Horsts Bibliothek

Memory Wall

3. Januar 2018 3 Stimmen

Anthony Doerr
MEMORY WALL. Novelle.
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
(Memory Wall / 2010)
München, C. H. Beck, 2016, 135 Seiten
ISBN 978-3-406-68961-1

Es kommt nur alle Heilige Zeiten einmal vor, dass mich eine Leseempfehlung aus dem Radio, zum sofortigen Kauf eines Buches bewegt. Umso dankbarer bin ich dem Zufall, dass ich Ulla Müllers Besprechung von Anthony Doerrs Novelle MEMORY WALL, die bereits 2016 erschienen ist, auf Bayern 1 gehört habe.
Der Inhalt dieses schmalen Bändchens hat es in sich: Es geht ums Älterwerden, um die damit einhergehenden Demenzerscheinungen, um Verlust, um Rassenfragen, um skrupellose Sammler, um unerwartete Menschlichkeit in hoffnungslosen Situationen – und darum, wie man sein Leben weiterlebt, auch wenn das Ende absehbar ist. Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft in einem Vorort von Kapstadt. Dort lebt die vermögende, aber leider demente, Witwe Alma, liebevoll umsorgt von ihrem Angestellten Pheko, der sie mehrmals im Monat zu einem Arzt fährt, der aus dem „interzellulären Raum“ ihres Körpers verlorengegangene Erinnerungen gewinnt und auf Kassetten speichert. Diese Kassetten kann Alma dann zuhause ansehen und so ihre Trauer um den Verlust ihres Mannes ein wenig dämpfen.
Aber in ihren Gedächtnis-Aufzeichnungen gibt es auch eine Kassette, für die sich zwielichtige Sammler interessieren. Deshalb erhält Alma seit einigen Wochen allnächtlichen Besuch von zwei Einbrechern …
Es ist jedoch nicht diese zwischen Science Fiction und Krimi angesiedelte Handlung, die MEMORY WALL zu einem so beeindruckenden Werk macht, sondern die, von Werner Löcher-Lawrence hervorragend übersetzte, stilistische Brillanz mit der Doerr seine Protagonisten zum Leben erweckt. Die oftmals nur mit wenigen Zeilen charakterisierten Figuren stehen trotz ihrer teilweise abscheulichen Taten in all ihrer fragilen Menschlichkeit vor dem Leserauge und vermögen es, uns zu ergreifen. Auf seine Art womöglich ein Meisterwerk.

Horst Illmer
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Memory Wall
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3. Januar 2018 3 Stimmen

Anthony Doerr MEMORY WALL. Novelle. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence (Memory Wall / 2010) München, C. H. Beck, 2016, 135 Seiten ISBN 978-3-406-68961-1 Es kommt nur alle Heilige Zeiten einmal vor, dass mich eine Leseempfehlung aus dem Radio, zum sofortigen Kauf eines Buches bewegt. Umso dankbarer bin ich dem Zufall, dass ich Ulla Müllers weiterlesen…

Die Verbesserung unserer Träume

30. Dezember 2017 7 Stimmen

Sebastian Guhr
DIE VERBESSERUNG UNSERER TRÄUME.
Wien, Luftschacht, 2017, 195 Seiten
ISBN 978-3903081-14-7

Traumstädte und fremde Planeten, die ein Eigenleben zu haben scheinen, sind eigentlich klassische Themen der Science Fiction. Genre-Klassiker, die einem dazu einfallen, sind unter anderem DIE ANDERE SEITE von Alfred Kubin und SOLARIS von Stanislaw Lem. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass der 1983 in Berlin geborene Germanist und Schriftsteller Sebastian Guhr bei seinem Erstlingsroman DIE VERBESSERUNG UNSERER TRÄUME an solche Vorläufer dachte. Seine Sozialisation fand wohl mehr mit den MATRIX-Filmen und den Büchern von Samuel R. Delany, Reinhard Jirgl oder Leif Randt statt.
Im 28. Jahrhundert hat die Menschheit einige ferne Planeten besiedelt, auch wenn die Lebensbedingungen nicht unbedingt optimal sind, und dort Reißbrett-Städte erbaut, die alle Bedürfnisse der Siedler erfüllen sollen. Doch wie bei utopischen Idealen üblich, sieht die Wirklichkeit immer etwas anders aus.
Die Oneiropole auf dem viele Lichtjahre von der Erde entfernten Planeten Rheit existiert seit zwei Jahrhunderten und befindet sich in einer Phase des steilen Niedergangs. Die Bewohner, gefangen in einer technisierten Traumwelt, erkennen dies fast zu spät. Kurz vor dem Zusammenbruch findet sich eine kleine Gruppe um den Wissenschaftler Aspi und seine Familie, die versucht, das Ruder noch herumzureißen. Aber der Untergang der Stadt scheint unvermeidlich …
Bei der Suche nach neuen Erzählern, die sich mit ungewöhnlichen Themen und frischen Ideen in die phantastische Literatur einbringen, bin ich über diesen Titel gestolpert. Das relativ schmale Buch bietet eine intensive und komplex-fordernde Lektüre und gehört zu den interessantesten Neuentdeckungen des Jahres 2017. Auf seine Art womöglich ein Meisterwerk.

Horst Illmer
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Die Verbesserung unserer Träume
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30. Dezember 2017 7 Stimmen

Sebastian Guhr DIE VERBESSERUNG UNSERER TRÄUME. Wien, Luftschacht, 2017, 195 Seiten ISBN 978-3903081-14-7 Traumstädte und fremde Planeten, die ein Eigenleben zu haben scheinen, sind eigentlich klassische Themen der Science Fiction. Genre-Klassiker, die einem dazu einfallen, sind unter anderem DIE ANDERE SEITE von Alfred Kubin und SOLARIS von Stanislaw Lem. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass weiterlesen…

Das Science Fiction Jahr 2017

27. Dezember 2017 6 Stimmen

Michael Görden (Hrsg.)
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2017.
München, Golkonda, 2017, 500 Seiten
Klappenbroschur
ISBN 978-3-946503-10-1

Inzwischen hat man sich schon fast daran gewöhnt, dass DAS SCIENCE FICTION JAHR nicht mehr bei Heyne, sondern im Golkonda Verlag erscheint. Gerade noch rechtzeitig vor dem Verfallsdatum ist jetzt die Ausgabe 2017 in die Buchhandlungen gekommen, herausgegeben vom neuen Verlagsleiter Michael Görden.
Wie man dem Vorwort entnehmen kann, wurde diesmal auf die Bereiche Computerspiel und Hörbuch verzichtet. Ob und in welcher Form diese wieder aufgenommen werden, entscheidet sich noch. Die verbliebenen Sparten mit den Buch-, Film- und Comic-Besprechungen sowie die Bibliografie von Christian Pree und die Listen mit Preisen und Todesfällen erreichen allerdings problemlos das gewohnt hohe Niveau.
Die Spezial-Features in dieser inzwischen schon 32. Ausgabe von DAS SCIENCE FICTION JAHR sind Interviews mit Kai Meyer und Sylvain Neuvel, sowie Artikel von Wolfgang Neuhaus (über die Strugatzki-Brüder), Lars Schmeink (über den Weltuntergang im Film), Fritz Heidorn (über NICK DER WELTRAUMFAHRER), G. M. Knauer (über mystische Ansätze im Werk von H. P. Lovecraft, Hermann Hesse, Stanislaw Lem und Frank Herbert) und Jewgeni Lukin (über die Wahrnehmung der Phantastik in Russland).
Trotz der Konzentration auf das Wesentliche bietet das Jahrbuch auch diesmal wieder 500 Seiten kompakte, komplexe Information für die echten Hardcore-Datensammler.

Horst Illmer
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Das Science Fiction Jahr 2017
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27. Dezember 2017 6 Stimmen

Michael Görden (Hrsg.) DAS SCIENCE FICTION JAHR 2017. München, Golkonda, 2017, 500 Seiten Klappenbroschur ISBN 978-3-946503-10-1 Inzwischen hat man sich schon fast daran gewöhnt, dass DAS SCIENCE FICTION JAHR nicht mehr bei Heyne, sondern im Golkonda Verlag erscheint. Gerade noch rechtzeitig vor dem Verfallsdatum ist jetzt die Ausgabe 2017 in die Buchhandlungen gekommen, herausgegeben vom weiterlesen…

Der lächelnde Odd

23. Dezember 2017 6 Stimmen

Neil Gaiman
DER LÄCHELNDE ODD UND DIE REISE NACH ASGARD.
Übersetzt von Andreas Steinhöfel
Illustrationen von Chris Riddell
(Odd and the Frost Giants / 2008)
Würzburg, Arena, 2017, 125 S.
ISBN 978-3-401-60362-9

Da sieht man wieder einmal, wie viel doch die „Verpackung“ eines Buches auszumachen vermag: Als 2010 Neil Gaimans Jugendbuch DER LÄCHELNDE ODD UND DIE REISE NACH ASGARD erstmals bei Arena erschien, übernahm der Illustrator Brett Helquist die Ausstattung und das Buch ging im Einheitsbrei der üblichen Kinder- und Jugendbücher fast unter.
Das wird der Neuausgabe von 2017 sicher nicht passieren! Die vorzügliche Übersetzung von Andreas Steinhöfel wurde beibehalten, das Design jedoch signalisiert auf den ersten Blick, dass man hier ein ganz besonderes Buch in Händen hält. Die unvergleichlich viel schöneren Schwarzweiß-Bilder (mit Silber als Sonderfarbe!) sind von Chris Riddell, der inzwischen wohl einer der besten Illustratoren der Gegenwart ist. Das großformatige Hardcover ziert eine ungewöhnliche Ausstanzung des Vorderdeckels, wodurch ein Teil des Vorsatzpapiers in die Einbandgestaltung einbezogen ist.
Neil Gaimans Geschichte des jungen Außenseiters Odd, dem es gelingt, den Frostriesen zum Rückzug zu bewegen und damit dem Frühling den Weg zu bereiten, ist für sich genommen schon hohe Erzählkunst, aber in der nun vorliegenden Form ist DER LÄCHELNDE ODD UND DIE REISE NACH ASGARD zudem ein optisches und haptisches Kunstwerk!

Horst Illmer
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Der lächelnde Odd
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23. Dezember 2017 6 Stimmen

Neil Gaiman DER LÄCHELNDE ODD UND DIE REISE NACH ASGARD. Übersetzt von Andreas Steinhöfel Illustrationen von Chris Riddell (Odd and the Frost Giants / 2008) Würzburg, Arena, 2017, 125 S. ISBN 978-3-401-60362-9 Da sieht man wieder einmal, wie viel doch die „Verpackung“ eines Buches auszumachen vermag: Als 2010 Neil Gaimans Jugendbuch DER LÄCHELNDE ODD UND weiterlesen…

Die Unglückseligen

16. Dezember 2017 7 Stimmen

Thea Dorn
DIE UNGLÜCKSELIGEN. Roman.
München, Knaus, 2016, 555 Seiten
ISBN 978-3-8135-0598-6 / 24,99 Euro (Hardcover)
München, Penguin Verlag, 2017, 555 Seiten
ISBN 978-3-328-10193-2 / 12,00 Euro (Taschenbuch)

„Huch! Verehrter Leser! Da sind Sie ja! Ich habe Sie gar nicht bemerkt, verzeihen Sie! Sie fassen dies Buch aber auch mit sehr spitzen Fingern an. Nun, ich kann’s Ihnen nicht verdenken.“ (S. 10)

Ganz schön frech, wie die 1970 geborene studierte Philosophin und Theaterwissenschaftlerin Thea Dorn ihr Publikum da aus ihrem Romantext heraus anspricht. Aber als preisgekrönte Autorin von Erzählungen, Romanen, Drehbüchern und Theaterstücken kennt sie halt ihre Pappenheimer, und als TV-erprobte Literaturkritikerin (Literarisches Quartett) weiß sie, dass man (nicht nur) Mäuse mit Speck fängt. Und DIE UNGLÜCKSELIGEN sind ein ordentliches Stück Bücher-Speck für anspruchsvolle Leseratten.

Eine Molekularbiologin mit Bindungsängsten, die in Amerika einen deutschen Physiker trifft, der seit über 200 Jahren tot sein sollte. Glaube und Romantik kämpfen gegen moderne Wissenschaft und kalte Logik, vermittelt durch gleichermaßen Gegenwarts-Neusprech und dem volltönenden Glockenklang barocker Wortfülle: Bei der Lektüre von Thea Dorns aktuellem Roman tut sich die gehobene Literaturkritik schon bei der richtigen Schubladen-Zuordnung schwer: Ist das nun Historischer Roman, Zeitkritik, Gothic Novel oder Science Fiction?
Mit einiger Berechtigung kann man DIE UNGLÜCKSELIGEN für jedes dieser Genres reklamieren – am Ende bleibt’s ein furioses Schelmenstück, das sich diesen Labels klug entzieht und einfach sprachverliebt drauflos fabuliert.
Durch Dorns vielstimmige Collage aus allerlei Versatzstücken der deutschen Literatur der letzten 250 Jahre zieht sich wie ein roter Faden das Faust-Motiv des ebenso ewigen wie vergeblichen Strebens nach Wissen und Unsterblichkeit. Und so gibt es neben den Frankenstein-Labor-Szenen natürlich auch Liebe und Hingabe – ebenso wie das von der Romantik geforderte offene Ende …

Horst Illmer
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Die Unglückseligen
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16. Dezember 2017 7 Stimmen

Thea Dorn DIE UNGLÜCKSELIGEN. Roman. München, Knaus, 2016, 555 Seiten ISBN 978-3-8135-0598-6 / 24,99 Euro (Hardcover) München, Penguin Verlag, 2017, 555 Seiten ISBN 978-3-328-10193-2 / 12,00 Euro (Taschenbuch) „Huch! Verehrter Leser! Da sind Sie ja! Ich habe Sie gar nicht bemerkt, verzeihen Sie! Sie fassen dies Buch aber auch mit sehr spitzen Fingern an. Nun, weiterlesen…

Qualityland

9. Dezember 2017 8 Stimmen

Marc-Uwe Kling
QUALITYLAND, Roman.
Berlin, Ullstein, 2017, 385 S.

und

Marc-Uwe Kling
QUALITYLAND, Roman.
Hörbuch, ungekürzte Lesung des Autors
Hamburg, HörbuchHamburg, 2017, 7 CDs, 500 Minuten

 

Mit dem größten Vergnügen kann vermeldet werden:
Die eigentlich unerreichbaren KÄNGURU-CHRONIKEN von Marc-Uwe Kling haben einen kongenialen Nachfolger bekommen!
Herzlich Willkommen in QUALITYLAND!!
Lesen auch Sie den besten, lustigsten und dystopischsten Near-Future-Roman, der je von einer künstlichen Intelligenz verfasst wurde!!!
In wenigen Jahren wird Deutschland einen Komplett-Re-Launch erleben und danach ist alles besser. Nein, nicht besser, sondern am Besten! In Qualityland, wie sich unser Staat dann bezeichnet, ist nur noch der Superlativ erlaubt. Und auch alles andere bleibt irgendwie anders: Die Kinder z. B. erhalten als Nachnamen die Berufsbezeichnung ihrer Eltern im Moment der Zeugung, was Tony Parteichef und Martyn Vorstandsvorsitzender ja noch ganz okay finden mögen, bei Peter Arbeitsloser oder Jessica Zeitarbeiterin hört der Spaß dann aber oft schon auf. Beziehungsweise fängt er genau hier – am Beginn unserer Romanhandlung – eigentlich an …
Marc-Uwe Kling ist es in seinem ersten Science-Fiction-Roman gelungen, nicht nur den Anforderungen des Genres gerecht zu werden, sondern auch den (überaus hohen) Erwartungen der KÄNGURU-Fans. Das merkt man vor allem bei den Live-Lesungen des Buches, wenn das Publikum begeistert auf die sehr geschickt eingebauten Querverweise zur KÄNGURU-Trilogie eingeht.
QUALITYLAND „funktioniert“ aber auch, wenn man Kling hier zum ersten Mal als Autor entdeckt. Mit diesem Buch hat sich der „Kleinkünstler“ (Kling über Kling) jedenfalls sofort im Olymp deutschsprachiger Dystopien eingenistet. Unterhaltsamer war unsere apokalyptische Zukunft noch nie!
Die vom Autor und seinen Verlagen gewählte, leicht Verwirrung stiftende Darreichungsform von QUALITYLAND in zwei Büchern, bzw. Hörbüchern unterschiedlicher Einbandfarbe (hell/dunkel) sei kurz „entwirrt“: Der 380 Seiten lange Romantext ist in allen Fassungen gleich, lediglich die zwischen die einzelnen Kapitel eingefügten „Nachrichten aus der Zukunft“ (zirka zwanzig, meist zwei bis drei Seiten kurze Einschübe) sind unterschiedlich.
Wer nicht den nötigen Level besitzt, um sich beide Ausgaben zulegen zu können, findet in den Büchern einen Link zum kostenlosen Nachlesen des jeweils Fehlenden im Netz. Dort (http://qualityland.de) gibt es auch weitere Informationen zu Lesungen von Marc-Uwe Kling und andere (mehr oder weniger) wichtige Neuigkeiten.

Horst Illmer
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Qualityland
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9. Dezember 2017 8 Stimmen

Marc-Uwe Kling QUALITYLAND, Roman. Berlin, Ullstein, 2017, 385 S. und Marc-Uwe Kling QUALITYLAND, Roman. Hörbuch, ungekürzte Lesung des Autors Hamburg, HörbuchHamburg, 2017, 7 CDs, 500 Minuten   Mit dem größten Vergnügen kann vermeldet werden: Die eigentlich unerreichbaren KÄNGURU-CHRONIKEN von Marc-Uwe Kling haben einen kongenialen Nachfolger bekommen! Herzlich Willkommen in QUALITYLAND!! Lesen auch Sie den besten, weiterlesen…

Alles, was wir geben mussten

10. Oktober 2017 9 Stimmen

Kazuo Ishiguro
ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN. Roman.
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
(Never Let Me Go / 2005)
München, Heyne, 2016, 352 S.
ISBN 978-3-453-42154-7

 

Bei ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN handelt sich auf den ersten Blick um eine Dreiecksgeschichte. An den Spitzen finden sich Kathy und Tommy und Ruth. Die drei wachsen zusammen auf und sie lieben sich wirklich. Deshalb erleben sie wunderschöne Zeiten zusammen und schlimme Zeiten, sie erfahren Glück und Geborgenheit und, was Menschen, die sich lieben, offenbar immer tun, sie tun sich weh. Sie leben sich auseinander und sie finden wieder zusammen, schließlich können sie einander sogar vergeben. Kathy, Tommy, Ruth – drei menschliche Wesen, drei Schicksale, drei Seelen – wissen jedoch, dass sie anders sind als andere Menschen, dass sie eben das nicht sind: Menschen!
Von Beginn an ist ihnen klar, dass sie „Spender“ sind, und sie akzeptieren das Wissen darum ohne jedes Murren oder Aufbegehren. Was sich allerdings hinter dem Begriff „Spender“ wirklich verbirgt, wie wenig sie (und wir) trotz aller Aufklärung durch die „Aufseher“ von diesem Wissen tatsächlich verstanden haben, zeigt sich erst ganz allmählich im Verlauf der Geschichte, die aus der Sicht Kathys erzählt wird. Die volle Tragik dieser Lebensgeschichten wird der Leserin, wird dem Leser jedoch tatsächlich erst auf der letzten Seite bewusst, auch wenn sie (oder er) schon lange vorher ein mulmiges Gefühl, manchmal sogar eine Gänsehaut, hat.
Kazuo Ishiguros Roman wird vielleicht eines Tages einen ähnlichen Stellenwert in der Geschichte einnehmen wie George Orwells Jahrhundertbuch 1984. Wenn es in Zukunft darum geht, welche sittlichen und moralischen Werte unsere Spezies unbedingt einzuhalten hat, um nicht selbst ihre Menschlichkeit zu verlieren, wird ein Blick in ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN als notwendig und hilfreich erscheinen.

Ein gutes Jahrzehnt ist vergangen, seit ich ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN für mich entdeckt habe. Damals war es ein Buch, das „man“ (oder „frau“) einfach gelesen haben musste, erstreckte sich die begeisterte Berichterstattung doch über alle Medien hinweg. Nach den üblichen Bestsellerehren kam dann noch eine Verfilmung – und irgendwie verschwand der Roman dann leider „in der Versenkung“.
Umso schöner, dass Kazuo Ishiguro in diesem Jahr nun (verdientermaßen) den Literaturnobelpreis erhalten hat und damit seinen erstaunlichen, großartigen, immer sehr speziellen Werken neue Leser zugeführt werden. Und da es so schön passt (auch damals war es Herbst), wünsche ich allen diesen neuen Leserinnen und Lesern, dass es ihnen so ergehen mag, wie ich es damals in einer anderen Buchbesprechung formulierte:
„Nachdem ich ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN nun in einem Zug durchgelesen habe, an einem wunderbar-nebligen Sonntag, nicht ansprechbar für die Außenwelt, aufgewühlt und gefangen von Kathys unaufgeregter Erzählung, kann ich nur einstimmen in den Chor: Ishiguro ist ohne Frage der bedeutendste Roman (nicht nur) diesen Bücherherbstes gelungen.“

Horst Illmer
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Alles, was wir geben mussten
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10. Oktober 2017 9 Stimmen

Kazuo Ishiguro ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden (Never Let Me Go / 2005) München, Heyne, 2016, 352 S. ISBN 978-3-453-42154-7   Bei ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN handelt sich auf den ersten Blick um eine Dreiecksgeschichte. An den Spitzen finden sich Kathy und Tommy und Ruth. Die drei weiterlesen…

Perdido Street Station

4. Oktober 2017 5 Stimmen

China Miéville
PERDIDO STREET STATION.
Ü: Eva Bauche-Eppers
(PERDIDO STREET STATION / 2000)
München, Heyne, 2014, 850 S.
ISBN 978-3-453-31539-6

 

Mit diesem Roman wurde der englische Autor China Miéville im Jahr 2002 erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Das Buch war damals in zwei Bände aufgeteilt und dann lange nicht mehr lieferbar, inzwischen kann man jedoch auf die einbändige Neuauflage bei Heyne zugreifen.

In PERDIDO STREET STATION entwirft Miéville das Bild einer Großstadt auf einer fremden Welt, bewohnt von einer Mixtur außergewöhnlicher Lebensformen, die wesentlich vielgestaltiger ist, als auf der Erde. Die Mehrheit der Bevölkerung ist menschlich, jedoch sind Mischformen, Mutationen, gentechnisch oder operativ veränderte „Remade“-Wesen und Xenoformen in reicher Anzahl vorhanden. Sie alle leben in der uralten Megalopolis New Crobuzon einigermaßen friedlich nebeneinander, verwaltet von einem korrupten Bürgermeister und „bewacht“ von einer allgegenwärtigen Miliz. Die Kultur und Technik ist vielgestaltig und enthält auch magische Elemente, die jedoch stimmig in die Geschichte eingebaut sind.
Die Klammer der Geschichte und der Auslöser der Fastkatastrophe, welche die Stadt heimsucht, ist das Streben eines seiner Schwingen beraubten Vogelmenschen, wieder fliegen zu können. Dafür sucht er einen zu allem bereiten Wissenschaftler und findet ihn in Isaac Dan dar Grimnebulin. Dessen Suche nach Lösungen des Flug-Problems setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die zu verfolgen uns Miéville einlädt.
Wir lernen Grimnebulins Freunde und Feinde kennen, werden in die Geheimnisse der einzelnen Spezies eingeweiht und erleben mit, wie sich die Regierung angesichts großer Probleme blamiert und völlig überzogene Gewaltorgien startet um vom eigenen Versagen abzulenken. Der Autor ist überreich mit Phantasie begabt und versprüht seine Einfälle nur so. Dabei schafft er es immer wieder Haken zu schlagen, die man selbst als erfahrener Leser nicht voraussehen kann und gestaltet so das Buch zu einer erstaunlich kurzweiligen Lektüre. Ob und wie es Isaac gelingt, das fragile Gleichgewicht vom Beginn des Romans wieder herzustellen, wird nicht verraten – für unterhaltsame Spannung ist jedenfalls reichlich gesorgt!

Natürlich fasziniert die Ideenfülle dieses Weltentwurfs. Aber wie das an den (deutschen) Leser herangetragen wird, ist das eigentlich Sensationelle!
Die Übersetzerin Eva Bauche-Eppers schafft es spielend, dass man sich ständig fragt, ob dieser Reichtum an Ausdrücken und Metaphern schon im Original stand, oder ob wir hier den Glücksfall haben, den „besseren“ Text auf Deutsch zu lesen.
Da ist zuerst einmal die Verwendung heute ungebräuchlicher Begriffe, die aber wundervoll ins Bild der Stadt passen, wie sie Miéville zeichnet: Wellenbewegungen sind „Undulationen“, Lebensmittel werden in „Viktualienständen“ verkauft und das Schmutzwasser im Hafen „suppt“ ans Kai.
Dann werden alltägliche Begebenheiten zum sprachästhetischen Genuss: „Über der Kontemplation des lunaren Uhrwerks schlummerte Isaac ein“, heißt es, wenn der Held den Mond betrachtet, oder als im Frühling der Außenbereich einer Kneipe eröffnet: „Das Glock’ und Gockel hatte sein Inneres nach außen gekehrt.“
Und bei Beschreibungen der Stadtlandschaft kommt es zu solchen Höhepunkten der Metaphernkunst: New Crobuzon, „diese aus Gebein und Stein geträumte Stadt, eine Verschwörung von Industrie und Grausamkeit, getränkt mit Vergangenheit und isolierter Macht, diese Wüste, jenseits meiner Vorstellungskraft“. Oder: Im „Luftraum kriechen Aerostats von Wolke zu Wolke wie Schnecken auf Kohlköpfen.“
Selbst Wortneuschöpfungen gelingen so, dass man auf Anhieb weiß, was gemeint ist: „Wyrmen … die fassleibig auf ledrigen Schwingen am Himmel über New Crobuzon lumpazivagabundierten.“
So geht es weiter, die ganzen 850 Seiten lang, und je näher das Ende kommt, desto unwilliger wird man, diese Welt wieder zu verlassen. Schon bei der Übertragung von Robin Hobbs ersten Romanen war Eva Bauche-Eppers für den Erfolg mitverantwortlich, hier jedoch hat sie es geschafft, von mir zur Schutzheiligen aller Übersetzer erklärt zu werden.

Horst Illmer
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Perdido Street Station
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4. Oktober 2017 5 Stimmen

China Miéville PERDIDO STREET STATION. Ü: Eva Bauche-Eppers (PERDIDO STREET STATION / 2000) München, Heyne, 2014, 850 S. ISBN 978-3-453-31539-6   Mit diesem Roman wurde der englische Autor China Miéville im Jahr 2002 erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Das Buch war damals in zwei Bände aufgeteilt und dann lange nicht mehr lieferbar, inzwischen kann man weiterlesen…

Beobachtungen aus der letzten Reihe

30. September 2017 7 Stimmen

Neil Gaiman
BEOBACHTUNGEN AUS DER LETZTEN REIHE.
Über die Kunst des Erzählens und wieso wir Geschichten brauchen.
Übersetzt von Rainer Schumacher und Ruggero Leò
(The View from the Cheap Seats. Selected Non-Fiction / 2016)
Köln, Eichborn, 2017, 576 S.
ISBN 978-3-8479-0035-1

 

Fast ebenso schwierig – und undankbar – wie eine Einleitung, ein Grußwort, ein Nachwort, eine Keynote-Speech, eine Dankesrede oder gar einen Nachruf auf einen lieben Kollegen zu schreiben, ist es, einen Sammelband zu besprechen, der aus solchen (mehr oder weniger) „Gelegenheitsarbeiten“ zusammengestellt ist. Allerdings gibt es da eine Ausnahme: Neil Gaiman.
Das hat viele Gründe. Einige davon sind so selbstverständlich, dass man sie fast nicht anführen mag. Zum Beispiel, dass Gaiman ein herausragender Stilist ist, dass er über Dinge schreibt, die er wirklich kennt, oder dass er immer genau weiß, wann es Zeit ist aufzuhören –und so weiter.
Weniger offensichtlich ist, dass er, egal in welche Rolle er schlüpft, immer als Neil Gaiman schreibt, das heißt er übernimmt auch die Verantwortung für seinen Text. Oder, dass er in der Lage ist, vom Kleinstdetail ins Große und Allgemeine zu abstrahieren, also dass er etwa darüber schreibt, wie es ist, während einer Filmpremiere unbeholfen über einen roten Teppich zu stolpern und dabei den ganzen Kreislauf aus Kommerz, Werbung, Filmindustrie und Celebrity-Hype zu beobachten.
Fast einhundert Texte unterschiedlichster Länge sind in BEOBACHTUNGEN AUS DER LETZTEN REIHE enthalten, sortiert in Schubladen wie „Dinge an die ich glaube“, „Leute, die ich kannte“, „Einleitungen“, „Über Filme“, „Comics und ihre Macher“, „Musik“ und ähnliches. Darin erzählt Gaiman überwiegend selbst Erlebtes und reflektiert nicht nur seine eigenen Gefühle dabei, sondern auch wie sich andere Menschen in diesen Situationen verhielten. Das geht hin bis zu sehr persönlichen Berichten aus seiner Beziehung zu Amanda Palmer oder dem Verlust von Freunden – aber auch zu den ignoranten Teilnehmern einer Veranstaltung, die seine Meinungen nicht für ernst nahmen.
Kernstück und herausragendes Ereignis des Buches ist die Rede „Make Good Art“ („Macht gute Kunst“), die Neil Gaiman 2012 während der Abschlussfeier vor Studenten der Universität in Philadelphia hielt, und die auf You Tube inzwischen mehr als 1 Millionen Aufrufe hat. Für alle, die zu wenig Englisch können, um die immer wieder von Applaus unterbrochene Rede in Gänze zu verstehen, wird diese Transkription ein emotionales Ereignis darstellen, und auch Leser mit fortgeschrittenen Sprachkenntnissen werden noch die eine oder andere Feinheit herauslesen können.
Angespornt von Gaimans Aufforderung, etwas „Gutes“ zu machen, beende ich diese Besprechung hiermit in der Hoffnung, dem Buch damit einen Dienst erwiesen und es den prospektiven Lesern soweit schmackhaft gemacht zu haben, dass sie – und vor allem Sie – einen Blick hinein wagen mögen.
Das reicht dann schon, den Rest erledigt Mr. Gaiman selbst.

Horst Illmer
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30. September 2017 7 Stimmen

Neil Gaiman BEOBACHTUNGEN AUS DER LETZTEN REIHE. Über die Kunst des Erzählens und wieso wir Geschichten brauchen. Übersetzt von Rainer Schumacher und Ruggero Leò (The View from the Cheap Seats. Selected Non-Fiction / 2016) Köln, Eichborn, 2017, 576 S. ISBN 978-3-8479-0035-1   Fast ebenso schwierig – und undankbar – wie eine Einleitung, ein Grußwort, ein weiterlesen…

Green and Clean?

18. September 2017 7 Stimmen

Marco Behringer
GREEN AND CLEAN?
Alternative Energiequellen in Science Fiction und Utopie.
Baden-Baden, Tectum, 2017, 279 S.
ISBN 978-3-8228-3929-8

 

Soeben erschienen ist GREEN AND CLEAN?, Marco Behringers Doktorarbeit zum Thema „Alternative Energiequellen in Science Fiction und Utopie“. Auf diese sehr vielversprechende literaturwissenschaftlich-ethnologische Untersuchung habe ich gewartet, seit ich wusste, dass sie im Entstehen ist.
Der Ansatz, sich gezielt mit dem Thema der utopischen Energiegewinnung und -verarbeitung in Zukunftsromanen zu beschäftigen ist topaktuell und berührt ein bisher von der Forschung vernachlässigtes Feld. Behringer geht dabei multiperspektivisch vor und untersucht Quellenmaterial aus den letzten zwei Jahrhunderten, wobei er nicht nur auf Prosatexte eingeht, sondern auch Comics und Filme hinzu zieht. Die Bandbreite reicht von Jules Verne und H. G. Wells über Buck Rogers- und Mosaik-Comics bis hin zu Andreas Eschbach und den Iron Man-Verfilmungen. Neben zu erwartenden Autoren wie Hans Dominik finden sich Überraschungen wie Alfred Döblin und Paul Gurk und erfreulich viele Quellen aus der DDR. Hier wurde nicht das Altbekannte wiedergekäut, sondern intensiv und kenntnisreich geforscht.
Bereits die ausführliche Beschäftigung mit dem ungeliebten Definitionsproblem im ersten Teil zeigt, dass ein Blick aus der kulturwissenschaftlichen und ethnologischen Perspektive die seit Jahren lahmende Germanistik mit neuen Ideen ein gutes Stück weiterbringen kann. Die Folgerungen die Behringer im Folgenden aus seinen Detailbetrachtungen gewinnt, scheinen schlüssig und bieten vielfache Anregungen für eine weitere Beschäftigung mit einem Thema, das trotz der vielen hier angeführten Beispiele noch jede Menge potenzielles Material bereithält.
Wie „grün“ und „sauber“ die Phantastische Literatur wirklich ist, steht auch nach der Lektüre dieser Arbeit noch nicht endgültig fest – aber das Thema mit GREEN AND CLEAN? in den Fokus gerückt zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst von Marco Behringer.

Horst Illmer

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Green and Clean?
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18. September 2017 7 Stimmen

Marco Behringer GREEN AND CLEAN? Alternative Energiequellen in Science Fiction und Utopie. Baden-Baden, Tectum, 2017, 279 S. ISBN 978-3-8228-3929-8   Soeben erschienen ist GREEN AND CLEAN?, Marco Behringers Doktorarbeit zum Thema „Alternative Energiequellen in Science Fiction und Utopie“. Auf diese sehr vielversprechende literaturwissenschaftlich-ethnologische Untersuchung habe ich gewartet, seit ich wusste, dass sie im Entstehen ist. weiterlesen…

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