der rauen Natur …

Der neue Roman von Filteau-Chiba brilliert letztlich als außergewöhnlicher Country Noir mit einer der authentischsten und besten Erzählstimmen dieser literarischen Jagdsaison. Zudem verknüpft die Kanadierin ihren grandiosen queer-feministischen Öko-Krimi sogar mit ihrem ersten poetischen Buch über eine andere selbstbestimmte Frau in der kanadischen Wildnis, da sie Anouk und ihr Tagebuch zu einem Element der Handlung macht, was allerdings auch ohne Lektüre des Vorgängerwerks funktioniert. Bleibt zu hoffen, dass „Die Ungezähmten“ möglichst viele Leser findet – nicht zuletzt alle Fans von „Joe Pickett“ und „Untamed“.

Gabrielle Filteau-Chiba
Bis der Fluss taut
dtv, München 2022, 112 Seiten
ISBN: 978-3-423-29027-2

Christian Endres

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  • Gabrielle Filteau-Chiba
    Die Ungezähmten
    dtv, München 2025, 336 Seiten
    ISBN: 978-3-423-44772-0

„Bis der Fluss taut“ ​von der franko-kanadischen Autorin Gabrielle Filteau-Chiba ist ein schmales, aber intensives Büchlein, mehr Novelle als Roman: Das fiktive Tagebuch von Anouk, die den seelenlosen, sinnlosen Kommerz der Großstadt Montreal hinter sich gelassen hat, um fortan als Einsiedlerin in den bitterkalten Wäldern Kamouraskas an einem zugefrorenen Fluss zu leben, umgeben von nichts als wilder und rauer, unendlich schöner,

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Artifact Space

von am 25. August 2025 noch kein Kommentar

  • Miles Cameron
    Artifact Space
    Heyne 2024, 667 Seiten
    ISBN 9783453323063

Ich mecker seit langem, dass es viel zu wenig klassische SF bei den großen Verlagen gibt. Jetzt gerade ist der zweite Teil der Artifact Space Reihe von Miles Cameron erschienen: Deep Black. Tja und da habe ich mal nachgesehen, ob es eine Rezi bei uns gibt und, oh Wunder NEIN. Sträflich, denn Artifact Space hat mir sehr viel Spaß bereitet UND passt gleichzeitig in das Genre klassischer Space Opera.

Dabei meine ich mit klassisch kein bisschen, dass es angestaubt wirkt. Im Gegenteil, mir ist das Weltenkonstrukt und die sozialen Strukturen ziemlich frisch vorgekommen. Ja, es hat Aspekte von Military Science Fiction. Manchmal habe ich sogar Captain Adama gespürt, was mich keinesfalls gestört hat. Gleichzeitig hat es aber völlig unaufgeregt auch aktuelle Bezüge und Themen, die ich sehr angenehm eingeflochten empfinde.

Es gibt sehr viele Gesichtspunkte, die das Buch zu einer rundum gelungenen Space Opera machen. Eine in sich logische, verständliche physikalische Herangehensweise. Der klassische Military SF Aspekt, antiquierte politische Strukturen wie die "Royal Navi" im Weltraum, aber locker und flockig kombiniert mit moderner Diversität. Wer also Weber oder Hamilton mag, kann sich sicher auch für Miles Cameron begeistern.

Der langsame und ruhige Aufbau der Charaktere um die Protagonistin Nbara an Bord der "Athen", lässt immer wieder Battlestar Feeling aufkommen. Seriencharakter. Das ist tatsächlich angenehm und erzeugt eine heimelige Athmosphäre. Natürlich ist ein bisschen Honor Harrington zu spüren und auch Marca Nbara wird innerhalb relativ unglaubwürdig kurzer Zeit zur Top-Pilotin, -Agentin und -Kämpferin. Aber irgendwie nimmt man das halt in Kauf.

Tja und dann hat dieser erste Band kein echtes Ende. Was auch der Grund ist, warum ich letztes Jahr keine Rezi geschrieben habe. Jetzt aber , geht es mit Deep Black weiter und ich bin schon in der Mitte des Buches angelangt. Mit Band zwei macht es wesentlich mehr Sinn. Die Grundfesten sind bereits errichtet und wir können in die Geschichte einsteigen. Voll.

Artifact Space ist genau das, was dieses Genre sein soll. Spannende Unterhaltung.

  • Miles Cameron
    Artifact Space
    Heyne 2024, 667 Seiten
    ISBN 9783453323063

Ich mecker seit langem, dass es viel zu wenig klassische SF bei den großen Verlagen gibt. Jetzt gerade ist der zweite Teil der Artifact Space Reihe von Miles Cameron erschienen: Deep Black. Tja und da habe ich mal nachgesehen, ob es eine Rezi bei uns gibt und, oh Wunder NEIN. Sträflich, denn Artifact Space hat mir sehr viel Spaß bereitet UND passt gleichzeitig in das Genre klassischer Space Opera.

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Ich, Hannibal

von am 13. August 2025 noch kein Kommentar

  • Judith & Christian Vogt
    ICH, HANNIBAL – Rom wird vor ihr erzittern.
    München, Piper, 2024, 432 Seiten
    ISBN 978-3-492-70658-2 / 17,00 Euro

Diese Neuerzählung der Hannibal-Geschichte ist ein Parallelwelt-Roman. Die Ausgangsfrage, die Judith und Christian Vogt hier stellen, ist: Was wäre, wenn sich die Perspektive der Erzählung von männlich/römisch/weiß zu weiblich/nicht-männlich/punisch-karthagisch/nicht-weiß verschiebt und in dieser Welt die mythischen Gestalten unserer Welt lebendige, handelnde Wesen wären.
Was wäre, wenn eine sehr junge Witwe mit drei Kindern, eine in die Jahre gekommene Monsterjägerin, eine Feldherrin und ein griechischer Sklave den Kern eines Romans bildeten?

Judith und Christian Vogt haben sich in vielen Eckpunkten und Details an die Forschungsergebnisse der modernen Geschichtsschreibung gehalten, dazu fügten sie halbgöttliche und mythische Protagonist*innen, wie die Medusa oder die römische Wölfin ein. Hannibal, Hasdrubal und Mago sind vielleicht noch aus dem Geschichtsunterricht bekannt. Himilke, auch Himilce oder Imilce, je nachdem ob es sich um eine iberische, lateinische oder griechische Quelle handelt, ist in verschiedenen historischen Dokumenten als Hannibals Ehefrau zu finden. Die Figur des Historikers Sosylos ist verbürgt, aber von seinen Aufzeichnungen über den „zweiten Punischen Krieg“, wie das Römische Imperium ihn nannte, sind nur einige Passagen erhalten geblieben.

In der Parallelwelt führt Himilke, Hannibals Mörderin und Witwe, das karthagische Heer unter seinem Namen und mit Wissen ihrer Offiziere, Unterführer und Ratgeber auf dem Feldzug gegen das Römische Imperium an, das sich immer weiter ausdehnen möchte.
Sie hatte in all den Jahren ihrer Ehe an der Ausbildung durch Sosylos und den strategischen Überlegungen und Planungen ihres Mannes teilgenommen.
Durch sie und ihr Geschick gelingt die Überquerung der Alpen und ihr Heer erreicht Rom.

Auch in dieser von und für Männern geformten Parallelwelt müssen sich Frauen alles erarbeitet oder erkämpfen. Wie die numidische Bestienjägerin Tamenzut, die Monster unterwirft und versklavt, und so die militärischen Erfolge der Karthagischen Truppen ermöglicht.
Oder Fulvia, die 17-jährige Witwe eines Patriziers, die halsstarrig an ihrem Beschluss, für ihre Stiefkinder zu sorgen, festhält, obwohl oder weil diese von dem reichen und machthungrigen Publius Cornelius Scipio dem Jüngeren um ihr Erbe betrogen wurden. Sie ergreift jeden Strohhalm und arbeitet unter großen persönlichen Gefahren, um ein besseres Leben zu erreichen.

Das zentrale Thema dieses Romans ist Krieg und damit, wie immer, einhergehend Unterdrückung, Gewalt, Vergewaltigung und Mord und was das mit den Beteiligten anrichtet, nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit den Täter*innen. Ich bin etwas überrascht, dass der Piper Verlag auf Trigger-Warnungen oder Content Notes verzichtet.
Die Zahl der Getöteten, Verstümmelten und Verletzten ist hoch, sehr hoch, aber die Darstellung von Gewalt und Grausamkeit geschieht nicht um ihrer selbst Willen, sie dient immer der Erzählung, reißt Fassaden von Protagonist*innen ein, zeigt Abgründe und Motivationen. Es geht um Machtsysteme und um Methoden, wie Menschen Macht erhalten oder erreichen.
Hier wird nicht platt davon gefaselt, dass Frauen, Sklaven, nicht-weiße und queere Personen die besseren Menschen sind. Monster und Menschen werden nicht nur durch das geprägt und verändert, was sie erleiden, sondern auch von dem, was sie tun und anderen antun.

ICH, HANNIBAL ist ein kluges und vielschichtiges Buch. Besonders schätze ich, dass es ein „nach dem Krieg“ gibt. Eine der Kernaussagen des Buches lautet: „Macht aufzubrechen ist, als würde man etwas, das wüst gefallen ist, wieder zu einem Garten pflegen.“ (Seite 407).

So viel Blut, Eiter, Tot, Vergewaltigung, Leid habe ich schon länger nicht mehr in einem Roman gefunden. Aber auch nicht so viel Liebe, Verehrung, Mut und Freundlichkeit.
Durch die abgestuften Charakterisierungen von glaubwürdigen Handelnden ist dieser Roman eine lohnenswerte Lektüre. Zudem ist es ein Roman mit einem Hoffnungsschimmer: dass herrschaftsloses Leben denkbar und daher vielleicht auch realisierbar ist. Hopepunk!

Für mich ist ICH, HANNIBAL einer der besten, erhellendsten und spannendsten Science-Fiction-Romane des Jahres 2024.

Matita Illmer

  • Judith & Christian Vogt
    ICH, HANNIBAL – Rom wird vor ihr erzittern.
    München, Piper, 2024, 432 Seiten
    ISBN 978-3-492-70658-2 / 17,00 Euro

Diese Neuerzählung der Hannibal-Geschichte ist ein Parallelwelt-Roman. Die Ausgangsfrage, die Judith und Christian Vogt hier stellen, ist: Was wäre, wenn sich die Perspektive der Erzählung von männlich/römisch/weiß zu weiblich/nicht-männlich/punisch-karthagisch/nicht-weiß verschiebt und in dieser Welt die mythischen Gestalten unserer Welt lebendige, handelnde Wesen wären.
Was wäre, wenn eine sehr junge Witwe mit drei Kindern,

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Jenseits der See

von am 6. August 2025 noch kein Kommentar

  • Paul Lynch
    Jenseits der See
    Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 192 Seiten
    ISBN 978-3-608-96688-6

Mit „Das Lied des Propheten“ hat der irische Autor Paul Lynch eine der denkwürdigsten, gegenwärtigsten Dystopien der letzten Jahre vorgelegt – und dafür zurecht den Booker Prize 2023 erhalten. „Das Lied des Propheten“ zwischen Margaret Atwood und Cormac McCarthy muss man als SF-Fan gelesen haben, den besonderen Stil des Iren hat man nach fünf Seiten intus, danach gibt es nur noch Staunen. Jetzt liegt mit „Jenseits der See“ ein neues Buch von Paul Lynch auf Deutsch vor, im Original ist der schmale Roman „Beyond Sea“ bereits 2021 erschienen.

Das Buch handelt von zwei mexikanischen Fischern, der eine älter und verzweifelt, der andere jung und gierig. Trotz Sturmwarnung wagen sie sich in ihrem kleinen Boot auf den Ozean, fischen mit Leinen nach Haien und Tuna – und erhalten die Quittung für ihre Blindheit und Taubheit gegenüber der Natur. Tagelang darben die beiden Männer mit wachsender Verzweiflung, schwindendem Trinkwasser, steigendem Wahnsinn und abflauender Hoffnung auf dem weiten Meer und in der Sonne …

„Jenseits der See“ ist eine dieser kraftvollen, eindringlichen Geschichten über Mensch und Natur. Dabei könnte man den abenteuerlichen Fischerboot-Katastrophenroman sogar als Parabel auf unsere anhaltende Ignoranz hinsichtlich Umweltverschmutzung und Klimawandel deuten. Die Beschreibung der Elemente und ihrer menschlichen Gegenüber lässt einen indes an den großen Ernest Hemingway denken, die poetische, ihrerseits elementare Sprache an den bereits erwähnten Cormac McCarthy oder auch an Lynchs Landsmann Kevin Barry. „Das Lied des Propheten“ ist das Must-Read in seinem Schaffen, doch „Jenseits der See“ unterstreicht auf seine Weise: Paul Lynch schreibt besondere, intensive Bücher.

Christian Endres

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  • Paul Lynch
    Jenseits der See
    Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 192 Seiten
    ISBN 978-3-608-96688-6

Mit „Das Lied des Propheten“ hat der irische Autor Paul Lynch eine der denkwürdigsten, gegenwärtigsten Dystopien der letzten Jahre vorgelegt – und dafür zurecht den Booker Prize 2023 erhalten. „Das Lied des Propheten“ zwischen Margaret Atwood und Cormac McCarthy muss man als SF-Fan gelesen haben, den besonderen Stil des Iren hat man nach fünf Seiten intus, danach gibt es nur noch Staunen.

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Der Schlüssel der Magie – Die Diebin

von am 4. August 2025 noch kein Kommentar

  • Bennett, Robert Jackson
    Der Schlüssel der Magie – Die Diebin
    Blanvalet, 2020, 604 Seiten

Robert Jackson Bennett holte mich mit "Die Stadt der tausend Treppen" aus einer Leseflaute und begeisterte mich mit "Der Schlüssel der Magie" zum zweiten Mal mit seinem Schreibstil und seiner Angewohnheit jeden Band einer seiner Reihen auf eine völlig neue Ebene zu heben. "Der Schlüssel der Magie" ist eine kleine Dauerempfehlung von mir, für alle die sich in neue, einzigartige Magiesysteme hineindenken möchten. Für alle die Intrigen, ein bisschen Politik und die lustige Stimme aus dem Off zu schätzen wissen. Für alle die, die Götter der Vergangenheit ebenso wenig ruhen lassen wollen wie ich.

Tevanne ist eine Stadt die von Handelshäusern bestimmt wird. Handelshäuser, die die einzigen sind, die sich Magie und deren Weiterentwicklung leisten können. Denn Magie wird in Tevanne durch Skriben gewirkt. Worte und Sygillen, die der Realität einreden anders zu sein, die physikalische Gesetze außer Kraft setzen können sobald sie in entsprechende Gegenstände geritzt werden.
In diesem Buch geht es also nicht nur um einen langweiligen Schlüssel, sondern um einen Schlüssel, der mithilfe seiner Skriben alle Schlösser dazu "überreden" kann sich zu öffnen. Ein meisterhaftes Werkzeug für eine Diebin wie Sancia, die den Schlüssel, ohne zu wissen was er ist oder kann, stiehlt und sich damit in unsagbare Schwierigkeiten bringt. Nicht nur Ihre Auftraggeber, die Ihren Schatz natürlich nicht teilen wollen, sondern auch uralte Mächte bringen sie nun in die Bredouille. So bleibt ihr kaum eine andere Möglichkeit als den Worten den Schlüssels, der nebenbei bemerkt natürlich mit ihr sprechen kann, zu vertrauen und sich mit ihm zusammen an das Lösen einiger Rätsel zu machen.

Mit jedem Band dieser Trilogie wurde mir als Leser mehr bewusst, wie ausgeklügelt und Komplex das Magiesystem eigentlich ist, wie viel Mühe und Gehirnschmalz der Autor hier wieder hineingesteckt hat. Mit jedem Band habe ich mich mehr auf die Welt eingelassen die er kreiert hat, aber auch auf die Veränderungen die zwischen den Bänden stattfanden. Ich bin sehr gespannt, ob seine neuen Werke auch ins Deutsche übersetzt werden, von diesem Autor brauchen wir mehr zu lesen.

"Die Realität spielt keine Rolle. Solange man jemandes Meinung umfassend genug ändert, glaubt er an jedwede Realität, die man ihm einredet."

  • Bennett, Robert Jackson
    Der Schlüssel der Magie – Die Diebin
    Blanvalet, 2020, 604 Seiten

Robert Jackson Bennett holte mich mit "Die Stadt der tausend Treppen" aus einer Leseflaute und begeisterte mich mit "Der Schlüssel der Magie" zum zweiten Mal mit seinem Schreibstil und seiner Angewohnheit jeden Band einer seiner Reihen auf eine völlig neue Ebene zu heben. "Der Schlüssel der Magie" ist eine kleine Dauerempfehlung von mir, für alle die sich in neue,

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Finn Dever: Letzter Blick

von am 30. Juli 2025 noch kein Kommentar

  • Bastian Martschink
    FINN DEVER – LETZTER BLICK. Kriminalroman.
    München, Golkonda, 2025, 380 Seiten
    ISBN 978-3-96509-074-3 / 18,00 Euro
    Klappenbroschur

Ein Ermittler mit besonderen Fähigkeiten, der einer Beamtin der Mordkommission gegen deren Willen unter die Arme greift – das haben wir schon mal gelesen und/oder im Fernsehen gesehen, das ist aber immer dann eine gute Idee, wenn die Mischung aus Action, Charakter und Sound zusammenpasst und zu unterhalten weiß.

Der Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Bastian Martschink versucht sich in diesem Genre mit seinem KI-Thriller FINN DEVER – LETZTER BLICK, dem Auftaktband einer Serie mit einem Ermittler, der seinen KI-Assistenten nicht im Smartphone, sondern im Kopf mit sich herumträgt. Allerdings ohne es zu wissen, was ihn bei seinem ersten gemeinsamen Fall mit Detective Kate Okon vom Blackvale Police Department in gleich mehrere missliche Lagen bringt. Zwar haben sie am Ende den Mord an der Finanzchefin eines Megakonzerns „geklärt“, aber Finn hat da so seine Zweifel …

Martschinks Stil ist flüssig und gut lesbar, seine Figuren unterhalten auf hohem Niveau – FINN DEVER – LETZTER BLICK kommt als eine Mischung aus DRESDEN FILES und CASTLE daher, bei der wir gespannt sind, wie es im zweiten Teil weitergeht.

Horst Illmer

  • Bastian Martschink
    FINN DEVER – LETZTER BLICK. Kriminalroman.
    München, Golkonda, 2025, 380 Seiten
    ISBN 978-3-96509-074-3 / 18,00 Euro
    Klappenbroschur

Ein Ermittler mit besonderen Fähigkeiten, der einer Beamtin der Mordkommission gegen deren Willen unter die Arme greift – das haben wir schon mal gelesen und/oder im Fernsehen gesehen, das ist aber immer dann eine gute Idee, wenn die Mischung aus Action, Charakter und Sound zusammenpasst und zu unterhalten weiß.

Der Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Bastian Martschink versucht sich in diesem Genre mit seinem KI-Thriller FINN DEVER – LETZTER BLICK,

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Moonfleet

von am 28. Juli 2025 2 Kommentare

  • John Meade Falkner
    MOONFLEET
    Übersetzt von Michael Kleeberg
    Liebeskind Verlagsbhandlung
    Februar 2016, 350 Seiten
    EAN: 9783954380596

„Moonfleet“ ist keine Phantastik, „nur“ ein Abenteuerroman des britischen Autors John Meade Falkner aus dem Jahr 1898. Das Wörtchen NUR muss hier für mich in Anführungszeichen stehen.

Zum einen bin ich großer Fan des klassischen Abenteuerromans, der freilich deutlichen Einfluss auf unsere Pulpgeschichten Anfang des 20. Jahrhunderts und damit auch auf unsere heutige phantastische Literatur gehabt haben dürfte.

Zum anderen hat „Moonfleet“ meine persönliche Rankingleiter bis zur obersten Sprosse erklommen: Die großen Zwei, „Robinson Crusoe“ und „Die Schatzinsel“, werden heute noch vielen in bester Erinnerung sein, aber auch „Die drei Musketiere“ oder „Moby Dick“ sind starke Vertreter dieser Gattung.

„Der gute Abenteuerroman“ unterhält uns, sagt uns etwas, reißt uns mit; dabei ist er eigensinnig und atmosphärisch. Und hier stößt man dann leider irgendwann auf die Grenzen der Auswahl im Genre, weil es gibt ein paar grandiose Abenteuerromane neben denen so viele andere deutlich zurückbleiben.

Doch manchmal hat man Glück, man selbst findet einen Schatz, vielleicht an einem Ort, wo man gar nicht damit gerechnet hat. Genau auf die Art bin ich auf „Moonfleet“ gestoßen.

Was soll ich sagen? Was für ein Abenteuerroman!

Die Geschichte spielt in einem armen Fischerdorf in Südengland in der Mitte des 18. Jahrhunderts, das nebenher von Schmuggel und Wrack-Plünderungen lebt. John, unser zu Beginn 15-jähriger Protagonist, erzählt uns aus seinem Leben, ein mitreißendes Abenteuer, welches zehn Jahre währte. Dabei wird es freilich auch um eine Schatzsuche gehen, aber eben nicht nur: Eine besondere Männerfreundschaft, dichte Naturbeschreibungen und eine prägnante Sprache lassen dieses Buch Teil meiner Top 3 des Abenteuerromanes werden. „Moonfleet“ steht dabei neben „Die Schatzinsel“ und „Robinson Crusoe“, Braue an Braue. Wer Abenteuergeschichten liebt, der wird “Moonfleet“ verschlingen.

  • John Meade Falkner
    MOONFLEET
    Übersetzt von Michael Kleeberg
    Liebeskind Verlagsbhandlung
    Februar 2016, 350 Seiten
    EAN: 9783954380596

„Moonfleet“ ist keine Phantastik, „nur“ ein Abenteuerroman des britischen Autors John Meade Falkner aus dem Jahr 1898. Das Wörtchen NUR muss hier für mich in Anführungszeichen stehen.

Zum einen bin ich großer Fan des klassischen Abenteuerromans, der freilich deutlichen Einfluss auf unsere Pulpgeschichten Anfang des 20. Jahrhunderts und damit auch auf unsere heutige phantastische Literatur gehabt haben dürfte.

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One Dark Window – Die Schatten zwischen uns

von am 21. Juli 2025 noch kein Kommentar

  • Gillig, Rachel
    One Dark Window – Die Schatten zwischen uns
    LYX, 2024, 490 Seiten

"Ich bin der Wind in den Bäumen, bin Schatten und Schrecken. Das Echo in den Blättern – der Nachtmahr, dich zu wecken."

11 Jahre nachdem Elspeth Spindle mit Magie infiziert wurde, weiß Sie immernoch nicht was das bedeutet und wer das ist, dieser Nachtmahr, der ihren Geist bewohnt und ihr, wenn sie ihn darum bittet, unfassbare Stärke und Schnelligkeit verleiht.
Was Elspeth weiß ist, dass Magie nie frei ist. Alles hat seinen Preis, alles muss im Gleichgewicht sein. Magie wie Ihre, die Ihren Ursprung im Nebel des Waldes hat, wird nicht akzeptiert. Magie wird nur dann akzeptiert, wenn sie rein ist, wenn Sie durch "Vorsehungskarten" gewirkt wird. "Vorsehungskarten" die der Hirtenkönig einst im Handel mit der Herrin des Waldes, mit seinem eigenen Leben erschuf. "Vorsehungskarten" die das Land Blunder, sollte das Deck von 12 Karten vereint werden, von dem Nebel heilen könnte, der die magischen Infektionen bringt.

Was mich dazu bringt diese Reihe weiterzuempfehlen, ist das originelle und für mich neue Magiesystem, dass sich durch die Nutzung der "Vorsehungskarten" zeigt. Karten mit verschiedenen Fähigkeiten und verschiedenen Wertigkeiten. Es ist der Nachtmahr, der mich mit der mysteriösen, reimartigen Sprache, seiner zynischen, lustigen Art dazu gebracht hat, alle Geheimnisse der Vergangenheit lüften zu wollen. Es ist das Gleichgewicht, der sympathischen und unsympathischen Charaktere, der Mischung aus unerwarteten Wendungen und dener, bei denen ich nur wissend nicken konnte. Es sind die ausgeklügelten Parallelen, die Hinweise die gut gewählt und verborgen in mystischer Sprache liegen, die Liebe zum Detail. Es ist der Schreibstil, der all dem einen Rahmen gibt in den man immer wieder gerne eintaucht.

Die Shepherdking-Dilogie mit seinem 1. Band "One Dark Window", kann ich also jedem ans Herz legen der Fantasy mit spannendem Magie-System liebt. Der Magie in Wäldern liebt. Der liebt, wenn am Ende alles Sinn ergibt. Der es liebt Rätsel zu lüften. Der auch nichts gegen eine dezente Liebesgeschichte hat.

"Sei vorsichtig, sei klug, sei anständig."

  • Gillig, Rachel
    One Dark Window – Die Schatten zwischen uns
    LYX, 2024, 490 Seiten

"Ich bin der Wind in den Bäumen, bin Schatten und Schrecken. Das Echo in den Blättern – der Nachtmahr, dich zu wecken."

11 Jahre nachdem Elspeth Spindle mit Magie infiziert wurde, weiß Sie immernoch nicht was das bedeutet und wer das ist, dieser Nachtmahr, der ihren Geist bewohnt und ihr, wenn sie ihn darum bittet, unfassbare Stärke und Schnelligkeit verleiht.

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Mutter London

von am 7. Juli 2025 2 Kommentare

  • Michael Moorcock
    MUTTER LONDON. Roman.
    Ü: Hannes Riffel
    (MOTHER LONDON / 1988)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 726 S.
    ISBN 978-3-910914-34-6, 28,00 Euro
    Klappenbroschur

Im Carcosa Verlag ist Ende Juni mit einer kleinen Verzögerung von 37 Jahren endlich das monumentale Meisterwerk MUTTER LONDON von Michael Moorcock erschienen.

Der 1939 geborene Moorcock veröffentlicht bereits seit 1957 und als er 1988 seine Liebeserklärung an die Stadt London, ihre Bewohner und ihre Mythen herausbrachte, befand er sich ganz offensichtlich auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Und obwohl damals eine ungeheure Zahl an Moorcock-Büchern auf Deutsch erschien, wagte sich keiner seiner deutschen Hausverlage an diesen Roman, der von vielen Kritikern als sein bestes Werk bezeichnet wird.

Erst jetzt also ist es möglich, den vielfach verschlungenen Wegen der drei Hauptfiguren Mary, Josef und David über die Jahre zwischen 1940 und 1985 durch ein London zu folgen, das große Ähnlichkeit mit jener für uns realen Stadt hat, aber an bestimmten Punkten ganz unauffällig in einer alternativen Welt angesiedelt ist.

Moorcock hat seine Protagonisten mit der Fähigkeit ausgestattet, die Gedanken ihrer Mitmenschen lesen zu können (um den allmächtigen Weltenschöpfer als Erzähler zu umgehen), und so erleben die drei nicht nur Eigenes (was, nicht nur aufgrund ihrer wunderbaren Dreier-Beziehung und ihrer außergewöhnlichen Erfahrungen, allein schon für einen umfangreichen Roman ausreichen würde), sondern lauschen auch einem fast ununterbrochenen »Bewusstseinsstrom«, der das mythologische Hintergrundrauschen der großen Stadt abbildet.

Diese vor allem emotional herausfordernde Großstadtgeschichte braucht den Vergleich mit dem ULYSSES von James Joyce nicht zu scheuen, fügt aber auf gekonnte und anregende Weise die literarischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der seither vergangenen Jahrzehnte in die Erzählung ein.

Wer wissen will, woher Alan Moore die größte Anregung für sein JERUSALEM-Buch hat, wird nach der Lektüre von MUTTER LONDON keinerlei Zweifel mehr haben.

Horst Illmer

  • Michael Moorcock
    MUTTER LONDON. Roman.
    Ü: Hannes Riffel
    (MOTHER LONDON / 1988)
    Wittenberge, Carcosa, 2025, 726 S.
    ISBN 978-3-910914-34-6, 28,00 Euro
    Klappenbroschur

Im Carcosa Verlag ist Ende Juni mit einer kleinen Verzögerung von 37 Jahren endlich das monumentale Meisterwerk MUTTER LONDON von Michael Moorcock erschienen.

Der 1939 geborene Moorcock veröffentlicht bereits seit 1957 und als er 1988 seine Liebeserklärung an die Stadt London, ihre Bewohner und ihre Mythen herausbrachte,

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Tiefer Winter

von am 2. Juli 2025 Kommentare deaktiviert für Tiefer Winter

  • Samuel W. Gailey
    Tiefer Winter
    Polar Verlag, Stuttgart 2025, 291 Seiten
    ISBN 978-3-910918-22-1

Kann ein Buch auch eine Klimaanlage sein? Durchaus. Wenn im Sommer ein Roman wie „Tiefer Winter“ von US-Autor Samuel W. Gailey („Die Schuld“) erscheint, in dem es am laufenden Band schneit, weht, eist und klirrt, dann vermag einen die Lektüre schon etwas runterzukühlen – oder man vergisst die Hitze wenigstens ein bisschen, weil man voll und ganz mit dem Lesen beschäftigt ist. Obwohl einem trotz des winterlichen Settings im abgelegenen Pennsylvania natürlich auch schnell warm werden kann, und sei es nur, da man die Seiten des Spannungsromans wie im Fieberwahn umblättert …

Der selbst in Pennsylvania geborene Samuel W. Gailey erzählt eine Krimigeschichte über die verschneite Kleinstadt Wyalusing. Seine nach vertrauten Formen modellierten Hauptfiguren: Danny, der geistig eingeschränkte, jedoch sanftmütige Riese, der von den meisten Leuten im Kaff gemieden oder verspottet wird. Die hübsche, gutherzige, im Ort hängen gebliebene Kellnerin Mindy mit dem furchtbaren Männergeschmack. Lester, der müde alte Sheriff kurz vor dem Ruhestand. Der gemeine, brutale Deputy-Mistkerl Sokowski, der massig Dreck am Stecken hat. Sein Mitläufer-Kumpel Carl, den das Gewissen plagt. Und Taggart, ein in die Jahre kommender State Trooper, dessen Leben vom Alkohol längst ruiniert worden ist. Als Mindy ermordet wird und man es Danny anhängt, beginnt die Jagd durch den verschneiten Wald …

Mit jedem Kapitel wird „Tiefer Winter“ intensiver, und schon lange vor dem erstklassig konstruierten Showdown ist man komplett am Haken der Story. Samuel W. Gailey nutzt die kraftvollen Archetypen des Country-Noir-Genres ausgesprochen effizient, da stören die Klischees kein bisschen, die gehören viel mehr dazu. Sein finsterer Kleinstadt-Krimi, der so gar keine amerikanische Hinterland-Idylle portraitieren oder vortäuschen will, beschert Fans von William Gay, Larry Brown, Cormac McCarthy, Erin Flanagan, Joe R. Lansdale, Stephen King oder z. B. auch „Fargo“ daher ein paar richtig coole Lesestunden.

Christian Endres

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  • Samuel W. Gailey
    Tiefer Winter
    Polar Verlag, Stuttgart 2025, 291 Seiten
    ISBN 978-3-910918-22-1

Kann ein Buch auch eine Klimaanlage sein? Durchaus. Wenn im Sommer ein Roman wie „Tiefer Winter“ von US-Autor Samuel W. Gailey („Die Schuld“) erscheint, in dem es am laufenden Band schneit, weht, eist und klirrt, dann vermag einen die Lektüre schon etwas runterzukühlen – oder man vergisst die Hitze wenigstens ein bisschen, weil man voll und ganz mit dem Lesen beschäftigt ist.

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Swedish Machines

von am 30. Juni 2025 Kommentare deaktiviert für Swedish Machines

  • Simon Stålenhag
    SWEDISH MACHINES. Ein illustrierter Roman.
    Ü: Stefan Pluschkat
    (Svenska Maskiner. Ensligt Belägna / 2025)
    Frankfurt, S.Fischer/TOR, 2025, 184 S.
    ISBN 978-3-596-71139-0 / 38,00 Euro
    Großformatiges Hardcover

Mit SWEDISH MACHINES legt der 1984 geborene Autor und Künstler Simon Stålenhag bereits seinen fünften „illustrierten Roman“ innerhalb von zehn Jahren (sein Erstling TALES FROM THE LOOP erschien 2014) vor. Es ist ein weiteres seiner literarischen „Wunderwerke“, in denen sich Wort und Bild auf eine einzigartige Weise verbinden und ergänzen.

Stålenhag gehört zu den wenigen echten Doppelbegabungen innerhalb des Genres, die sowohl erzählen wie illustrieren können, und was er mit diesen Fähigkeiten anstellt, beschert ihm eine verdiente „Alleinstellung“ innerhalb der zeitgenössischen Phantastik.

Natürlich ist es zuerst das Riesenformat das beim Betrachten auffällt, dann das Gewicht, dann die überformatigen fotorealistischen Bilder einer nordischen Welt, die ganz knapp neben der Realität zu existieren scheint – und dann die „Dinge“, die in dieser Welt vorhanden sind und die definitiv nicht aus „unserer“ Realität stammen. Und wenn dann die Geschichte dazu sich ganz ruhig und langsam und in ihrer ganzen Tiefe und Größe entwickelt, zeigt sich erst die wirkliche Meisterschaft Stålenhags.

Diesmal geht es also um ein Alternativwelt-Schweden, in dem 1980 der Test einer Kriegswaffe so dramatisch fehlgeschlagen ist, dass nur noch eine riesige Sperrzone eingerichtet werden konnte und man von Seiten der Industrie, des Militärs und der Politik alles versucht, die Sache totzuschweigen. Kurz vor der Jahrtausendwende machen sich die einheimischen Klassenkameraden Linus und Valter an die Erforschung der verbotenen Zone. Während der musikalische Linus danach wegzieht und in Stockholm ein neues Leben beginnt, bleibt das Computergenie Valter in der Nähe und erforscht die Zone heimlich weiter. Über viele Jahre besucht ihn Linus immer wieder, aber nach einem dramatischen Nervenzusammenbruch Valters trennen sich ihre Wege – bis Linus im Dezember 2025 ein von Valter vorhergesagtes Ereignis in der Zone beobachten will …

SWEDISH MACHINES ist ein vielschichtiges Meisterwerk: Es gibt die zerstörte Sicherheitszone, in der sich die Natur ihr Recht zurückerobert, es gibt die Menschen darum herum, die sich arrangiert haben und vor allem vergessen wollen, es gibt zwei Freunde, die sich hervorragend ergänzen und trotzdem verschiedene Wege beschreiten – und es gibt die gigantischen Überreste des missglückten Tests, die durchaus ein Eigenleben entwickelt haben. Erzähltechnisch handelt es sich um einen Entwicklungsroman (oder neudeutsch „coming of age“) mit einer Rahmenhandlung, und trotz dieser klassischen Herangehensweise überraschte mich vor allem die Zärtlichkeit, die Stålenhag hier zeigt.

Ein großes Buch voller großer Gefühle.

Horst Illmer

  • Simon Stålenhag
    SWEDISH MACHINES. Ein illustrierter Roman.
    Ü: Stefan Pluschkat
    (Svenska Maskiner. Ensligt Belägna / 2025)
    Frankfurt, S.Fischer/TOR, 2025, 184 S.
    ISBN 978-3-596-71139-0 / 38,00 Euro
    Großformatiges Hardcover

Mit SWEDISH MACHINES legt der 1984 geborene Autor und Künstler Simon Stålenhag bereits seinen fünften „illustrierten Roman“ innerhalb von zehn Jahren (sein Erstling TALES FROM THE LOOP erschien 2014) vor. Es ist ein weiteres seiner literarischen „Wunderwerke“, in denen sich Wort und Bild auf eine einzigartige Weise verbinden und ergänzen.

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Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes

von am 23. Juni 2025 2 Kommentare

GerdHorst ist einfach unglaublich. Auch dieses Buch, aus der Kategorie (eigentlich) nicht besorgbare Titel. Oder zumindest nicht rentabel... ist wieder derart putzig, interessant UND spannend rezensiert, dass ich nicht umhin kann, die Rezi online zu stellen.

Auch wenn der "Händler" im Buchhändler in mir natürlich relativ traurig ist. Aber wir sagen es ja immer, wir tun, was wir tun, weil wir es gerne tun. Oder auch: Wir lieben den ganzen Scheiß. Und wenn Horst es eben wieder schafft, uns ein unprofitables Produkt schmackhaft zu machen, dann ist das eben so. Eben Teil des Ganzen, das uns und unseren Laden ausmacht. Also auch hier, danke lieber Horst.

  • Stefan & Simon Rasch (Text) & Anja Abicht (Bilder)
    HASE HOLLYWOOD UND DAS GEHEIMNIS DES DRACHENLANDES.
    Wien, Hasenfrosch Verlag, 2024, 208 Seiten
    ISBN 978-3-9505678-0-9 / 28,70 Euro
    Großformatiges Hardcover

    & als Hörspiel:
    HASE HOLLYWOOD UND DAS GEHEIMNIS DES DRACHENLANDES.
    Wien, Hasenfrosch Verlag
    ISBN 978-3-9505678-1-6 / 3 CDs / 18,00 Euro

Das außergewöhnlichste Buch seit langem lieferte mir eine österreichische Familie, deren Gemeinschaftsprojekt HASE HOLLYWOOD UND DAS GEHEIMNIS DES DRACHENLANDES 2024 im Wiener Hasenfrosch Verlag erschienen ist. Die ursprüngliche Idee zu der ungewöhnlichen Tier-Fantasy-Geschichte um den Hasen Hollywood, die Rockkatze Kate und ihre Freunde, den Orang-Utan Affe, die Maus Giovanni und Nilpferddame Mama Lu hatte der 2015 geborene Simon Rasch. Gemeinsam mit seinem Vater Stefan Rasch tüftelte er fast vier Jahre, bis nicht nur das Grundgerüst, das Personal und die Handlung vorhanden waren, sondern auch eine überaus spannende und lustige Erzählung vorlag. In dieser Zeit machte sich Simons Mama Anja Abicht mit Pinsel und Farben daran und malte 250 Bilder zur Illustration des Abenteuers. Herausgekommen ist ein großformatiger, farbenprächtiger Hardcoverband mit mehr als 200 Seiten, der vom Einband bis zur letzten Seite so begeisternd liebevoll aufgemacht ist, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

Es beginnt alles im kleinen Gasthaus „Zum fröhlichen Pups“ (und bereits die Geschichte, wie es zu diesem Namen kam, ist zum Schreien komisch!), das in einer Bucht am Ende der Welt liegt und das Hollywood von seinem Großvater, dem alten Seehasen Kapitän Möhrchen geerbt hat.

Als dort eines schönen Morgens der berüchtigte Pirat Captain Grühnzahn auftaucht, gerät das Leben von Hollywood, Kate, Mama Lu, Affe und Giovanni völlig durcheinander. Denn bei seiner überstürzten Flucht vor der anrückenden Küstenwache lässt Grühnzahn ein Drachenei unter dem Tisch zurück. Und nicht allzu lange darauf schlüpft daraus ein äußerst quirliges kleines Drachenbaby …

Das alles passiert noch auf den ersten Seiten, danach geht es an die nicht ganz ungefährliche Sache mit der »Kindererziehung«, die dazu führt, dass die nicht ganz ungefährliche Sache mit der Suche nach dem Drachenland in Angriff genommen wird, woraufhin auch noch die Sache mit dem Piratenschatz passiert. Im Verlauf all dieser prickelnden Abenteuer vergisst Hollywood völlig, dass er eigentlich ein „Angsthase“ ist.

Die Geschichte von HASE HOLLYWOOD UND DAS GEHEIMNIS DES DRACHENLANDES eignet sich hervorragend dazu, gemeinsam mit Kindern (vor-)gelesen und angeschaut zu werden, macht aber auch jung gebliebenen Erwachsenen jede Menge Spaß.

Und für Unterwegs gibt es das Ganze auch als aufwändig produziertes Hörspiel ebenfalls bei Hasenfrosch.

Horst Illmer

Horst ist einfach unglaublich. Auch dieses Buch, aus der Kategorie (eigentlich) nicht besorgbare Titel. Oder zumindest nicht rentabel... ist wieder derart putzig, interessant UND spannend rezensiert, dass ich nicht umhin kann, die Rezi online zu stellen.

Auch wenn der "Händler" im Buchhändler in mir natürlich relativ traurig ist. Aber wir sagen es ja immer, wir tun, was wir tun, weil wir es gerne tun. Oder auch: Wir lieben den ganzen Scheiß. Und wenn Horst es eben wieder schafft,

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Der Blick von den Sternen

von am 18. Juni 2025 Kommentare deaktiviert für Der Blick von den Sternen

  • Cixin Liu
    DER BLICK VON DEN STERNEN. Erzählungen und Essays.
    Ü: Karin Betz, Johannes Fiederling & Marc Hermann
    (A VIEW FROM THE STARS / 2024)
    München, Heyne, 2025, 336 Seiten
    ISBN 978-3-453-27508-9 / 20,00 Euro
    Hardcover

Nun müssen gute Science-Fiction-Autoren ja nicht unbedingt große Philosophen sein, aber schön ist es trotzdem, wenn ein verehrter Schreiberling in der Lage ist, nicht nur weiterhin tolle Geschichten zu Papier zu bringen, sondern auch seine Werke und das Genre, und ein bisschen vielleicht auch das Universum, so zu erklären, dass das geneigte Publikum einen Mehrwert hat.

Ein Autor, bei dem man dies getrost erwarten kann ist Cixin Liu, der inzwischen gar nicht mehr so überraschende Weltstar aus China.

Sein aktuelles Buch DER BLICK VON DEN STERNEN erschien bei Heyne gleich im Hardcover und versammelt auf 336 Seiten nicht nur neue Science-Fiction-Stories, sondern auch Essays und Interviews und andere Gelegenheitstexte. Lius Blick, sowohl auf das Universum als auf das eigene schriftstellerische Werk und das einiger seiner Kollegen, ist offen für Details und weit genug für das große Ganze. Er versucht objektiv und ehrlich seine Meinung darzulegen – auch wenn diese mit den westlichen Vorurteilen hin und wieder auf Kriegsfuß steht. Aber ein „Blick von den Sternen“ sollte ja auch etwas anderes sehen als das, was gewöhnliche Menschen sehen, wenn sie zum Horizont schauen. Insgesamt 19 Texte bieten 19 Möglichkeiten diesen „Blick“ zu teilen und so ist dieses Buch auch kein „weder noch“, sondern ein „sowohl als auch“-Angebot an Leser*innen, die mehr über Cixin Liu erfahren wollen.

Horst Illmer

  • Cixin Liu
    DER BLICK VON DEN STERNEN. Erzählungen und Essays.
    Ü: Karin Betz, Johannes Fiederling & Marc Hermann
    (A VIEW FROM THE STARS / 2024)
    München, Heyne, 2025, 336 Seiten
    ISBN 978-3-453-27508-9 / 20,00 Euro
    Hardcover

Nun müssen gute Science-Fiction-Autoren ja nicht unbedingt große Philosophen sein, aber schön ist es trotzdem, wenn ein verehrter Schreiberling in der Lage ist, nicht nur weiterhin tolle Geschichten zu Papier zu bringen,

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Lyneham

von am 16. Juni 2025 Kommentare deaktiviert für Lyneham

  • Nils Westerboer
    LYNEHAM. Roman.
    Stuttgart, Klett-Cotta (Hobbit Presse), 2025, 500 Seiten
    ISBN 978-3-608-98723-2 / 18,00 Euro
    Klappenbroschur

Innerhalb ganz kurzer Zeit ist es Nils Westerboer gelungen, in den Kreis der besten deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren aufzusteigen. Nach dem erfolgreichen Debüt in der Hobbit Presse mit ATHOS 2643 (2022) erschien zuletzt der Roman LYNEHAM, der sich unter anderem mit den Problemen des Terraforming, des Langzeittiefschlafs während einer Weltraumreise, dem Erstkontakt mit Aliens, dem Konflikt zwischen Wissenschaft und Kapital und den Schwierigkeiten der Kindererziehung beschäftigt. Da sind die vorhandenen 500 Seiten fast zu wenig, aber Westerboer gelingt es souverän, all dies unter einen Hut zu bringen, seinen Protagonisten gerecht zu werden und seine Leser*innen bestens zu unterhalten.

Die Klimakatastrophe auf der Erde bringt immer mehr Menschen dazu, diese zu verlassen und sich auf den Weg zur einzigen bisher existierenden Kolonie auf einem unwirtlichen Mond zu begeben. Die Vorabkommandos und hinterher reisenden Spezialisten nehmen dort auf Perm die größten Schwierigkeiten in Kauf, um ihren Familien so etwas wie eine Heimat zu geben – aber die Naturgesetze sind halt nicht nur für Menschen gemacht, sondern gelten auch, wenn sie konträr zu unseren Bedürfnissen stehen. Dr. Mildred Meadows, die gar nicht so heimliche Heldin des Buches, erkennt das zuerst und akzeptiert es in einer Radikalität, wie es nur eine ihre Familie liebende Ehefrau und Mutter kann. Denn die einzige Überlebenschance ist: Anpassung!

Horst Illmer

  • Nils Westerboer
    LYNEHAM. Roman.
    Stuttgart, Klett-Cotta (Hobbit Presse), 2025, 500 Seiten
    ISBN 978-3-608-98723-2 / 18,00 Euro
    Klappenbroschur

Innerhalb ganz kurzer Zeit ist es Nils Westerboer gelungen, in den Kreis der besten deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren aufzusteigen. Nach dem erfolgreichen Debüt in der Hobbit Presse mit ATHOS 2643 (2022) erschien zuletzt der Roman LYNEHAM, der sich unter anderem mit den Problemen des Terraforming, des Langzeittiefschlafs während einer Weltraumreise, dem Erstkontakt mit Aliens, dem Konflikt zwischen Wissenschaft und Kapital und den Schwierigkeiten der Kindererziehung beschäftigt.

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Arborealität

von am 4. Juni 2025 Kommentare deaktiviert für Arborealität

  • Rebecca Campbell
    ARBOREALITÄT. Erzählungen.
    Ü: Barbara Slawig
    (ARBOREALITY / 2022)
    Wittenberge Carcosa, 2025, 197 S.
    ISBN 978-3-910914-30-8 / 18,00 Euro
    Kleinformatiges Hardcover

Ganz neu bei uns im deutschsprachigen Raum ist Rebecca Campbell, eine kanadische Autorin, die für ihren aus sechs Geschichten zusammengefügten Mosaik-Roman ARBOREALITÄT 2023 mit dem Ursula K. Le Guin Prize for Fiction ausgezeichnet wurde, nachdem sie für die zentrale Erzählung „Ein bedeutender Fehlschlag“ im Jahr 2021 bereits den Theodore Sturgeon Memorial Award einheimsen konnte.

Die Geschichten spielen in einem leicht in die Zukunft verschobenen Kanada, in dem die Dinge manchmal einen surrealen Charakter angenommen haben, was zu irritierenden Geschehnissen führt, deren Logik sich oftmals erst ganz am Ende erschließt. So zum Beispiel, wenn eine Mannschaft ausrückt, um geschützte Bäume zu fällen, mit der ausschließlichen Absicht, daraus Holz für eine Meistergeige zu gewinnen, oder wenn ein Professor seine Bestimmung darin findet, alten Büchern Schutz und Sicherheit zu bieten.

Trotz der angedeuteten Umweltprobleme und den sonstigen Problemen der Protagonisten, ist ARBOREALITÄT aber kein trauriges, sondern ein Mut machendes Buch. Campbell sieht in vielen Herangehensweisen der Menschen an das vor ihnen Liegende Zeichen der Hoffnung und setzt darauf, dass Beharrlichkeit zu positiven Lösungen führt. Es ist der Versuch einer Beschreibung, wie wir auch unter erschwerten Bedingungen in Zukunft selbstbestimmt und in Würde leben können.

Große Erwartungen also an ein kleines Buch – welche dieses aber spielend erfüllt, vor allem auch, da die Übersetzung durch die Autorin und (bei diesen Texten nicht ganz unwichtig!) Biologin Barbara Slawig den manchmal etwas sperrigen, immer aber exakt auf den Punkt kommenden Stil Campbells in ein klangvolles und stimmiges Deutsch bringt.

Mit jedem bisher erschienen Büchlein dieser kleinen Hardcover-Reihe im Carcosa Verlag wächst die Zahl der unverzichtbaren und „niemals-wieder-hergeben“-Buch-Kleinodien in meiner Bibliothek ein wenig. Aber dagegen, dass eine Sammlung verfeinert wird, kann ja niemand etwas einwenden.

Horst Illmer

  • Rebecca Campbell
    ARBOREALITÄT. Erzählungen.
    Ü: Barbara Slawig
    (ARBOREALITY / 2022)
    Wittenberge Carcosa, 2025, 197 S.
    ISBN 978-3-910914-30-8 / 18,00 Euro
    Kleinformatiges Hardcover

Ganz neu bei uns im deutschsprachigen Raum ist Rebecca Campbell, eine kanadische Autorin, die für ihren aus sechs Geschichten zusammengefügten Mosaik-Roman ARBOREALITÄT 2023 mit dem Ursula K. Le Guin Prize for Fiction ausgezeichnet wurde, nachdem sie für die zentrale Erzählung „Ein bedeutender Fehlschlag“ im Jahr 2021 bereits den Theodore Sturgeon Memorial Award einheimsen konnte.

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Ich lebe und ihr seid tot

von am 2. Juni 2025 Kommentare deaktiviert für Ich lebe und ihr seid tot

  • Emmanuel Carrère
    ICH LEBE UND IHR SEID TOT.
    Die Parallelwelten des Philip K. Dick.
    Ü: Claudia Hamm
    (Je suis vivant et vous êtes morts / 1993)
    Berlin, Matthes & Seitz, 2025, 365 Seiten
    ISBN 978-3-95757-881-5 / 28,00 Euro
    Hardcover

Endlich gibt es mal wieder Neues über einen meiner „literarischen Hausgötter“ zu vermelden: Unter dem Titel ICH LEBE UND IHR SEID TOT erschien bei Matthes & Seitz Berlin ein biografischer Roman des großartigen französischen Autors Emmanuel Carrère, der sich darin den „Parallelwelten des Philip K. Dick“ widmet.

Darin beschreibt Carrère Dicks Leben als wäre er die ganze Zeit von 1928 bis 1982 dabei gewesen, zitiert recht frei aus veröffentlichten Werken, Briefen und Nachlasstexten, und gibt herrlich tiefsinnige Einblicke in die Vorstellungswelt des Amerikaners, der es als einer der ganz wenigen Genre-Autoren schaffte, auch die Aufmerksamkeit des Feuilletons und der Literaturkritik zu erregen.

Im französischen Original bereits 1993 erschienen, hat es das wunderbar flüssig zu lesende Werk in der Übersetzung von Claudia Hamm endlich doch noch zu uns geschafft – und siehe da, es scheint noch aktueller und wichtiger zu sein als vor 32 Jahren.

Horst Illmer

  • Emmanuel Carrère
    ICH LEBE UND IHR SEID TOT.
    Die Parallelwelten des Philip K. Dick.
    Ü: Claudia Hamm
    (Je suis vivant et vous êtes morts / 1993)
    Berlin, Matthes & Seitz, 2025, 365 Seiten
    ISBN 978-3-95757-881-5 / 28,00 Euro
    Hardcover

Endlich gibt es mal wieder Neues über einen meiner „literarischen Hausgötter“ zu vermelden: Unter dem Titel ICH LEBE UND IHR SEID TOT erschien bei Matthes & Seitz Berlin ein biografischer Roman des großartigen französischen Autors Emmanuel Carrère,

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Sing mir vom Tod

von am 28. Mai 2025 Kommentare deaktiviert für Sing mir vom Tod

  • Ivy Pochoda
    Sing mir vom Tod
    Suhrkamp, Berlin, 328 Seiten
    ISBN 978-3-518-47462-4

Früher war die 1977 geborene Ivy Pochoda eine professionelle Squash-Spielerin, inzwischen agiert die Amerikanerin als eine der besten Krimi-Autorinnen ihrer Generation. Ihr Roman „Visitation Street“ ist ein ewiges Lieblingsbuch und eine dauerhafte Empfehlung. Bei Suhrkamp, wo Thomas Wörtche wiederum seit Jahren eines der besten Krimi-Programme kuratiert, liegt nun Pochodas jüngster Roman „Sing Her Down“ als „Sing mir vom Tod“ auf Deutsch vor. Darin erzählt sie schonungslos von Florence und Dios, deren Wege sich in einem Frauengefängnis in Arizona kreuzen – und deren Schicksale miteinander verknüpft bleiben, als sie wegen Corona vorzeitig entlassen werden und sich nach Kalifornien absetzen. Wo die Polizistin Lobos, trotz ihres Jobs selbst ein Opfer häuslicher Gewalt, der Spur aus Chaos und Blut folgt, die Dios und Florence hinterlassen …

Sobald Ivy Pochoda und ihre auf vielerlei Weise eingesperrten Charaktere erst einmal ihren Rhythmus und Plot gefunden haben, ist „Sing mir vom Tod“ ein weiterer starker Noir der US-Autorin, in dem es vor allem um Gewalt gegen Frauen, aber auch durch Frauen geht – und um Wut. Pochoda untersucht das Bild der Frau in der Gesellschaft sowie der Kriminalliteratur. Außerdem gelingt ihr nach „Wonder Valley“ der nächste große und andersartige, moderne L. A.-Roman. Angesiedelt inmitten der Obdachlosigkeits-Welle und der Corona-Pandemie, beschwört Pochoda präapokalyptische bis apokalyptische Bilder herauf. Mit einem Blick auf die verheerenden Brände, die Anfang 2025 in Los Angeles gewütet haben, zeigt das allerdings auch, dass die Literatur fast schon nicht mehr hinterherkommt damit, die Katastrophen unserer Zeit zu verarbeiten und abzubilden.

Christian Endres

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  • Ivy Pochoda
    Sing mir vom Tod
    Suhrkamp, Berlin, 328 Seiten
    ISBN 978-3-518-47462-4

Früher war die 1977 geborene Ivy Pochoda eine professionelle Squash-Spielerin, inzwischen agiert die Amerikanerin als eine der besten Krimi-Autorinnen ihrer Generation. Ihr Roman „Visitation Street“ ist ein ewiges Lieblingsbuch und eine dauerhafte Empfehlung. Bei Suhrkamp, wo Thomas Wörtche wiederum seit Jahren eines der besten Krimi-Programme kuratiert, liegt nun Pochodas jüngster Roman „Sing Her Down“ als „Sing mir vom Tod“ auf Deutsch vor.

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Die Traumsuche der Vellitt Boe

von am 26. Mai 2025 Kommentare deaktiviert für Die Traumsuche der Vellitt Boe

  • Kij Johnson
    DIE TRAUMSUCHE DER VELLITT BOE.
    Ü: Hannes Riffel
    Originalausgabe
    Wendorf, Wandler, 2025, 238 Seiten
    ISBN 978-3-948825-24-9 / 23,00 Euro
    Klappenbroschur

Obwohl sie seit fast vierzig Jahren Genreliteratur schreibt, ist die US-Amerikanerin Kij Johnson hierzulande relativ unbekannt geblieben. Das liegt wohl vor allem daran, dass sie überwiegend Stories und Novellen schreibt und ihre wenigen Romane in den Bereich der Tierfantasy gehören oder noch gar nicht übersetzt wurden. Nachdem 2014 bei Golkonda eine inzwischen leider vergriffene erste Sammlung ihrer meisterhaften und vielfach mit Preisen ausgezeichneten Kurzgeschichten erschienen war, wagt sich nun der Wandler Verlag daran, diese Ausnahmeautorin erneut mit einem Sammelband ins Rennen um die Leser*innenaufmerksamkeit zu schicken.

DIE TRAUMSUCHE DER VELLITT BOE ist eine Originalzusammenstellung von sechs Erzählungen, von denen die Titelstory mit 120 Seiten gut die Hälfte des wunderschön ausgestatteten Buches einnimmt. Übersetzt wurden die Geschichten von Hannes Riffel, wobei man dem Impressum entnehmen kann, dass für die an H. P. Lovecrafts TRAUMSUCHE NACH DEM UNBEKANNTEN KADATH angelehnte Geschichte „Die Traumsuche der Vellitt Boe“ der Lovecraft-Spezialist Alexander Pechmann als Berater hinzugezogen wurde – so viel Aufwand betreiben in Deutschland nur ganz wenige Verlage, das Ergebnis kann sich aber auch wirklich sehen lassen. Der Sog von Johnsons Prosa ist unmittelbar, die Anziehungskraft aller Geschichten reicht vom ersten bis zum letzten Satz und dass die meisten der Geschichten nicht nur für einen oder mehrere Preise nominiert waren, sondern diese auch zumeist gewonnen haben, erschließt sich nach Ende der Lektüre sofort. Ob Science Fiction, Horror, Phantastik, Fantasy: Johnson zeigt sich als Kennerin aller Genres und als meisterhafte Geschichten-Weberin.

Falls jemals ein Alien-Sultan das Überleben der Menschheit an das allnächtliche Erzählen von 1001 Geschichten knüpfen würde, sollten wir Kij Johnson dafür auswählen.

Horst Illmer

  • Kij Johnson
    DIE TRAUMSUCHE DER VELLITT BOE.
    Ü: Hannes Riffel
    Originalausgabe
    Wendorf, Wandler, 2025, 238 Seiten
    ISBN 978-3-948825-24-9 / 23,00 Euro
    Klappenbroschur

Obwohl sie seit fast vierzig Jahren Genreliteratur schreibt, ist die US-Amerikanerin Kij Johnson hierzulande relativ unbekannt geblieben. Das liegt wohl vor allem daran, dass sie überwiegend Stories und Novellen schreibt und ihre wenigen Romane in den Bereich der Tierfantasy gehören oder noch gar nicht übersetzt wurden.

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Astrosapiens

von am 12. Mai 2025 2 Kommentare

  • Michael Marrak
    ASTROSAPIENS.
    Die besten Erzählungen. Band 3.
    Berlin, Memoranda, 2025, 346 S.
    ISBN 978-3-911391-06-1 / 24,00 Euro
    Klappenbroschur

Wie schreibt Michael Marrak in seinen „Nachbemerkungen“ zu ASTROSAPIENS auf Seite 342 so schön:

„EXO-PROGRESSIONEN [ist] meine erste STELLARIS-Erzählung, und trotz ihrer Kürze eine Story mit längerer Geschichte. Ihre Geburtsstunde »feierte« sie im Jahr 1999 unter dem Titel »Pimperlinge« und war damals mein Beitrag für den Storywettbewerb des EuroCon 99 zum Thema »Money Makes the Space Go Round«, bei dem ich meines Wissens Platz 4 belegt habe. In der Jury saß damals u. a. auch Andreas Eschbach, der von meinem Machwerk alles andere als begeistert war (Marrak: Zero Points). Ihre zweite, erweiterte Inkarnation erfuhr die Geschichte knapp ein Jahr später unter demselben Titel in der Ausgabe 37 des SF-Magazins ALIEN CONTACT. Herausgeber Hardy Kettlitz war damals ob des Titels ein wenig irritiert, weil er »Pimperlinge« nicht als Synonym für Kleingeld bzw. Geldmünzen kannte, sondern das Wort von »pimpern« ableitete, einem umgangssprachlichen Begriff für »koitieren«.“

Wer sich solche Mühe allein mit den Fußnoten zu seinen Stories, Erzählungen, Geschichten, Novellen und Romanen macht, der liebt nicht nur sein Werk, sondern auch sein Publikum. Und dass Marrak nicht nur auf der Langstrecke des epischen Romans ein herausragender Autor ist, sondern auch in seinen kürzeren Werken, hat er seit seiner ersten Veröffentlichung in den 1990er Jahren oftmals bewiesen. Wie schwierig es für „Zuspätgekommene“ ist, an diese frühen Texte zu kommen, weiß, wer es schon einmal versucht hat; da ist es nur zu begrüßen, dass es einen Verlag gibt, der sich um die Herausgabe dieser verstreuten Erzählungen kümmert.

Memoranda bringt in diesem Frühjahr bereits die dritte „Best of“-Sammlung der Erzählungen von „Altmeister“ Michael Marrak unter dem Titel ASTROSAPIENS. Auf gut 350 Seiten sind hier acht Geschichten aus den letzten 25 Jahren vereint, zwei davon sogar Erstveröffentlichungen, die anderen, wie vom Perfektionisten Marrak gewohnt, in teilweise erheblichen Überarbeitungen, sodass sich Kauf und Lektüre in jedem Fall lohnen. Die Gestaltung des Buches übernahm der Künstler selbst, verwendete dabei jedoch Bilder von Michael Hutter. Lustiges Detail am Rande: Einer der Werbe-Sprüche auf dem Umschlag stammt von Andreas Eschbach (s. o.).

Horst Illmer

  • Michael Marrak
    ASTROSAPIENS.
    Die besten Erzählungen. Band 3.
    Berlin, Memoranda, 2025, 346 S.
    ISBN 978-3-911391-06-1 / 24,00 Euro
    Klappenbroschur

Wie schreibt Michael Marrak in seinen „Nachbemerkungen“ zu ASTROSAPIENS auf Seite 342 so schön:

„EXO-PROGRESSIONEN [ist] meine erste STELLARIS-Erzählung, und trotz ihrer Kürze eine Story mit längerer Geschichte. Ihre Geburtsstunde »feierte« sie im Jahr 1999 unter dem Titel »Pimperlinge« und war damals mein Beitrag für den Storywettbewerb des EuroCon 99 zum Thema »Money Makes the Space Go Round«,

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