Horsts Bibliothek

Wer könnte besser geeignet sein, über Bücher zu schreiben, als Horst Illmer. Autor des Magazins Phantastisch! Weggefährte meines Vaters und Herausgeber einer Bibliographie über phantastische Literatur.

Schwarze Spiegel

von am 28. März 2022 Kommentare deaktiviert für Schwarze Spiegel

Arno Schmidt & Nicolas Mahler
SCHWARZE SPIEGEL.
Illustriert von Niclas Mahler
Berlin, Suhrkamp, 2021, 190 Seiten
Bibliothek Suhrkamp, Band 1528
ISBN 978-3-518-22528-8

Und dann gab’s 2021 noch SCHWARZE SPIEGEL, ein ARNO SCHMIDT-Comic, gezeichnet von Nicolas Mahler, dem 1969 in Wien geborenen und vielfach preisgekrönten Karikaturisten und Meister der „Verknappung“.
Seine Nacherzählung einer Science-Fiction-Story von Schmidt (aus dem Jahr 1955) erschien in der klassischen „Hochliteratur“-Reihe „Bibliothek Suhrkamp“, die dafür ihr „heiliges“ Klein-Oktav-Format aufgeben musste, da Mahlers Bilder dann doch etwas mehr Platz brauchten.
Dafür erzählt er mit dem Tuschepinsel in Schwarz und Lila vom Leben eines Misanthropen, nachdem ein Atomkrieg im Jahr 1960 zumindest dessen Lebensraum – also Deutschland – menschenleer hinterlassen hat. Der Ich-Erzähler fährt mit dem Rad übers Land, besorgt sich aus den Ruinen was er braucht, stöbert durch Kaufläden und Museen – und redet sich ein: ALLES IST GUT.
Bis dann – hoppla – eine Frau auftaucht! Und sofort kommen die alten Eitelkeiten wieder zum Vorschein, beginnt der Balz-Tanz aufs Neue, „entdecken“ sich Mann und Frau wie zu allen Zeiten.
Allerdings scheint SIE die Klügere zu sein. Nach einiger Zeit drängt es sie zum Aufbruch: Die Welt will erforscht werden – und Sie ist offensichtlich nicht so selbstgenügsam – auch nicht so mit sich selbst allein zufrieden – wie ER. Mit einem Trick gelingt es IHR, eine peinliche Abschiedsszene zu vermeiden und einfach zu verschwinden. Wieder ist ER allein – aber es steht jetzt die Frage im Raum, ob immer noch ALLES GUT ist?

Horst Illmer
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Schwarze Spiegel
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Arno Schmidt & Nicolas Mahler
SCHWARZE SPIEGEL.
Illustriert von Niclas Mahler
Berlin, Suhrkamp, 2021, 190 Seiten
Bibliothek Suhrkamp, Band 1528
ISBN 978-3-518-22528-8

Und dann gab’s 2021 noch SCHWARZE SPIEGEL, ein ARNO SCHMIDT-Comic, gezeichnet von Nicolas Mahler, dem 1969 in Wien geborenen und vielfach preisgekrönten Karikaturisten und Meister der „Verknappung“.
Seine Nacherzählung einer Science-Fiction-Story von Schmidt (aus dem Jahr 1955) erschien in der klassischen „Hochliteratur“-Reihe „Bibliothek Suhrkamp“, die

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Sternenschöpfer

von am 16. März 2022 Kommentare deaktiviert für Sternenschöpfer

Stapledon, Olaf
STERNENSCHÖPFER – STAR MAKER.
Ü: Thomas Schlück
(STAR MAKER / 1937)
Lüneburg, Dieter von Reeken, 2022, 243 Seiten
ISBN 978-3-945807-76-5 / 17,50 Euro

Ein namenloser Mensch nimmt als Vertreter der Erde an einer kosmischen Weltschau teil, die von den Ursprüngen, noch vor dem Urknall, bis weit nach dem Erlöschen der letzten Atombewegung reicht.
Er durchreist das Universum, findet bewohnte Welten und beobachtet die Entwicklung der dortigen „Menschen“. Es läuft die immer gleiche Geschichte ab, in der nach dem Erfolg einer Idee sofort die Gegenbewegung einsetzt und die Fortschritte zunichtemacht. Auf vielen Welten gewinnt der Erzähler Gefährten, die sich ihm anschließen, und gemeinsam ziehen sie weiter. Langsam erweitert sich ihr geistiger Horizont, sodass sie auch erfolgreiche utopische Gesellschaften besuchen können. Die geistige Entwicklung der kosmischen Beobachtertruppe reicht am Ende des Buches aus, zusammen mit dem „kosmischen Geist“ den „größten Moment“, das Erblicken des „Sternenschöpfers“, zu erleben.
Das Höchste Wesen erscheint als Schöpfer-Künstler und unser Kosmos ist sein erstes Meisterwerk. Es folgt eine lange Reihe weiterer Schöpfungen, bis endlich der „letzte Kosmos und der ewige Geist“ Vollendung finden.
Stapledon unternimmt hier den Versuch, eigentlich nicht Vermittelbares in menschlicher Sprache darzustellen. Er weiß von Beginn an über sein Scheitern Bescheid, lässt sich davon aber nicht abhalten, die Geschichte zu erzählen. Es ist ein Thematisieren völlig abstrakter Ideen mit den Mitteln der Science Fiction und der Queste.
Intuitiv hat er dabei eine Reihe kosmologischer Phänomene beschrieben, die ihn als seiner Zeit weit voraus zeigen. Sein „Held“ beobachtet ein entropisches Universum, dessen Bewohner zwei wichtige Gemeinsamkeiten haben: Die Angst vor dem Ende und das Streben nach Gott.
Stilistisch bewegt sich das Buch zwischen detaillierten Beschreibungen utopischer Welten und philosophisch-religiösen Überblicken. Es verschweigt nicht, dass Leid, Verzweiflung und Irrsinn die vorherrschenden Strömungen für das Leben in allen seinen Formen darstellt, schafft es aber auch, während der Erzählung die Ästhetik des Fremden, Unbegreiflichen immer weiter zu steigern.
Olaf Stapledon erweist sich in diesem Buch als großer Utopist und Mythenmacher – vielleicht als der Größte überhaupt.

Horst Illmer
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Sternenschöpfer
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Stapledon, Olaf
STERNENSCHÖPFER – STAR MAKER.
Ü: Thomas Schlück
(STAR MAKER / 1937)
Lüneburg, Dieter von Reeken, 2022, 243 Seiten
ISBN 978-3-945807-76-5 / 17,50 Euro

Ein namenloser Mensch nimmt als Vertreter der Erde an einer kosmischen Weltschau teil, die von den Ursprüngen, noch vor dem Urknall, bis weit nach dem Erlöschen der letzten Atombewegung reicht.
Er durchreist das Universum, findet bewohnte Welten und beobachtet die Entwicklung der

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Rosewater – Der Aufstand

von am 2. März 2022 2 Kommentare

Tade Thompson
ROSEWATER – DER AUFSTAND. Roman.
Band 2 der WORMWOOD-Trilogie.
Aus dem Englischen von Jakob Schmidt
(THE ROSEWATER INSURRECTION / 2019)
München, Golkonda, 2022, 423 Seiten
Kartoniert, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-96509-026-2 / 22,00 €

Da ist es wieder, unser „altes“ Problem: Den Mittelband einer Trilogie kritisch zu würdigen gehört zu den undankbaren Aufgaben im Leben eines Rezensenten. Andererseits gibt es ja die Leser*innen des ersten Bandes, die, soweit er ihnen gefallen hat, nur darauf warten, endlich weiterlesen zu können/dürfen.

Also, Ärmel hoch und los: Nachdem vor zwei Jahren ROSEWATER, der ausgewöhnlich gut gelungene Erstling von Tade Thompson erschienen ist, liegt jetzt im Frühjahr 2022 dessen Fortsetzung ROSEWATER – DER AUFSTAND in den Buchhandlungen. Format und Ausstattung wurden beibehalten, Jakob Schmidt hat als Übersetzer wieder gute Arbeit geleistet und Tade Thompson entwickelt sich inzwischen nicht nur im englischsprachigen Raum zu einem vielgelesenen und geschätzten Autor, der außer Science Fiction auch herausragende Thriller (WILD CARD bei Suhrkamp) schreiben kann.

In ROSEWATER – DER AUFSTAND erweitert Thompson den Kreis seiner Protagonisten und beschreibt in ständig wechselnden Erzählperspektiven wie es in der um die Alien-Kuppel herum entstandene Stadt Rosewater weitergeht. Zum einen versucht die Stadtverwaltung ihren Status dadurch zu „verbessern“, dass sie sich zum unabhängigen Staat erklärt, was die nigerianische Regierung natürlich zu Gegenreaktionen veranlasst. Andererseits haben auch die Aliens mehr Probleme als ihre irdischen Gegenspieler ahnen …

Es bleibt spannend – in Rosewater genauso wie in ROSEWATER – DER AUFSTAND, und nach gut 400 Seiten unterhaltsamer und anregender Lektüre bleibt uns nur die Hoffnung, dass Golkonda eventuell keine weiteren zwei Jahre für den Abschlussband braucht.

Horst Illmer
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Rosewater – Der Aufstand
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Tade Thompson
ROSEWATER – DER AUFSTAND. Roman.
Band 2 der WORMWOOD-Trilogie.
Aus dem Englischen von Jakob Schmidt
(THE ROSEWATER INSURRECTION / 2019)
München, Golkonda, 2022, 423 Seiten
Kartoniert, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-96509-026-2 / 22,00 €

Da ist es wieder, unser „altes“ Problem: Den Mittelband einer Trilogie kritisch zu würdigen gehört zu den undankbaren Aufgaben im Leben eines Rezensenten. Andererseits gibt es ja die Leser*innen des ersten Bandes, die,

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Grenzwelten

von am 16. Februar 2022 1 Kommentar

Ursula K. Le Guin
GRENZWELTEN. Zwei Romane.
Ü: Karen Nölle
(Originalzusammenstellung)
Frankfurt/M., Fischer Tor, Februar 2022, 400 S.
ISBN 978-3-596-70578-8 / 16,99 Euro

In der von Ursula K. Le Guin erdachten »Geschichte der menschlichen Zukunft« (in Science-Fiction-Kreisen auch gerne »Future History« genannt) stammen alle bekannten menschenähnlichen Völker der Galaxis von den Hain ab, weshalb ihre Erzählungen zusammengenommen den »Hainish«-Zyklus bilden und im Einflussbereich der »Ökumene« spielen. In der von TOR jetzt vorgelegten Originalzusammenstellung »Grenzwelten« sind zwei Romane Le Guins in der Neuübersetzung von Karen Nölle enthalten, die sie recht früh (DAS WORT FÜR WELT IST WALD, 1972) bzw. ziemlich spät (DIE ÜBERLIEFERUNG, 2000) in ihrer Schriftstellerinnen-Karriere geschrieben hat. Beide Bücher waren seit längerem vergriffen, sodass schon allein deswegen eine neue Ausgabe wünschenswert erschien.

DAS WORT FÜR WELT IST WALD (THE WORD FOR WORLD IS FOREST)

Dieser Roman bricht wie ein Naturereignis über den/die Leser*in herein; die Erzählung beginnt mitten im »Herz der Finsternis«.
Wir erleben die Protagonisten – Soldaten, Holzfäller und einige Wissenschaftler – bei ihrem Tagwerk auf dem Planeten Athsche, der bei ihnen den Namen New Tahiti trägt. Ihr Leben besteht aus Holzfällen, Roden und der gelegentlichen Jagd auf heimisches Rotwild und ist dabei von jener für menschliche Kolonisatoren typischen Arroganz und Überheblichkeit gegenüber den »Krietschi« genannten Einheimischen geprägt.
Da die Erde mittlerweile eine Betonwüste ist und dringend Holz braucht, stellt Athsche eine Goldgrube dar. Der Planet besteht auf seiner Landfläche ausschließlich aus Wald. Also wird er ausgebeutet. Die heimische Lebensform wird zu halbintelligenten Sklaven herabgewürdigt, dies vor allem, da sie eine konfliktvermeidende, friedliche Zivilisation aufgebaut haben. Erst als sie sich nach jahrelanger Qual wehren, müssen die Menschen einsehen, dass sie im Unrecht sind. Nur der friedliebenden Intelligenz der Athscheaner ist es zu danken, dass nicht alle Menschen getötet werden.
Das Werk steht deutlich unter dem Einfluss des Vietnam-Krieges. Die Entlaubungsaktionen und die menschenverachtende Politik der USA haben als Spiegel gedient für die Aktionen auf Athsche. Doch darüber hinaus ist es Le Guin gelungen, in ihren Personen die Archetypen solcher Konflikte zu zeichnen und darzustellen, dass es allemal schwieriger ist, Frieden zu schließen, als sinnlose Zerstörung zu verbreiten. In diesem Sinne also ein hoch moralisches Werk, das seine Intention jedoch hinter einer spannenden Geschichte zurücknimmt und keinen Zeigefinger wedeln lässt.

DIE ÜBERLIEFERUNG (THE TELLING)

»Die Überlieferung« war Le Guin letzte große Erzählung aus der Welt der Hainish.
Auf dem Planeten Aka hat sich seit dem ersten Kontakt mit der Ökumene eine rasante Entwicklung »hin zu den Sternen« ergeben, die aber als Kehrseite einen repressiven Staat zur Folge hat, der alles »Alte« als kriminell und fortschrittsfeindlich verfolgt. Die terranische Beobachterin Sati darf als erste Außenweltlerin nach vielen Jahren der Isolation ins Landesinnere reisen. Sie erlebt dort, nach einer Phase des vorsichtigen Abtastens, die ursprüngliche, die »wahre« Kultur der Einheimischen und versucht, diese zu verstehen und aufzuzeichnen. Diese Kultur ist auf Grund geographischer Besonderheiten des Planeten Aka sehr homogen, sehr friedlich und weiß wenig von Göttern und Glaubensproblemen. Sie hat starke konservative Züge, pflegt die eigene Geschichte in Büchern und vor allem im Erzählen.
Dieses »Überlieferung« genannte Ritual, von befähigten Menschen von Generation zu Generation weitergegeben, ist eine Mischung aus homerischem Erzählen und peinlich genauer Geschichtsschreibung. Bei allem Verständnis, das sich bei Sati entwickelt, bleibt jedoch ein Rest von Geheimnis – ja sogar oftmals von Missverstehen, resultierend daraus, dass eine gelebte, eigenständige Kultur sich nicht deckungsgleich übersetzen lässt.
Wie immer verbindet Le Guin philosophische Ideen mit einer interessanten Geschichte, menschlicher Anteilnahme und wundervollen Naturbeobachtungen. Sie greift eigene und von anderen Autoren (wie Orwell oder Bradbury) entwickelte Themenkreise auf, was sich jedoch kaum vermeiden lässt, da restriktive Systeme einander in der Wahl ihrer Unterdrückungsmethoden wohl allzu sehr gleichen.
Da Ursula Le Guin eine begnadete Erzählerin ist, fühlt man sich in diesem Buch schon nach dem ersten Absatz wohl und behütet; man lauscht und träumt und möchte, dass die Überlieferung niemals endet. Etwas Schöneres ist einem Buch kaum nachzusagen.

Horst Illmer
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Grenzwelten
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Ursula K. Le Guin
GRENZWELTEN. Zwei Romane.
Ü: Karen Nölle
(Originalzusammenstellung)
Frankfurt/M., Fischer Tor, Februar 2022, 400 S.
ISBN 978-3-596-70578-8 / 16,99 Euro

In der von Ursula K. Le Guin erdachten »Geschichte der menschlichen Zukunft« (in Science-Fiction-Kreisen auch gerne »Future History« genannt) stammen alle bekannten menschenähnlichen Völker der Galaxis von den Hain ab, weshalb ihre Erzählungen zusammengenommen den »Hainish«-Zyklus bilden und im Einflussbereich der »Ökumene« spielen.

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Die Flüchtigen

von am 7. Februar 2022 Kommentare deaktiviert für Die Flüchtigen

Alain Damasio
DIE FLÜCHTIGEN. Roman.
Aus dem Französischen von Milena Adam
(LES FURTIFS / 2019)
Berlin, Matthes & Seitz, 2021, 844 Seiten
ISBN 978-3-7518-0039-6

Eigentlich liebe ich solche Bücher – und das ist das Problem, denn „eigentlich“ beinhaltet ja diverse Vorbehalte, und DIE FLÜCHTIGEN von Alain Damasio, Frankreichs neuestem Stern am Literaturhimmel, erfüllt auf den ersten Blick alle „Vorbehaltskriterien“:
Ein nicht eindeutig festzumachender Plot, ein Autor, der in seiner Heimat vielfach bejubelt wird, hierzulande aber noch völlig unbekannt ist, ein mit 844 Seiten äußerst umfangreicher Roman, der – und hier wird’s echt kritisch – beim Aufschlagen an beliebiger Stelle eine Typografie zeigt, die Arno Schmidt zu Begeisterungsrufen veranlasst hätte, „normale“ Leser*innen aber erst einmal verunsichert.
Äh, hallo, gibt es auch Gründe, die für das Buch sprechen?
Klar!
Alles oben Aufgeführte bringt „fortgeschrittene“ Literaturenthusiast*innen erst so richtig in Schwung. Da gibt es einen neuen Autor zu entdecken, noch dazu einen, der in Frankreich als Erneuerer der Science Fiction gilt und für jeden neuen Roman Lob und Preis einheimst. Da hat sich eine vorzügliche Übersetzerin, Milena Adam, die Mühe gemacht, ein in avantgardistischer Manier geschriebenes Werk ins Deutsche zu übersetzen. Und wenn Damasio der Meinung ist, dass im dritten Jahrtausend und im Zeitalter des Computersatzes hin und wieder einmal neue typografische Zeichen eingesetzt werden sollten, um zu zeigen, dass sich nicht nur die Technik, sondern auch die Sprache weiterentwickelt, so ist das nur zu begrüßen (und der Setzer, Hermann Zanier, unbedingt zu würdigen).
Braucht’s da noch einen Plot?
Klar!
Dieser Science-Fiction-Roman trägt gleichermaßen dystopische wie utopische Züge in sich, wenn er die Geschichte zweier liebender Eltern erzählt, die ihre „verloren“ gegangene Tochter suchen – und dabei auf Dinge stoßen, die genauso zweideutig sind wie das „richtige Leben“.
DIE FLÜCHTIGEN ist eine bewusstseinserweiternde Droge für Literaturjunkies ohne Scheuklappen, ein Trip, von dem sich erst beim Lesen entscheidet, ob sowas Spaß macht – „schön, schlank und sexy“ (wie Denis Scheck sagen würde) macht’s auf jeden Fall.

Horst Illmer
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Die Flüchtigen
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Alain Damasio
DIE FLÜCHTIGEN. Roman.
Aus dem Französischen von Milena Adam
(LES FURTIFS / 2019)
Berlin, Matthes & Seitz, 2021, 844 Seiten
ISBN 978-3-7518-0039-6

Eigentlich liebe ich solche Bücher – und das ist das Problem, denn „eigentlich“ beinhaltet ja diverse Vorbehalte, und DIE FLÜCHTIGEN von Alain Damasio, Frankreichs neuestem Stern am Literaturhimmel, erfüllt auf den ersten Blick alle „Vorbehaltskriterien“:
Ein nicht eindeutig festzumachender Plot, ein Autor, der

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Das Ende der Bücher

von am 26. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Das Ende der Bücher

Octave Uzanne
DAS ENDE DER BÜCHER.
Ü: Anonym, Ill.: Steph von Reiswitz
Nachwort: Jochen Hörisch
(??? / 1894)
Berlin, Favoriten Presse, 2021, 60 S.
ISBN 978-3-968490-01-4

Hörbuch:
Argon Verlag, 1 CD, ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1891-6

Noch ist es nicht soweit, aber der französische Bibliophile und Verleger Octave Uzanne hat es bereits 1894 vorhergesehen: »Das Ende der Bücher« steht bevor. In der kurzen Erzählung, die erstmals in einer Anthologie für Bücherliebhaber erschien, nahm sich Uzanne die Freiheit und spekulierte darüber, wie die Erfindungen von Thomas Alva Edison, die er sich kurz vorher in den USA angesehen hatte, den Umgang der Menschen mit den von Autoren erzählten Geschichten verändern würden. Damals waren die ersten Tonwalzen in Umlauf gekommen, auf denen kurze Text- oder Musikstücke aufgezeichnet wurden, die dann immer wieder abgespielt werden konnten.
Daraus entwickelt sich bei Uzanne eine völlig neue Industrie, die das gedruckte Buch verdrängt und alle neuen Werke in Form preiswerter Tonträger für die ehemaligen Leser (die nun zu Hörern werden) zur Verfügung stellt. Selbst den Walkman gibt es in Uzannes Vorstellung schon, ebenso eine Frühform des öffentlichen Rundfunks!
Glücklicherweise, so erklärt es Prof. Dr. Jochen Hörisch in seinem Nachwort, hat es sich gezeigt, dass neue Erfindungen das Altbewährte nur teilweise ersetzen, und so können wir Heutigen diese hübsche (und wundervoll mit Tuschezeichnungen von Steph von Reiswitz illustrierte) Proto-Science-Fiction-Geschichte immer noch in gedruckter Form genießen. Selbstverständlich gibt es »Das Ende der Bücher« auch als Hörbuch.

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Das Ende der Bücher
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Octave Uzanne
DAS ENDE DER BÜCHER.
Ü: Anonym, Ill.: Steph von Reiswitz
Nachwort: Jochen Hörisch
(??? / 1894)
Berlin, Favoriten Presse, 2021, 60 S.
ISBN 978-3-968490-01-4

Hörbuch:
Argon Verlag, 1 CD, ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1891-6
Noch ist es nicht soweit, aber der französische Bibliophile und Verleger Octave Uzanne hat es bereits 1894 vorhergesehen: »Das Ende der Bücher« steht bevor. In der kurzen Erzählung, die erstmals in einer Anthologie für Bücherliebhaber

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Zum Paradies

von am 17. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Zum Paradies

Hanya Yanagihara
ZUM PARADIES. Roman.
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
(TO PARADISE / 2022)
Berlin, Claasen, 2022, 895 S.
ISBN 978-3-546-10051-9 / 30,00 Euro
Hardcover

Die 1974 in Los Angeles geborene US-amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara veröffentlichte 2013 ihren ersten Roman THE PEOPLE IN THE TREES (dt. 2019 als DAS VOLK DER BÄUME), dem 2015 dann der Weltbestseller A LITTLE LIFE (dt. 2017 als EIN WENIG LEBEN) folgte. Ihr drittes Buch TO PARADISE erschien jetzt Anfang 2022 weltweit zeitgleich wie es einem Star der Literaturbetriebs wohl zusteht. In Deutschland hat sich der zu den Ullstein Buchverlagen gehörende Claasen Verlag die Rechte gesichert und die von Stephan Kleiner besorgte Übersetzung unter dem Titel ZUM PARADIES herausgebracht.
Wie schon in ihren bisherigen Romanen behandelt Yanagihara hier das mehr als nur schwierige Zusammenleben von Menschen, die sich außerhalb der »Norm« verorten. Die überaus emotional beschriebenen Lebenswege führen ihre Protagonisten diesmal alle an einen ganz bestimmten Ort – ein Haus am New Yorker Washington Square –, aber zu jeweils sehr unterschiedlichen Zeitpunkten.
Der dreigeteilte Roman beginnt in einem Alternativwelt-Amerika des Jahres 1893, setzt sich im altbekannten New York des Jahres 1993 fort und nimmt schließlich in der Zukunftswelt von 2093 neuen Schwung und eine gänzlich neue Richtung.
Die Autorin lässt sich auf ihrem eigenen Weg ZUM PARADIES viel Zeit, allerdings muss das Worldbuilding ja auch stimmig sein, sonst führt die Suche nach einer Utopie nur zu einem letztlich verschlossenen (Himmels-)Tor.

Horst Illmer
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Zum Paradies
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Hanya Yanagihara
ZUM PARADIES. Roman.
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
(TO PARADISE / 2022)
Berlin, Claasen, 2022, 895 S.
ISBN 978-3-546-10051-9 / 30,00 Euro
Hardcover

Die 1974 in Los Angeles geborene US-amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara veröffentlichte 2013 ihren ersten Roman THE PEOPLE IN THE TREES (dt. 2019 als DAS VOLK DER BÄUME), dem 2015 dann der Weltbestseller A LITTLE LIFE (dt. 2017 als EIN WENIG LEBEN)

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Die Berechnung der Sterne

von am 5. Januar 2022 Kommentare deaktiviert für Die Berechnung der Sterne

Mary Robinette Kowal
DIE BERECHNUNG DER STERNE. Roman.
Ü: Judith C. Vogt
(The Calculating Stars / 2018)
München, Piper, 2022, 506 S.
ISBN 978-3-492-70597-4 / Klappenbroschur / 18,00 Euro

Früher einmal – in den „guten alten Zeiten“ – konnte man zielsicher ans Regal mit den Heyne-Taschenbüchern treten, wenn man nach den HUGO- oder NEBULA-Preisträgern und deren Texten suchte. Inzwischen sichern sich die Herausgeber vieler anderer Verlage in Deutschland diese Titel.
Aktuellstes Beispiel ist der Roman DIE BERECHNUNG DER STERNE von Mary Robinette Kowal, dessen deutsche Ausgabe bei Piper erschienen ist. Den Einband jedenfalls ziert der Hinweis auf sowohl HUGO-, wie NEBULA- und LOCUS-Award (und dabei wird der SIDEWISE-Award sogar noch unterschlagen).
In THE CALCULATING STARS (so der OT von 2018) erzählt Kowal eine unglaubliche und faszinierende Alternativweltgeschichte der Raumfahrt, die dieses Mal von weiblichen Heldinnen bestimmt wird. Angeregt sicherlich auch durch die realen „Hidden Figures“, die für die NASA als Computer-Ersatz arbeiteten, dreht Kowal den Spieß einfach um und zeigt den Herren der Schöpfung, dass eine kleine Änderung im Verlauf der Geschichte wirklich ALLES verändern kann …
Das von Judith C. Vogt übersetzte Buch hinterlässt jedenfalls den Eindruck, dass da durchaus noch einige (deutsche) Science-Fiction-Preise hinzukommen könnten.

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Die Berechnung der Sterne
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Mary Robinette Kowal
DIE BERECHNUNG DER STERNE. Roman.
Ü: Judith C. Vogt
(The Calculating Stars / 2018)
München, Piper, 2022, 506 S.
ISBN 978-3-492-70597-4 / Klappenbroschur / 18,00 Euro

Früher einmal – in den „guten alten Zeiten“ – konnte man zielsicher ans Regal mit den Heyne-Taschenbüchern treten, wenn man nach den HUGO- oder NEBULA-Preisträgern und deren Texten suchte. Inzwischen sichern sich die Herausgeber vieler anderer Verlage

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Die Weltenschöpfer

von am 27. Dezember 2021 6 Kommentare

Charles Platt
DIE WELTENSCHÖPFER.
Kommentierte Gespräche mit Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren. Band 1.
Übersetzt von Frank Böhmert, Andreas Fliedner, Horst Illmer, Bernhard Kempen, Matita Leng, Jasper Nicolaisen, Michael Plogmann, Erik Simon & Simon Weinert
(DREAM MAKERS Vol. 1 / 1980)
Berlin, Memoranda, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-948616-60-1
Klappenbroschur

„Ich wollte etwas über Science-Fiction-Autoren wissen.“ (S.9)

So wie Charles Platt ergeht es vielen Leserinnen und Lesern, doch die wenigsten von ihnen haben je Gelegenheit, diese Neugier in einer persönlichen Begegnung oder einem langen Gespräch zu befriedigen. Platt dagegen gelang es um das Jahr 1980 herum mit gleich sechzig seiner Kolleginnen und Kollegen sehr ausführliche Interviews zu führen (Und auch wenn früher nicht alles besser war – die damalige Interview-Kultur bleibt unerreicht.) und diese in zwei voluminösen Bänden zu veröffentlichen.

Allerdings hatte der damals 35-jährige Engländer den Ehrgeiz, nicht nur das Gespräch, sondern auch die Umstände zu dokumentieren, die vor, während und nach den Interviews herrschten. Und so sind es gerade die sehr persönlichen Eindrücke und Kommentare von Platt, die das Besondere an den WELTENSCHÖPFERN ausmachen.

Wie er in der eigens für die deutsche Ausgabe geschriebenen Einführung darlegt, waren es spannende Zeiten damals und die Science-Fiction-Autoren (plus einiger weniger Autorinnen), die er besuchte, waren die Altmeister des sogenannten „Goldenen Zeitalters“ (wie etwa Isaac Asimov, A. E. van Vogt oder Frederik Pohl) und einige ihrer aufstrebenden, oftmals unbotmäßigen und respektlosen „Erben“ (zum Beispiel Harlan Ellison, Norman Spinrad und Philip K. Dick).

Von ihnen will er wissen, wie sie schreiben, welche Umstände sie zur Science Fiction brachten, ob sie davon leben können, welche Vorstellungen sie von ihrer Schriftsteller-Karriere hatten und jetzt haben; aber er fragt auch nach ihren Beziehungen zur Welt außerhalb des Genre-Ghettos, nach gescheiterten Ehen, nach Haustieren, musikalischen Vorlieben und ihrem Drogenkonsum. Und obwohl es auch für ihn selbst manchmal so wirkt, als würde er gleich rausgeworfen, bekommt er dann doch Antworten auf all diese Fragen.

Der Großteil dieses ersten WELTENSCHÖPFER-Bandes ist, in der (teilweise recht freien) Übersetzung von Ronald M. Hahn, 1982 unter dem Titel GESTALTER DER ZUKUNFT auf Deutsch erschienen – trotzdem liegt hier ein völlig neues Buch vor. Es ist nicht nur so, dass die Beiträge von einer ganzen Reihe hervorragender Übersetzer neu übertragen wurden, sondern Charles Platt hat sie auch im letzten Jahr nochmals überarbeitet und zu den meisten von ihnen ein neues Nachwort (hier „Historischer Kontext“ genannt) geschrieben, in dem er sich zurückerinnert und die verstrichenen vierzig Jahre Revue passieren lässt.

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Charles Platt
DIE WELTENSCHÖPFER.
Kommentierte Gespräche mit Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren. Band 1.
Übersetzt von Frank Böhmert, Andreas Fliedner, Horst Illmer, Bernhard Kempen, Matita Leng, Jasper Nicolaisen, Michael Plogmann, Erik Simon & Simon Weinert
(DREAM MAKERS Vol. 1 / 1980)
Berlin, Memoranda, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-948616-60-1
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„Ich wollte etwas über Science-Fiction-Autoren wissen.“ (S.9)
So wie Charles Platt ergeht es vielen Leserinnen und Lesern, doch die wenigsten von

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Adventskalender 2021 T-15 "Die Hüterin der Drachen"

von am 9. Dezember 2021 Kommentare deaktiviert für Adventskalender 2021 T-15 "Die Hüterin der Drachen"

Curatoria Draconis (Text) & Tomislav Tomić
DIE HÜTERIN DER DRACHEN.
Auf der Suche nach dem letzten Himmelsdrachen.
Übersetzt von Ute Löwenberg
(DRAGON ARK / 2020)
München London New York, Prestel, 2021, 75 Seiten
ISBN 978-3-7913-7483-3 / 26,00 Euro
Überformatiges Hardcover

So müssen Bücher über Drachen aussehen: Riesenformat und jede Menge Gold!

Der Prestel Verlag hat mit DIE HÜTERIN DER DRACHEN kurz vor Weihnachten ein absolut begeisterndes Buch für Alle vorgelegt. Der Text stammt von Emma Roberts, die unter dem Pseudonym Curatoria Draconis auch gleichzeitig die „Hüterin der Drachen“ und Chefin der „Drachen-Arche“ ist, die Bilder schuf Tomislav Tomic, das englische Original erschien 2020 unter dem Titel DRAGON ARK.

Es geht in diesem illustrierten „Sachbuch“, das den Untertitel „Auf der Suche nach dem letzten Himmelsdrachen“ trägt, darum, dass der Lebensraum für Drachen auf unserer Welt immer weiter schrumpft. Die Mission der Drachen-Arche ist also die Rettung der letzten Drachen. Dazu bereisen die Crew-Mitglieder der Arche mit ihrem Schiff die Weltmeere und suchen auf allen Kontinenten nach den letzten Exemplaren der diversen Drachen-Unterarten. Was ihnen noch fehlt ist der Himmelsdrache Tian Long, der seit Jahrhunderten nicht mehr gesichtet wurde, aber Curatoria Draconis hofft, in den unzugänglichen Urwäldern des Jangtse-Flusses doch noch fündig zu werden. Das Ergebnis zeigt die letzte Doppelseite im Format 37 mal 55 Zentimeter.

DIE HÜTERIN DER DRACHEN ist ein Bilderbuch für Drachenliebhaber, das im Stil eines populärwissenschaftlichen Biologie-Lehrbuchs eine Reihe mythischer Wesen aus den Nebeln des Vergessens in Bewusstsein zurückholt.

Es wird hiermit offiziell eine erstgemeinte „Weihnachtsgeschenk-Empfehlung“!

Horst Illmer

Curatoria Draconis (Text) & Tomislav Tomić
DIE HÜTERIN DER DRACHEN.
Auf der Suche nach dem letzten Himmelsdrachen.
Übersetzt von Ute Löwenberg
(DRAGON ARK / 2020)
München London New York, Prestel, 2021, 75 Seiten
ISBN 978-3-7913-7483-3 / 26,00 Euro
Überformatiges Hardcover
So müssen Bücher über Drachen aussehen: Riesenformat und jede Menge Gold!
Der Prestel Verlag hat mit DIE HÜTERIN DER DRACHEN kurz vor Weihnachten ein absolut begeisterndes Buch für Alle

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Adventskalender 2021 T-20 "Das Weihnachts-Dingsbums"

von am 4. Dezember 2021 1 Kommentar

F. Paul Wilson
DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS.
Illustrationen von Alan M. Clark
Übersetzt von Joachim Körber
(The Christmas Thingy / 2000)
o. O. (Altefähr), Wandler Verlag, 2020, 31 Seiten
ISBN 978-3-948825-01-0 / 16,00 Euro
Reihe Murmelnest 01
Großformatiger Pappband mit Fadenheftung

Einen tollen Start legte der im letzten Jahr neugegründete Wandler Verlag hin:
Als erstes Buch ist dort DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS von F. Paul Wilson erschienen, ein großformatiges Kinderbuch, das natürlich auch sehr von den stimmungsvollen Illustrationen Alan M. Clarks geprägt ist. Leider gab es dann ein kleines logistisches Problem. Deshalb gibt es die Rezi erst in diesem Jahr, da ihr das Buch jetzt auch im Laden erwerben könnt…

Geschildert werden darin die Erlebnisse von Jessica Atkins, deren Eltern aus beruflichen Gründen von Amerika nach England gezogen sind. Jessica, die wegen einer Behinderung nach der Schule überwiegend alleine zuhause ist, wünscht sich ein „freundliches“ Monster als Spielgefährten. Dass die Erfüllung eines solchen Wunsches durchaus zweischneidig ausfallen kann, wie die brave Haushälterin Mrs. Murgatroyd warnt, zeigt sich in den folgenden Wochen, nachdem es sich „das Dingsbums“ unter Jessicas Bett heimisch macht.

Die Abenteuer finden ihren Höhepunkt dann am Weihnachtsabend – denn da entscheidet es sich, ob das „Dingsbums“ wirklich zu einem echten Freund geworden ist, oder ob es seiner ursprünglichen Monster-Bestimmung folgen muss …

Eine großartige Weihnachtsgeschichte für jung und alt, die sich auch hervorragend zum Vorlesen eignet!

Horst Illmer

F. Paul Wilson
DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS.
Illustrationen von Alan M. Clark
Übersetzt von Joachim Körber
(The Christmas Thingy / 2000)
o. O. (Altefähr), Wandler Verlag, 2020, 31 Seiten
ISBN 978-3-948825-01-0 / 16,00 Euro
Reihe Murmelnest 01
Großformatiger Pappband mit Fadenheftung

Einen tollen Start legte der im letzten Jahr neugegründete Wandler Verlag hin:
Als erstes Buch ist dort DAS WEIHNACHTS-DINGSBUMS von F. Paul Wilson erschienen, ein großformatiges Kinderbuch, das natürlich auch sehr

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Adventskalender 2021 T-23 "Das Ministerium für Zukunft"

von am 1. Dezember 2021 1 Kommentar

Kim Stanley Robinson
DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Paul Bär
(THE MINISTRY FOR THE FUTURE / 2020)
München, Heyne, 2021, 717 S.
ISBN 978-3-453-32170-0 / 17,00 Euro

Auf dieses Buch hat die Welt gewartet. Und wenn nicht die Welt, so jedenfalls meine Wenigkeit, denn ich bin es leid, immer und immer wieder zu lesen (und zu hören), was alles nicht geht. Aber auf den guten alten Kim Stanley Robinson kann man sich halt verlassen! Immer wenn man glaubt, es gäbe keine Utopien mehr, kommt dieser altgediente Kämpe daher und zeigt uns, was alles möglich ist!!

Sein neuester Roman trägt den unschlagbaren Titel DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT und er beginnt mit einer Katastrophensequenz, die so wie beschrieben tatsächlich Morgen oder nächste Woche passieren könnte. Was sie von andren Katastrophen unterscheidet (jedenfalls bei Robinson) ist, dass jemand daraus Konsequenzen zieht. „Jemand“ sind hier viele, teilweise sehr unterschiedliche, Individuen und Gruppen und auch die „Konsequenzen“ reichen von verstärkter politischer Arbeit bis hin zu brutalstem Ökoterrorismus und staatlichen Kurzschlussreaktionen.

Allerdings entwickelt sich in DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT daraus keine Apokalypse, sondern all diese Reaktionen führen zur Akkumulation von etwas Positivem, zu einem Umdenken bei so vielen Menschen, dass erstmals seit vielen Jahrzehnten ein Lichtstreif am Horizont auftaucht und eine klimaneutralere, gerechtere Welt vorstellbar wird. Robinson bietet keine fertigen Lösungen an, aber er zeigt Wege und Möglichkeiten, und genau wie seine Protagonisten Mary und Frank müssen wir uns schon selbst entscheiden, welchen Weg wir gehen, welche Möglichkeit wir ergreifen wollen.

Barack Obama hat jedenfalls Recht mit seinem auf dem Cover zitierten Ausspruch: „EINES DER WICHTIGSTEN BÜCHER DES JAHRES!“

Horst Illmer

Kim Stanley Robinson
DAS MINISTERIUM FÜR DIE ZUKUNFT. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Paul Bär
(THE MINISTRY FOR THE FUTURE / 2020)
München, Heyne, 2021, 717 S.
ISBN 978-3-453-32170-0 / 17,00 Euro

Auf dieses Buch hat die Welt gewartet. Und wenn nicht die Welt, so jedenfalls meine Wenigkeit, denn ich bin es leid, immer und immer wieder zu lesen (und zu hören), was alles nicht geht.

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Diagnose F: Science-Fiction trifft Psyche

von am 17. November 2021 1 Kommentar

Michael Tinnefeld & Uli Bendick (Hrsg.)
DIAGNOSE F. SCIENCE-FICTION TRIFFT PSYCHE.
Winnert, p.machinery, 2021, 350 Seiten
ISBN 978-3-95765-230-0 / 27,90 Euro (kartonierte Ausgabe)
ISBN 978-3-95765-231-7 / 44,90 Euro (Hardcover)

Alle paar Jahre nur hält man so ein Buch in der Hand, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, und doch kann man darin blättern, lesen und (in dem vorliegenden Fall ganz besonders wichtig) schauen. In diesem Fall also die Anthologie DIAGNOSE F – SCIENCE-FICTION TRIFFT PSYCHE, herausgegeben von Michael Tinnefeld und Uli Bendick.
Und „das Besondere“ gibt es hier gar nicht, so viele „Besonderheiten“ sind vorzustellen:
Zuerst fällt das äußere Erscheinungsbild auf. „Quadratisch, praktisch, gut“ (sorry, der K(a)lauer musste sein) kommt einem in den Sinn, wenn man die 350 Seiten im Format 22 mal 22 Zentimeter das erste Mal „hochliftet“. Dann entdeckt man, beim ersten durch-die-Finger-laufen-lassen, die Bilderfülle, ja fast schon -flut! Gemeinsam mit Mario Franke hat Uli Bendick zu jeder Geschichte eine Illustration produziert – und weil’s so viel Spaß gemacht hat, gleich noch ein umlaufendes Cover und einige Bonus-Bilder als Anhang mitgeliefert.
Natürlich „flasht“ auch das Thema, das der Untertitel „Science-Fiction trifft Psyche“ nur andeutet. Tatsächlich behandeln alle 35 in DIAGNOSE F enthaltenen Science-Fiction-Geschichten psychische Störungen – und der Psychologe und Psychotherapeut Tinnefeld erklärt im jeweiligen „Diagnostischen Kommentar“ um welche Störung es dabei geht und welche „F-Diagnose“ nach ICD gestellt werden kann.
Es gehörte also durchaus Mumm dazu, der Ausschreibung für eine solche Themen-Anthologie zu folgen und einen Text einzureichen! Umso schöner, dass die Herausgeber sogar auswählen konnten (bzw. mussten). Die durchweg lesenswerten Beiträge stammen von 32 mehr oder weniger bekannten Autorinnen und Autoren wie Markus K. Korb, Rainer Schorm, Friedhelm Schneidewind, Aiki Mira und Hans Jürgen Kugler, sowie von der mit gleich drei Stories vertretenen Monika Niehaus.
Dass auch der Verlag hinter diesem Projekt steht zeigt sich u. a. daran, dass es von diesem Buch gleichzeitig zwei Ausgaben gibt: Eine fadengeheftete Hardcover-Edition mit Lesebändchen und eine minimal kleinere Softcover-Variante zum deutlich günstigeren Preis.
Auch wenn ich jetzt nicht genau weiß, welche F-Diagnosen-Nummer für das Sammeln außergewöhnlicher Bücher zuständig ist: Anthologien wie DIAGNOSE F dürfte es ruhig öfter geben.

Horst Illmer
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Diagnose F
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Michael Tinnefeld & Uli Bendick (Hrsg.)
DIAGNOSE F. SCIENCE-FICTION TRIFFT PSYCHE.
Winnert, p.machinery, 2021, 350 Seiten
ISBN 978-3-95765-230-0 / 27,90 Euro (kartonierte Ausgabe)
ISBN 978-3-95765-231-7 / 44,90 Euro (Hardcover)

Alle paar Jahre nur hält man so ein Buch in der Hand, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, und doch kann man darin blättern, lesen und (in dem vorliegenden Fall ganz besonders wichtig) schauen.

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Die Geschichte der Science Fiction

von am 8. November 2021 7 Kommentare

Xavier Dollo (Text) & Djibril Morissette-Phan (Zeichnungen & Farbe)
DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION.
Übersetzt von Harald Sachse
(HISTOIRE DE LA SCIENCE-FICTION / 2020)
Bielefeld, Splitter, 2021, 216 Seiten
ISBN 978-3-96219-103-0 / 29,80 Euro
Hardcover

Nicht „eine“, sondern DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION will uns der französische Buchliebhaber und Autor Xavier Dollo erzählen – illustriert durch die Zeichnungen des Franko-Kanadiers Djibril Morissette-Phan. Denn DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION, die im Herbst 2021 von Harald Sachse übersetzt bei Splitter auf Deutsch erschien, ist ein Sach-Comic!

Wie der französische Bestsellerautor Pierre Bordage in seinem Vorwort schreibt, erfordert es „eine gehörige Portion Mut oder Leichtsinn“, solch eine Literaturgeschichte anzugehen. Beides scheinen Dollo und Morissette-Phan im Überfluss zu besitzen.

Sobald man die ersten Seiten hinter sich gelassen hat, verschwindet jeder Zweifel daran, ob ein 200-Seiten-Comic dieser Aufgabe gewachsen sein könne. Natürlich lassen sich Autorinnen, Werke, Filme oder Comics finden, die hier fehlen (Wo wäre das nicht der Fall?), aber weder was die historische Entwicklung unseres Lieblings-Genres, noch die wichtigsten Kunstwerke und ihre Erschaffer angeht, sind allzu auffällig Lücken erkennbar.

Dafür aber gibt es hier (wie nicht anders zu erwarten, wenn die Franzosen das Heft in die Hand nehmen) viele Ansicht, Eindrücke und Hinweise zu entdecken, die in den meisten angloamerikanischen Sekundärwerken zur Science Fiction marginalisiert werden oder ganz fehlen. Sicherlich ist es für uns erst einmal erstaunlich, wieviele französische Werke angeführt werden – andererseits wünsche ich mir oftmals, dass es hierzulande ein stärkeres Bewusstsein dafür gäbe, welch herausragende Geschichten deutschsprachige Erzähler und Erzählerinnen im Bereich der phantastischen Literatur über die Jahrhunderte verfasst haben.

Was die Produktion und das Erscheinungsbild angeht, muss man auch dem Splitter Verlag ein Lob aussprechen, der trotz der ungewöhnlich großen Textmenge das Handlettering beibehalten hat. Und die stabile Fadenheftung sorgt dafür, dass der Band auch bei intensiver Nutzung (Hallo Didaktiker, Aufgemerkt! Dies ist ein Sachbuch, das man im Unterricht durchaus mal verwenden könnte!!) in Form bleibt.

Insoweit: Ein gelungener Versuch!

Horst Illmer
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Die Geschichte der Science Fiction
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Xavier Dollo (Text) & Djibril Morissette-Phan (Zeichnungen & Farbe)
DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION.
Übersetzt von Harald Sachse
(HISTOIRE DE LA SCIENCE-FICTION / 2020)
Bielefeld, Splitter, 2021, 216 Seiten
ISBN 978-3-96219-103-0 / 29,80 Euro
Hardcover

Nicht „eine“, sondern DIE GESCHICHTE DER SCIENCE FICTION will uns der französische Buchliebhaber und Autor Xavier Dollo erzählen – illustriert durch die Zeichnungen des Franko-Kanadiers Djibril Morissette-Phan. Denn DIE GESCHICHTE DER

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Das Science Fiction Jahr 2021

von am 25. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Das Science Fiction Jahr 2021

Melanie Wylutzki & Hardy Kettlitz (Hrsg.)
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021.
Berlin, Hirnkost, 2021, 608 S.
ISBN 978-3-949452-12-3 / 28,00 Euro
Klappenbroschur

Es ist fast schon ein liebgewonnenes Ritual geworden – aber immer noch ist DAS SCIENCE FICTION JAHR das einzige Sekundärwerk, auf dessen Erscheinen ich mich regelmäßig schon lange im Voraus freue. Und auch die inzwischen 36. Ausgabe, DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021, herausgegeben von Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz, hat mich nicht enttäuscht.

Um jetzt nicht einfach nur das Inhaltsverzeichnis abzuschreiben, hier eine launige Kurz-Interpretation der Beiträge: Die Welt geht unter, aber wir Science-Fiction-Leser wussten das wenigstens schon vorher, wie hier gleich zu Beginn ein Dutzend Artikel im „Climate-Fiction-Feature“ beweisen. Stanislaw Lem wäre im Jahr 2021 Einhundert Jahre alt geworden, auch dieses Ereignis wird intensiv, spielerisch und philosophisch gewürdigt. Die 200 Seiten Buchbesprechungen (von unterschiedlicher Länge und Qualität) versprechen unglaublich viel Information (und entfachen jede Menge „Nachkauf-Bedarf“). Etwas kürzer dann die Abteilungen mit Comics, Filmen, TV-Serien und Games – etwas umfänglicher dafür wieder die Statistik-Sektion (Preise, Nachrufe, Bibliografie).

Meine Highlights: Christian Endres interviewt gleich elf Orwell-Neu-ÜbersetzerInnen, Bernd Flessner und Karlheinz Steinmüller schreiben über ihre Lem-Eindrücke und Simon Spiegel liest ausführlich in Dietmar Daths NIEGESCHICHTE.

Nach über 600 Seiten purem Science-Fiction-Input lautet das Fazit: Ich freue mich jetzt schon auf DAS SCIENCE FICTION JAHR 2022!

Horst Illmer
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Das Science Fiction Jahr 2021
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Melanie Wylutzki & Hardy Kettlitz (Hrsg.)
DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021.
Berlin, Hirnkost, 2021, 608 S.
ISBN 978-3-949452-12-3 / 28,00 Euro
Klappenbroschur

Es ist fast schon ein liebgewonnenes Ritual geworden – aber immer noch ist DAS SCIENCE FICTION JAHR das einzige Sekundärwerk, auf dessen Erscheinen ich mich regelmäßig schon lange im Voraus freue. Und auch die inzwischen 36. Ausgabe, DAS SCIENCE FICTION JAHR 2021,

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Das Land des Lachens

von am 18. Oktober 2021 Kommentare deaktiviert für Das Land des Lachens

Jonathan Carroll
DAS LAND DES LACHENS. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
(Originaltitel: THE LAND OF LAUGHS / 1980)
München, Heyne, 2021, 366 Seiten
ISBN 978-3-453-32104-5, 12,99 Euro
Klappenbroschur

Der 1949 in New York zur Welt gekommene Autor Jonathan Carroll lebt seit vielen Jahren in Wien, wo er nicht nur als Literaturdozent jungen Menschen das Schreiben beibrachte, sondern wo auch aufgrund günstiger Zufälle (Stanislaw Lems Sohn stellte die Verbindung zum Herausgeber und Literaturagenten Franz Rottensteiner her) seine literarische Weltkarriere durchstartete. Inzwischen gehört Carroll zu den anerkanntermaßen wichtigsten Vertretern der englischsprachigen literarischen Phantastik.

Dass er bereits mit seinem Erstlingswerk THE LAND OF LAUGHS (1980) ein vollkommenes Meisterwerk vorlegte, konnten deutschsprachige Leser lange Zeit nicht mehr nachvollziehen, da der 1986 unter dem Titel DAS LAND DES LACHENS in der Übersetzung von Rudolf Hermstein erschienene Roman vergriffen war. Umso erfreulicher ist es, dass der Heyne Verlag das Buch im Herbst 2021 in einer ansprechend aufgemachten und mit einem Nachwort von Denis Scheck versehenen Neuausgabe wieder zugänglich macht.

DAS LAND DES LACHENS erweist sich als immer noch überzeugend erzählte Literatur über die Literatur, das Schreiben, das Lesen und die Bedeutung, die Lesen, Schreiben und Literatur auf unser eigenes Leben haben können – und über die Liebe in all ihren Formen und Ausprägungen.

Am Ende kann man verstehen, warum Denis Scheck so erstaunt darüber ist, dass Carrolls DAS LAND DES LACHENS nicht den gleichen Erfolg hat wie z. B. die Bücher von J. R. R. Tolkien, Ursula K. Le Guin oder (die des Carroll-Bewunderers) Stephen King.

Immerhin ist das Buch jetzt wieder greifbar, und es liegt nur noch an uns, diesen Erfolg herbeizuführen …

Horst Illmer
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Das Land des Lachens
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Jonathan Carroll
DAS LAND DES LACHENS. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
(Originaltitel: THE LAND OF LAUGHS / 1980)
München, Heyne, 2021, 366 Seiten
ISBN 978-3-453-32104-5, 12,99 Euro
Klappenbroschur

Der 1949 in New York zur Welt gekommene Autor Jonathan Carroll lebt seit vielen Jahren in Wien, wo er nicht nur als Literaturdozent jungen Menschen das Schreiben beibrachte, sondern wo auch aufgrund günstiger Zufälle (Stanislaw Lems

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Sherlock Holmes und die Tigerin von Eschnapur

von am 20. September 2021 2 Kommentare

Christian Endres
SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR.
Illustrationen: Timo Kümmel
Stolberg, Atlantis, 2021, 240 S.
ISBN 978-3-86402-777-2 / 17,90 Euro
Hardcover

Nachdem Christian Endres in bisher zwei Büchern, die den Doyle-Helden Sherlock Holmes zum Protagonisten erkoren hatten, ausgiebig gezeigt hat, dass er dieser Figur sowohl in der kurzen Prosaform (2009 in der Story-Sammlung SHERLOCK HOLMES UND DAS UHRWERK DES TODES) als auch auf Romanlänge (SHERLOCK HOLMES UND DIE TANZENDEN DRACHEN, 2015) gerecht werden kann, darf die geneigte Leserschaft sich weitere sechs Jahre später erneut unter die Fittiche dieses äußerst talentierten Geschichtenerzählers begeben.

Seit der einzigartige Edgar Allan Poe vor fast zweihundert Jahren erstmals seinen C. Auguste Dupin als Ermittler auftreten ließ, wissen wir, dass es gerade die Kurzgeschichte ist, die sich für die Darstellung spannender Kriminalfälle und deren Lösung hervorragend eignet. Diese etwas in Vergessenheit geratene Tatsache wieder ins Bewusstsein der Leserinnen und Leser gerufen zu haben, ist nicht das kleinste Verdienst von Endres.

In seiner soeben erschienenen Kurzgeschichtensammlung SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR zieht er erneut alle Register und bittet den englischen Meisterdetektiv Holmes und seinen treuen Freund und Chronisten Dr. Watson zum Tanz.

Die Herausforderungen, denen sich das dynamische Duo stellen muss, reichen von weltbewegenden (da das Empire für die Briten ja „die Welt“ darstellt) Bedrohungen durch uraltes Geheimwissen hin zu Problemen mit exotischen Tieren, geheimnisvollen Todesfällen ohne erkennbare Ursachen und den Schwierigkeiten, die durch Langeweile oder Überarbeitung entstehen. Außerdem darf Holmes hin und wieder über seinen eigenen Schatten springen und sich mit „Klienten“ abgeben, denen er normalerweise die Tür gewiesen hätte, bzw. die ihn gar nicht zur Hilfe gerufen haben. Und dann muss er in „Unten am Fluss“, der anrührendsten Geschichte des Bandes, auch noch schweren Herzens Abschied nehmen von einem alten Weggefährten.

Das Buch enthält 15 Erzählungen, 24 Short-Short-Stories, ein Vorwort sowie einen Anhang mit kurzen Notizen des Autors zur Entstehungsgeschichte (plus einen „Hidden Track“). Für die sehr stimmige Umschlaggestaltung, die Innenausstattung und die diversen Illustrationen zeichnet Timo Kümmel verantwortlich.

Wer Holmes und Watson und Endres (oder auch nur einen davon) mag, sollte sich getrost über SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR hermachen – es bietet nicht nur Reisen in exotische Länder, fantastische Unterhaltung und schwarzhumorige Kabinettstückchen, sondern auch genügend Düsternis und Nebel um selbst Holmes-Puristen zufrieden zu stellen.

Horst Illmer
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Sherlock Holmes und die Tigerin von Eschnapur
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Christian Endres
SHERLOCK HOLMES UND DIE TIGERIN VON ESCHNAPUR.
Illustrationen: Timo Kümmel
Stolberg, Atlantis, 2021, 240 S.
ISBN 978-3-86402-777-2 / 17,90 Euro
Hardcover

Nachdem Christian Endres in bisher zwei Büchern, die den Doyle-Helden Sherlock Holmes zum Protagonisten erkoren hatten, ausgiebig gezeigt hat, dass er dieser Figur sowohl in der kurzen Prosaform (2009 in der Story-Sammlung SHERLOCK HOLMES UND DAS UHRWERK DES TODES) als auch auf

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Science-Fiction 100 Seiten

von am 13. September 2021 2 Kommentare

Sascha Mamczak
SCIENCE-FICTION. 100 SEITEN.
Illustriert.
Ditzingen, Reclam, 2021, 102 S.
ISBN 978-3-15-020574-7 / 10,00 Euro
Kartoniert

Vor diesem Buch hatte ich ein wenig Bammel.
Einerseits schätze ich den Autor Sascha Mamczak als Verfasser einiger wohldurchdachter und philosophisch gut begründeter Essays, die er in regelmäßigen Abständen auf »diezukunft.de« veröffentlicht. Andererseits schrieb er 2014 mit dem Heyne-Jubiläumsband DIE ZUKUNFT. EINE EINFÜHRUNG ein Sachbuch, das mich, ob seines Pessimismus, zutiefst verstörte. Dann wiederum ist Mamczak als Nachfolger des legendären Wolfgang Jeschke seit vielen Jahren für das SF-Programm des Heyne Verlags zuständig (und das ist, trotz einiger Schwächen, immer noch das in seiner Breite und Vielfalt beste hierzulande). Zuletzt hat er sogar mit EINE NEUE WELT ein lesenswertes Jugendsachbuch geschrieben. Und jetzt also erklärt uns Sascha Mamczak „die“ Science Fiction auf den einhundert kleinformatigen Seiten eines Reclam-Bändchens?!
Etwas wofür der Kenner und Könner Dietmar Dath in seiner NIEGESCHICHTE weit mehr als den zehnfachen Platz benötigte. (Andererseits hat Dath die SUPERHELDEN in die „100 Seiten“-Reihe von Reclam gepackt – auch ’ne Überlegung wert.)
Einhundertundzwei Seiten später (die zwei Seiten mit „Lese- und Filmtipps“ wurden aus der Zählung rausgenommen) weiß ich gar nicht mehr, wovor ich eigentlich „Bammel“ hatte. Mamczaks Text ist außergewöhnlich gut durchkonzipiert. Er enthält alles, was ein Kenner der Materie als unverzichtbar ansehen würde. Er ist sehr gut lesbar und anschaulich geschrieben (inklusiver einiger weniger Abbildungen und Schautafeln, die zur Auflockerung eingestreut sind). Er betrachtet die Science-Fiction als Medienverbund und legt das Hauptaugenmerk auf die enge Verbindung von Text und Film, die beide Kunstformen seit ihren Anfängen prägt.
In vier Schritten (Grundlagen, Entwicklung, Etablierung, Ausblick) zeigt Mamczak seinen Lesern, was es braucht, um die Science-Fiction als genuin künstlerische Darstellung unserer Gegenwart (und Zukunft) zu erkennen. Und er zeigt auch, dass für „die“ Science Fiction weder 100 noch 1000 Seiten, noch ein ganzes Leben ausreichen.
So macht Zukunft wieder Spaß!

Horst Illmer
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Science-Fiction 100 Seiten
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Sascha Mamczak
SCIENCE-FICTION. 100 SEITEN.
Illustriert.
Ditzingen, Reclam, 2021, 102 S.
ISBN 978-3-15-020574-7 / 10,00 Euro
Kartoniert

Vor diesem Buch hatte ich ein wenig Bammel.
Einerseits schätze ich den Autor Sascha Mamczak als Verfasser einiger wohldurchdachter und philosophisch gut begründeter Essays, die er in regelmäßigen Abständen auf »diezukunft.de« veröffentlicht. Andererseits schrieb er 2014 mit dem Heyne-Jubiläumsband DIE ZUKUNFT. EINE EINFÜHRUNG ein Sachbuch, das mich, ob seines

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Bookboy

von am 8. September 2021 Kommentare deaktiviert für Bookboy

Ann-Kathrin Karschnick & Stefanie Mühlsteph (Hrsg.)
BOOKBOY.
24 Stunden im Leben eines Buchauslieferers.
Illustrationen von Angelika Barth
Meitingen, Verlag Torsten Low, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-96629-013-5 14,90 Euro
Kartoniert

Völlig anders als gewohnt (und ohne die Pandemie, bzw. den Lockdown kaum vorstellbar) präsentiert sich die von Ann-Kathrin Karschnick und Stefanie Mühlsteph zusammengestellte Themenanthologie BOOKBOY – 24 STUNDEN IM LEBEN EINES BUCHAUSLIEFERERS.
Die in den letzten zwei Jahren für viele kleine Buchhandlungen überlebensnotwendig gewordene Serviceleistung der taggleichen „Direktbelieferung“ führte wohl vielerorts dazu, dass sich alltäglich unzählige Fahrradkuriere (je nach Fitnessgrad sogar die Buchhändler selbst) aufmachten und die begehrte Ware direkt zum Kunden brachten. (Und wer sein Leben nicht als Postbote fristet, weiß gar nicht, wie glücklich die Menschen dreinschauen, wenn’s „zweimal klingelt“.)
Der „Held“ dieser ungewöhnlichen Story-Sammlung jedenfalls trägt den Namen Fabius, ist „Bookboy“ der Buchhandlung Leseratte, und erlebt in den 25 Geschichten, in denen wir ihn während eines beispielhaften Tags begleiten, genauso viele Abenteuer wie er Bücher an die Frau bzw. den Mann (und was ihm sonst noch die Tür öffnet) bringt.
Neben einem Vorwort der Herausgeberinnen setzt der Verleger selbst mit gleich drei Texten den Rahmen, während die anderen Autorinnen und Autoren (mit dabei u. a. T. S. Orgel, Torsten Scheib und Katja Richter) im Stundentakt einzelne Episoden präsentieren, sodass BOOKBOY fast zu einem Episodenroman wird. Hübsches Detail am Rande: Der Umschlag und die aufwändige Buchgestaltung, inklusive zweier Porträts des Buchhändlers und von Fabius, stammen von Angelika Barth.
Ein rundum gelungenes Experiment.

Horst Illmer
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Bookboy
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Ann-Kathrin Karschnick & Stefanie Mühlsteph (Hrsg.)
BOOKBOY.
24 Stunden im Leben eines Buchauslieferers.
Illustrationen von Angelika Barth
Meitingen, Verlag Torsten Low, 2021, 360 Seiten
ISBN 978-3-96629-013-5 14,90 Euro
Kartoniert

Völlig anders als gewohnt (und ohne die Pandemie, bzw. den Lockdown kaum vorstellbar) präsentiert sich die von Ann-Kathrin Karschnick und Stefanie Mühlsteph zusammengestellte Themenanthologie BOOKBOY – 24 STUNDEN IM LEBEN EINES BUCHAUSLIEFERERS.
Die in den letzten zwei Jahren

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Billy Summers

von am 1. September 2021 1 Kommentar

Stephen King
BILLY SUMMERS. Roman.
Ü: Bernhard Kleinschmidt
(Billy Summers / 2021)
München Heyne, 2021, 720 S.
ISBN 978-453-27359-7 / 26,00 Euro

Stephen King hat inzwischen weit über fünfzig Bücher geschrieben, gute und weniger gute, spannende und sehr spannende, gruselige und phantastische – niemals jedoch langweilige.
So nimmt es auch nicht Wunder, dass BILLY SUMMERS, sein Roman über einen Auftragsmörder, trotz der eigentlich nicht zur Identifizierung geeigneten Hauptfigur, von der ersten Seite an den gewohnten Sog auf die Leser ausübt.
Billy Summers ist zwar ein Attentäter, der gegen Bezahlung Menschen tötet, zugleich aber ist er ein intelligenter, überaus belesener Kriegsveteran. Billy hat Regeln: Er tötet nur „schlechte Menschen“, die es verdient haben zu sterben. Billy versteht es, sich zu verstellen: Auf seine Umwelt wirkt er wie ein etwas unterbelichteter Leser von Unterhaltungscomics. Billy ist ausgelaugt: Er will nur noch diesen einen, letzten Auftrag erledigen. Und, wie sich herausstellt, ist Billy auch noch ein verhinderter Schriftsteller.
Denn ausgerechnet einen solchen soll er zur Tarnung spielen, während er in Red Bluff (der Südstaatenversion von Derry, Kings Lieblingskleinstadt in Maine) monatelang festsitzt und auf die Ankunft seiner „Zielperson“ wartet. Seine Auftraggeber, die Billy für etwas zurückgeblieben halten und sich wie toll über ihren Scherz freuen, haben ihm nicht nur eine passende Legende als „Dave Lockridge, angehender Bestsellerautor“ zurecht gestrickt, sondern auch ein Haus und ein Büro angemietet. Billy fragt sich zwar, wozu dieser Aufwand gut sein soll, fügt sich dann aber und beginnt, mehr aus Langeweile als aus echter Lust am Schreiben, damit, seine Geschichte aufzuschreiben.
Und dann passiert mit Billy genau das, was vermutlich auch Stephen King immer wieder passiert, wenn er das Schreibprogramm öffnet: Er ist gefangen in (s)einer Parallelwelt, die er ganz alleine gestalten kann!
King lässt Billy also einen Roman im Roman schreiben, in dem dieser versucht, Klarheit über sein bisheriges Leben und die Gründe für seine Anwesenheit in Red Bluff zu gewinnen. Wie nicht anders zu erwarten, besitzt auch dieser Meta-Text die nötige Qualität, um nicht als Fremdkörper zu wirken und die Leser bei der Stange zu halten.
Doch Stephen King ist ein alter Fuchs und hat natürlich noch ganz andere Mittel, um Billys Weg aufzuzeigen, ebenso wie sich noch vor der Hälfte des Buches zeigt, dass dieser „letzte“ Auftrag sich zu etwas ganz anderem ausweitet als gedacht …

Nach wie vor bin ich der Ansicht, dass King im Geheimen seit längerem an einer wirklichen (im Sinne von echt/unverfälscht) „Geschichte der USA im 20. & 21. Jahrhundert“ schreibt, dass also neben den jeweiligen, das Publikum zum Mitfiebern bringenden, Erzählungen der Hauptfiguren das eigentlich Wichtige die Nebenfiguren und Hintergrundbilder sind. Hier erweist sich King als der echte Großmeister, als Autor, der wie Charles Dickens oder Émile Zola (die beide, wie zufällig, auf der ersten Seite auftauchen) zukünftigen Historikern ein viel adäquateres Bild seiner Zeit vermittelt, als dies die offiziellen Geschichtsbücher tun werden.
Aber darauf kann man als Leser wirklich erst beim zweiten Durchgang achten – dafür ist BILLY SUMMERS beim ersten Mal viel zu spannend.

Horst Illmer
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Billy Summers
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Stephen King
BILLY SUMMERS. Roman.
Ü: Bernhard Kleinschmidt
(Billy Summers / 2021)
München Heyne, 2021, 720 S.
ISBN 978-453-27359-7 / 26,00 Euro

Stephen King hat inzwischen weit über fünfzig Bücher geschrieben, gute und weniger gute, spannende und sehr spannende, gruselige und phantastische – niemals jedoch langweilige.
So nimmt es auch nicht Wunder, dass BILLY SUMMERS, sein Roman über einen Auftragsmörder, trotz der eigentlich nicht zur Identifizierung

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Optimismus und Overkill

von am 30. August 2021 Kommentare deaktiviert für Optimismus und Overkill

Hans Frey
OPTIMISMUS UND OVERKILL – DEUTSCHE SCIENCE FICTION IN DER JUNGEN BUNDESREPUBLIK.
Von den Anfängen der BRD bis zu den Studentenprotesten 1945–1968.
Berlin, Memoranda, 2021, 542 S.
ISBN 978-3-948616-56-4 / 26,90 Euro
Klappenbroschur

Mit OPTIMISMUS UND OVERKILL liegt nun bereits der dritte Teil von Hans Freys „Literaturgeschichte der deutschen Science Fiction“ (S. 12) vor. Wie erwartet, setzt sich der Trend zu immer kürzeren Zeiträumen und zu mehr Umfang fort. Nach FORTSCHRITT UND FIASKO (das auf 300 Seiten die Jahre 1810 bis 1918 beleuchtet) und AUFBRUCH IN DEN ABGRUND (gute 500 Seiten für die Zeit von 1918 bis 1945) untersucht Frey in OPTIMISMUS UND OVERKILL die Nachkriegszeit in der BRD von 1945 bis 1968 und braucht dafür deutlich über 500 Seiten Platz.

Dass das Ende des Zweiten Weltkriegs eine epochale Zäsur für Deutschland und seine Literatur darstellt, ist eine Binsenweisheit. Frey legt überzeugend dar, weshalb für ihn das Jahr 1968 eine ebensolche (wenngleich naturgemäß weniger desaströse) Bruchlinie ist. Nach Wiederaufbau und Wirtschaftwunder wird die neugeschaffene Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Verlauf der Studentenunruhen und Jugendproteste der Sechzigerjahre endlich „erwachsen“.

Parallel dazu führt Frey aus, dass dies für die in der BRD erschienene Science-Fiction-Literatur gleichermaßen gilt. Maßgeblich unterstützt von den drei Westmächten entsteht ein neuer, freier Literaturbetrieb – in dem allerdings immer wieder auch noch die „alten“ Protagonisten (Autoren, Verleger, Lektoren, Kritiker und Literaturwissenschaftler) auftauchen und, manchmal nur leicht in der Wolle gefärbt, erneut mitspielen wollen.
Trotzdem weht ein frischer Wind in der phantastischen Literaturszene – und er weht vor allem aus Westen: die amerikanische Science Fiction hatte zwanzig Jahre Zeit (ihr „goldenes Zeitalter“) und drängt mit aller Macht in diesen neuen Markt. Und hierzulande wird das schmerzlich Vermisste, aus anderen Sprachen Übersetzte, wie von einem trockenen Schwamm aufgesogen. Viele Traditionslinien werden jetzt erst einmal gekappt, einige davon später wieder aufgenommen, manche sind bis heute nur noch antiquarisch erforschbar.
Aber es gibt auch viele Versuche, Eigenständiges zu produzieren.

OPTIMISMUS UND OVERKILL erzählt all dies spannend, kenntnisreich und stilsicher – ein Sachbuch wie es eigentlich nur englischsprachige Autoren schreiben können. Aber auch hier haben wir in Deutschland inzwischen dazugelernt!

Horst Illmer
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Optimismus und Overkill
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Hans Frey
OPTIMISMUS UND OVERKILL – DEUTSCHE SCIENCE FICTION IN DER JUNGEN BUNDESREPUBLIK.
Von den Anfängen der BRD bis zu den Studentenprotesten 1945–1968.
Berlin, Memoranda, 2021, 542 S.
ISBN 978-3-948616-56-4 / 26,90 Euro
Klappenbroschur

Mit OPTIMISMUS UND OVERKILL liegt nun bereits der dritte Teil von Hans Freys „Literaturgeschichte der deutschen Science Fiction“ (S. 12) vor. Wie erwartet, setzt sich der Trend zu immer kürzeren Zeiträumen

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DAVE

von am 25. August 2021 1 Kommentar

Raphaela Edelbauer
DAVE. Roman.
Stuttgart, Klett-Cotta, 2021, 431 Seiten
ISBN 978-3-608-96473-8 / 25,00 Euro

Eine Künstliche Intelligenz programmieren.
Genesis! Schöpfung!
Wer ist/sind der/die Schöpfer und wie funktioniert das mit dem Erschaffen?
Was wird das für ein Geschöpf sein?

Wer solche grundstürzenden Fragen stellt, muss sich seine Antworten womöglich selbst irgendwo im Universum zusammensuchen. Die 1990 in Wien geborene Schriftstellerin Raphaela Edelbauer zeigt in ihrem neuen Roman, dass sie sich das zutraut. Ihrer KI hat sie den Namen DAVE verliehen (auch wenn sie nach drei Komplettüberarbeitungen nicht mehr weiß, wofür die Abkürzung steht) und ihr Roman beginnt mit dem Urknall, dem Entstehen von Sonnen, Planeten, Molekülen, Bakterien – und der ersten erkenntnisfähigen Lebensform Archea Methanopyri, von der aus es nur noch »ein Wimpernschlag« war, so »eine, zwei Milliarden Jahre« bis zur finalen Apotheose: DAVE.

Der Ort an dem »DAVE« spielt bleibt im Unbestimmten, ist aber ein eigener Arbeitsplatz-Lebenserhaltungs-Versorgungs-Kosmos. Die MitarbeiterInnen (Programmierer, Servicekräfte, Sicherheitsdienst, Techniker) und Vorgesetzten haben zwar Namen, ihr Erscheinungsbild bleibt aber seltsam fluide. Die Welt in der sich Syz, der »Held der Geschichte«, in die Ärztin Khatun verliebt ist zuallererst eine Serverfarm. Das Geschehen nimmt einen schicksalhaften, unaufhaltsamen Verlauf, dessen Abfolge sich liest wie eine postmodern-kafkaeske Um- und Neuschreibung des »Frankenstein«-Mythos.

Edelbauer, die zwar schon seit zehn Jahren schriftstellerisch tätig ist, jedoch erst seit ihrer 2017 veröffentlichten Poetik ENTDECKER und dem 2019 folgenden Debüt-Roman DAS FLÜSSIGE LAND so richtig ins Rampenlicht getreten ist, wurde in den letzten drei Jahren mit Preisen geradezu überhäuft. Ihr Stil ist bildgewaltig und Reich an Metaphern, ist unterlegt mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors, eignet sich hervorragend zum Vorlesen und besitzt eine erfrischend eigene Klangfarbe.

Man spürt auf jeder Seite, in jedem Satz, die brennende Intelligenz dieser Autorin, die nicht nur Angewandte Kunst und Philosophie studiert hat, die nicht nur innerhalb kürzester Zeit jede Menge Preise abgeräumt hat und in Interviews immer auf das Primat der Naturwissenschaften hinweist. »DAVE« ist so viel mehr als nur ein spannender Wissenschafts-Thriller, auch mehr als ein Diskussionsbeitrag zu einem der spannendsten Zukunftsprojekte – wer sich mit »DAVE« ernsthaft auseinandersetzt, kommt nicht darum herum, sich selbst zu befragen: Wie hältst Du es denn, mit Dem/Deinem Schöpfer?

Horst Illmer
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DAVE
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Raphaela Edelbauer
DAVE. Roman.
Stuttgart, Klett-Cotta, 2021, 431 Seiten
ISBN 978-3-608-96473-8 / 25,00 Euro

Eine Künstliche Intelligenz programmieren.
Genesis! Schöpfung!
Wer ist/sind der/die Schöpfer und wie funktioniert das mit dem Erschaffen?
Was wird das für ein Geschöpf sein?
Wer solche grundstürzenden Fragen stellt, muss sich seine Antworten womöglich selbst irgendwo im Universum zusammensuchen. Die 1990 in Wien geborene Schriftstellerin Raphaela Edelbauer zeigt in ihrem neuen Roman, dass

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Der Wüstenplanet

von am 23. August 2021 3 Kommentare

Frank Herbert
DER WÜSTENPLANET. Roman.
Ü : Jakob Schmidt, Ill.: John Schoenherr
(DUNE / 1965)
München, Heyne, 2016, 800 S.
ISBN 978-3-453-31717-8

Seit der ersten (stark gekürzten) deutschen Übersetzung von Frank Herberts Roman DER WÜSTENPLANET durch Wulf H. Bergner im Jahr 1967 lebten die Leser hierzulande mit der Frage, was denn an diesem Werk so besonderes sei. Auch die 1978 erfolgte (und danach noch mehrmals überarbeitete) Fassung von Ronald M. Hahn wurde der Sprachgewalt Herberts nicht wirklich gerecht. Erst die seit 2016 vorliegende Übertragung durch Jakob Schmidt kann als wirklich gelungen gelten und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit für viele Jahre ihre Gültigkeit bewahren.
Bei wenigen Büchern aus dem Bereich der Science Fiction gibt es derart unterschiedliche Urteile wie bei diesem, mittlerweile über fünfzig Jahre alten Roman. Immer wieder gewinnt das Buch Umfragen nach dem besten Science-Fiction-Roman aller Zeiten und ebenso vehement bestreiten seine Kritiker jede inhaltliche wie stilistische Qualität.
Frank Herbert hat einen Abenteuer-Roman geschrieben, der auf einem Planeten namens Arrakis spielt und die Entwicklung eines jungen Mannes zum Anführer und Rebellen beschreibt. Auf dieser obersten Textschicht entwickelt sich eine Geschichte, die ebenso farbig wie spannend ist und einen faszinierend detaillierten Weltentwurf vorstellt.
Der Wüstenplanet selbst wird zum machtvoll Mitwirkenden und entfaltet sich vor dem Leser als ein ökologisches System, dessen Darstellung weit über alles hinausgeht, was die Science Fiction bis dahin kannte. Herbert gelingt es, das Zusammenspiel von Sand, Wind, Würmern, Wasser, Luft- und Bodenschichten, ja selbst der Mikroorganismen als spannenden Bestandteil der Erzählung mitzugeben. Es wird klar, dass grobe Eingriffe, wie zum Beispiel das Terraforming, nur zur Vernichtung dieses Kreislaufs führen können. Wenn man Arrakis verändern will, wenn man für die einheimischen Fremen eine leichter erträgliche Welt formen will, muss man mit ihnen und den naturgegebenen Möglichkeiten ein langsames und vorsichtiges Programm entwickeln und ausführen.
Von allen unterschwelligen Motiven, die Frank Herbert in dieses Buch gelegt hat, ist das wohl am leichtesten zu übersehende das der utopischen Gesellschaft der Fremen. Mit der Beschreibung der Lebensweise dieses Wüstenvolkes, seiner Riten und Gebräuche, seiner Stammesstruktur und Religion, seiner Kunst, die Möglichkeiten dieser unwirtlichen Welt zu nutzen und jede Verschwendung zu vermeiden, bringt der Autor viele Ideen auf den Punkt, die sich erst Jahre später in den Programmen von Umweltgruppen und Parteien artikulierten.
Das alles macht aus dem WÜSTENPLANETEN ein meisterhaftes Buch, einen Jahrhundert-Roman, den zu lesen man sich keinesfalls entgehen lassen sollte!

Horst Illmer
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Der Wüstenplanet
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Frank Herbert
DER WÜSTENPLANET. Roman.
Ü : Jakob Schmidt, Ill.: John Schoenherr
(DUNE / 1965)
München, Heyne, 2016, 800 S.
ISBN 978-3-453-31717-8

Seit der ersten (stark gekürzten) deutschen Übersetzung von Frank Herberts Roman DER WÜSTENPLANET durch Wulf H. Bergner im Jahr 1967 lebten die Leser hierzulande mit der Frage, was denn an diesem Werk so besonderes sei. Auch die 1978 erfolgte (und danach noch mehrmals überarbeitete)

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Klara und die Sonne

von am 11. August 2021 3 Kommentare

Kazuo Ishiguro
KLARA UND DIE SONNE. Roman.
Übersetzt von Barbara Schaden
(Klara and the Sun / 2021)
München, Blessing, 2021, 350 S.
ISBN 978-3-89667-693-1 / 24,00 Euro
Hardcover

Ein paar Jahre hat er sich Zeit gelassen, der Literatur-Nobelpreisträger von 2017, aber dann hat es Kazuo Ishiguro wieder gepackt und er musste seinen nächsten Science-Fiction-Roman schreiben. Herausgekommen ist dabei KLARA UND DIE SONNE, ein Roman in dem eine Androidin als „beste Freundin“ für eine Jugendliche herhalten muss und in dem sich wieder einmal die alte Frage stellt: sind Maschinen die besseren Menschen?
Ishiguro behandelt dieses Problem natürlich auf die ihm eigene Weise, die so gar nichts zu tun hat mit dem, was ein Genre-Autor daraus machen würde (bzw. schon hundertfach gemacht hat). Wer ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN (2005) gelesen hat, weiß, dass Ishiguros Kennzeichen vor allem die zurückgenommene Erzählerstimme ist, die langsam, leise und unbeirrbar mitprotokolliert.
Die Geschichte von Klara und ihrer menschlichen „Freundin“ Josie folgt dem klassischen Muster des (kybernetischen) Entwicklungsromans, von den ersten Eindrücken Klaras im Schaufenster des Geschäfts, in dem sie zum Verkauf steht, bis hin zur Erkenntnis, dass Menschen nicht immer meinen was sie sagen und letztendlich der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit.
Etwas viel philosophischer Überbau – aber es ist ja auch das Buch eines Nobelpreisträgers.

Horst Illmer
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Klara und die Sonne
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Kazuo Ishiguro
KLARA UND DIE SONNE. Roman.
Übersetzt von Barbara Schaden
(Klara and the Sun / 2021)
München, Blessing, 2021, 350 S.
ISBN 978-3-89667-693-1 / 24,00 Euro
Hardcover

Ein paar Jahre hat er sich Zeit gelassen, der Literatur-Nobelpreisträger von 2017, aber dann hat es Kazuo Ishiguro wieder gepackt und er musste seinen nächsten Science-Fiction-Roman schreiben. Herausgekommen ist dabei KLARA UND DIE SONNE, ein Roman in dem

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Feuerseelen

von am 4. August 2021 Kommentare deaktiviert für Feuerseelen

Annie Francé-Harrar
FEUERSEELEN.
Herausgegeben von Sandra Thoms
Hamburg, Plan 9, 2021, 180 Seiten,
ISBN 978-3-948700-29-4, 20 Euro
Hardcover

Ökologie als Thema in der Science Fiction? Zeitgeistgemäß in den 1980er erstmals aufgetaucht und derzeit groß in Mode – Falsch!
Bereits 1920 erschien der phantastische Roman FEUERSEELEN erstmals, in dem die 1886 geborene Münchenerin Annie Harrar (nach ihrer Heirat Annie Francé-Harrar) nicht nur eine technisch hochentwickelte Zivilisation der Zukunft beschreibt, sondern auch deren Untergang, hervorgerufen durch die ungezügelte Verschwendung von Ressourcen und die Zerstörung von Natur und Umwelt. Während bedeutend Einzelne dieses Problem erkennen und versuchen, ihre Zeitgenossen zu warnen, wollen die meisten von ihnen jedoch nicht von Luxus und Laster lassen. Sehenden Auges laufen sie in ihr Verderben …
Herausgegeben und überarbeitet von Sandra Thoms liegt FEUERSEELEN jetzt in der Reihe „Vergessene Sterne“ im Verlag Plan 9 in einer vorbildlich aufgemachten Ausgabe vor. Wie Thoms in ihrem Nachwort erläutert, wurde das Buch für heutige Leser sprachlich etwas modernisiert und dadurch seine Bedeutung und Originalität besser erkennbar.
Francé-Harrar war als Biologin ihrer Zeit weit voraus und entwickelte gemeinsam mit ihrem Ehemann Raoul Francé wegweisende Konzepte zur Kompostierung von Großstadtmüll. Als sie 1971 starb, hatte sie zudem fast fünfzig Bücher geschrieben, hunderte von Vorträgen gehalten und tausende von Artikeln veröffentlicht.
Und die deutsche Science Fiction um einen einzigartig visionären Roman bereichert.

Horst Illmer
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Feuerseelen
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Annie Francé-Harrar
FEUERSEELEN.
Herausgegeben von Sandra Thoms
Hamburg, Plan 9, 2021, 180 Seiten,
ISBN 978-3-948700-29-4, 20 Euro
Hardcover

Ökologie als Thema in der Science Fiction? Zeitgeistgemäß in den 1980er erstmals aufgetaucht und derzeit groß in Mode – Falsch!
Bereits 1920 erschien der phantastische Roman FEUERSEELEN erstmals, in dem die 1886 geborene Münchenerin Annie Harrar (nach ihrer Heirat Annie Francé-Harrar) nicht nur eine technisch hochentwickelte Zivilisation der

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